Monatsarchiv: März 2015

Was ist los mit griechischen Renten

Vor ca. einer Woche ging durch die deutschen Medien ein neuer Aufschrei zum Thema „arme Deutschen zahlen für reiche (und faule) Südländer“, diesmal ging es konkret um griechische Rentner, die angeblich reicher sein sollen als deren deutsche Gegenparts. Konkret soll die durchschnittliche griechische Rente (966 EUR) ca. 6% über der westdeutschen Durchschnittsrente (896 EUR) und sogar ganze 30% Prozent über der ostdeutschen (734 EUR) liegen. Das Problem mit solchen selektiv gewählten Zahlen ist immer, dass man nie weiß, ob da nicht gerade Äpfel mit Birnen verglichen werden. So wurden für den Vergleich offensichtlich nur deutsche gesetzliche Renten herangezogen, Beamtenpensionen dagegen, die in Deutschland bekanntlich viel üppiger sind, wurden nicht verglichen. Überhaupt ist nicht klar, ob es in Griechenland so etwas wie getrennte Altersversorgung für Staatsbedienstete gibt (weiß es jemand vielleicht?).

Und so habe ich jetzt versucht anhand der Eurostat-Daten einen mehr oder weniger objektiven Vergleich der staatlichen Altersversorgungsausgaben beider Länder herzustellen – indem ich diese Ausgaben pro Person im 60+- Alter für beide Länder berechnet habe. Die (krude) Begründung für gerade diese Zahl ist, dass die allermeisten Rentner bzw. Pensionäre (und deren Witwen, denn die Altersversorgungsausgaben nach Eurostat beihalten auch die Witwenrenten) wohl in diesem Alter sind, und umgekehrt der überwiegende Teil der Personen dieses Alters schon Rente bzw. Pension bezieht, so dass die Zahl eine gute Näherung für tatsächliche (Brutto-) Renten und Pensionen ist.

Das Ergebnis für das Jahr 2012 (für spätere Jahre hat Eurostat keine Zahlen): 15160 EUR pro Jahr in Deutschland sowie 11360 EUR in Griechenland. In Griechenland ist es also doch um ein Viertel weniger, und ehrlich gesagt würde mich alles andere sehr wundern, denn das griechische Pro-Kopf-BIP im Jahr 2012 (17500 EUR) lag bei kaum der Hälfte des Deutschen (33600 EUR) – grundsätzlich sind die Griechen also viel ärmer als die Deutschen, warum sollte es für die alten Griechen anders sein? Es fällt im Übrigen auch auf, dass die griechischen 11360 EUR pro 60+-Person sehr gut zu der oben angegebenen griechischen Durchschnittsrente passen, während die deutsche Summe vom 15160 EUR weit über sowohl der westdeutschen als auch der ostdeutschen Durchschnittsrente liegt, das bestärkt mich in der Vermutung, dass Äpfel mit Birnen verglichen werden.

Es fällt allerdings auch ein anderer Punkt auf: die Altersversorgungsausgaben pro 60+Plus-Person liegen in Deutschland bei 45% des Pro-Kopf-BIP, während die entsprechende griechische Zahl 65% ist. Der Unterschied ist wirklich groß, wenn man allerdings weiter in die Vergangenheit geht, stellt man fest, dass es sich um ein neues Phänomen handelt (siehe folgende Grafik), denn noch 2007 lag das Verhältnis sowohl in Deutschland als auch in Griechenland bei ca. 47%.

Verhältnis Rentenausgaben/BIP

Was ist passiert? Die Antworten findet man in beiden folgenden Grafiken:

Enwicklung nom. BIP pro Kopf

Entwicklung Rentenausgaben pro 60+-Person

Während das nominale BIP pro Kopf in Griechenland im Zeitraum 2007-2012 um 16% abgestürzt ist, ist es in Deutschland um 10% gestiegen. Gleichzeitig sind die Altersversorgungsausgaben pro 60+-Person in Griechenland um 17% gestiegen, in Deutschland aber nur um 5%.

Nun, dass die griechische Wirtschaft abgestürzt ist, ist allgemein bekannt, aber hat man uns nicht über einschneidende Sparmaßnahmen in Griechenland erzählt? Wie ist das zu vereinbaren mit stark steigenden Rentenausgaben.
Die Antwort ist: wie absurd das auch klingt – aber wahrscheinlich haben gerade die Sparmaßnahmen diesen Anstieg verursacht. Denn, der durch sie verursachte sprunghafte Anstieg der Arbeitslosigkeit betraf zwar mehrheitlich junge Leute, dennoch sind gewiss auch nicht wenige ältere betroffen gewesen. Und was macht man mit einem sagen wir 60-jährigen, der die Arbeit verlor und in einer Wirtschaftskrise wohl kaum eine neue finden wird. In Griechenland wie in Deutschland – man schickt ihn in eine Frührente. Und schon steigen die Rentenausgaben.

Fazit: zwar kriegen die Rentner in Griechenland ein größeres Stück vom Gesamtkuchen als in Deutschland (während sie absolut höchstwahrscheinlich doch weniger bekommen). Das aber nur weil der Gesamtkuchen so stark geschrumpft ist, kaum ein Grund zur Freude für sie.

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Euro-Einführung – warum?

Nach den letzten 5 Jahren im Allgemeinen, und dem griechischen Drama der letzten Monate im Besonderen, fragen sich bestimmt sehr viele Europäer, was ihre Regierungen eigentlich damals 1992 geritten hat, so mir nichts dir nichts sich in dieses Euro-Abenteuer zu stürzen, es habe doch alles wunderbar funktioniert.

Ganz speziell so mancher AfD-Ökonom will einem glaubhaft machen, dass das Euro-Projekt schon immer eine rein politische Veranstaltung war (und ist), und dass jeder vernünftige Ökonom von vornherein dagegen war. Warum hat man also den Euro damals 1992 einführen wollen, und ganz speziell warum waren die Deutschen dagegen, während die anderen Europäer, speziell die Franzosen, darauf mit aller Macht gedrängt haben und schließlich im Zuge der Wiedervereinigung ihren Willen bekamen (was sie vielleicht wieder bereuen)?

Wenn man die alten Artikel liest, wird das Bild der Harmonie, das durch böse Euro-Verschwörer zerstört wurde, nachhaltig erschüttert. Man lernt beispielsweise, wie in diesem sehr guten Artikel von Paul der Grauwe, dass die Ökonomenzunft im Vorfeld der Euro-Einführung keineswegs geschlossen gegen das Vorhaben war. Während die Theorie der optimalen Währungsräume gegen die Währungsunion ins Feld führten, haben die anderen auf die vielfachen Probleme der bestehenden Wechselkurssysteme verwiesen, welche die Währungsunion lösen sollte. Paul der Grauwe bezeichnet beide Lager als Mundell I und Mundell II, nach dem Nobelpreisträger und Begründer der Theorie der optimalen Währungsräume Robert Mundell, der im Laufe der Zeit wohl tatsächlich beide Ansichten mal vertreten hat.

Außer Mundel I/Mundel II gibt es allerdings noch einen weiteren Grund, warum so viele europäischen Regierungen den Euro haben wollten, während die Deutschen dagegen waren. Und zwar ging es um das wohlbekannte Trilemma des Wechselkursregimes – ein Land kann in einem internationalen Währungssystem grundsätzlich nur zwei der drei wirtschaftspolitischen Ziele Wechselkursstabilität, geldpolitische Autonomie und freie Kapitalbewegung erreichen. Schon 1979, nach nur 6 Jahren flexibler Wechselkurse im Nachgang des Bretton Woods – Zusammenbruch, haben sich die Europäer für die Wechselkursstabilität und die freie Kapitalbewegung entschieden und sich folgerichtig im sogenannten Europäisches Währungssystem organisiert, und mussten deshalb schon damals (und nicht erst heute) die geldpolitische Autonomie zum großen Teil aufgeben. Allerdings galt es nicht für die Bundesrepublik, denn diese bildete das Zentrum des EWS und konnte somit alle drei Ziele gleichzeitig erreichen, während die anderen folgen mussten. Die Bundesbank war quasi die damalige EZB, mit dem Unterschied allerdings, dass ihre Politik ausschließlich deutsche Wirtschaft im Blick hatte (was auch sonst). Von vielen wurde EWS deshalb als Deutsche Mark – Währungsgebiet bezeichnet. Die Folgen: als zum Beispiel die deutsche Wirtschaft im Zuge Wiedervereinigung boomte hat die stabilitätsorientierte Bundesbank die Zinsen erhöht, leider war aber der Rest Europas gerade in Rezession und konnte damit nichts weniger als höhere Zinsen brauchen.

Unter diesen Umständen war es wohl verständlich, dass die anderen Europäer eine Zentralbank wollten, die auch ihre Wirtschaft im Blick hätte, während die Deutschen mit dem Status quo durchaus zufrieden und es überhaupt nicht eilig hatten etwas zu verändern. Der Rest ist Geschichte.

Nun fragt sich vielleicht der eine oder der andere Leser, warum ich diese alten Geschichten überhaupt wieder aufwärme. Nun, zum einen ist es immer sinnvoll zu wissen, wie man dahin kam, wo man gerade ist. Zum anderen aber – sollte sich der Euro irgendwann wieder auflösen, und ausschließen sollte man es mittlerweile wohl kaum, werden diese alten Diskussionen wieder sehr aktuell.

Griechen und ihre Kreditoren oder wer zahlt wem wieviel

Als ich letzte Woche den heutigen Beitrag (den mittlerweile schon dritten zum Thema Griechenland in Folge) vorbereitet habe sah es aus als ob es in der griechischen Drama eine temporäre Beruhigung geben würde, tja zu kurz gedacht – wieder Aufregung.

Nichtsdestotrotz passt der Inhalt nach wie vor thematisch gut, oder vielleicht sogar besser – es geht nämlich um die Details der griechischen Staatsverschuldung, die ich am letzten Wochenende in mühevoller Kleinarbeit zusammengetragen habe, um die Lage einigermaßen zu verstehen.

Bevor wir allerdings zu den nackten Zahlen kommen, ein paar Anmerkungen zur Einführung:

Die griechische Regierung schreibt nun seit ca. einem Jahr Primärüberschüsse, folgerichtig wird das ganze Geld, dass die Regierung sich bei Kreditoren leiht, für die Zahlungen an eben diese Kreditoren verwendet, die Griechen selbst sehen von diesem Geld nichts. Für die Kreditoren handelt es sich also um eine „linke Tasche – rechte Tasche“-Übung, was sie aus der linken Tasche der griechischen Regierung leihen kommt in die rechte Tasche wieder rein (plus Primärüberschuß). Dies gilt allerdings nur, wenn man die Kreditoren als Ganzes betrachtet. Da es aber mehrere Kreditoren gibt, deren Kredite und Zinsen zu unterschiedlichen Zeiten fällig werden, gibt es, in einem gegebenen Zeitraum, unter den Kreditoren „Nettozahler“, die an die griechische Regierung mehr zahlen als empfangen und umgekehrt „Nettoempfänger“, die dementsprechend mehr bekommen als sie zahlen.

Genau das wird nun in der folgender Tabelle dargestellt, wo die größten Kreditoren(gruppen) der griechischen Regierung und deren Zahlungen bzw. Zahlungssalden für das laufende Jahr 2015 dargestellt sind, dazu noch die Verbindlichkeiten der griechischen Regierung gegenüber dem jeweiligen Kreditor (Stand 31.12.2014). Da wir uns ja schon im März befinden, sind einige Zahlungen mittlerweile geflossen, so dass sich das Bild wieder verändert haben wird.

/ EU-Regierungen EZB IWF Private Kreditoren
Verbindlichkeiten 194,7 19,8 34,0 55,5
Rückzahlungen 0,4 8,0 9,4 16,0
Auszahlungen 1,8 0 5,6 14,5
Saldo -1,4 8,0 3,8 1,5

Alle Angaben in Mrd EUR

So was lernt man nun aus diesen Zahlen? Zum einen sind die europäischen Regierungen, die derzeit so hart mit den Griechen verhandeln sowohl der größte Kreditor – ca zwei Drittel der griechischen Staatsverschuldung entfallen auf sie, als auch der einzige Nettozahler. Der größte Nettoempfänger ist dagegen die EZB, die in 2015 8 Mrd EUR empfangen soll (wobei natürlich die Trennung zwischen der EZB und den Regierungen eine eher künstliche ist).

Zum anderen aber, und das ist viel wichtiger, klafft in 2015 eine Finanzierungslücke von ca. 12 Mrd EUR eine Summe, welche die griechische Regierung unmöglich selbst erwirtschaften kann. Selbst, wenn der Primärüberschuss, wie nach früheren Plänen gewollt, bei 3,0% des BIP liegen würde, entspräche das schätzungsweise 9,0 Mrd EUR, es bliebe also immer noch ein Rest von 3 Mrd EUR. Realistischer wäre es allerdings von einem Primärüberschuss von ca. 4 Mrd EUR auszugehen, d.h. die Griechen müssen sich in diesem Jahr zusätzlich zum bereits geplanten Krediten weitere 8 Mrd EUR leihen. Diese 8 Mrd müssen spätestens im Juli/August da sein, um die Ansprüche der EZB befriedigen zu können. Aber vielleicht kommt bis dahin noch ein Schuldenschnitt und/oder der Grexit.

Wie geht es nun weiter? Nun, kurzfristig müssen die Griechen jetzt unbedingt die zugesagten 7,2 Mrd EUR bekommen, die sie dringend benötigen um die IWF-Rückzahlungen bis Ende Juni zu leisten, es handelt sich um 6,1 Mrd EUR, davon ca. 1,5 Mrd EUR in den kommenden drei Märzwochen. Mit Ach und Krach haben sie es in diesem Jahr bisher geschafft ca. 1.8 Mrd EUR aus eigener Kraft aufzutreiben, hauptsächlich über sogenannte T-Bills, jetzt allerdings stellt sich die EZB quer, so dass dieser Weg höchstwahrscheinlich versperrt ist. Lange geht es also nicht mehr gut.
Falls das überstanden wird (ein großes falls) , kommt Ende Juni die große Frage woher die ca. 8,5 Mrd Euro kommen sollen, die im Juli und August anfallen, davon ca. 8 Mrd EUR für die EZB. Es bleibt also spannend.