Monatsarchiv: Mai 2014

Über die Warenkörbe

Mein Beitrag über die Inflationszahlen von Destatis, bzw. die Möglichkeiten diese zu überprüfen, hat dank den Nachdenkseiten, eine unerwartete Popularität erfahren – die Inflationsfrage bewegt also nach wie vor die Gemüter in Deutschland, obwohl im Moment eher Deflation droht.

Im heutigen Beitrag möchte ich auf eine ganz speziellen Aspekt der Inflationsmessung eingehen, der regelmäßig in den Internetforen hitzig diskutiert wird, auf zwar auf die Zusammensetzung des Warenkorbes.

Einer der Instrumente, mit denen Destatis die veröffentlichen Inflationszahlen manipuliere, sei, laut vielen Foristen, die falsche Zusammensetzung des Warenkorbes, so dass den überdurchschnittlich schnell im Preis steigenden Gütern (wie z.B. in den letzten Jahren Lebensmittel oder Strom) ein viel zu kleiner Anteil im Warenkorb zugewiesen wird.

Wie kann man aber nun den „wahren“ Warenkorb ermitteln? Dazu gibt es grundsätzlich zwei Möglichkeiten. Die erste Möglichkeit wäre es, die Verbraucher selbst über ihre Ausgabenstruktur zu befragen. Das ist die Methode, mit der Destatis seinen Warenkorb ermittelt – im Rahmen der sogenannten Laufenden Wirtschaftsrechnungen.

Die zweite Möglichkeit, die z.B. zur Kontrolle verwendet werden kann, besteht darin, die aggregierten Umsatzzahlen für die jeweiligen Güter zu nehmen und deren Anteil an den gesamten Konsumausgaben der Privathaushalte zu ermitteln. Diese Vorgehensweise nenne ich mal die Aggregationsmethode, sie entspricht im Wesentlichen der Vorgehensweise, die ich in Die Inflationszahlen von Destatis – eine Gegenprüfung angewandt habe.

Genau das werden wir jetzt tun und zwar für Lebensmittel und Strom – Güter, die sich in den letzten Jahren überdurchschnittlich verteuert haben (besonders Strom) und die entsprechend, wenn man den DeStatis-Bashern Glauben schenkt (siehe z.B. Deutsche Wirtschaftsnachrichten) im Warenkorb viel zu niedrig ausgewiesen werden.

Laut Destatis beträgt der Anteil der Lebensmittel im aktuellen Warenkorb (Stand 2010) ca. 12% . Hierin sind zwei unterschiedliche Posten enthalten – „Nahrungsmittel und alkoholfreien Getränke“ mit ca. 10,3% sowie „Alkoholische Getränke“ (darunter Bier) mit ca. 1,7%. Für den Strom wird ein Anteil von ca. 2,6% ausgewiesen.

Jetzt berechnen wir die gleichen Anteile nach der Aggregationsmethode (auch für das Jahr 2010). Die gesamten Konsumausgaben der privaten Haushalte betrugen im Jahr 2010 laut DeStatis 1395 Mrd EUR.

Fangen wir mit Lebensmitteln an. Die Lebensmittelzeitung sagt uns, dass der Gesamtumsatz der TOP-30 des deutschen Lebensmitteleinzelhandels mit sog. Food-Produkten (entspricht den Lebensmitteln) im gleichen Jahr 162 Mrd. EUR betrug. Da der Marktanteil der TOP-30 bei ca. 98% liegt, können wir ruhig auf einen Gesamtumsatz mit Lebensmitteln in Deutschland in 2010 von ca. 165 Mrd Euro schließen. Es ergibt sich ein Anteil an den gesamten Konsumausgaben von ca. 12%.

Nun zum Strom. Der gesamte Stromverbrauch durch die Privathaushalte betrug im Jahr 2010, laut Destatis, 134268 GwH. Der Durchschnittspreis pro KwH war 18,5 Cent, es ergibt sich also ein Gesamtumsatz von ca. 25 Mrd. EUR. Der Anteil der Ausgaben für Strom an den gesamten Konsumausgaben war damit ca. 1,8%.

Während sich also bei Lebensmitteln die Zahlen sogar fast exakt decken (hätte ich nicht erwartet), liegt der Stromanteil nach der Aggregationsmethode um ca. 30% unter der Destatis-Zahl. Abweichungen dieser Größenordung sind durchaus zu erwarten und würden keinen merklichen Einfluss auf die berechnete Inflation haben.

Eine Manipulation des Warenkorbes durch Destatis kann ich nun beim besten Willen nicht feststellen. Die Foristen werden aber nicht überzeugt sein.

Rente mit 63 – die Signalwirkung

Die Verabschiedung der Rente mit 63 befindet sich mittlerweile auf der Zielgerade, es wird zwar noch um einige Details gefeilscht, aber dass sie kommen wird, steht, denke ich, außer Frage.

In meinem letzten Beitrag zu diesem Thema ging es um die (vermeintliche) Gerechtigkeit dieser Reform, heute möchte ich mich einem anderen Aspekt zuwenden, und zwar der Signalwirkung, die sie auf die Menschen haben wird, die von ihr profitieren sollen.

Nehmen wir an, Heinz Müller, Facharbeiter, alleinstehend, wird am 01.07.2014 63 Jahre alt. Er hat bis dahin genau 45 Jahre gearbeitet, und sein Gehalt entsprach in all den Jahren zufälligerweise immer dem Durchschnittsentgelt. Wir haben es also wieder, wie letztes Mal, mit einem Eckrentner zu tun. Herr Müller wird also zum 01.07.2014 genau 45 Beitragspunkte sein eigen nennen und überlegt es sich jetzt ob er aus seinem Beruf vorzeitig ausscheiden oder doch noch weitere zwei Jahre bleiben und erst mit 65 in die Rente gehen soll. Da Herr Müller nun ein (hoffentlich) rationaler Mensch ist, macht er diese Entscheidung von der Summe abhängig, die ihm diese weiteren zwei Jahre bringen würden.

Wie berechnen wir nun diese Summe? Wenn Herr Müller zwei weitere Jahre arbeitet, dann bezieht er auf der Plusseite weiterhin sein Gehalt. Außerdem erwirbt er zwei weitere Rentenpunkte, so dass seine Rente in den ihm ab 65 schätzungsweise verbliebenen 16 Lebensjahren (die Lebenserwartung eines 63 Jahre alten Mannes beträgt heute ca. 18 Jahre) entsprechend höher wird. Auf der Minusseite entgehen ihm in den zwei Jahren die Rentenzahlungen, die er ja bekommen würde, wenn er sofort in die Rente ginge.

Herr Müllers Gehalt beträgt 2905 EUR brutto (das Durchschnittsentgelt für 2014). Das entspricht einem Nettogehalt von 1818 EUR. Wenn er noch 2 Jahre arbeitet und weitere 2 Rentenpunkte erwirbt, würde seine Rente 1240 EUR brutto bzw. 1114 EUR netto betragen. Scheidet er dagegen schon zum 01. Juli aus, würde er nach den heute gültigen Regeln 1104 EUR brutto bzw. 992 EUR netto monatlich bekommen. Nach den neuen Regeln dagegen bekäme er 1188 EUR brutto bzw. 1067 EUR netto monatlich.

Daraus errechnet sich leicht: nach den alten Regeln würden weitere zwei Jahre Arbeit Herr Müller im Laufe seines Lebens zusätzliche ca. 45.000 EUR bringen, die neuen Regeln reduzieren diese Summe auf ca. 28.000 EUR.

Der Signal ist also klar, mit dem neuen Gesetz sagt die Regierung Herrn Müller, dass seine Arbeitskraft jetzt weniger gebraucht wird als zuvor, dass er mithin besser ausscheiden sollte. Ist das ein richtiger Signal, angesichts der demografischen Situation des Landes? Das bezweifle ich.

Ich sehe außerdem noch ein weiteres Problem mit der Kommunikation der Reform durch die Bundesregierung: nach meinem Eindruck suggeriert man den betroffenen Menschen mit dem Slogan der abschlagsfreien Rente, dass sie sich sozusagen kostenfrei zwei Jahre früher in die Rente verabschieden können. Dem ist aber keineswegs so: wie man oben sieht, würde unser Herr Müller auch nach neuen Regeln durch eine solche Entscheidung 28.000 EUR verlieren – nich so viel wie zuvor, aber auch kein Pappenstiel.

Ich habe bis jetzt angenommen, dass Herr Müller rational ist und das auch versteht, aber sind die echten Müllers dieser Welt, die Facharbeiter, die es möglicherweise nicht so mit Zahlen haben, auch so rational oder fallen sie möglicherweise doch auf das Versprechen der „Abschlagfreiheit“ rein?

Die Inflationszahlen von Destatis – eine Gegenprüfung

Ein Wirtschaftsjournalist oder ein (einigermaßen populärer) Wirtschaftsblogger der im Internet über etwas schreibt, das auch nur entfernt mit Preisen oder Inflation zu tun hat muss heutzutage fast zwangsläufig damit rechnen, in den Foren zu seinem Beitrag kurz darauf Kommentare zu finden, die die offiziellen Inflationszahlen vom statistischen Bundesamt (Destatis) lautstark ablehnen und stattdessen behaupten, dass die „wahre“ Inflation um ein vielfaches höher läge. Garniert wird diese Ansicht normalerwiese mit einem verschwörungstheoretischen Untergeschmack, denn das ganze geschehe ja nicht einfach so, sondern vielmehr um absichtlich das wahre Ausmaß des stattfindenden oder schon stattgefundenen inflationären Desasters zu verschleiern.

So geschehen auch mit diesem Beitrag von Alexander Dilger zum gefährlichen Thema „Preisniveaustabilität und Inflationsziel„, ich zitiere aus dem entsprechenden Kommentar (der im Vergleich zu dem, was man so normalerweise vorfindet noch sehr mild ist):

Der allgemeine Eindruck ist ja durchaus, dass die Geldentwertung deutlich größer ist als die offiziellen Inflationszahlen, und die oben genannten Effekte können dazu durchaus beitragen.

Was halten Sie davon? Wer ggf. Interesse an einer künstlich niedrig gerechneten Inflationsrate haben könnte, ist ja prinzipiell klar – jeder, der mit diesem Argument viel Geld in den Markt pumpen möchte.

Dieser Kommentar war der unmittelbare Anlass zu meinem heutigen Beitrag, das Thema wollte ich aber schon länger erörtern, denn anders als viele deutsche Foristen offensichtlich denken, lassen sich die Inflationszahlen, die Destatis veröffentlicht, durchaus gegenprüfen und zwar mit anderen Statistiken der gleichen Behörde. Es ist nämlich so, dass eine grob gefälschte Statistik sehr schwer zu verbergen ist, weil sie zwangsläufig in einen Widerspruch mit anderen Statistiken geraten würde, fälscht man diese auch, tauchen wieder die neuen Widersprüche auf usw. usf., so dass ein widerspruchsfreies und dennoch grob irreführendes statistisches Abbild der Wirklichkeit zu erstellen eine wirkliche Heidenarbeit wäre, um die die armen Mitarbeiter von Destatis wahrlich nicht zu beneiden wären.

Jetzt aber zurück zu den offiziellen Inflationszahlen, laut Destatis stieg der Verbraucherpreisindex in Deutschland zwischen 1999 und 2012 um 23%, was einer jährlichen Inflation von 1,6% entspricht. In den Foren wird dagegenhalten, dass diese Zahl absurd niedrig sei, und dass die „wahre“ Inflation sich in einem Bereich von mindestens 5% jährlich bewege.

Wir können wir nun prüfen, welche der beiden Zahlen näher an der Realität liegt? Der Ausgangspunkt für eine solche Prüfung sind die Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen, speziell die Zahlen von Destatis zum deutschen Bruttoinlandsprodukt. Zwischen 1999 und 2012 stieg der nominale Bruttoinlandsprodukt in Deutschland von 2000,2 Mrd EUR auf 2666,4 Mrd EUR oder um 33%. Sein realer Gegenpart (Bruttoinlandsprodukt in konstanten Preisen von 2005) stieg dagegen nur um 18%. Das ergibt eine Steigerung des BIP-Deflators von 12%. So ein Deflator ist auch eine Inflationszahl, analog zum Verbraucherpreisindex, diese misst allerdings, anders als der Verbraucherpreisindex, nicht nur die Preissteigerung beim privaten Konsum, sondern die Preissteigerung bei allen Waren und Dienstleistungen (also für Konsum- und Investitionszwecke), die in Deutschland produziert worden sind einschließlich der Exporte aber bereiningt um den Importanteil.

Nun haben wir aber doch eine beträchtliche Differenz zwischen dem BIP-Deflator und dem Verbraucherpreisindex. Voran liegt das nun? Für eine Antwort muss man noch tiefer in die Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen einsteigen, dann findet man nämlich heraus, dass der Deflator für private Konsumausgaben um 20% stieg. Dafür sind die Deflatoren für andere Komponenten weniger gestiegen, insbesondere für Exporte beträgt die Steigerung nur 9% (ein Grund für die deutsche Wettbewerbsfähigkeit?). So haben wir also für die Preissteigerung beim privaten Konsum einerseits die 23% die sich aus dem Verbraucherpreisindex ergeben und andererseits die 20%, die die Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen liefern. Beide Statistiken werden auf unterschiedliche Weise und vermutlich von unterschiedlichen Abteilungen erstellt, und liegen doch sehr nah beieinander, ein starker Indiz dafür, dass die Zahlen die Realität abbilden.

Nehmen wir aber spaßeshalber an, dass unsere Foristen doch recht haben, und die wahre Inflation tatsächlich bei 5% pro Jahr lag. Das ergibt zwischen 1999 und 2012 eine Gesamtpreissteigerung von 88%. So eine Zahl ist nun wesentlich schwieriger, ja eigentlich unmöglich, mit der BIP-Deflator-Zahl von 12% und der Deflator-Zahl für private Konsumausgaben von 20% zu vereinbaren. Aber vielleicht gibt es ja wirklich eine Verschwörung, und alle Preissteigerungszahlen in allen Abteilungen bei Destatis werden systematisch nach unten manipuliert, und zwar um den Faktor 3,8. Dann wäre die Steigerung von unserem BIP-Deflator nicht mehr 12% sondern 46%. Bei den oben angegebenen Zahlen zum nominalen Bruttoinlandsprodukt hätten wir dann das überraschende Ergebniss, dass Deutschland zwischen 1999 und 2012 ein ziemliches Problem mit seiner Wirtschaft hatte, denn es ergibt sich nun eine Schrumpfung des realen BIP um 9%, anstatt der von Destatis ausgewiesenen Steigerung von 18%. Davon müsste man doch was mitgekriegt haben oder? Angesichts der Tatsache, dass das Arbeitsvolumen in Deutschland laut den Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in der fraglichen Zeot mit ca 67 Mrd Stunden weitgehend konstant geblieben ist, hätten wir einen ziemlich unerklärlichen Produktivitätseinbruch.

Nun könnten jetzt die Foristen sagen, dass auch die Zahlen zum nominalen BIP gefälscht sind, so dass die Steigerung des nominalen BIP doch höher ist, als von Desastis angegeben. Pech aber auch, dass diese Zahlen auch gegenprüft werden können und zwar indem man sie mit den Einnahmen des Staates aus der Umsatzsteuer vergleicht. Laut den Bundesfinanzministerium sind diese Einnahmen zwischen 1999 und 2013 von 112 Mrd EUR auf 142 Mtd EUR oder um 27% gestiegen sind, was sich sehr gut mit den Zahlen von Destatis deckt. Müssen wir nun auf die Beamten des Bundesfinanzministeriums in unseren vermeintlichen Verschwörerkreis miteinbeziehen?

Und so geht es immer weiter und weiter, denn fängt man erst an die Zahlen zu den Steuereinnahmen anzuzweifeln, sind bald auch die Ausgaben dran, dann der Haushaltsdefizit und und und…

Der angeblich gefälschte Verbraucherpreisindex führt so unweigerlich zum Schluss, dass das gesamte staatliche Statistikmaterial über Behörden hinweg manipuliert sind mit dem Ziel…, welches war es noch einmal?

Bevor ich an solche arbeits- und abstimmungsaufwendigen Missetaten glaube, ziehe ich eine einfachere Alternative vor, nämlich, dass der Verbraucherpreisindex doch nicht gefälscht ist. Aber die Foristen wird es sicher nicht überzeugen.

Die Neo-Fisherianer

Der Wirtschaftswurm meint, die Volkswirtschaftslehre wäre zwar eine inexakte Wissenschaft in dem Sinne, dass sie keine exakten Vorhersagen über die Wirkung einer wirtschaftspolitischen Maßnahme machen kann, dass sie aber zumindest imstande ist die Richtung der Änderungen zu bestimmen.

Ich bin da weniger optimistisch, zumindest was die Makroökonomie angeht, und eine langlaufende Debatte in der englischsprachigen Blogosphere bestärkt mich darin. Konkret geht es in der Diskussion um folgende Frage: wenn eine Zentralbank meint die Inflation wäre zu hoch (für die EZB wäre es eine Inflation, die signifikant über dem Inflationsziel von 2% liegt), sollte sie ihren Leitzins erhöhen oder senken? Jeder, der den Wirtschaftsteil der Zeitung aufmerksam liest, wird sich jetzt wahrscheinlich wundern: wurde diese Frage in der VWL nicht schon vor langem endgültig geklärt, und zwar so, dass man bei einer zu hohen Inflation die Zinsen erhöht und bei einer zu niedrigen (wie z.B. jetzt in der Eurozone) die Zinsen senkt? Dachte ich auch, aber offenbar falsch gedacht, es gibt eine ganze Reihe mehr oder weniger prominenten Wirtschaftsblogger (alles professionelle Ökonomen, die sich tief mit Geldtheorie beschäftigen, wie z.B. John Cochraine oder Steve Williamson), die das genaue Gegenteil behaupten und zwar mit folgender Argumentation:

Im mittelfristigen Gleichgewicht gilt folgende vom amerikanischen Ökonomen Irving Fisher erdachte Gleichung (eigentlich eine Identität):

i = r+pi

Hierbei sind, i – der Nominalzins ist, den die Zentralbank via Leitzins steuert, r – der sogenannte natürliche Zins, den die Zentralbank nicht beeinflussen kann, und schließlich pi – die Inflation. Da r in der mittleren Frist als eine Konstante betrachtet werden kann, folgt daraus direkt, dass eine Senkung von i zu einer sinkenden Inflation führt.

Klingt plausibel, nicht wahr? Heißt es nun, dass die EZB und die anderen Zentralbanken ihren „Instrument“ genau andersherum bedienen? Davon sind die oben angesprochenen Ökonomen, die von Noah Smith als Neo-Fisherianer bezeichnet werden, überzeugt und untermauen ihre Meinung mit diversen mathematisch sehr anspruchsvollen Modellen.

Ob und wo es ein Loch in der Argumentation der Neo-Fisherianer gibt, diese Frage soll jeder Leser für sich selbst beantworten. Ein kleiner Hinweis sei jedoch erlaubt: es gab in der Geschichte schon mal eine Zentralbank, die ihren Leitzins zwischen 1914 und 1923 konstant bei 5% hielt, trotz der immer weiter steigenden Inflation. Das Ergebnis hat das deutsche Volk für die nächsten 100 Jahre nachhaltig traumatisiert.

Und nun eine (rhetorische) Frage an den Wirtschaftswurm, wenn die VWL die, für unsere Wirtschaft gerade jetzt nicht ganz unwichtige, Leitzinsfrage offensichtlich nicht definitiv beantworten kann, was gibt ihm die Sicherheit, dass es bei der, wahrscheinlich weniger wichtigen, Mindestlohnfrage anders ist?