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Die Inflationszahlen von Destatis – eine Gegenprüfung

Ein Wirtschaftsjournalist oder ein (einigermaßen populärer) Wirtschaftsblogger der im Internet über etwas schreibt, das auch nur entfernt mit Preisen oder Inflation zu tun hat muss heutzutage fast zwangsläufig damit rechnen, in den Foren zu seinem Beitrag kurz darauf Kommentare zu finden, die die offiziellen Inflationszahlen vom statistischen Bundesamt (Destatis) lautstark ablehnen und stattdessen behaupten, dass die „wahre“ Inflation um ein vielfaches höher läge. Garniert wird diese Ansicht normalerwiese mit einem verschwörungstheoretischen Untergeschmack, denn das ganze geschehe ja nicht einfach so, sondern vielmehr um absichtlich das wahre Ausmaß des stattfindenden oder schon stattgefundenen inflationären Desasters zu verschleiern.

So geschehen auch mit diesem Beitrag von Alexander Dilger zum gefährlichen Thema „Preisniveaustabilität und Inflationsziel„, ich zitiere aus dem entsprechenden Kommentar (der im Vergleich zu dem, was man so normalerweise vorfindet noch sehr mild ist):

Der allgemeine Eindruck ist ja durchaus, dass die Geldentwertung deutlich größer ist als die offiziellen Inflationszahlen, und die oben genannten Effekte können dazu durchaus beitragen.

Was halten Sie davon? Wer ggf. Interesse an einer künstlich niedrig gerechneten Inflationsrate haben könnte, ist ja prinzipiell klar – jeder, der mit diesem Argument viel Geld in den Markt pumpen möchte.

Dieser Kommentar war der unmittelbare Anlass zu meinem heutigen Beitrag, das Thema wollte ich aber schon länger erörtern, denn anders als viele deutsche Foristen offensichtlich denken, lassen sich die Inflationszahlen, die Destatis veröffentlicht, durchaus gegenprüfen und zwar mit anderen Statistiken der gleichen Behörde. Es ist nämlich so, dass eine grob gefälschte Statistik sehr schwer zu verbergen ist, weil sie zwangsläufig in einen Widerspruch mit anderen Statistiken geraten würde, fälscht man diese auch, tauchen wieder die neuen Widersprüche auf usw. usf., so dass ein widerspruchsfreies und dennoch grob irreführendes statistisches Abbild der Wirklichkeit zu erstellen eine wirkliche Heidenarbeit wäre, um die die armen Mitarbeiter von Destatis wahrlich nicht zu beneiden wären.

Jetzt aber zurück zu den offiziellen Inflationszahlen, laut Destatis stieg der Verbraucherpreisindex in Deutschland zwischen 1999 und 2012 um 23%, was einer jährlichen Inflation von 1,6% entspricht. In den Foren wird dagegenhalten, dass diese Zahl absurd niedrig sei, und dass die „wahre“ Inflation sich in einem Bereich von mindestens 5% jährlich bewege.

Wir können wir nun prüfen, welche der beiden Zahlen näher an der Realität liegt? Der Ausgangspunkt für eine solche Prüfung sind die Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen, speziell die Zahlen von Destatis zum deutschen Bruttoinlandsprodukt. Zwischen 1999 und 2012 stieg der nominale Bruttoinlandsprodukt in Deutschland von 2000,2 Mrd EUR auf 2666,4 Mrd EUR oder um 33%. Sein realer Gegenpart (Bruttoinlandsprodukt in konstanten Preisen von 2005) stieg dagegen nur um 18%. Das ergibt eine Steigerung des BIP-Deflators von 12%. So ein Deflator ist auch eine Inflationszahl, analog zum Verbraucherpreisindex, diese misst allerdings, anders als der Verbraucherpreisindex, nicht nur die Preissteigerung beim privaten Konsum, sondern die Preissteigerung bei allen Waren und Dienstleistungen (also für Konsum- und Investitionszwecke), die in Deutschland produziert worden sind einschließlich der Exporte aber bereiningt um den Importanteil.

Nun haben wir aber doch eine beträchtliche Differenz zwischen dem BIP-Deflator und dem Verbraucherpreisindex. Voran liegt das nun? Für eine Antwort muss man noch tiefer in die Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen einsteigen, dann findet man nämlich heraus, dass der Deflator für private Konsumausgaben um 20% stieg. Dafür sind die Deflatoren für andere Komponenten weniger gestiegen, insbesondere für Exporte beträgt die Steigerung nur 9% (ein Grund für die deutsche Wettbewerbsfähigkeit?). So haben wir also für die Preissteigerung beim privaten Konsum einerseits die 23% die sich aus dem Verbraucherpreisindex ergeben und andererseits die 20%, die die Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen liefern. Beide Statistiken werden auf unterschiedliche Weise und vermutlich von unterschiedlichen Abteilungen erstellt, und liegen doch sehr nah beieinander, ein starker Indiz dafür, dass die Zahlen die Realität abbilden.

Nehmen wir aber spaßeshalber an, dass unsere Foristen doch recht haben, und die wahre Inflation tatsächlich bei 5% pro Jahr lag. Das ergibt zwischen 1999 und 2012 eine Gesamtpreissteigerung von 88%. So eine Zahl ist nun wesentlich schwieriger, ja eigentlich unmöglich, mit der BIP-Deflator-Zahl von 12% und der Deflator-Zahl für private Konsumausgaben von 20% zu vereinbaren. Aber vielleicht gibt es ja wirklich eine Verschwörung, und alle Preissteigerungszahlen in allen Abteilungen bei Destatis werden systematisch nach unten manipuliert, und zwar um den Faktor 3,8. Dann wäre die Steigerung von unserem BIP-Deflator nicht mehr 12% sondern 46%. Bei den oben angegebenen Zahlen zum nominalen Bruttoinlandsprodukt hätten wir dann das überraschende Ergebniss, dass Deutschland zwischen 1999 und 2012 ein ziemliches Problem mit seiner Wirtschaft hatte, denn es ergibt sich nun eine Schrumpfung des realen BIP um 9%, anstatt der von Destatis ausgewiesenen Steigerung von 18%. Davon müsste man doch was mitgekriegt haben oder? Angesichts der Tatsache, dass das Arbeitsvolumen in Deutschland laut den Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in der fraglichen Zeot mit ca 67 Mrd Stunden weitgehend konstant geblieben ist, hätten wir einen ziemlich unerklärlichen Produktivitätseinbruch.

Nun könnten jetzt die Foristen sagen, dass auch die Zahlen zum nominalen BIP gefälscht sind, so dass die Steigerung des nominalen BIP doch höher ist, als von Desastis angegeben. Pech aber auch, dass diese Zahlen auch gegenprüft werden können und zwar indem man sie mit den Einnahmen des Staates aus der Umsatzsteuer vergleicht. Laut den Bundesfinanzministerium sind diese Einnahmen zwischen 1999 und 2013 von 112 Mrd EUR auf 142 Mtd EUR oder um 27% gestiegen sind, was sich sehr gut mit den Zahlen von Destatis deckt. Müssen wir nun auf die Beamten des Bundesfinanzministeriums in unseren vermeintlichen Verschwörerkreis miteinbeziehen?

Und so geht es immer weiter und weiter, denn fängt man erst an die Zahlen zu den Steuereinnahmen anzuzweifeln, sind bald auch die Ausgaben dran, dann der Haushaltsdefizit und und und…

Der angeblich gefälschte Verbraucherpreisindex führt so unweigerlich zum Schluss, dass das gesamte staatliche Statistikmaterial über Behörden hinweg manipuliert sind mit dem Ziel…, welches war es noch einmal?

Bevor ich an solche arbeits- und abstimmungsaufwendigen Missetaten glaube, ziehe ich eine einfachere Alternative vor, nämlich, dass der Verbraucherpreisindex doch nicht gefälscht ist. Aber die Foristen wird es sicher nicht überzeugen.

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Investitionsprogramme und Marshallpläne – mein Beitrag

Der heutige Artikel ist mein Beitrag zur Blogparade „Investitionsprogramme und Marshallpläne“.

Der Wirtschaftswurm stellt die Frage, was von den Plänen der SPD und der Linkspartei zu halten ist, die beide eine spürbare Ausweitung der öffentlichen Infrastruktur- und Bildungsinvestitionen sowohl in Deutschland als auch in Europa anstreben, finanziert vor allem durch Steuererhöhungen auf Wohlhabende. Interessanterweise argumentiert DIW-Präsident Fratzscher, der von Amts wegen eher dem Arbeitgeberlager zuzurechnen wäre, in die gleiche Richtung, worauf der Wirtschaftswurm ja auch hinweist.

Ich werde mich in meinem Beitrag ausschließlich auf die Vorschläge der SPD im Bereich Infrastruktur konzentrieren (2,7 Mrd Euro zusätzlich jährlich für die Verkehrsinfrastruktur und den Städtebau) und lasse sowohl die europäische Komponente als auch die Bildungsinvestitionen, die keine Investitionen im Sinne der VGR sind, außer Acht.

Die Frage ist also: Braucht Deutschland im Moment mehr inländische Investitionen, speziell mehr öffentliche Investitionen?

Nun aus saldenmechanischer Sicht ist die Sache eigentlich ganz einfach. Das Bruttoinlandsprodukt eines Landes setzt sich bekanntlich aus drei Komponenten zusammen – Konsum, Investitionen, und Nettoexporte. Jede Änderung der Wirtschaftspolitik eines Landes bewirkt normalerweise eine Verschiebung der Anteile dieser drei Komponenten innerhalb des Ganzen. So war es auch mit der Reformpolitik (die Auflösung des sog. Reformstau der späten Kohl-Jahre) in Deutschland, die in 1999 mit dem Sieg von Rot-Grün begann, zuerst auf einer eher verbalen dann auch auf praktischer Ebene, und ihren Höhepunkt in den Arbeitsmarkt- und Rentensystemreformen der Regierung von Gerhard Schröder fand.

Die durch die besagten Reformen ausgelösten Verschiebungen waren durchaus signifikant, wie man aus folgender Grafik sehen kann:

BIP Komponenten 1999-2012

Wie in der Grafik so schön zu sehen ist, war die Reformpolitik, wenn man sie an einem ihren Hauptziele misst, der Wiederherstellung der Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft, ausgesprochen erfolgreich – der Handelsbilanzsaldo (Nettoexporte), der 1999 noch leicht negativ war, beträgt inzwischen 7% der Wirtschaftsleistung. Allerdings hat im Leben alles seinen Preis und der Preis dieses Erfolgs war nicht nur eine Stagnation des privaten Verbrauchs, in der Grafik am Rückgang des Konsumanteils des BIP von 80% auf 76% zu sehen, sondern auch der Rückgang der Investitionsquote von 20% auf 17% – der zweitniedrigste Wert in der EU.

Anders formuliert, Deutschland spart heute 4 Prozentpuntke der Wirtschaftsleistung mehr als 1999, legt aber netto 7 Prozentpunkte mehr als 1999 im Ausland an, also bleiben 3 Prozentpunkte weniger als 1999 für die Erhaltung und den Ausbau des inländischen Kapitalstocks übrig.

Ist diese Entwicklung gut oder schlecht? Nun, das ist nicht ganz eindeutig. Sofern diese Frage von den deutschen Ökonomen überhaupt diskutiert wird, wird als Begründung für den „Rückbau“ des inländischen Kapitalstocks und den „Ausbau“ des Auslandsvermögens auf den demografischen Wandel verwiesen. Bekanntlich ist jetzt schon abzusehen, dass die Bevölkerung Deutschlands in Zukunft schrumpfen wird, in noch größerem Maße gilt es für die arbeitsfähige Bevölkerung. Unter diesen Umständen bringt eine Investition in den inländischen Kapitalstock einen viel geringeren Ertrag als die gleiche Investition im Ausland möglicherweise bringen würde.

Soweit die Theorie. In der Praxis kann man allerdings schon heute feststellen, dass der deutsche Privatinvestor, der in Deutschland hauptsächlich für Auslandinvestitionen zuständig ist, eine ausgesprochen schlechte Leistung liefert. Darüber schreibt auch der DIW in seinem Bericht auf Seite 12, ich möchte diesen Sachverhalt mit folgendem Diagramm illustrieren:

Nettovermögenseinkommen

Das Diagramm zeigt eine ziemlich unerfreuliche Tatsache – das Nettovermögenseinkommen Deutschlands, also die Einkommen der Deutschen aus den Auslandsanlagen abzüglich der Einkommen Ausländer aus den Einlagen in Deutschland, ist seit Jahren negativ, und das trotz eines positiven Nettoauslandsvermögens von zuletzt ca. 36% des BIP. Mit anderen Worten, es sieht so aus, als ob die hohen Handelsüberschüsse zu einem großen Teil verschleudert werden und das nicht erst seit dem Ausbruch der Eurokrise.

Deshalb ist es m.E. keine so schlechte Idee aus den Erfahrungen der letzten 13 Jahre die entsprechenden Schlüsse zu ziehen und die Entwicklung teilweise zurückzudrehen, d.h die die inländischen Investitionen wieder zu stärken auf Kosten der Handelsüberschüsse. Und der erste Schritt in dieser Richtung könnte es sein, die staatlichen Infrastrukturinvestitionen, über die die Regierung eine unmittelbare Kontrolle hat, auszuweiten, um den Rückgang der vergangenen Jahre von 1,95% des BIP in 1999 auf 1,63 % des BIP in 2012 wieder nachzuholen. Die von der SPD vorgeschlagenen 2,7 Mrd Euro Zusatzinvestitionen in die Infrastruktur und den Städtebau jährlich klingen nach viel, sind aber in Wirklichkeit nur 0,47% des BIP. Damit würde die staatliche Investitionsquote auf 2,1 % es BIP stiegen, zwar mehr als 1999, aber es gilt ja wie gesagt, die Unterinvestitionen der vergangenen 13 Jahre auszugleichen.

Die Pläne der SPD sind also, was ihren Zeitpunkt betrifft, durchaus positiv zu beurteilen, anders ist es, was den Zeitpunkt betrifft. Damit die Ausweitung der öffentlichen Investitionen den gewünschten Erfolg hat müssen ja, wie oben beschrieben, die neuen Investitionen auf Kosten der Exporte erfolgen und nicht in etwa stattdessen private Investitionen verdrängen. Leider sind solche Pläne bei allen deutschen Parteien immer ausgesprochen prozyklisch, d.h. die Investitionsbereitschaft des Staates ist immer dann am höchsten, wenn die Wirtschaft sowieso schon brummt. So z.B. macht es bei einer im Moment zu 75% ausgelasteten Bauindistrie eine zusätzliche öffentliche Nachfrage nicht unbedingt Sinn, anders als das z.B. vor 10 Jahren der Fall war, aber da war man ja am Sparen.

Fazit:
Die von der SPD vorgeschlagenen zusätzliche staatlichen Investitionen in die Infrastruktur machen angesichts der Entwicklung der letzten 13 Jahre durchaus Sinn, die Herausforderung wird darin bestehen, diese zeitlich und inhaltlich so zu gestalten, dass eine Rebalancierung der Wirtschaft weg von der übermäßigen Exportorientierung und hin zu mehr inländischen Investitionstätigkeit erfolgt.

Target2 und die Zahlungsbilanz

Der Blogger Soffisticated hat sich in seinem letzten Beitrag erneut dem Target2-Thema zugewandt. Soffisticated gehört, wie man seinem Beitrag entnehmen kann, der relativ kleinen Gruppe von Ökonomen, Bloggern und Journalisten, die den Target2-Salden jegliche volkwirtschaftliche Bedeutung absprechen.Die Mitglieder dieser Gruppe kennen sich üblicherweise sehr gut in den Zentralbank-Interna aus und leiten aus diesem Wissen sehr „soffisticated“ Erklärungen für ihre Thesen ab. Und wenn man sich in dieser Interna NICHT auskennt, klingen die Ausführungen mitunter sogar ziemlich überzeugend. Deshalb aber werden diese Thesen leider nicht richtig. Um zu verstehen warum dem so ist, lohnt es sich, die Zentralbanken für einen Moment ganz zu vergessen und die Target2-Salden aus einem ganz anderen Blickwinkel zu betrachten, nämlich als Bestandteil der Zahlungsbilanz. Die Definition der Zahlungsbilanz  lautet im Wikipedia wie folgt:

Die Zahlungsbilanz erfasst für einen bestimmten Zeitraum wertmäßig alle wirtschaftlichen Transaktionen zwischen Inländern und Ausländern und gibt Auskunft über die ökonomische Verflechtung einer Volkswirtschaft mit dem Ausland.

Die wirtschaftlichen Transaktionen aus der Definition sind Warenkäufe und Verkäufe,  laufende Arbeits und Kapitaleinkommen, Investitionen, Kredite, Schenkungen usw. usw.  Dementsprechend beinhaltet die Zahlungsbilanz  für ein Land mit eigener Währung folgende Teilbilanzen:

  • Handelsbilanz
  • Einkommensbilanz
  • Schenkungsbilanz
  • Kapitalbilanz  (Kapitalinverstitionen, Kredite, etc.)
  • Devisenbilanz (Veränderung der Devisenreserven)

Die Devisenbilanz spielt hierbei eine besondere Rolle, denn jeder Veränderung in den ersten drei Bilanzen steht immer eine wertmäßig entgegengesetzte Veränderung in der Devisenbilanz entgegen.  Das ist deshalb so, weil bei jeder wirtschaftlichen Transaktion ein Bezahlungsvorgang stattfindet, für welchen die Teilnehmer die Währung (Devisen) des jeweils anderen Landes brauchen.  Es folgt, dass die  gesamte Zahlungsbilanz definitionsgemäß immer ausgeglichen ist. Ein Land innerhalb der EWU kann aber Transaktionen mit anderen Ländern innerhalb der EWU tätigen, für welche es keine Devisen braucht. Für diese Transaktionen  wird also eine weitere Bilanz benötigt, die die ausgleichende Rolle  der Devisenbilanz spielen soll,  und genau diese Rolle spielt im Moment die Target2-Bilanz  (Veränderung des Target2-Saldo) . Für ein Land innerhalb der EWU besteht die ausgeglichene Zahlungsbilanz somit aus folgenden Teilbilanzen:

  • Handelsbilanz
  • Einkommensbilanz
  • Schenkungsbilanz
  • Kapitalbilanz (Kapitalinverstitionen, Kredite, etc.)
  • Devisenbilanz (Veränderung der Devisenreserven)
  • Target2-Bilanz (Veränderung des Target2-Saldo)

Die Summe der Devisenbilanz und der Target2-Bilanz gibt also, vereinfacht gesprochen, Auskunft darüber, ob ein Land durch wirtschaftliche Transaktionen mehr ausgibt als einnimmt oder umgekehrt.  Zwischen den beiden gibt es aber einen grundsätzlichen Unterschied – während die Devisenbilanz eine Landes nicht permanent negativ sein kann, denn irgendwann gehen die Devisenreserven aus, so dass das Land mit der negativen Bilanz reagieren muß, üblicherweise mit einer Währungsabwertung,  kann die Target2-Bilanz theoretisch beliebig ins negative wachsen,  wenn hier keine Grenzen gesetzt werden.  Und diese Grenzen kann in der heutigen Euro-Architektur nur die EZB setzen (und somit sind wir wieder bei Zentralbanken), indem sie den Geschäftsbanken in dem Defizitland die, für das weitere Anwachsen der negativen Target2-Salden notwendigen, Zenralbankkredite verweigert.  Das tut die EZB im Moment verständlicherweise ungerne, denn damit würde sie die betroffenen Banken in die Pleite treiben und die Stabilität des Euro-Systems gefährden.

Volksvermögen

Nachdem ich mit meinem letzten Beitrag fertig war, habe darüber nachgedacht, ob es viellecht doch eine sinnvolle Möglichkeit gäbe das Vermögen zweier Länder und damit indirekt auch deren Bürger zu vergleichen. Es stellt sich heraus, dass die Statistiker auch dafür einen Begriff haben – es handelt sich um das Volksvermögen.  Das Volksvermögen eines Landes definiert sich durch folgende Gleichung:

Volksvermögen = Vermögensgüter + Nettoauslandsvermögen

Die Vermögensgüter schließen den Kapitalstock eines Landes mit ein, aber auch solche wesentlich schwieriger zu bewertende Dinge wie Grund und Boden, Bodenschätze, Wasserreserven, Patente, Nutzungsrechte etc. etc. etc.

Man ahnt schon wahrscheinlich, dass es leicht ist das Volksvermögen zu definieren aber weit schwieriger dasselbe vernünftig zu bestimmen oder gar international zu vergleichen. Und in der Tat, Angaben beim Eurostat sind praktisch nicht existent (zumindest konnte ich keine finden), so dass meine ursprüngliche Intention einen Vergleich des  Volksvermögens pro Kopf innerhalb der EWU anzustellen sich in Luft ausgelöst hat.

Andererseits, wir haben ja schon einen Indikator für den Reichtum eines Landes – nämlich das Volkseinkommen – für einen weiteren, noch dazu weit schwieriger zu bestimmen, lohnt sich die Mühe m.E. gar nicht.

Eine weitere Möglichkeit die Volksvermögen international zu vergleichen wäre es, übrigens, die Unternehmens- und Vermögenseinkommen als Proxy zu benutzen, schließlich kann man argumentieren, dass der „wahre“ Wert eines Vermögensguts, im Gegensatz zum Marktwert, welcher oft irrationalen Schwankungen unterliegt,   sich am Einkommen aus demselben orientieren müsste.

Update: Chaosökonom hat mich in einem Kommentar auf dem Wirtschaftswurm-Blog auf diese Quelle bei der Weltbank hingewiesen. Die neuesten Zahlen sind hier für das Jahr 2005, also relativ alt. Ich habe daraus zwei Diagramme generiert:

Bruttovolksvermögen (enspricht der obigen Definition):

Nettovolksvermögen = Kapitalstock + Nettoauslandsvermögen:

Detschland befindet sich, wie man sieht, in beiden Fällen etwa im Mittelfeld. Ich persönlich bevorzuge das zweite Diagramm, weil mir die Zahlen zum „intangible wealth“ viel zu unsicher/willkürlich scheinen.

Update2:  Habe gerade bemerkt, dass Paul der Grauwe (einer von Hans-Werner-Sinns schärfsten Kritiker in der Target2-Debatte) sich in die Diskussion eingeschaltet hat.   Hier ist sein Artikel zum Thema.