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Der Euro – grundlegende Fragen

Nach dem griechischen Drama der letzten Monate ist, denke ich, jedem klar geworden, dass die der Euro, so wie er im Moment konzipiert ist, schlicht nicht funktionieren kann, jedenfalls nicht ohne immer wiederkehrende Krisen mit sehr hohen wirtschaftlichen und sozialen Kosten. Es ist schlicht keiner glücklich in dieser Union – die Südländer, weil sie in der Union seit 2010 in einer jahrelangen Depression leben müssen und keine Möglichkeit haben diese zu beenden, und die Nordländer, weil sie in ständiger Furcht (ob begründet oder nicht) leben müssen immer höhere Transfers Richtung Süden zu leisten.

Ich habe in der letzten Zeit, unter dem Eindruck der griechischen Ereignisse, viel gelesen, sowohl über die Theorie der Währungsräume im allgemeinen als auch die über die (relativ kurze) Geschichte der Europäischen Währungsunion im speziellen, und habe dabei versucht für mich folgende 5 Fragen zu beantworten:

1. Warum hat man den Euro überhaupt eingeführt?

2. Warum funktioniert der Euro heute nicht.

3. Auf welche Weise kann man den Euro funktionsfähig machen und gibt es einen Weg, der für uns Deutsche akzeptabel wäre.

4. Falls die Antwort auf 3, „ja“ lautet, wäre dieser Weg oder Wege auch für andere Euro-Mitglieder akzeptabel.

5. Wie schwierig ist es die Union aufzulösen und sollte man es überhaupt wagen?

Von den Antworten auf diese Fragen wird es letztlich abhängen ob wir den Euro in 10 Jahren noch haben werden. In diesem Blog werde ich in meinen nächsten Beiträgen versuchen einige Antworten zu geben, so wie ich sie sehe. Bis dahin empfehle ich allen Interessierten zwei Bücher, die, aus meiner Sicht, solche Antworten liefern könnten:

1. Economics of the Monetary Union von Paul der Grauwe – dieses Buch ist für mich DAS Lehrbuch für alle, die etwas über die ökonomischen Grundlagen einer Währungsunion lernen wollen.

2. Making the European Monetary Union von Harold James – das ist ein Buch über die Geschichte der monetären Integration in Europa von Bretton Woods bis zum Maastrichtvertrag. Zwar recht trocken aber auch sehr detailreich.

Grexit ohne Grexit

Vor ca. 3 Wochen habe ich in diesem Blog gefragt warum eigentlich alle Welt glaubt, dass ein Grdefault und ein Grexit synonym sind. Nun nachdem nun sowohl der Grdefault als auch der Grexit in greifbare Nähe rücken, denkt es plötzlich keiner mehr, vielmehr wird tatsächlich diskutiert, wie und ob sich die beiden trennen lassen.

Noch ist so viel unklar, und speziell so viel vom Ausgang der Volksabstimmung am 05. Juli abhängig, dass jede Diskussion zu diesem Thema reinste Spekulation ist, aber nehmen wir tatsächlich an die Griechen, überzeugt von Tsipras-Versprechungen, stimmen mit „Nein“ ab (heute sieht es von hier aus anders, aber wer weiß).

Premier Tsipras verspricht seinem Volk, dass seine Verhandlungsposition nach einem Nein-Votum gestärkt wäre, wieso, bleibt sein Geheimnis, mit allergrößten Wahrscheinlichkeit gäbe es danach einfach keine Verhandlungen mehr und ein Grdefault wäre Realität.

Was wird die griechische Regierung dann tun? Obwohl Teile des Syriza-Bewegung sich offen für den Grexit und die Wiedereinführung der Drachma aussprechen, ist diese Position in der Bevölkerung nicht mehrheitsfähig, und rein juristisch hätte ein Grexit eigentlich die Konsequenz, dass Griechenland aus der EU austreten müsste mit allen damit verbundenen Nachteilen für Bürger und Unternehmen.
Somit wäre zu vermuten, dass die griechische Regierung, sofern sie keinen politischen Selbstmord begehen wollte, diesen radikalen Schritt zu vermeiden suchen wird.

Ich denke, die griechische Regierung würde sich für die Option eines „Grexit ohne Grexit“ entscheiden (Weiterwurschteln wird in Europa nun mal schon immer radikalen Lösungen a la AfD bzw. Syriza vorgezogen), d.h. einer Währungsordnung, bei der die offizielle griechische Währung zwar Euro bleibt und Griechenland formell Mitglied der Eurozone gleichzeitig aber die Natur dieser Währungsunion für Griechenland fundamental verändert wird. Diese neue Währungsordnung wird der von Montenegro sehr ähneln – d.h. die Griechen würden den Euro als offizielle Währung nutzen, die griechische Zentralbank würde ihre Funktion als „lender of last resort“ allerdings nur noch begrenzt ausüben können und ferner dafür sorgen müssen, dass Griechenland als ganzes nicht mehr Euro ausgibt als es einnimmt, weil sie ihre TARGET2-Bilanz nicht mehr (weiter) überziehen dürfte. Dazu wird man die jetzt schon eingeführten Kapitalverkehrskontrollen auf unbestimmte Zeit etablieren müssen. Anders formuliert, dass wäre die Art Währungsunion, die Hans-Werner-Sinn in der TARGET2-Debatte für die ganze Eurozone anstrebte, ohne dies allerdings explizit zu sagen. Und wenn unser „Spitzenökonom“ den Unterschied nicht versteht, dann wird er auch wenigen anderen auffallen 🙂

Ist dieses Szenario realistisch? Viel, ja sehr viel, wird natürlich von der EZB abhängen, diese könnte eine solche Entwicklung untergraben, indem sie z.B. die griechische Zentralbank zwingt alle EZB-Kredite inkl. ELA zurückzufordern und damit ein Bankensystemkollaps in Griechenland auslöst. Aber wird sie das tun? Ich denke eher nicht, zu gewinnen wäre bei einem solchen Schritt nichts aber viel zu verlieren.

Es ist sogar nicht ausgeschlossen, das auf solches „Grexit ohne Grexit“ irgendwann, wenn Griechenland nach einem Grdefault ihre Staatsfinanzen wieder soweit konsolidiert, dass ihre Staatsanleihen bei der EZB wieder akzeptiert werden können, ein „Wiedereintritt“ erfolgt. Zyprus hat, von der deutschen Öffentlichkeit fast unbemerkt, im April die Kapitalverkehrskontrollen wieder aufgehoben

Wie man seine Nachbarn ausplündert

Der Wirtschaftswurm schießt sich in seinem letzten Beitrag auf Paul Krugman ein, der „populistisches Deutschland-Bashing“ betreibe. Ferner wirft er ihm vor „grundlegende volkswirtschaftliche Begriffe“ zu verwechseln. Paul Krugman wird es wahrscheinlich nicht viel ausmachen, der ist Kummer gewohnt, und versteht außerdem kein Deutsch, nichtsdestotrotz ist es ein interessantes Thema, weshalb der heutige Beitrag ein wenig in die Tiefe geht und ein Paar Gleichungen beinhaltet (schon lange nicht mehr gehabt).

In der Tat wird die deutsche Wirtschaftspolitik in der angelsächsischen Wirtschaftsblogosphäre stark kritisiert, neben Paul Krugman ist es vor allem Simon Wren-Lewis, der sich immer wieder über die deutschen wirtschaftspolitischen Vorstellungen aufregt. Was wirft man Deutschland nun genau vor?

Das versteht man am besten, wie das so oft ist, anhand eines sehr einfachen Lehrbuchmodels, das ich direkt einem (reichlich teuren) Buch von … Paul Krugman (keine Ahnung von grundlegenden Begriffen aber trotzdem Lehrbücher darüber schreiben, ich frage mich wie Arne es im Studium ausgehalten hat) entnommen und für den Fall einer Währungsunion angepasst habe.

Das Model besteht aus zwei absolut identischen Ländern A und B, die miteinander eine Währungsunion mit einer gemeinsamen Zentralbank bilden. Ganz nach Lehrbuch gilt für das BIP im Land A (ich lasse die Staatsausgaben der Einfachheit wegen aus):

\bf Y_a = cY_a+I(r)+\beta(E)Y_b-\beta(\frac 1 E)Y_a

Dabei sind die letzten zwei Glieder der Gleichung der Export aus A nach B und der Import aus B nach A. Beide hängen positiv vom BIP des importierenden Landes und negativ vom realen Wechselkurs des exportierenden Landes E bzw. 1/E, der im Fall einer Währungsunion schlicht dem Verhältnis der Preisniveaus der beiden Länder entspricht. Das Glied I(r) sind die Investitionen, deren Größe von dem durch die gemeinsame Zentralbank festgelegten Zinssatz abhängt (je niedriger der Zinssatz desto höher die Investitionen).

Für das BIP des Landes B gilt dementsprechend:

\bf Y_b = cY_b+I(r)+\beta(\frac 1 E)Y_a - \beta(E)Y_b

Nach einigen Umformungen bekommt zwei folgende grundlegende Zusammenhänge heraus:

Für das gemeinsame BIP der Währungsunion gilt dann (wenig überraschend) folgendes:

\bf Y = Y_a + Y_b = \frac {2I(r)} {(1-c)}

Und für die Differenz der BIP’s der beiden Länder gilt:

\bf Y_a - Y_b = \frac {\beta(\frac 1 E)-\beta(E)} {1-c}Y

Was lernt man nun daraus? Nun zum einen wird in unserem Model das BIP der Währungsunion durch die Zentralbank festgelegt (wir haben ja keine Staatsausgaben und somit auch keine Fiskalpolitik), indem sie den Zinssatz setzt. Der Zinssatz bestimmt die Investitionen und die Investitionen via Multiplikator \bf  \frac 1 {(1-c)} das BIP. Wie hoch sollte der Zinssatz nun sein? Auch das ist (meines Wissens) unstrittig, moderne Zentralbanken versuchen immer den Zinssatz so zu setzen, dass die BIP-Größe dem Potential der Volkswirtschaft entspricht, oder anders formuliert, dass Vollbeschäftigung und gleichzeitig Preisstabilität erreicht wird. In einer Währungsunion hat eine Zentralbank aber das Problem, dass sie diese Ziele für alle Mitglieder erreichen will, so auch in unserem Modell.
Da Land A und Land B identisch sind, haben sie das gleiche volkswirtschaftliche Potential Y*, und damit folgt aus den obigen Gleichungen unmittelbar, dass unsere Zentralbank ihr Ziel nur dann erreichen kann, wenn der Wechselkurs E=1 ist. In diesem Fall ist das BIP in beiden Ländern gleich und die Zentralbank kann den Zinssatz so festlegen, dass es Y* entspricht. Weicht dagegen E von 1 ab, dann hat die Zentralbank zwei Alternativen.

Alternative I (Inflation):

Sie setzt r so, dass das BIP in dem Land mit dem kleineren BIP Y* entspricht. In diesem Fall liegt das BIP in dem anderen Land über Y*, so dass hier die relativen Preise steigen (Inflation) und mit der Zeit E wieder 1 erreicht.

Alternative D (Deflation):

Sie setzt r so, dass das BIP in dem Land mit dem größeren BIP Y* entspricht. In diesem Fall werden die Preise in dem anderen Land sinken (Deflation) so dass auch auf diesem Wege E irgendwann wieder 1 erreicht, das dauert aber deutlich länger wegen der nominellen Rigidität der Preise und vor allem der Löhne nach unten.

So, und nun kommt der entscheidende Punkt – wenn der reale Wechselkurs 1 ist, bedeutet es gleichzeitig, dass die Handelsbilanzen der beiden Länder ausgeglichen sind. Was aber nun, wenn ein Land, z.B. Land A unbedingt eine positive Handelsbilanz haben möchte (warum, ist nicht der Gegenstand von diesem Beitrag, aber sagen wir, weil das Land sehr stolz auf seine Exportindustrie ist)? In diesem Fall würde das Land A eine reale Abwertung betreiben, d.h. sein Preisniveau gegenüber dem Land B durch diverse wirtschaftspolitischen Maßnahmen, speziell in der Lohnpolitik absenken. Die Folge: das BIP steigt im Land A und sinkt im Land B, d.h. Land A hat sein Ziel der positiven Handelsbilanz erreicht (oder wie man es so schön sagt seine Wettbewerbsfähigkeit verbessert), seine Arbeitslosigkeit gesenkt und das alles auf Kosten des Landes B.

Solche Politik nennt man „beggar my neigbor„, auf Deutsch „meinen Nachbarn ausplündern“ und, wenig überraschend, sind die jeweils „ausgeplünderten“ Nachbarn meistens nicht gerade begeistert darüber. In unserem Modell könnte allerdings die Zentralbank die durch die Politik des Landes A entstandene Schieflage relativ schnell wieder geradebiegen, indem sie in ihrer Geldpolitik die inflationäre Alternative wählt. Dagegen kann sich das Land A aber laut wehren, indem es z.B. folgende Behauptungen aufstellt:

1. Die unausgeglichene Handelsbilanz ist kein Problem, sie ist doch durch Marktkräfte entstanden.
2. Das Land B soll an seiner Wettbewerbsfähigkeit arbeiten (was auch immer das ist) und Reformen durchführen.
3. Eine inflationäre Politik ist absolut unzulässig, weil die Zentralbank nur auf Preisstabilität zu achten hat.
4. Die Deflation ist kein Problem, dann haben die Verbraucher doch mehr Geld in der Tasche
5. XXX

Ich denke man braucht keine besondere Phantasie um einige Parallelen zwischen unserer Modell-Währungsunion und der ganz realen Europäischen Währungsunion zu erkennen (obwohl die reale Situation, wie immer, weit komplexer ist). Deutschland ist (im Moment zumindest) unser Land A und wehrt sich laut dagegen die in den letzten Jahren gewonnenen Vorteile wieder zu verlieren, zumindest in der Wahrnehmung der angelsächsischen Ökonomen.

Und die Moral der Geschicht‘ ist…

Wenn man gemeinsam mit anderen etwas tut, z.B. eine Währungsunion baut, kommt es sehr schlecht an, wenn man dabei ausschließlich eigene Ansichten und Interessen im Blick hat. Dann sollte man es vielleicht ganz lassen.

Schottland – ein Feldexperiment

So, hätte ich nicht erwartet, aber es scheint, als könnten die Schotten sich doch noch in die Unabhängigkeit entlassen. Nun ich weiß nicht, ob die Schotten (und die Rest-Briten mit ihnen) das später nicht noch sehr bedauern werden (irgendwas sagt mir, dass sie werden), aus unserer Euroland-Perspektive jedoch kann dieses Abenteuer zu einem lehrreichen Feldexperiment werden.

Ich habe ja schon mal geschrieben, dass der Euro eine in der ganzen Welt bislang einzigartige Institution ist – es gibt sonst keine anderen Währungsunionen dieser Art, die mehrere unabhängige Länder einschließen würden. Sollte jedoch Schottland unabhängig werden, würde automatisch eine zweite entstehen – die Pfundunion.

Nun die britische Regierung hat bereits ausgeschlossen, dass die Pfundunion Bestand haben wird, während die schottische Regierung weiter erzählt, dass das unabhängige Schottland den Pfund behalten kann. Was am Ende wird entscheidet sich, vorausgesetzt natürlich, dass die Volksabstimmung wirklich ein „Ja“ ergibt, was ich nach wie vor bezweifle aber auch nicht ausschließe, in zähen politischen Verhandlungen.

Wie auch immer diese Verhandlungen im Bezug auf die Pfundunion enden, in jedem Fall ergeben sich sehr nützliche Erkenntnisse für die Politiker und Ökonomen der Eurozone.

Sollte die Pfundunion gleichzeitig mit der politischen Union aufgelöst werden, werden wir sehen, ob eine solche Auflösung ohne gravierende wirtschaftliche Erschütterungen möglich ist. Es würde sozusagen eine Blaupause für die Euroauflösung entstehen, auf die dann die Eurogegner, wie die AfD, immer verweisen können. Ich bin allerdings der Meinung, dass der Schock gewaltig sein wird, in welchem Fall umgekehrt die Gegner einer Euroauflösung die Oberhand gewinnen, aber man kann ja nie wissen.

Sollte dagegen die britische Regierung sich umstimmen lassen, entsteht, wie schon gesagt, eine zweite euroähnliche Währungsunion, von der man, sollte sie vernünftig verwaltet werden, im Euroland eventuell das eine oder andere wird lernen können. Sollte diese neue Union gar erfolgreich werden, was nichts anderes heißt, als dass sie Mechanismen entwickelt, mit denen die bekannten Nachteile einer Währungsunion sich trotz fehlender politischen Union neutralisieren lassen, und das ohne die gefürchteten permanenten Transfers aus einem Teil der Währungsunion in den anderen, wird sich Europa und speziell Deutschland fragen müssen, aus welchem Grund das auch in Europa nicht möglich ist. Umgekehrt, sollte die neue Union nach einer Weile die gleichen Probleme entwickeln wie der Euro, nun, dann wissen wir, dass der Euro doch nicht funktionieren kann. In diesem Fall bleibt dann noch die Frage, wie man ihn ohne Probleme los wird – vielleicht führen die Schotten und die Rest-Briten das auch vor, siehe oben.

Fazit: eine schottische Unabhängigkeit wäre für die Schotten selbst vermutlich nicht so doll, für den Rest der Welt wäre es aber ein sehr nützliche Lehrstunde in Sachen Währungspolitik.