Monatsarchiv: Juli 2013

Die Speiseeis-Inflation – ein Nachtrag

Der Wirtschaftswurm hat einen kurzen Beitrag zum Thema veröffentlicht und dabei auch meinen Artikel erwähnt (danke :-)).
Nur um klarzustellen, ich bezweifle nicht, dass der Eiskugelpreis in den Eisdielen in den letzten 30 Jahren um mehrere hundert Prozent gestiegen ist, auch wenn mir die Zahl 684% doch zu hoch erscheint. Ich glaube man nimmt beim 2012-Preis die obere Grenze und beim 1985-Preis die untere, so dass der wirkliche Anstieg eher irgendwo im Bereich 400-500% liegt.

Aber darum ging es mir gar nicht. Ich wollte zeigen, dass die Preisänderungen bei arbeitsintensiven und wenig produktiven Dienstleistungen, und genau darum handelt es sich beim Eisdieleneis, nicht als Proxy für die Veränderungen des allgemeinen Preisniveau dienen können. Und ich denke, das ist mir, soweit die Daten das zugelassen haben, doch durchaus gelungen (aber ich bin sicherlich parteiisch :-)).

Außerdem regt es mich eben immer wieder auf, wie wenig Recherche heutzutage in den Mainstream-Medien betrieben wird. Ich meine, wenn man einen Blick in das Wägungsschema des Bundesamtes für Statistik wirft, stellt man ja fest, dass sowohl Markeneis als auch Eisdieleneis einzeln aufgeführt sind (beim Eisdieleneis allerdings zusammen mit „anderem Dessert“), das erste unter Nahrungsmittel und das zweite unter Beherbergungs- und Gaststättendienstleistungen. D.h, die Daten haben die Statistiker, nur leider leider nicht online, sonst hätte ich diese genutzt anstatt mich an „Indizien“ abzuarbeiten. Aber ein Journalist, der ein Artikel zum Thema schreibt, der kann doch mal auch eine Anfrage stellen, oder ist ein Presseausweis etwa nichts wert? Gut, so genau kenne ich mich mit der Pressearbeit nicht aus, vielleicht gibt es auch gute Gründe dafür, dass man es nicht tut.

Demnächst wollte ich übrigens in einem Artikel „modellieren“ wie Dienstleistungspreise schneller steigen als Industriepreise.

Advertisements

Die Speiseeis-Inflation

Diese Woche gab es auf Welt Online einen Beitrag über die Eis-Inflation, also die Verteuerung einer Kugel Eis in den letzten Jahrzehnten. Ganze 684% betrug laut dem Artikel die Inflation in den Eisdielen der Republik zwischen 1985 und heute, eine unvorstellbar große Zahl, insbesondere wenn man sie mit der 60%-Teuerung vergleicht, die das Bundesamt für Statistik für den gleichen Zeitraum ausweist.
Die Rechnung sieht allerdings ganz anders aus, wie ich nachfolgend zeigen werde, wenn man nicht nur das handwerklich hergestelltene Eis, das in Eisdielen und Eiscafes verkauft, sondern auch das Markeneis berücksichtigt, das in Supermarkten aber auch von Kiosken und Tankstellen angeboten wird. Immerhin beträgt der Verbrauch von Markeneis ganze 80% des Gesamtverbrauchs. Abgesehen von dem Softeis, das sich in Deutschland nicht wirklich durchgesetzt hat (3% Marktanteil in 2012), decken diese beiden Kategorien den gesamten deutschen Speiseeismarkt ab.

Es ist schwierig für einen Freizeitblogger wie mich an genaue Daten aus dem Jahr 1985 ranzukommen, es gibt jedoch glücklicherweise im Internet diesen Zeit-Artikel, aus dem hervorgeht, dass 1985 in (West-)Deutschland) insgesamt 417 Mio. Liter Speiseeis gegessen und dafür ca. 3 Mrd. DM bezahlt worden sind. Für das Jahr 2012 bedienen wir uns bei der Statistik vom Bundesverband der Deutschen Süßwarenindustrie (BDSI) – hier und hier. Daraus lernt man, dass 2012 insgesamt 506 Mio. Liter Markeneis im Wert von 2,03 Mrd Euro sowie 107 Mio. Liter handwerklich hergestelltes Eis verkauft worden sind. Wenn wir den Preis einer Kugel des handwerklich hergestellten Eis mit 1 EUR einsetzen (1 Kugel entspricht ca. 70 ml), ergibt es einen Gesamtumsatz von 3,56 Mrd Euro. Der durchschnittliche Literpreis stieg also von 7,2 DM (ca. 3,7 EUR) in 1985 auf 5,8 EUR – eine Steigerung von 57%.

Noch interessanter wird es, wenn man die Preissteigerungsraten für das Markeneis und das handwerklich hergestellte Eis getrennt betrachtet. Hier (Seite 5) habe ich gefunden, dass im Jahre 1987 der pro Kopf-Verbrauch von Markeneis 5,7 Liter betrug bei einem Gesamtverbrauch von 7,2 Liter. Nehmen wir jetzt an, dass die Anteile sich zwischen 1985 und 1987 nicht signifikant verändert haben, eine vernünftige Annahme m.E, dann betrug der Absatz vom Markeneis in 1985 329 Mio. Liter und vom handwerklich hergestellten Eis 88 Mio. Liter. Wenn wir jetzt von dem im Artikel behaupteten Preis für eine Kugel Eis von 30 Pfennig in 1985 ausgehen, dann betrug die Preissteigerung für das handwerklich hergestellte Eis zwischen 1985 und 2012 satte 566%. Für das Markeneis ergibt sich ein Preis von 8 DM (4,1 EUR) in 1985. In 2012 betrug der Literpreis Markeneis 4,0 EUR, wir stellen also eine leichte Deflation von 2% fest. Das ist schon mal ein wirklich überraschendes Ergebnis, und der Grund ist meiner Meinung nach, dass der Eiskugelpreis in 1985 doch höher als 30 Pfennig lag, anders als der Welt-Artikel behauptet. Es ist wohl doch nicht so, dass die Leute sich genau an die Preise ihrer Kindheit erinnern können und beim Stöbern im Internet bin ich dementsprechend auf ziemlich weit auseinanderliegende Angaben für die achtziger Jahre gestoßen – alles zwischen 20 und 60 Pfennig. Daher sollte sich der Autor des Artikels eigentlich an das das Bundesamt für Statistik wenden, wo solche Daten bestimmt vorhanden sind (aber leider nicht im Internet veröffentlicht werden), immerhin werden dort jeden Monat 350.000 Einzelpreise erfasst. Recherche wird allerdings in den Medien heutzutage nicht wirklich großgeschrieben, kostet nun mal Zeit und Geld und bringt nicht wirklich was. Da ist eine reißerische Schlagzeile – DIE KUGEL EIS KOSTET HEUTE 684 PROZENT MEHR ALS 1985 – wohl lieber.

Da wir aber nichts besseres haben, bleiben wir doch bei unseren Zahlen und rechnen jetzt eine „Speiseeis-Inflation“, basierend auf dem Speiseeis-Warenkorb von 2012 (506 Mio. Liter Markeneis, 107 Mio. Liter handwerklich hergestelltes Eis), aus, wie das richtige Statistiker tun. In den Preisen von 1985 kostet dieser Warenkorb ca. 2.30 Mrd EUR, während es heute (siehe oben) mit 3,56 Mrd EUR zu Buche schlägt – eine Inflation von ca. 55%.

Welchen Wert man jetzt als die „wahre“ Inflation nimmt, bleibt natürlich jedem selbst überlassen, ich persönlich schlage vor, diese Frage (wieder) den Profis vom statistischen Bundesamt zu überlassen und bei 60% zu bleiben.

Bleibt noch die spannende Frage, warum die Preise in Eisdielen um so viel schneller steigen als in der Industrie. Die genaue Antwort kann ich natürlich nicht liefern, aber einen Anhaltspunkt bietet das Balassa–Samuelson-Effekt, das, vereinfacht formuliert, besagt, dass die Preise für die Dienstleistungen (und Eisdieleneis ist vor allem eine Dienstleistung) normalerweise schneller steigen als Industriepreise. Das hat damit zu tun, dass die Dienstleistungsproduktivität im Laufe der Zeit weit weniger steigt als die Industrieproduktivität, während die Faktorkosten (Löhne, Mieten etc.) für beide Sektoren notwendigerweise gleich hoch sind. Im Speiseeis-Fall scheint die Produktivität der Eisdielen sogar spürbar gesunken zu sein – 170 Mio. Liter Produktion in 1985 nur für Westdeutschland versus 107 Mio. Liter in 2012 für Gesamtdeutschland bei vermutlich zumindest nicht fallender Beschäftigung.

Anmerkung:

In einer älteren Version dieses Artikels habe ich die Angaben zum Markeneisverbrauch in 1985 noch dieser Grafik entnommen. Genaugenommen werden dor aber Produktions- und nicht Verbrauchszahlen angegeben und Wirtschaftswurm hat mich in seinem Kommentar zurecht darauf hingewiesen, dass die Produktionszahlen in die Irre führen können, weil das Eis auch importiert und exportiert wird, wofür ich mich bedanke 🙂

Saldenmechanik und internationale Wettbewerbsfähigkeit

Vor einiger Zeit hat Wirtschaftswurm eine neue Blogparade zum Thema „Ursachen der internationalen Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands“ ausgerufen. Teilnehmen wollte ich daran nicht, weil, wie Wirtschaftswurm in seinem Einführungsartikel auch zugibt, das Konzept „Wettbewerbsfähigkeit“ auf eine Nation angewandt eigentlich gar keinen Sinn ergibt. Zuletzt habe ich jedoch realisiert, dass die Saldenmechanik auch in dieser Frage durchaus nützliche Einsichten liefert, die ich im Folgenden darlegen werde.

Wenn man in den Wirtschaftsmedien das Thema Wettbewerbsfähigkeit im Bezug auf ein Land behandelt wird, dann geschieht es grundsätzlich aus zwei unterschiedlichen Blickwinkeln.

Einerseits betrachtet man die Wettbewerbsfähigkeit der Exportindustrie eines Landes – als Gradmesser dafür dient, logischerweise, der Handelsbilanzsaldo. Steigt dieser, freut man sich und sagt, dass das Land wettbewerbsfähiger geworden ist, sinkt er, oder dreht gar ins negative, beginnen, zumindest in Deutschland, in den Medien und wenig später in der Politik laute Alarmglocken zu schrillen. Andererseits stehen alle Länder im sogenannten Standortwettbewerb miteinander (zumindest sagt man so). In diesem Wettbewerb geht es darum, welches Land für Investitionen attraktiver ist und als Gradmesser des Erfolgs bietet sich der Kapitalbilanzsaldo an. Verringert sich dieser, heißt es, dass das Land für die Investitionen attraktiver geworden ist, erhöht es sich – ist das Gegenteil der Fall (also genau umgekehrt, wie beim Handelsbilanzsaldo).

Diejenigen unter den Lesern, die sich mit der Zahlungsbilanzdefinition auskennen, wissen wahrschenlich schon, worauf ich hinauswill. Handelsbilanzsaldo und Kapitalbilanzsaldo sind nämlich zwei Seiten einer Medallie und somit muß jede Politik, die die Wettbewerbsfähigkeit der Exportindustrie stärkt den Verlust der Standort-Wettbewerbsfähigkeit bewirken und umgekehrt.

Und so war es auch in Deutschland zwischen 2000 und 2007. Die Kombination aus Lohnzurückhaltung, Euroeinführung, Altersvorsorgereformen etc. etc. hat im Endeffekt die Wettbewerbsfähigkeit der Exportindustrie massiv gestärkt und gleichzeitig die Attraktivität des Standortes Deutschland für heimische und ausländische Investitionen genauso massiv verringert, was sich in der vielfach beklagten Investitionsschwäche niederschlug. Ob diese Entwicklung eine gute war, wird die Zukunft zeigen, ich bin an der Stelle eher skeptisch.

So, ich hoffe der Artikel qualifiziert sich für die Parade, hat ja mit eigentlichen Thema der Ursachen der deutschen Wettbewerbsfähigkeit fast gar nichts zu tun, aber selbst wenn nicht – vielleicht wird der eine oder der andere Leser daraus klüger als vorher, dann hat es sich schon gelohnt 🙂

Update:

Ein Freund hat mich darauf hingewiesen, dass es wohl doch nicht so glasklar ist, wie ich angenommen habe, dass die Kapitalbilanz eines Landes der Gradmesser der Standortwettbewerbsfähigkeit ist. Daher an dieser Stelle eine Erörterung dieser These:

Der Kapitalbilanzsaldo eines Landes wird definiert als die Differenz der Investitionen der Landesbewohner im Ausland und der Investitionen der Ausländer im Inland. Wenn jetzt das Land, relativ zum Ausland, an Investitionsattraktivität gewinnt, dann fallen die ersten, weil die Landesbewohner lieber im Inland investieren und steigen die letzten, weil die Ausländer mehr im Inland investieren. Also fällt die Differenz, welche den Kapitalbilanzsaldo bildet. Verliert das Land an Attraktivität, verhält es sich genau umgekehrt – die Landesbewohner investieren mehr im Ausland und die Ausländer weniger im Inland, der Kapitalbilanzsaldo steigt. Insgesamt also ist der Kapitalbilanzsaldo umso kleiner, je attraktiver das Land für Investitionen ist, d.h je besser es sich im Standortwettbewerb behauptet.

Werden die Sparer durch die EZB enteignet?

Wer heutzutage im Google die Worte EZB und Sparer eingibt, erntet fast ausschließlich Treffer, die sich mit einem einzigen Thema beschäftigen, der angeblich gerade stattfindenden „Enteignung“ der (deutschen) Sparer durch die EZB – siehe z.B hier. Die anhaltende Niedrigzinspolitik der EZB, sagen die Autoren unisono, manipuliere die Zinsen für die Sparanlagen nach unten, und bringe so den ehrlichen Sparer um den ihm zustehenden Verdienst. Profitieren davon tun wahlweise, je nach Autor, der deutsche Staat, Banken oder die faulen Südeuropäer (oder alle zusammen).

Implizit wird also vorausgesetzt, dass es so etwas wie einen gerechten, oder besser gesagt, marktgerechten, Zins gibt, den die Sparer auf ihre Ersparnisse bekommen würden, wenn die EZB den Markt nicht manipulieren würde, was sie im Moment aktiv täte. Um den Verdacht der Manipulation aber zu bestätigen oder zu widerlegen, muss man logischerweise erst einmal objektiv feststellen, wie hoch denn dieser marktgerechte Zins eigentlich wäre. Denn es könnte ja sein, dass die heute erzielbaren negativen Realzinsen tatsächlich dem marktgerechten Zins entsprechen, und die EZB von daher unschuldig im Sinne der Anklage ist.

Und in der Tat gibt es in der modernen VWL einen Begriff, der unserem marktgerechten Zins sehr nah kommt, ich spreche von dem sogenannten natürlichen Zins. Der Begriff wurde ursprünglich vom schwedischen Ökonomen Knut Wicksell in seinem Buch „Geldzins und Güterpreis“ eingeführt. In diesem mittlerweile als klassisch geltenden Werk stellte Wicksell damals (Das Buch ist im Jahre 1898 erschienen) als erster einen Zusammenhang zwischen der Zinshöhe und dem Preisniveau her und legte damit die Grundlagen für die moderne Geldpolitik. Wicksell definiert den natürlichen Zins als „jene Rate des Darlehenszinses, bei welcher dieser sich gegenüber den Güterpreisen durchaus neutral verhält, sie weder zu erhöhen noch zu senken die Tendenz hat“. Der natürliche Zins ist also der Geldmarktzins der mit einem konstanten Preisniveau kompatibel ist. Fällt der Geldmarktzins darunter, beginnen die Preise laut Wicksell zu fallen, steigt es darüber – erhöhen sie sich.

Die moderne VWL hat das Konzept von Wicksell geerbt, definiert es aber ein wenig anders und zwar als die Höhe des Zinses, die mit Vollbeschäftigung und stabiler Inflation kompatibel ist. Die Höhe des natürlichen Zinses wird der Theorie nach durch die strukturellen Eigenschaften der Volkswirtschaft bestimmt und kann nicht durch die Geldpolitik beeinflusst werden. Über den natürlichen Zins hat die EZB also, anders als über den (kurzfristigen) Geldmarktzins, keine Macht. Wenn nun der Geldmarktzins, wie die EZB-Ankläger suggerieren, aktuell unter dem marktgerechten bzw. natürlichen Zins liegt, sollten wir jetzt im Eurogebiet einen ökonomischen Boom mit einer hohen Beschäftigung und steigenden Inflationsraten beobachten, also das genaue Gegenteil der aktuellen Situation.

Die Indizienlage spricht also dafür, die EZB von dem Vorwurf der Zinsmanipulation zu entlasten, vielmehr sieht es so aus als ob die Sparer immer noch mehr bekommen als ihnen in der aktuellen wirtschaftlichen Situation eigentlich zustehen würde, auch wenn es für sie sicherlich kein Trost ist.