Monatsarchiv: November 2014

Die Gelddruckleistung der EZB

Wolfgang Münchau erklärt im Spiegel, warum die Geldpolitik der EZB nicht zu Inflation führt. Der Unterschied zwischen Geldbasis und der Geldmenge ist in diesem Zusammenhang tatsächlich sehr wichtig, da hat Herr Münchau völlig Recht, aber… selbst wenn wir den Unterschied vernachlässigen – Tatsache ist, dass auch die Größe der Geldbasis sich in der Realität, im Durchschnitt, keineswegs so rasant entwickelt, wie in der Wahrnehmung der deutschen Öffentlichkeit.

Die jetzt folgende Grafik stellt die Entwicklung der Geldbasis seit der Euro-Einführung dar:

Geldbasisentwicklung im Euro-Währungsgebiet

Zwischen Oktober 1999 und Oktober 2008 (in etwa der Beginn die „unkonventionellen“ Maßnahmen der EZB) wuchs die Geldbasis um ca. 8,4 % pro Jahr, zwischen Oktober 2008 und Oktober 2014 dagegen nur um 4,2%. Daher ist die Gesamtdruckleistung der EZB seit Beginn der Krise überhaupt nicht beeindruckend, im Gegenteil – sie erreicht nicht mal die Vorkrisenwerte. Es ist eben gar nicht so leicht die Geldbasis aufzublähen, wenn die Wirtschaftsakteure das nicht (mehr) wollen – einmal hat die EZB das ja schon versucht und zwischen Oktober 2008 und Oktober 2012 die Geldbasis mit einer Jahresrate von immerhin ca. 17% vergrößert, die Operation Dicke Berta, nur um dann, als die Banken begannen das geliehene Geld zurückzuzahlen, zuzusehen wie sie wieder mit 17% pro Jahr schrumpfte. Das alles übrigens ohne spürbare Auswirkungen auf die Inflation.

Warum die Standardrente sinkt

Den letzten Beitrag habe ich mit der Feststellung beendet, dass die Netto-Standardrente in den letzten Jahren im Verhältnis zum Pro-Kopf-Haushaltseinkommen immer weiter gesunken ist, wie die nachfolgende Grafik deutlich zeigt.

Standardrente im Verhältnis zum mittleren Pro-Kopf-Haushaltsnettoeinkommen

Heute folgt, wie versprochen, eine kleine Untersuchung über die Faktoren, die zu diesem Phänomen beigetragen haben.

Bevor jedoch die relevanten Zahlen (mit der zugehörigen Grafik) kommen, eine kurze Erklärung zur Funktionsweise der gesetzlichen Rentenversicherung (GRV) in Deutschland.

Grundsätzlich funktioniert jede Versicherung, ob privat oder gesetzlich, auf die gleiche Weise – in ihrer aktiven Phase zahlen die Versicherten ihre Beiträge, wenn es dann zum Versicherungsfall kommt, sei es Eintritt des Rentenalters, Erwerbsunfähigkeit oder Tod, bekommen sie oder ihre Erben von der Versicherung die im Vertrag vereinbarten Zahlungen. Grundsätzlich besteht zwischen den gezahlten Beiträgen und den später erhaltenen Zahlungen ein Zusammenhang: bei ansonsten identischen Verträgen bekommen die Versicherten, die höhere Beiträge gezahlt haben, im Versicherungsfall entsprechend höhere Zahlungen, das nennt man Äquivalenzprinzip. Damit die Versicherung funktioniert, müssen ihre Ausgaben die Einnahmen, die im allgemeinen entweder aus Beiträgen der aktiven Mitglieder oder aus den in der Vergangenheit getätigten Investitionen stammen, nicht übersteigen, sonst ist die Versicherung pleite.

Bei der GRV funktioniert es ähnlich, mit einem kleinen aber wichtigen Unterschied: sowohl die Beiträge der Mitglieder als auch die Zahlungen der Versicherung werden in einer fiktiven Währung mit dem Namen Entgeltpunkt bemessen. Jedes Jahr wird von der Bundesregierung der Kurs dieser Währung, besser bekannt als Rentenwert, festgelegt, und dieser Kurs bestimmt sowohl den Euro-Wert der Rentenzahlungen als auch die künftigen Ansprüche der aktiven Versicherten, die vom Entgelpunkt-Wert der Beiträge abhängen. Bei einer normalen Altersrente zum Beispiel kriegt der Versicherte, der in seiner Aktivenphase X Entgeltpunkte eingezahlt hat, eine Rente von wiederum X Entgeltpunkten, bei der sogenannten großen Witwenrente, die eine Witwe bzw. ein Witwer im Falle des Todes eines Mitglieds bekommt, beläuft sich die Rente auf 0,55 Entgeltpunkte, usw. usf. Alles also wie auch sonst bei einer Rentenversicherung, bis auf die Tatsache, dass die Rechnungseinheit nicht der Euro sondern der Entgeltpunkt ist. Der Eurowert wird daraus erst, wenn die Rente ausgezahlt und die Entgeltpunkte zum aktuellen Kurs in Euro konvertiert werden.

Jetzt zurück zur Standardrente. Die Standardrente wird als eine Rente in Höhe von 45 Entgeltspunkten definiert. Nach den obigen Ausführungen dürfte jetzt klar sein, dass deren Höhe in Euro direkt proportional dem Kurs des Entgeltpunktes ist. Dieser Kurs wiederum hängt von zwei Faktoren ab: von der Höhe der Einnahmen der GRV in Euro und von den der Höhe der zu leistenden Ausgaben in Entgeltpunkten. Je mehr Entgeltpunkte man bei einer bestimmten Einnahmenhöhe auszahlen muss, desto niedriger muss der Kurs gesetzt werden, sonst wäre die GRV pleite. Vereinfacht gesagt kann der Kurs bestimmt werden indem man die Einnahmen in Euro durch die Ausgaben in Entgeltpunkten teilt. In der Praxis ist es ein wenig komplizierter, weil nicht die gesamten Euro-Einnahmen der GRV für die Renten verwendet werden. Der größte Ausgabeposten neben den Renten selbst sind die „Arbeitgeberzahlungen“ für die GKV. Daneben gibt es noch die Verwaltungskosten, die Nachhaltigkeitsreserve, und diverse andere Ausgaben, die aber kaum ins Gewicht fallen.

In der nun folgenden Grafik habe ich für den Zeitraum 1998-2012 neben der Entwicklung der Brutto-Standardrente relativ zum BIP (das ist gewissermaßen der Anteil des Gesamtkuchens, den jeder Eckrentner abkriegt), die Entwicklung der Gesamteinnahmen und der Gesamtrentenausgaben der GRV, wiederum relativ zum BIP dargestellt. Dazu kommt noch die Entwicklung der Rentenausgaben in Entgeltpunkten. Als Referenzjahr fungiert 1998 mit einem Wert von 100.

Warum die Eckrente sinkt

Das Ergebnis: zwischen 1998 und 2012 sind sowohl die Gesamteinnamen der GRV als auch deren Rentenausgaben, relativ zum Bruttoinlandsprodukt, ziemlich synchron zueinander um insgesamt ca. 7% gesunken. Im gleichen Zeitraum sind die Rentenausgaben, gemessen in Entgeltpunkten, um ca. 10% gestiegen. Folgerichtig ist die Brutto-Standardrente, relativ zum BIP, um ca. 16% gesunken, der Wert, der sich gut mit dem Absinken der Netto-Standardrente relativ zum Pro-Kopf-Haushaltseinkommen um ca. 18% im gleichen Zeitraum deckt.

Fazit: Diejenigen, die eine „Demontage“ der GRV anprangern, haben teilweise Recht: die GRV muss heute mit einem kleineren Teil des Kuchens auskommen als noch 1998. Andererseits ist es nur die halbe Wahrheit: auch die zu bedienenden Ansprüche sind (aus diversen Gründen, von denen die Demografie nur einer ist) deutlich gestiegen.

Durchschnittsverdiener und ihre Renten

Anfang der Woche wurde in den Medien und Blogs über eine Studie des Instituts Arbeit und Qualifikation“ der Uni Duisburg-Essen berichtet. Die Studie beschäftigt sich mit der Frage wie viele Jahre ein Durchschnittsverdiener in die Rentenkasse einzahlen muss, um eine Rente auf dem Niveau der Grundsicherung im Alter (aktuell sind es ca. 690 EUR im Monat) zu bekommen.
Das Ergebnis: im Jahr 2012 waren 27,4 Jahre, und diese Zahl soll bis 2030 31,6 Jahre steigen. Ist in der Tat wenig erfreulich und in den Foren war auch dementsprechend oft die Rede von einem Skandal – wenn auch mit unterschiedlichen Vorzeichen, die eher rechts gesinnten Foristen wollten gleich die Grundsicherung kräftig senken oder gleich abschaffen (insbesondere für Flüchtlinge und andere Ausländer natürlich), damit die „Schmarotzer, die ihr Leben lang auf der faulen Haut gelegen haben“ wenig zu lachen haben, die eher linken Kommentatoren sprachen, wie üblich, von einer Demontage der gesetzlichen Rentenversicherung.

Als ich das gelesen habe, habe ich mich allerdings gleich gefragt wie denn diese Zahl früher, so vor 20 Jahren noch vor den letzten Rentenreformen, aussah? Wenn wir von einer Demontage der gesetzlichen Rentenversicherung sprechen wollen dann sollte man ja zuerst schauen, was diese früher geleistet hat und vergleichen zu können.

Das Ergebnis meiner Berechnungen für die Jahre 1995-2013 sieht nun so aus:

Anzahl der Jahre, die ein Durchschnittsvediener in die Rentenkasse einzahlen muss um einer Rente auf dem Grundsicherungsniveau zu bekommen

Zwischen 1995 und 2006 schwankte also die fragliche Anzahl der Jahre zwischen 22 und 24 Jahren ab 2007 ging es aber ziemlich schnell nach oben mit einem vorläufigen Höhepunkt in 2012 von, wie schon erwähnt, 27,4 Jahren. So gesehen relativiert sich der Skandal, eine Steigerung ist zweifellos da (ca. 17% zwischen 1995-2006 und 2007-2013), aber auch früher waren mehr als zwei Jahrzehnte Arbeit notwendig um auf das Grundsicherungsniveau zu kommen.

Spannender ist die Frage welche Faktoren in welchem Ausmaß dazu beitragen bzw. beigetragen haben, dass die gesetzlichen Rentner (zumindest diejenigen, die ausschließlich oder überwiegend von der gesetzlichen Rente leben) immer ärmer relativ zum Rest der Bevölkerung werden. Und dass sie das werden, das sieht man direkter in folgender Grafik, die das Verhältnis der Standardrente (das ist die Nettorente die ein Durchschnittsverdiener nach 45 Jahren Arbeit bekommen würde) zum mittleren Pro-Kopf-Haushaltsnettoeinkommen darstellt.

Standardrente im Verhältnis zum mittleren Pro-Kopf-Haushaltsnettoeinkommen

Während dieses Verhältnis 1995-2006 im MIttel bei 82% lag und damit komfortabel über der sogenannten Armutsgefährdungsgrenze von 60%, waren es 2007-2013 nur noch 70%. Und wenn die Berechnungen des IAQ stimmen – die Vorhersagen sind bekanntlich schwierig, insbesondere wenn sie die Zukunft betreffen – dann wird diese Grenze in 2030 exakt erreicht sein.

Diese Frage reserviere ich mir aber für einen späteren Beitrag.