Monatsarchiv: Juli 2014

Wozu ist die Wirtschaft da

Die Welt warnt die Deutschen davor zu große Lohnforderungen zu stellen, denn darunter könnte, Horror, die deutsche Wettbewerbsfähigkeit zu leiden. Es könnte uns sogar passieren, dass wir nicht mehr 7% unseres BIP ins Ausland verleihen, sondern vielleicht nur 2%, oder gar 0% – das gilt nun unter allen Umständen zu verhindern.

OK, Ironie aus. Nichtsdestotrotz ist dieser Welt-Beitrag für mich repräsentativ für ein grundlegendes Mißverständnis, das sich in Deutschland in letzten Jahren in Wirtschafts- und Ökonomenkreisen zunehmend ausgebreitet hat (ich glaube nicht, dass es immer so war). Und zwar haben die Deutschen anscheinend vergessen wozu die Wirtschaft überhaupt da ist.

Zunächst einmal eine Definition aus der Wikipedia:

Im modernen Sinne ist Wirtschaft oder Ökonomie die Gesamtheit aller Einrichtungen und Handlungen, die der planvollen Deckung der Nachfrage dienen. Zu den wirtschaftlichen Einrichtungen gehören Unternehmen, private und öffentliche Haushalte, zu den Handlungen des Wirtschaftens Herstellung, Werbung, Konsum, Umlauf und Verteilung und „Recycling“/“Entsorgung“ von Gütern. Solche Zusammenhänge bestehen zum Beispiel auf welt-, volks-, stadt- und betriebswirtschaftlicher Ebene.

Noch einmal zum Wiederholen – „die der planvollen Deckung der Nachfrage dienen“.

Man kann es auch anders formulieren: die Wirtschaft eines Landes ist grundsätzlich so zu organisieren, dass die Wohlfahrt der breiten Bevölkerung ein möglichst hohes Niveau erreicht. Es geht also nicht darum, dass die Unternehmen des Landes möglichst viel auf internationalen Märkten verkaufen, es geht auch nicht darum eine möglichst niedrige Arbeitslosigkeit zu haben, nicht mal darum geht es möglichst hohe BIP-Steigerungsraten zu erzielen. Nur die Wohlfahrt ist es, was zählt.

Es würde den Deutschen gut tun, sich auf diese einfache Tatsache wieder zu besinnen. Dann wird ihnen hoffentlich wieder bewußt, dass Wirtschaft kein Fußballspiel ist. Ein Fußballweltmeister zu sein ist eine tolle Sache, zumindest wenn man ein Fußballfan ist, ein Handelsüberschußweltmeister dagegen ist kein wirklich erstrebenswerter Titel.

Mathematik, Ökonomen und Mindestlohn

Es gibt in der englischen Blogosphere immer wieder Diskussionen darüber ob die Benutzung von Mathematik in der ökonomischen Forschung Sinn macht, oder ob man lieber wie in guten alten Zeiten auf „verbal reasoning“ zurückgreifen sollte. (siehe z.B. diesen Beitrag von Noah Smith).

Ich bin zwar nur ein Hobby-Ökonom, dennoch versuche ich immer, wenn ich über ein ökonomisches Problem nachdenke, mir ein einfaches (entsprechend meinen Mathe-Fähigkeiten, die, muss ich leider gestehen, weit unter denen der professionellen Ökonomen liegen) mathematisches Model aufzusetzen und die Fragestellung, die mich beschäftigt durchzurechnen. Nicht selten bekomme ich Ergebnisse, die meinen (politischen) Vorurteilen widersprechen, was immer sehr frustrierend ist.

So war es auch in der vorletzten Woche als ich mit Alexander Dilger in den Foren seines Blogs (zu diesem Beitrag) eine Diskussion über die Mindestlohneinführung hatte. Herr Dilger vertritt, nicht wirklich überraschend, die Meinung, dass die Mindestlohneinführung sehr schädlich sei, da dadurch Arbeitsplätze vernichtet werden, keine sehr originelle, aber unter den Ökonomen sehr verbreitete Meinung.

Nun politisch bin ich für den Mindestlohn (aus diesem Gerechtigkeitsgefühl, das vielen von uns innewohnt), und so habe ich mit dieser Studie des Ifo-Instituts argumentiert, deren verkürzte Darstellung die meisten wahrscheinlich in den Medien gesehen haben, ein Beispielzitat aus Fokus:

Die Einführung des Mindestlohns von 8,50 Euro gefährdet nach Einschätzung des Münchner ifo-Instituts bis zu 900 000 Arbeitsplätze.

Wenn man jedoch die Studie tatsächlich liest, was die meisten wahrscheinlich nicht tun würden, entdeckt man eine weit differenziertere Darstellung. Insbesondere werden dort zwei Modelle durchgerechnet – das Standardmodell (vollständige Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt), bei dessen Durchrechnen die oben angegebenen ca. 900 000 verloren gehende Arbeitsplätze ergeben und das Monopsonmodell, bei dem „nur“ ca. 430 000 Arbeitsplätze verschwinden.

Die Differenz zwischen den Ergebnissen der beiden Modelle ergibt sich dadurch, dass im Standardmodell in jeder Lohngruppe, deren Lohnhöhe unter dem neu eingeführten Mindestlohn liegt, immer Beschäftigungsverluste eintreten. Im Monopsonmodell dagegen hängt die Auswirkung des Mindestlohns auf die Beschäftigung in einer Lohngruppe von der prozentualen Differenz zwischen dem Lohn der Lohngruppe und den Mindestlohn. Liegt diese Differenz unter einem bestimmten Schwellwert (in der Studie 20%) steigt die Beschäftigung sogar, erst über dem Schwellwert sinkt sie, allerdings weniger stark als im Standardmodell.

Nun habe ich daraus den Schluss gezogen, dass bei einem geringeren Mindestlohn als die tatsächlich eingeführten 8,50 EUR die Differenz sich soweit ausweiten würde, dass beim Monopsonmodell insgesamt Beschäftigungsgewinne auftreten würden. Eine schöne Bestätigung für den Mindestlohn, wenn auch nicht für dessen konkrete Höhe. Ich weiss nicht, ob ich Herrn Dilger überzeugen konnte (das bleibt nach unseren sporadischen Diskussionen immer im Unklaren) aber, als ich, ein Paar Tage danach mir die Daten besorgte (speziell zur Stundenlohnverteilung in Deutschland) und rechnen begann, wollte sich der gewünschte Effekt partout nicht einstellen.

Stattdessen kam so was raus:

Mindestlohn Auswirkungen

Der Beschäftigungsrückgang im Monopsonmodell liegt zwar bei allen hypothetischen Mindestlöhnen zwischen 1 und 10 EUR im Monopsonmodell durchgehend unter der Voraussage des Standardmodells, verkehrt sich aber nie in einen Beschäftigungsgewinn. Damit wäre meine Behauptung beerdigt.

Frustrierend? Ja. Aber immerhin ist es ein Beispiel dafür, wie die Mathematik die Möglichkeit bietet sich in einer Diskussion auf ein gemeinsames Modell zu einigen und die Behauptungen zu prüfen.

Nehmen wir aber stattdessen den Beitrag der Nachdenkseiten, bei denen das Herz bekanntlich links schlägt, zur gleichen Ifo-Studie. Die Argumentation lautet hier verkürzt wiedergegeben wie folgt – die Modelle der Mainstream-Ökonomie taugen nichts (aus Gründen, denen ich nicht so ganz folgen kann, die aber anscheinend von Heiner Flassbeck stammen), es aber sowieso Zeitverschwendung Modelle zu bauen, da diese notwendigerweise ein so komplexes Gebiet wie Ökonomie nicht abbilden können, also entscheiden wir einfach, dass das Mindestlohn gut ist, weil … wir das so wollen. Ist natürlich sehr schön, für die Leute, die schon immer wussten, dass Mindestlohn gut ist (wie z.B ich selbst), eine ernsthafte Diskussion ist aber auf dieser Basis unmöglich, jeder bleibt einfach bei seinem Glauben.

Natürlich kann sich im Prinzip jeder ein Modell bauen, das seinen Präferenzen entspricht (und das passiert auch), aber erstens ist es viel schwieriger, als bloß mit Worten um sich zu werfen, und zweitens ist anschließend immerhin eine Diskussion über die Realitätsnahe der jeweiligen Modelle möglich. So setzt z.B. das Standardmodell oben voraus, dass die Arbeitgeber keinerlei Einfluß auf die Löhne ihrer Angestellten haben, während das Monopsonmodell ihnen eine (nicht unbegrenzte) „Lohnsetzungsmacht“ zugesteht. Was ist realistischer? Wer schon mal als Angestellter unterwegs war, wie ich, wird wohl für das Monopsonmodell votieren.

Fazit: Die Mathematik in der VWL ist kein Allheilmittel, insbesondere sollte man die Ergebnisse, die aus einem Modell kommen, nicht als Dogma ansehen, denn es besteht immer die Möglichkeit, dass entweder die Annahmen oder die Parameter des Modells unrealistisch sind. Trotzdem schafft sie die Möglichkeit eine Diskussion auf eine solide Grundlage zu stellen, indem sie die Teilnehmer zwingt ihre Annahmen genau zu benennen, und unter Umständen sogar ein definitives Ergebnis zu erreichen, was mit verbalen Argumenten niemals gelingen kann.

Billion Prices

Heute geht es wieder um das Thema Inflationsmessung. Diese Woche habe ich mir nämlich endlich einen sehr interessanten Projekt aus den USA genauer angesehen – das Billion Prices Project. Und was soll ich sagen – ich bin mächtig beeindruckt.

Das Projekt nutzt die Tatsache aus, dass ein Großteil der Waren und Dienstleistungen mittlerweile über das Internet angeboten wird, um den Prozess der Preiserhebung, die von den amtlichen Statistikern noch überwiegend manuell, und dementsprechend sehr aufwändig, vorgenommen wird, weitgehend zu automatisieren. Hierzu werden, vereinfacht gesagt, die Daten der einzelnen Artikel von einem speziellen Computerprogramm von den Internetseiten der Anbieter abgerufen und die aktuellen Preise ausgelesen. Diese Technik nennt man Web-Scraping.

Auf diese Weise wird es möglich die Preiserhebung und die Auswertung täglich (oder sogar noch öfter) vorzunehmen, während die amtliche Statistik das nur monatlich tut, und das viel günstiger. Die Kehrseite der Medaille ist sicherlich, dass ein Teil der Waren, die nicht online verkauft werden, aus der Erhebung herausfällt. Leider gibt es keine öffentlich zugänglichen Daten für Deutschland (die muss man sich kaufen), aber für die USA kommt folgendes raus (Stand 06.07.2014, Blau – der US-Verbraucherpreisindex, Orange – der Billion Prices Index):

BillionPrices

Die Verschwörungstheoretiker dürften enttäuscht sein – beide Indexe verlaufen ziemlich nah beieinander.