Monatsarchiv: Mai 2013

Die Rückkehr zur DM und die wirtschaftlichen Folgen

Seit es die Alternative für Deutschland gibt, hat sich die DM-Wiedereinführung von einer Blogger-Spinnerei zu einer ernstzunehmenden politischen Option gemausert. Es ist im Moment zwar nicht davon auszugehen, dass so etwas in der nächsten Zeit tatsächlich passiert, andererseits, wenn es etwas gibt was uns die Euro-Krise gelehrt hat, dann ist es, wie schnell die Sachen, die noch gestern als undenkbar bezeichnet wurden, in einer Währungskrise Realität werden.
Höchste Zeit also für die Ökonomen ihre Modelle anzuwerfen und die wirtschaftlichen Folgen der Wiedereinführung abzuschätzen. Und der erste Wurf ist schon da – Ende April hat die Prognos AG eine Studie mit dem Titel Wirtschaftliche Vorteile der Euro-Mitgliedschaft für Deutschland vorgestellt, die ein lebhaftes Echo in den Medien gefunden hat. Wie bereits aus dem Titel zu erahnen ist, sieht die Studie eine Rückkehr zur DM als nachteilig für die deutsche Wirtschaft an und belegt es mit Hilfe eines Prognos-eigenen Wirtschaftsmodells, das in in der Studie leider nicht näher beschrieben wird.
Wie in einem solchen Fall nicht anders zu erwarten wäre, haben sich auch die Befürworter einer DM-Rückkehr zur Wort gemeldet und die Studie als wertlos abgetan. Neben einem Ökonomenstimme-Beitrag vom AfD-Mitbegründer Roland Vaubel, hat insbesondere dieser Beitrag von Ulrich van Suntum meine Aufmerksamkeit erregt. Der Grund ist, dass Herr van Suntum, neben der Kritik an mehreren Punkten der Prognos-Studie, die ich übrigens zum großen Teil teile, auch sein eigenes Modell vorstellt (nicht im Blog-Beitrag selbst, sondern in dem dazugehörigen Artikel), mit dem er das genaue Gegenteil der Prognos-These belegt haben will – nämlich, dass Deutschland bzw. deutsche Bevölkerung von einer DM-Wiedereinführung mehr oder weniger große Wohlfahrtsgewinne zu erwarten hat. Und weil das Modell erstens gut beschrieben und zweitens sehr einfach, um nicht zu sagen primitiv ist, eignet es sich hervorragend um eine leider wohlbekannte Tatsache zu illustrieren – nämlich, dass es sich zu jedem Standpunkt ein passendes Modell zurechtschnitzen läßt. Um das zu zeigen, werde ich im Folgenden zuerst das Suntum-Modell kurz beschreiben um dann ein paar Änderungen an diesem vorzunehmen, die seine Aussagen wieder erheblich relativieren.

Zuerst also zum Suntum-Modell, Zitat des Authors:

Wir betrachten zwei Länder, z.B. Deutschland (Land 1) und Italien (Land 2). Jedes Land produziert jeweils ein eigenes Güterbündel (X bzw.Y), konsumiert jedoch beide Güterbündel, so dass es zu Außenhandel kommt. Jedes Land hat jeweils eine eigene Währung (DM bzw. Euro) , wobei der Fall der Währungsunion durch einen festen Wechselkurs von 1 dargestellt werden kann. Beide Länder setzen Arbeit (A) als Produktionsfaktor ein, die anderen Produktionsfaktoren werden nicht explizit betrachtet. Der nationale Nominallohnsatz bestimmt gemäß der Grenzproduktivitätstheorie das nationale Beschäftigungsniveau.

Die Produktionsfunktionen haben eine für solche Modelle übliche Form:
\bf {X = {a_1}{A_1}^\alpha}
bzw.
\bf {Y = {a_2}{A_2}^\alpha}

Der Wechselkurs zwischen DM und Euro wird im Modell exogen bestimmt, was dazu führt, dass zuerst, wenn die Währungsunion noch besteht und der Wechselkurs 1 zu 1 ist, Land 1 positives Handelssaldo aufweist und Land2 entsprechend ein dazu spiegelbildlich negatives. Nach dem Ende der Währungsunion wertet die DM auf und das Saldo verschwindet.
Das letzte Zutat des Models ist die Nutzenfunktion (für Konsumenten beider Länder), für die eine Cobb-Douglas-Form angenommen wird:

\bf {U(x,y) = x^{\beta}y^{1-\beta}} – x,y sind dabei die Nachfrage nach (und das Angebot von, wir sind ja immer im Gleichgewicht) der Güter X und Y. Die Nachfrage wird in jedem Land durch Eigenproduktion des jeweils eigenen Gutes und durch den Import des „fremden“ Gutes befriedigt.
Die Cobb-Douglas-Funktion hat die überaus nützliche Eigenschaft, dass das Preisverhältnis der beiden Güter (das durch den Verhältnis des marginalen Nutzens bestimmt wird) umgekehrt proportional den nachgefragten Mengen ist, was die Berechnungen erheblich erleichtert:

\bf {\frac{p_x}{p_y}={\frac{\beta}{1-\beta}}{\frac{y}{x}}}

Aus der Produktionsfunktion kann wiederum der jeweilige Nominallohnsatz berechnet werden, dass laut Herrn van Suntum durch den Grenzwertprodukt der Arbeit bestimmt wird:

\bf {w_1={p_x}{a_1}{\alpha}{A_1}^{\alpha-1}}
\bf {w_2={p_y}{a_2}{\alpha}{A_2}^{\alpha-1}}

Nach einigen Umformungen und durchs Einsetzen von konkreten Parameterwerten kommt Herr van Suntum anschließend zu folgenden Ergebnissen:

  • Nach der Aufwertung bleibt der Nominallohnsatz im Land 1 (Deutschland) unverändert (daraus folgt wohl, dass es keinen Anlass gibt steigende Arbeitslosigkeit zu befürchten, selbst wenn man keynesianisch denkt)
  • Der Reallohn steigt aber, weil durch die Aufwertung der Preis des importierten Gutes Y sinkt.
  • Insgesamt fährt die Bevölkerung (sowohl Arbeitnehmer als auch Kapitaleigner) Wohlfahrtsgewinne ein

Alles in allem also sei eine solche Aufwertung eine positive Änderung für alle Beteiligten und sollte eher heute als morgen durchgeführt werden. Warum glaube ich das bloß nicht?
Nun, wie schon angedeutet, kommt es bei solchen Diskussionen sehr darauf an, welche Aspekte der realen Wirtschaft der Ökonom in sein Model aufnimmt und insbesondere welche er ausslässt. Um sein Ergebnis zu erreichen, hat Herr von Suntum einen für unsere Thema nicht unwichtigen Aspekt komplett ausgeblendet – die Tatsache nämlich, dass in einer realen Wirtschaft mehrere Güter produziert und nachgefragt werden. Wenn also die Auslandsnachfrage für die Exportgüter aufgrund einer Aufwertung ausfällt, wird sich die reale Wirtschaft nicht notwendigerweise sofort und ohne Probleme sich auf die neue Situation so einstellen, dass entweder die einheimischen Konsumenten in die Bresche springen (vielleicht wollen sie ja nicht) oder die Ressourcenallokation (Arbeitskräfte und Kapital) sich so verändert, dass mehr von den auf dem einheimischen Markt nachgefragten Gütern produziert wird. Wenn man eine Ein-Gut-Wirtschaft annimmt, wie Her van Suntum es tut, sind solche Probleme bequemerweise von vornherein ausgeschlossen.
Schauen wir uns also an, was passiert, wenn wir das Modell dahingehend verändern, dass Länder nicht nur ein sondern zwei Güterbündel produzieren – handelbare (Tradables) und nicht handelbare (Non-Tradables). Die Non-Tradables werden, wie der Name schon sagt ausschließlich für den internen Gebrauch produziert. Die Tradables dagegen werden sowohl intern produziert als auch ins Ausland verkauft, dabei tun wir einfachheitshalber so als ob,ökonomisch gesehen, die importierten und die im Land produzierten Tradables ununterscheidbar wären, beim Außenhandel geht es also nur darum die Vielfalt zu erhöhen. Und nun geht es zum Model-Formulieren, wobei wir uns nur af Land 1 (Deutschland) konzentrieren :

Die Produktionsfunktionen für Tradeables (Index t) und Non-Tradables (Index n):

\bf {Y_t = {a_t}{A_t}^\alpha}
bzw.
\bf {Y_n = {a_n}{A_n}^\alpha}

Die Nutzensfunktion für die Kombination von Tradeables (t) und Non-Tradables(n):

\bf {U(t,n) = t^{\beta}n^{1-\beta}}

Das Preisverhältnis der beiden Güter:

\bf {\frac{p_n}{p_t}={\frac{\beta}{1-\beta}}{\frac{t}{n}}}

Der Nominallohnsatz:

\bf {w={p_n}{a_n}{\alpha}{A_n}^{\alpha-1}={p_t}{a_t}{\alpha}{A_t}^{\alpha-1}}

Bis hierher ist es also sehr ähnlich dem van-Suntum-Modell. Wir nehmen jetzt ferner an, dass die Wirtschaft sind im Gleichgewicht befindet, so dass Angebot und Nachfrage sich decken. Der jetzt noch einzuführende Schlüsselparameter r unseres Modells ist das Verhältnis der Menge der im Land konsumierter zu der Menge der im Inland produzierter Tradeables. Ist r kleiner 1, hat das Land ein positives Handelsbilanzsaldo, bei r größer 1 negatives, und schließlich bei r=1 ist die Handelsbilanz ausgeglichen.
Falls die Rückkehr zur DM überhaupt Sinn machen sollte, dann um die permanenten Handelsungleichsgewichte innerhab der EWU zum Verschwinden zu bringen. Wir modellieren also einen Übergang im Land 1 von r kleiner 1 (im Beispiel r=0,9) zu r=1. Nach einigen Umformungen kommt man zum folgenden Ausdruck für das Verhältnis der Beschäftigtenzahlen im Tradeables- und Non-Tradeables-Sektor:

\bf {\frac{A_n}{A_t}={\frac{\beta}{1-\beta}}r}

Das heißt also, dass wenn r plözlich, aufgrund einer Aufwertung plötzlich ansteigt, eins von zwei Dingen (oder eine Kombination) passieren muß. Entweder sind die Arbeitnehmer und die Unternehmen so flexibel, dass ein Teil der Arbeitskräfte aus dem Tradables ins Non-Tradable-Sektor wechselt, so dass das Gleicgewicht wiederhergestellt wird. In diesem Fall wird aber auf jeden Fall der Nominallohn absinken, anders als im van Suntum-Modell. Oder aber, die Arbeitnehmer sind örtlich oder fachlich komplett unflexibel und/oder die Löhne starr. In diesem Fall werden die überschüssigen Arbeitskräfte im Tradables-Sektor einfach freigesetzt – es entsteht Arbeitslosigkeit.

Es bleibt nur noch ein Beispiel mit konkreten Parameterwerten anzuschauen. Zunächst die Werte für die festen Parameter der Land 1 – Wirtschaft:

Non-Tradables Tradables Gesamt
Produktionsfunktionsparameter a 1,0 1,1
Produktionsfunktionsparameter \alpha 0,5 0,5
Arbeitskräftepotential 20.000
Nutzensfunktionsparameter \beta 0,5 0,5

Und jetzt schauen wir uns an, was in diesem Beispiel passiert, wenn der r-Parameter sich plötzlich von 0,9 auf 1 springt, wodurch der Handelsbilanzüberschuß, wie oben erklärt, verschwindet. Folgende Tabelle beschreibt die Veränderungen der volkswirtschaftlichen Kenngrößen zwischen dem Anfangszustand mit r=0,9 und zwei Folgezuständen mit r=1. Im Folgezustand 1 findet eine Umverteilung der Beschäftigten zwischen den beiden Sektoren statt, verbunden mit dem Absinken des nominellen Lohn-Niveau, während im Folgezustand 2 stattdessen die „überflüssigen“ Beschäftigten im Tradable-Sektor entlassen werden.

Anfangszustand Folgezustand 1 Folgezustand 2
Beschäftigung Tradables-Sektor 10.526 10.000 9433
Beschäftigung Non-Tradables-Sektor 9733 10.000 9733
Output Tradables-Sektor 9733 10.000 9733
Preis Non-Tradables 1,00 DM 1,00 DM 1,00 DM
Preis Tradables 0,96 DM 0,91 DM 0,91 DM
Nominallohnsatz 0,51 DM 0,50 DM 0,51 DM
Nominallohnsatzveränderung -2% 0%
Arbeitslosigkeit 0% 0% 2,6%

Wie angekündigt, sind in diesem Modell die Ergebnisse weit weniger eideutig als im Eitel-Sonnenschein-Modell von Herrn van Suntum. Wir haben hier zwei Szenarios, von denen wir nicht wissen welches eintritt (es kann und wird wahrschenlich eine Mischung von beiden sein). In ersten Szenario sinkt der Nominallohn um 2%, wobei ehrlicherweise gesagt werden muß, dass dies aufgrund des sinkenden Tradables-Preises eine doch eine reale Lohnsteigerung bedeutet (aber ob die Arbeitnehmer das dann genauso empfinden?). Im zweiten Szenario sinkt der Lohn nicht, dafür aber steigt die Arbeitslosigkeit sprunghaft an – von 0% auf 2,6%. Basierend auf diesem Modell können wird jedenfalls die Frage „Würde eine Wiedereinführung der DM Arbeitsplätze kosten“, anders als Herr van Suntum in diesem, inzwischen erschienenen, Video-Beitrag zum gleichen Thema mit einem „wahrscheinlich ja“ beantworten, weil das Modell eben trotz seiner Primitivität die Arbeitslosigkeit zumindest grundsätzlich zulässt.

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Die Europäische Währungsunion ist einzigartig

Robert Heusinger verweist in einem Kommentar auf Herdentrieb auf einen Voxeu-Artikel von Michael Burda, in welchem Herr Burda, wie in seinem Vorschlag zur EZB-Reform (siehe auch den letzten Betrag von mir), für die Abschaffung der nationalen Zentralbanken innerhalb des Eurosystems eintritt. Und als Zeugen zieht er niemand geringeren heran als David Hume, einen schottischen Ökonomen, der Ende des achtzehnten Jahrhunderts einen Mechanismus beschrieb, welcher später als Goldautomatismus bekannt wurde und den Herr Burda Hume-Mechanismus nennt. Definition aus Wikipedia:

Unter Goldautomatismus wird ein automatischer Ausgleichsmechanismus für die Zahlungsbilanzen im Handelsverkehr zwischen Ländern mit Goldwährung bzw. goldgedeckten Währungen verstanden. Das insbesondere von David Hume vorgeschlagene Konzept kam z.B. während der Geltungsdauer des sog. Goldstandards bis 1914 zum Einsatz.

Herr Burda beanstandet in seinem Artikel, dass der Hume-Mechanismus in der Eurozone nicht funktioniert, Zitat:

In principle, the vaunted “Hume mechanism” should operate within the Eurozone. Countries which export less than they import should lose euros to surplus countries, unless offset by private capital inflows.

In a world without national boundaries and without national central banks, balance-of-payment deficits cannot occur – current-account deficits are always financed by private capital.

Was Herr Burda zu erwähnen vergisst, Hume lebte im 18 Jahrhundert, und damals, wie auch später, bis frühestens 1914, waren alle Währungen an Edelmetalle gebunden, was speziell bedeutete, dass keine Institution und kein Land in der Lage waren die Geldbasis willkürlich zu vergrößern. In einer solchen internationalen Geldverfassung funktioniert der Hume-Machanismus tatsächlich, und zwar durch die von Hume beschriebene Wirkungskette:
Handelsdefizit -> Edelmetalabfluß -> Sinken der Geldmenge -> Deflation inkl. Lohnabsenkung -> Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit und Verschwinden des Handelsdefizits
Dummerweise leben wir in einem Fiatgeldsystem in welchem die Größe der Geldbasis durch eine damit beauftragte Zentralbank, in der Eurozone ist es die EZB, festgelegt wird. Das von Burda beklagte Nicht-Funktionieren des Hume-Mechanismus ist damit eine direkte Konsequenz der Fiateigenschaft von Euro und hat nichts aber auch gar nichts mit der weiteren Existenz der nationalen Zentralbanken zu tun, die im übrigen im Eurosystem keine eigene Geldpolitik verfolgen (dürfen) sondern nur als Ausführungsorgane der EZB agieren.
Damit wäre alles zum Burda-Artikel gesagt, im Wesentlichen werden in diesem Äpfel (Edelmetal-Standard) mit Birnen (Fiatgeldsystem) verglichen. Aber die vorausgegangenen Argumente schaffen einen hervorragenden Einstieg in das eigentliche Thema dieses Beitrags – die Einzigartigkeit der Europäischen Währungsunion.
Vor einiger Zeit gab in der Presse einige Artikel (z.B hier), in welchen die EWU mit einigen anderen früher existierenden Währungsverbunden gleichgesetzt wurde, ganz speziell mit der Lateinischen Münzunion (LMU). Diese Gleichsetzung beruht jedoch auf einem Mißverständnis, denn obwohl sowohl EWU als auch LMU als „Währungsunion“ bezeichnet werden, bestehen zwischen den dahinter stehenden Mechanismen grundlegende Unterschiede. Das bescheidene Ziel der LMU war die Prägung der Edelmetallmünzen, an welche die beteiligten Papier-Währungen gebunden waren, zu standardisieren um eine bessere Konvertierbarkeit der besagten Währungen untereinander zu ermöglichen. Zu keinem Zeitpunkt jedoch haben die Länder der LMU ihre eigenen Zentralbanken inklusive der eigenen Geldpolitik aufgegeben, obgleich dieser Geldpolitik durch die Edelmetallbindung natürliche Grenzen gesetzt wurden. In diesem Sinne unterschied sich die LMU kaum vom nachfolgenden Goldstandard, auch wenn Goldstandard niemals meines Wissens als „Währungsunion“ bezeichnet wurde.
Ganz anders ist die EWU. Zum einen basiert sie auf einem Fiatgeldsystem. Daher wäre es nicht möglich, dass die beteiligten Länder ihre eigenen Zentralbanken behalten, zu groß wäre die Gefahr, dass die Länder versuchen Vorteile aus der autonomen Geldbasisvergrößerung zu ziehen. Ein solches System hat es tatsächlich schon einmal kurz gegeben – ich spreche von der postsowjetischen Rubelzone, und diese war nach weniger als drei Jahren zu Ende (ich selbst war übrigens dabei und kann mich noch daran erinnern:-)). Daher war es nur logisch, den nationalen Zentralbanken der Eurozone die Kompetenz für die Geldpolitik zu entziehen und an eine übernationale Zentralbank zu übertragen – die Europäische Zentralbank.
Fazit: die EWU ist die erste Fiatgeld-Währungsunion und die EZB die erste übernationale Zentralbank der Geschichte. Wir leben also in einem historischen Experiment, dessen Ausgang im Moment noch völlig offen ist.

EZB-Reform nach Michael Burda und Robert Heusinger

Robert Heusinger macht via Herdentrieb auf seinen eigenen Artikel in der Berliner Zeitung aufmerksam. Im besagten Artikel preist er ein angeblich fast schon geniales Konzept von Michael Burda zur Reform der EZB. Das Konzept schlägt eine Reorganisation der EZB nach dem FED-Vorbild vor. Speziell sollen die nationalen Zentralbanken abgeschafft werden und stattdessen ähnlich der FED Bezirk-Notenbanken geschaffen werden, wobei die Bezirksgrenzen keinerlei Bezug mehr zu den Nationalstaatgrenzen haben sollen. Besonders freut es Herrn Heusinger anscheinend, dass dadurch zusammen mit anderen Zentralbanken auch die Bundesbank eliminiert wird, deren Engstirnigkeit auch mich oft hochgradig nervt. Die angeblichen Vorteile des Konzepts fasst folgender Absatz aus dem BZ-Artikel von Herrn Heusinger zusammen:

Die Zahlungs- und Leistungsbilanzsalden zwischen den Ländern würden keine Rolle mehr für die Geldpolitik spielen. Allein die privaten Kapitalströme würden für die Finanzierung von Überschüssen und Defiziten sorgen und letztlich dafür auch haften.

Nun, ich kann dazu nur folgendes fragen – warum? Meint Herr Burda (und Herr Heusinger mit ihm) denn wirklich, in den USA sind die Zahlungsbilanzsalden zwischen einzelnen Distrikten immer ausgeglichen, denn nichts anderes meint das obige Zitat (vgl. meinen Beitrag zu Target2 und Zahlungsbilanzen). Wenn er wirklich „einer der Experten der Euro-Krisendebatte“ ist, dann weiß er es bestimmt besser – denn selbstverständlich kann es auch zwischen den FED-Distrikten unausgeglichene Zahlungsbilanzsalden geben, die dann durch sogenannte ISA-Salden (das FED-Analog zu Target2-Salden) finanziert werden. Und während der Finanzkrise sind diese Salden auch prompt sprunghaft angestiegen, genauso wie die Target2-Salden in der Euro-Zone. Für Interessierte – eine gute Kurzeinführung (in englisch) ins ISA-System findet man hier. In den USA gibt es allerdings außer der FED noch einen anderen mächtigen Kompensationsmechanismus für Ungleichgewichte dieser Art, nämlich den Bundesstaat mit seiner Einlagensicherung, Arbeitslosenversicherung, Infrastrukturinvestitionen,Schuldenaufnahme etc.,etc. , so dass das Problem nie solche Ausmaße annahm, und annehmen konnte, wie in der Eurozone.
Es bleibt also festzuhalten – das Zahlungsbilanzproblem, das in der Tat den Kern der Euro-Krise bildet wird durch ein FED-ähnliches System in keinster Weise gelöst. Wohl aber wird es verschleiert, denn während Bundesbank-Target2-Salden Deutschland gehören und ein Teil von dessen Auslandsvermögen bilden, ist die Zuordnung bei länderübergreifenden Bezirksnotenbanken eben nicht so eindeutig. Wahrscheinlich würde es in diesem Fall einen Schlüssel geben (mit dazugehörigen Streitereien), nach dem die Geld-Vermögen der einzelnen Bezirke auf die beteiligten Länder zu verteilen wären, analog der heute schon existierenden Verteilung der EZB-Gewinne auf die einzelnen Nationalzentralbanken. Man könnte fragen, wie man diese „Eigentum“-Probleme in den USA löst. Die Antwort ist – gar nicht. Oder kann jemand sagen wie groß das „Außenvermögen“ von Kalifornien ist? Die USA sind allerdings ein Bundesstaat, da rechnet man zwischen den einzelnen Landesteilen eben nicht so genau ab, auch deshalb, weil die Bewohner davon ausgehen, dass der gemeinsame Staat bestehen bleibt, so dass auf lange Frist alles ausgeglichen wird. EWU ist dagegen ein Nationalstaatenbund, und die Bewohner dieser Nationalstaaten haben den Wunsch, und auch ein berechtigtes Interesse, zu wissen, was ihres ist. Da wird eben ganz genau abgerechnet, wie die Animositäten der vergangenen drei Jahre sehr gut gezeigt haben. Und diese Animositäten wird man mit Buchhaltungsakrobatik leider nicht los.

Saldenmechanik und Schulden

Stefan Dudey von Flassbeck Economics macht sich über diesen Kommentar in der FAZ lustig. Nun, ich bin selbst nicht immer glücklich über das Niveau des FAZ-Wirtschaftsresorts, speziell die letzten großen Themen Vollbeschäftigung und EZB-Vermögensstudie hätten nach meinem Geschmack eine tiefere Analyse verdient. Ich verstehe aber, dass eine Tageszeitung nun mal keine Fachzeitschrift ist, so dass gewisse Abstriche gemacht werden müssen, allein schon um den Unterhaltungswert nicht gegen null absinken zu lassen. Auf der anderen Seite lese ich immer wieder gerne Flassbeck Economics, speziell Heiner Flassbeck, der Namensgeber und einer der Autoren, ist meines Wissens der einzige namhafte Ökonom in Deutschland (vielleicht sogar auf der ganzen Welt), der das Saldenmechanik-Framework von Wolfgang Stützel regelmäßig in die wirtschaftspolitische Debatte einbringt. Da mein Blog den Namen Saldenmechanik trägt, ist es keine große Überraschung, dass ich dies positiv sehe, zumal ich selbst über diesen Artikel von Herrn Flassbeck auf die Saldenmechanik gestoßen bin, bevor ich das Buch selbst gekauft und gelesen habe.
Zuletzt jedoch drängt sich mir der Eindruck auf, dass die Blogger bei Flassbeck Economics inzwischen die Saldenmechanik als eine Art Keule benutzen, um die strittigen Thesen, die nicht in ihr wirtschaftspolitisches Konzept, welches zwar die Saldenmechanik mit einschließt aber keineswegs darauf beschränkt ist, passen, für logisch inkonsistent zu erklären.
So ist es auch mit dem oben genannten Beitrag von Stefan Dudey. Herr Dudey nimmt Anstoß an der Zusammenfassung aus dem FAZ-Artikel, in der es wörtlich heißt:

Man muss ja nicht viel von den gan­zen Finanz­kri­sen der letz­ten Jahre ver­stan­den haben, um doch wenigs­tens eine Ursa­che klar iden­ti­fi­zie­ren zu kön­nen: zu viele Schul­den bei Unter­neh­men ein­schließ­lich Ban­ken, bei Pri­vat­leu­ten und bei den Staaten

Anschließend kommt dann folgende Aussage von Herrn Dudey:

Offen­bar kann es gar nicht oft genug wie­der­holt wer­den, dass zu jedem Schuld­ner ein Gläu­bi­ger gehört. Auch wenn die Wirt­schafts­re­dak­tion der FAZ das viel­leicht für ein Mär­chen hält: Eine Welt, in der die Unter­neh­men und die Ban­ken und die Pri­vat­leute und die Staa­ten zu viele Schul­den haben, gibt es nicht — schon aus logi­schen Gründen.

Da reibt man sich als Saldenmechanik-Fan verwundert die Augen. In der Tat sagt uns die Saldenmechanik, dass, weil zu jedem Kreditor ein Schuldner gehört, die Summe aller Geldvermögen in einer geschlossenen Volkswirtschaft 0 ergibt. Hierbei werden Geldvermögen als Geldforderungen abzüglich der Geldverbindlichkeiten (Geldschulden im allgemeinen Sprachgebrauch) definiert. Dieser Zusammenhang ist unstrittig und vermutlich auch den Wirtschaftsjournalisten der FAZ durchaus geläufig. Wenn man jedoch den Kerngedanken des FAZ-Artikels verstehen will, sollte man einen anderen Begriff der Saldenmechanik verwenden, nämlich die sogenannte volkswirtschaftliche Bruttokreditsumme. Ich zitiere aus dem Saldenmechanik-Buch:

Die Summe aller Aktiva in den Zahlungskontenbilanzen aller Wirtschaftssubjekte ist gleich der Summe aller Passiva in den Zahlungskontenbilanzen aller Wirtschaftssubjekte… Wir bezeichnen die genannte Summe aller Zahlungskontenbilanzen „volkswirtschaftliche Brutto-Kreditsumme“.

Während das Gesamtgeldvermögen einer (geschlossenen) Volkswirtschaft also stets 0 ist, gilt es für die volkswirtschaftliche Brutto-Kreditsumme keineswegs, vielmehr schwankt diese Größe im Laufe der Zeit. Einige post-keynesianische Ökonomen, die in der Tradition von Hyman Minsky stehen, sehen in diesen Schwankungen die Ursache für die wirtschaftlichen Boom-Bust-Zyklen und genau darauf spielt der FAZ-Artikel meiner Meinung nach an. Auf folgender Grafik die Entwicklung der volkswirtschaftliche Brutto-Kreditsumme für die USA in den Jahren 1982-2011:

total-us-debt-82-2012

Wie man sieht, hat sich die Bruttokreditsumme in den Große-Moderation-Jahren 1982-2009 beinahe verdoppelt, dann kam die große Rezession und die Summe ist wieder leicht gesunken. Die genauen Ursachen für dieses Phänomen sind natürlich strittig, aber nicht wenige halten, neben der finanziellen Deregulierung, die Greenspan-FED für schuldig, die seit Ende der 1990-Jahre die Zinsen zu niedrig gehalten hätte. Genau das sagt uns der FAZ-Artikel. Natürlich kann man diese These auch falsch finden, logisch inkonsistent ist sie aber nicht.
Daher ein Rat an Herrn Dudey – wenn man jemand anderem „intel­lek­tu­el­les Armuts­zeug­nis“ vorwirft, sollte man aufpassen, ob man nicht gerade selbst welches abliefert.

Nachtrag:

Um der Wirtschaftsredaktion der FAZ den letzen Stoß zu geben zieht Herr Dudley übrigens ein Vergleich mit der Sportsredaktion:

Würde ein Jour­na­list vom Büro nebenan, also in der hoch­ge­lob­ten Sport­re­dak­tion der FAZ, eine schöne neue Welt her­bei­phan­ta­sie­ren, in der ab der nächs­ten Sai­son jede Mann­schaft der ers­ten Bun­des­liga jedes ihrer 34 Spiele mit 3:0 gewinnt … er würde wohl ent­las­sen werden.

Und wie das so mit Vergleichen ist, zieht dieser leider überhaupt nicht. Um im Bild zu bleiben, die Journalisten fordern keineswegs, das jede Mannschaft 3:0 gewinnen soll, sie wünschen sich schlicht, dass mehr Tore geschossen werden.

Vollbeschäftigung, NAIRU und der demografische Wandel

Via Wirtschaftswurm bin auch auf diesen Artikel in der FAZ aufmerksam geworden, der offenbar ein Teil einer ganzer Serie, und der dazugehörigen Blogparade, zum Thema Vollbeschäftigung ist. Im Artikel argumentiert Patrick Bernau, seines Zeichens Wirtschaftredakteur der FAZ und damit jemand, der sich auskennen sollte, dass die deutsche Volkswirtschaft erneut auf einen Vollbeschäftigungszustand zusteuert wie weiland in den fünfziger und sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Der Grund ist, laut Herrn Bernau, der anstehende (bzw. schon stattfindende) demografische Wandel durch welchen relativ starke Jahrgänge demnächst in die Rente gehen und relativ schwache Jahrgänge nachrücken, so dass die, in der Vorstellung von Herrn Bernau offenbar fixe, Anzahl von Arbeitsplätzen auf weniger Bewerber zu verteilen ist. Es ist nicht überraschend, dass ich diese Art Analyse wenig überzeugend finde, wir haben in Deutschland nun mal keine Planwirtschaft sondern eine Marktwirtschaft und eine solche wird, denke ich, schon anpassungsfähig genug sein um auf das sinkende Arbeitskräftepotential zu reagieren, genauso übrigens, wie sie in der Vergangenheit auf das steigende Arbeitskräftepotential reagierte.

Nachdem ich den Artikel also als wenig fundiert abgetan habe, wollte ich wissen was die akademische Volkswirtschaftslehre zum Thema Vollbeschäftigung und demografischer Wandel speziell im deutschen Kontext zu sagen hätte. Die Ergebnisse sind überraschend, bevor ich aber dazu komme, möchte ich zuerst den Gegenstand der Diskussion konkreter definieren. Was heißt eigentlich Vollbeschäftigung? Die Antwort auf diese Frage hängt davon ab, ob man einen Normalsterblichen oder einen akademischen Ökonom fragt. Ein Normalsterblicher stellt sich darunter schlicht einen Zustand einer Volkswirtschaft mit einer verschwindend kleiner Arbeitslosenquote nahe an 0%. Für einen Ökonomen hingegen gilt eine Volkswirtschaft dann als vollbeschäftigt bzw. vollausgelastet, wenn die Arbeitslosenquote gleich der sogenannten inflationsstabilen Arbeitslosenquote ist, welche besser unter ihrem englischen sperrigen Akronym NAIRU bekannt ist. Wie der Name schon sagt, ist NAIRU die Arbeitslosenquote, die mit einer stabilen Inflationsrate kompatibel ist. Fällt die tatsächliche Arbeitslosenquote darunter, beginnt die Inflationsrate zu steigen und umgekehrt. Ergo kann sich die tatsächliche Arbeitslosenquote laut Theorie nie dauerhaft unter oder über der NAIRU bewegen, sondern schwankt immer um diese herum – andernfalls würden wir Hyperinflation oder sich beschleunigende Deflation (sagt man eigentlich Hyperdeflation?) erleben. Allerdings ändert sich NAIRU im Laufe der Zeit selbst und ist auch aufwendig zu schätzen, so dass die Anwendung des Konzepts in der Praxis mit gewissen Schwierigkeiten verbunden ist. Hier folgt nichtsdestotrotz eine Schätzung für Deutschland für die Jahre 1970-2007, die aus der Feder des Sachverständigenrats für Wirtschaft stammt:

NAIRUDeutschland

Man sieht nun dass in den Jahren 2003/2004 „Vollbeschäftigung“ im ökonomischen Sinne schon bei einer Arbeitslosigkeit von mehr als 10% herrschen würde, kaum etwas, was sich ein gemeiner Mann unter Vollbeschäftigung vorstellt. In den goldenen sechszigern hingegen lag NAIRU bei 2,5 %, was dem Ideal schon wesentlich näher kommen dürfte.

Wenn nun Herr Bernau den kommenden Vollbeschäftigungsparadies verkündet, dann meint er, in die Ökonomensprache übersetzt, dass die NAIRU aufgrund von demografischen Änderungen, verglichen mit dem heutigen Zustand noch erheblich sinken wird (nachdem sie schon, laut dem Sachverständigenrat, durch Agenda 2010-Reformen, signifikant niedriger geworden ist als noch zu Anfang der letzten Dekade). Stimmt das aber? Was sagen die Ökonomen über die Faktoren, die zeitliche Änderungen der NAIRU bewirken. Eine gute Übersicht hierzu, wie auch zu allen NAIRU-bezogenen Themen, liefert dieser Artikel von Laurence Ball und Gregory Mankiw (ja, der mit dem VWL-Grundstudiumlehrbuch). Laut Mankiw und Ball können demografische Veränderungen in der Tat Änderungen der NAIRU bewirken, das Zitat dazu:

In seeking to explain the evolution of the NAIRU, a number of authors point to a particular type of shift: the changing age structure as the baby boom generation has moved through the labor force. The proportion of the labor force aged 16 –24 rose from 17 percent in 1960 to 24 percent in 1978 as the baby boomers entered the labor force as young workers, and this percentage fell to 16 percent in 2000 as the boomers have aged. These trends are potentially important because young workers have higher unemployment rates than older workers

Und jetzt kommt die versprochene Überraschung – Ball und Mankiw (und viele andere) erklären die Wirkung der demografischen Änderungen auf die NAIRU-Höhe durch die Änderung der Altersstruktur der Arbeitnehmerschaft. Das Sinken der absoluten Zahl der Arbeitnehmer spielt dagegen keine Rolle, zumindest gibt es dazu offensichtlich keine Modelle (vielleicht kennt Herr Bernau welche). Während aber die Änderung der Altersstruktur sich in den USA positiv auswirkt, weil der Anteil der jungen Arbeitnehmer sinkt, die in den USA traditionell eine höhere Arbetslosenquote haber als ältere Jahrgänge, wird sich in Deutschland dieser Effekt, wenn überhaupt, negativ auswirken, weil hierzulande bekanntlich, und darum beneidet uns die ganze Welt zurecht, die jungen Arbeitnehmer eine niedrigere Arbeitslosenquote haben.

Fazit: Von der demografischen Front haben wir also in Punkto Vollbeschäftigung, anders als Herr Bernau meint, eher negatives zu erwarten – zumidest wenn man die makroökonomischen Theorien anwendet.

Die EZB und der Leitzins

Nun diskutiert alle Welt darüber ob die EZB den Leitzins senken sollte, sogar unsere Kanzlerin gibt ihren Senf dazu,  und ich sitze hier und wundere mich. Meiner Meinung nach ist die ganze Diskussion im Moment reichlich bedeutungslos und rührt vor allem daher, dass die meisten Teilnehmer anscheinend nicht ganz verstehen was der Begriff Leitzins im Allgemeinen und speziell im Bezug auf die EZB eigentlich bedeutet.  Denn, worum geht es eigentlich in der Geldpolitik, die im Euroraum in der Verantwortung der EZB liegt? Dazu mal ein Zitat von Ulrich Bindsell, einem ziemlich bekannten Mitarbeiter der EZB:

Monetary policy implementation is about steering the short end of the yield curve, which, together with adequate communication on future policies, impacts on medium and long-term interest rates via the expectations hypothesis of the term structure of interest rates.

Auf Deutsch: eine Zentralbank steuert kurzfristige Geldmarktzinsen und nimmt dadurch Einfluß auf mittel- und langfristige Zinsen und damit letztendlich auf makroökonomische Variablen wie Inflation oder Beschäftigung. Diese Steuerungskette nennt man übrigens Transmissionsmechanismus der Geldpolitik. Was ist aber nun der Leitzins? Das hängt interessanterweise davon ab welche Zentralbank man fragt. Wenn man die US Federal Reserve (FED) fragen würde, dann wäre die Antwort ziemlich klar – Leitzins ist eben der kurzfristige Zins, die Federal Funds Rate, den die FED mit ihren Offenmarktgeschäften (Kauf- und Verkauf von Wertpapieren) steuert. Genauer gesagt, ist der Leitzins das von der FED vorgegebene Ziel für die Federal Funds Rate, das die FED aber meistens ziemlich genau trifft. Bei der EZB dagegen ist die Antwort komplizierter. Auf der einen Seite steuert selbstverständlich auch die EZB die Kurzfristzinsen, der Gegenpart zur Federal Funds Rate heißt im Euroraum EONIA. Auf der anderen Seite tut sie das mit einem anderen Instrument als die FED. Die FED benutzt direkte Wertpapiergeschäfte, die auch als Outright Monetary Transactions (OMT) bekannt und ein Anathema für die Bundesbank sind, weil monetäre Staatsfinanzierung, Ihr wisst schon. Die EZB tut es dagegen mit sogenannten Repo-Geschäften. Hierbei kauft auch die EZB Wertpapiere verpflichtet aber den Verkäufer (eine Bank) das Papier zu einem späteren Zeitpunkt zu einem niedrigeren Preis zurückzukaufen. Effektiv leiht die EZB dadurch den Banken Zentralbankgeld zu einem bestimmten Zins (der sich aus der Differenz zwischen dem Kauf- und dem Rückkaufspreis bestimmt) und die Wertpapiere dienen als Sicherheit. Dieser Leihzins aus den Repo-Geschäften ist es, der von den Medien als Leitzins bezeichnet wird. Das Ergebnis der Anwendung der der beiden Instrumente ist aber das gleiche – eine Veränderung der Geldbasis, die wiederum den Kurzfristzins beeinflußt.

Es gibt wohlgemerkt absolut keinen zwingenden Grund warum der Leitzins im FED-Sinne und der Leitzins im EZB-Sinne gleich sein sollten. Während der erste Zins ein kurzfristiges Ziel der Geldpolitik ist, durch welches dann mittel- und langfristige Ziele erreicht werden, ist der zweite Zins bloß ein Parameter der Repo-Geschäfte, und nicht der einzige, durch welche das kurzfristige Ziel zu erreichen ist. Bis vor einigen Jahren allerdings lagen die beiden Zinsen im Euroraum sehr nah beieinander, was daran lag, dass die EZB nicht nur den Repo-Leitzins sondern auch den Umfang der Repo-Geschäfte so einstellte, dass der „FED-style“-Leitzins mit dem Repo-Leitzins zusammenfiel. Bis vor einigen Jahren, aber jetzt nicht mehr:
Hier ist die Grafik, die die Entwicklung des Leitzinses und des EONIA-Zinses (das ist wie schon gesagt, der Analog zur FED Funds Rate im Euroraum) vom März 2006 bis März 2013 darstellt:

Leitzins/Eonia

Wie unschwer zu erkennen ist, waren der EZB-Leitzins und der EONIA-Leitzins bis ca März 2009 weitgehend gleich verlaufen, seitdem aber liegt EONIA deutlich unter dem Leitzins und ist im Moment so ziemlich nah an 0%. Interessant wäre natürlich zu erfahren, ob die EZB ihr kurzfristiges Ziel zwischendurch geändert hat. Wie dem auch sei, da EONIA schon an der 0%-Grenze liegt (wie die FED Funds Rate übrigens auch) ist von einer Änderung des EZB-Leitzinssatzes meines Erachtens nichts zu erwarten, unter 0% können die kurzfristigen Zinsen nun mal nicht fallen – Stichwort Liquiditätsfalle. Den Sparkassenveband kann man jedenfalls beruhigen, schlimmer als jetzt wird es nicht mehr 🙂