Monatsarchiv: Dezember 2014

Wie man seine Nachbarn ausplündert

Der Wirtschaftswurm schießt sich in seinem letzten Beitrag auf Paul Krugman ein, der „populistisches Deutschland-Bashing“ betreibe. Ferner wirft er ihm vor „grundlegende volkswirtschaftliche Begriffe“ zu verwechseln. Paul Krugman wird es wahrscheinlich nicht viel ausmachen, der ist Kummer gewohnt, und versteht außerdem kein Deutsch, nichtsdestotrotz ist es ein interessantes Thema, weshalb der heutige Beitrag ein wenig in die Tiefe geht und ein Paar Gleichungen beinhaltet (schon lange nicht mehr gehabt).

In der Tat wird die deutsche Wirtschaftspolitik in der angelsächsischen Wirtschaftsblogosphäre stark kritisiert, neben Paul Krugman ist es vor allem Simon Wren-Lewis, der sich immer wieder über die deutschen wirtschaftspolitischen Vorstellungen aufregt. Was wirft man Deutschland nun genau vor?

Das versteht man am besten, wie das so oft ist, anhand eines sehr einfachen Lehrbuchmodels, das ich direkt einem (reichlich teuren) Buch von … Paul Krugman (keine Ahnung von grundlegenden Begriffen aber trotzdem Lehrbücher darüber schreiben, ich frage mich wie Arne es im Studium ausgehalten hat) entnommen und für den Fall einer Währungsunion angepasst habe.

Das Model besteht aus zwei absolut identischen Ländern A und B, die miteinander eine Währungsunion mit einer gemeinsamen Zentralbank bilden. Ganz nach Lehrbuch gilt für das BIP im Land A (ich lasse die Staatsausgaben der Einfachheit wegen aus):

\bf Y_a = cY_a+I(r)+\beta(E)Y_b-\beta(\frac 1 E)Y_a

Dabei sind die letzten zwei Glieder der Gleichung der Export aus A nach B und der Import aus B nach A. Beide hängen positiv vom BIP des importierenden Landes und negativ vom realen Wechselkurs des exportierenden Landes E bzw. 1/E, der im Fall einer Währungsunion schlicht dem Verhältnis der Preisniveaus der beiden Länder entspricht. Das Glied I(r) sind die Investitionen, deren Größe von dem durch die gemeinsame Zentralbank festgelegten Zinssatz abhängt (je niedriger der Zinssatz desto höher die Investitionen).

Für das BIP des Landes B gilt dementsprechend:

\bf Y_b = cY_b+I(r)+\beta(\frac 1 E)Y_a - \beta(E)Y_b

Nach einigen Umformungen bekommt zwei folgende grundlegende Zusammenhänge heraus:

Für das gemeinsame BIP der Währungsunion gilt dann (wenig überraschend) folgendes:

\bf Y = Y_a + Y_b = \frac {2I(r)} {(1-c)}

Und für die Differenz der BIP’s der beiden Länder gilt:

\bf Y_a - Y_b = \frac {\beta(\frac 1 E)-\beta(E)} {1-c}Y

Was lernt man nun daraus? Nun zum einen wird in unserem Model das BIP der Währungsunion durch die Zentralbank festgelegt (wir haben ja keine Staatsausgaben und somit auch keine Fiskalpolitik), indem sie den Zinssatz setzt. Der Zinssatz bestimmt die Investitionen und die Investitionen via Multiplikator \bf  \frac 1 {(1-c)} das BIP. Wie hoch sollte der Zinssatz nun sein? Auch das ist (meines Wissens) unstrittig, moderne Zentralbanken versuchen immer den Zinssatz so zu setzen, dass die BIP-Größe dem Potential der Volkswirtschaft entspricht, oder anders formuliert, dass Vollbeschäftigung und gleichzeitig Preisstabilität erreicht wird. In einer Währungsunion hat eine Zentralbank aber das Problem, dass sie diese Ziele für alle Mitglieder erreichen will, so auch in unserem Modell.
Da Land A und Land B identisch sind, haben sie das gleiche volkswirtschaftliche Potential Y*, und damit folgt aus den obigen Gleichungen unmittelbar, dass unsere Zentralbank ihr Ziel nur dann erreichen kann, wenn der Wechselkurs E=1 ist. In diesem Fall ist das BIP in beiden Ländern gleich und die Zentralbank kann den Zinssatz so festlegen, dass es Y* entspricht. Weicht dagegen E von 1 ab, dann hat die Zentralbank zwei Alternativen.

Alternative I (Inflation):

Sie setzt r so, dass das BIP in dem Land mit dem kleineren BIP Y* entspricht. In diesem Fall liegt das BIP in dem anderen Land über Y*, so dass hier die relativen Preise steigen (Inflation) und mit der Zeit E wieder 1 erreicht.

Alternative D (Deflation):

Sie setzt r so, dass das BIP in dem Land mit dem größeren BIP Y* entspricht. In diesem Fall werden die Preise in dem anderen Land sinken (Deflation) so dass auch auf diesem Wege E irgendwann wieder 1 erreicht, das dauert aber deutlich länger wegen der nominellen Rigidität der Preise und vor allem der Löhne nach unten.

So, und nun kommt der entscheidende Punkt – wenn der reale Wechselkurs 1 ist, bedeutet es gleichzeitig, dass die Handelsbilanzen der beiden Länder ausgeglichen sind. Was aber nun, wenn ein Land, z.B. Land A unbedingt eine positive Handelsbilanz haben möchte (warum, ist nicht der Gegenstand von diesem Beitrag, aber sagen wir, weil das Land sehr stolz auf seine Exportindustrie ist)? In diesem Fall würde das Land A eine reale Abwertung betreiben, d.h. sein Preisniveau gegenüber dem Land B durch diverse wirtschaftspolitischen Maßnahmen, speziell in der Lohnpolitik absenken. Die Folge: das BIP steigt im Land A und sinkt im Land B, d.h. Land A hat sein Ziel der positiven Handelsbilanz erreicht (oder wie man es so schön sagt seine Wettbewerbsfähigkeit verbessert), seine Arbeitslosigkeit gesenkt und das alles auf Kosten des Landes B.

Solche Politik nennt man „beggar my neigbor„, auf Deutsch „meinen Nachbarn ausplündern“ und, wenig überraschend, sind die jeweils „ausgeplünderten“ Nachbarn meistens nicht gerade begeistert darüber. In unserem Modell könnte allerdings die Zentralbank die durch die Politik des Landes A entstandene Schieflage relativ schnell wieder geradebiegen, indem sie in ihrer Geldpolitik die inflationäre Alternative wählt. Dagegen kann sich das Land A aber laut wehren, indem es z.B. folgende Behauptungen aufstellt:

1. Die unausgeglichene Handelsbilanz ist kein Problem, sie ist doch durch Marktkräfte entstanden.
2. Das Land B soll an seiner Wettbewerbsfähigkeit arbeiten (was auch immer das ist) und Reformen durchführen.
3. Eine inflationäre Politik ist absolut unzulässig, weil die Zentralbank nur auf Preisstabilität zu achten hat.
4. Die Deflation ist kein Problem, dann haben die Verbraucher doch mehr Geld in der Tasche
5. XXX

Ich denke man braucht keine besondere Phantasie um einige Parallelen zwischen unserer Modell-Währungsunion und der ganz realen Europäischen Währungsunion zu erkennen (obwohl die reale Situation, wie immer, weit komplexer ist). Deutschland ist (im Moment zumindest) unser Land A und wehrt sich laut dagegen die in den letzten Jahren gewonnenen Vorteile wieder zu verlieren, zumindest in der Wahrnehmung der angelsächsischen Ökonomen.

Und die Moral der Geschicht‘ ist…

Wenn man gemeinsam mit anderen etwas tut, z.B. eine Währungsunion baut, kommt es sehr schlecht an, wenn man dabei ausschließlich eigene Ansichten und Interessen im Blick hat. Dann sollte man es vielleicht ganz lassen.

Advertisements

Nur Bares ist Wahres

In meinem letzten Beitrag ging es um die Entwicklung der Geldbasis im Euro-Währungsraum, vor allem darum, wie diese Entwicklung, anders als die öffentliche Meinung in Deutschland zu wissen glaubt, in den letzten Jahren eher unterdurchschnittlich verlaufen war, wie die folgende Grafik zeigt:

Geldbasisentwicklung im Euro-Währungsgebiet

Der heutige Beitrag schließt an dieses Thema an, aber mit einem Fokus auf eine Komponente der Geldbasis, die uns (jedenfalls den meisten von uns) in unserem täglichen Leben zwar bei jedem Supermarkteinkauf ständig begegnet, von den Ökonomen und Wirtschaftsjournalisten aber als unwichtig abgetan wird. Die Rede ist natürlich vom Bargeld. So schreibt auch Wolfgang Münchau in seiner Spiegel-Kolumne, aus der ich schon beim letzten Mal zitiert habe, folgendes:

Die Geldbasis enthält zwei Komponenten. Die eine ist das Bargeld. Es ist kein sehr großer Teil und spielt bei Anleihekäufen keine Rolle. Volkswirtschaftlich gesehen ist Bargeld nichts anderes als Peanuts. Die zweite Komponente sind die Bankreserven.

Der amerikanische Ökonom Kenneth Rogoff schlägt sogar vor das Bargeld komplett abzuschaffen, da kein Mensch es brauche. Auf meinen persönlichen Alltagserfahrungen basierend war ich auch der Meinung, dass die Banknoten und Münzen ein Relikt der Vergangenheit sind, das immer weniger gebraucht wird und … wurde durch einen Einblick in die Statistiken der EZB eines besseren belehrt. In der nun folgenden Grafik sieht man die Entwicklung der Euro-Geldbasis sowie deren Bestandteile (Bargeld und Bankreserven) seit Januar 2002:

GeldbasisBestandteile

Aus der Grafik gewinnt man zwei wichtige Erkenntnisse: Erstens, das Bargeld ist keineswegs am Verschwinden, ganz im Gegenteil, dessen Menge wuchs in den vergangenen Jahren schneller als die gesamte Geldbasis und zwar sage und schreibe um ca. 9,5% pro Jahr. Dementsprechend wuchs auch der Anteil des Bargeldes an der Geldbasis von 60% auf über 80%. Zweitens, und das ist sehr wichtig, war der Wachstum der Bankreserven, auf die es, wie Herr Münchau richtig schreibt, in der Geldpolitik alleine ankommt, denn sie sind der „Stoff“ aus dem die Banken Geld schöpfen, noch enttäuschender als man alleine aus der Geldbasisgrafik vermuten könnte – deren Umfang liegt heute nur 6% über dem Niveau von August 2009 wieder, kurz vor der ersten Bilanzausweitung.

Fast könnte man denken, Mario Draghi und seine Kollegen hätten nicht so ganz Unrecht, wenn sie danach trachten die EZB-Bilanz wieder auszuweiten.

Interessant wäre natürlich die Frage was denn mit dem vielen Bargeld passiert, das die Bankkunden so fleißig abheben. Laut dieser Untersuchung der Bundesbank, die sich allerdings nur auf Deutschland bezieht, werden ganze 90% des abgehobenen Bargeldes entweder ins Ausland verfrachtet oder gehortet, nur die restlichen 10% werden tatsächlich als Zahlungsmittel eingesetzt. Durch die volle Berücksichtigung des Bargeldes in der EZB-Bilanz, zumindest 25%-35% Auslandsnutzung gehören ja definitiv nicht rein, entsteht also ein systematisch nach oben verzerrtes Bild.

P.S

Völlig am Thema vorbei, aber jetzt weiß ich definitiv, warum ich die CSU niemals wählen würde. Möchte gerne das Recht behalten zu Hause und mit Freunden auch mal chinesisch zu sprechen, wenn mir danach ist. Zugegebenermaßen würde ich die CSU auch zuvor kaum wählen, alleine schon aus dem Grund, dass sie in Hamburg gar nicht zur Wahl steht.