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Wie man seine Nachbarn ausplündert

Der Wirtschaftswurm schießt sich in seinem letzten Beitrag auf Paul Krugman ein, der „populistisches Deutschland-Bashing“ betreibe. Ferner wirft er ihm vor „grundlegende volkswirtschaftliche Begriffe“ zu verwechseln. Paul Krugman wird es wahrscheinlich nicht viel ausmachen, der ist Kummer gewohnt, und versteht außerdem kein Deutsch, nichtsdestotrotz ist es ein interessantes Thema, weshalb der heutige Beitrag ein wenig in die Tiefe geht und ein Paar Gleichungen beinhaltet (schon lange nicht mehr gehabt).

In der Tat wird die deutsche Wirtschaftspolitik in der angelsächsischen Wirtschaftsblogosphäre stark kritisiert, neben Paul Krugman ist es vor allem Simon Wren-Lewis, der sich immer wieder über die deutschen wirtschaftspolitischen Vorstellungen aufregt. Was wirft man Deutschland nun genau vor?

Das versteht man am besten, wie das so oft ist, anhand eines sehr einfachen Lehrbuchmodels, das ich direkt einem (reichlich teuren) Buch von … Paul Krugman (keine Ahnung von grundlegenden Begriffen aber trotzdem Lehrbücher darüber schreiben, ich frage mich wie Arne es im Studium ausgehalten hat) entnommen und für den Fall einer Währungsunion angepasst habe.

Das Model besteht aus zwei absolut identischen Ländern A und B, die miteinander eine Währungsunion mit einer gemeinsamen Zentralbank bilden. Ganz nach Lehrbuch gilt für das BIP im Land A (ich lasse die Staatsausgaben der Einfachheit wegen aus):

\bf Y_a = cY_a+I(r)+\beta(E)Y_b-\beta(\frac 1 E)Y_a

Dabei sind die letzten zwei Glieder der Gleichung der Export aus A nach B und der Import aus B nach A. Beide hängen positiv vom BIP des importierenden Landes und negativ vom realen Wechselkurs des exportierenden Landes E bzw. 1/E, der im Fall einer Währungsunion schlicht dem Verhältnis der Preisniveaus der beiden Länder entspricht. Das Glied I(r) sind die Investitionen, deren Größe von dem durch die gemeinsame Zentralbank festgelegten Zinssatz abhängt (je niedriger der Zinssatz desto höher die Investitionen).

Für das BIP des Landes B gilt dementsprechend:

\bf Y_b = cY_b+I(r)+\beta(\frac 1 E)Y_a - \beta(E)Y_b

Nach einigen Umformungen bekommt zwei folgende grundlegende Zusammenhänge heraus:

Für das gemeinsame BIP der Währungsunion gilt dann (wenig überraschend) folgendes:

\bf Y = Y_a + Y_b = \frac {2I(r)} {(1-c)}

Und für die Differenz der BIP’s der beiden Länder gilt:

\bf Y_a - Y_b = \frac {\beta(\frac 1 E)-\beta(E)} {1-c}Y

Was lernt man nun daraus? Nun zum einen wird in unserem Model das BIP der Währungsunion durch die Zentralbank festgelegt (wir haben ja keine Staatsausgaben und somit auch keine Fiskalpolitik), indem sie den Zinssatz setzt. Der Zinssatz bestimmt die Investitionen und die Investitionen via Multiplikator \bf  \frac 1 {(1-c)} das BIP. Wie hoch sollte der Zinssatz nun sein? Auch das ist (meines Wissens) unstrittig, moderne Zentralbanken versuchen immer den Zinssatz so zu setzen, dass die BIP-Größe dem Potential der Volkswirtschaft entspricht, oder anders formuliert, dass Vollbeschäftigung und gleichzeitig Preisstabilität erreicht wird. In einer Währungsunion hat eine Zentralbank aber das Problem, dass sie diese Ziele für alle Mitglieder erreichen will, so auch in unserem Modell.
Da Land A und Land B identisch sind, haben sie das gleiche volkswirtschaftliche Potential Y*, und damit folgt aus den obigen Gleichungen unmittelbar, dass unsere Zentralbank ihr Ziel nur dann erreichen kann, wenn der Wechselkurs E=1 ist. In diesem Fall ist das BIP in beiden Ländern gleich und die Zentralbank kann den Zinssatz so festlegen, dass es Y* entspricht. Weicht dagegen E von 1 ab, dann hat die Zentralbank zwei Alternativen.

Alternative I (Inflation):

Sie setzt r so, dass das BIP in dem Land mit dem kleineren BIP Y* entspricht. In diesem Fall liegt das BIP in dem anderen Land über Y*, so dass hier die relativen Preise steigen (Inflation) und mit der Zeit E wieder 1 erreicht.

Alternative D (Deflation):

Sie setzt r so, dass das BIP in dem Land mit dem größeren BIP Y* entspricht. In diesem Fall werden die Preise in dem anderen Land sinken (Deflation) so dass auch auf diesem Wege E irgendwann wieder 1 erreicht, das dauert aber deutlich länger wegen der nominellen Rigidität der Preise und vor allem der Löhne nach unten.

So, und nun kommt der entscheidende Punkt – wenn der reale Wechselkurs 1 ist, bedeutet es gleichzeitig, dass die Handelsbilanzen der beiden Länder ausgeglichen sind. Was aber nun, wenn ein Land, z.B. Land A unbedingt eine positive Handelsbilanz haben möchte (warum, ist nicht der Gegenstand von diesem Beitrag, aber sagen wir, weil das Land sehr stolz auf seine Exportindustrie ist)? In diesem Fall würde das Land A eine reale Abwertung betreiben, d.h. sein Preisniveau gegenüber dem Land B durch diverse wirtschaftspolitischen Maßnahmen, speziell in der Lohnpolitik absenken. Die Folge: das BIP steigt im Land A und sinkt im Land B, d.h. Land A hat sein Ziel der positiven Handelsbilanz erreicht (oder wie man es so schön sagt seine Wettbewerbsfähigkeit verbessert), seine Arbeitslosigkeit gesenkt und das alles auf Kosten des Landes B.

Solche Politik nennt man „beggar my neigbor„, auf Deutsch „meinen Nachbarn ausplündern“ und, wenig überraschend, sind die jeweils „ausgeplünderten“ Nachbarn meistens nicht gerade begeistert darüber. In unserem Modell könnte allerdings die Zentralbank die durch die Politik des Landes A entstandene Schieflage relativ schnell wieder geradebiegen, indem sie in ihrer Geldpolitik die inflationäre Alternative wählt. Dagegen kann sich das Land A aber laut wehren, indem es z.B. folgende Behauptungen aufstellt:

1. Die unausgeglichene Handelsbilanz ist kein Problem, sie ist doch durch Marktkräfte entstanden.
2. Das Land B soll an seiner Wettbewerbsfähigkeit arbeiten (was auch immer das ist) und Reformen durchführen.
3. Eine inflationäre Politik ist absolut unzulässig, weil die Zentralbank nur auf Preisstabilität zu achten hat.
4. Die Deflation ist kein Problem, dann haben die Verbraucher doch mehr Geld in der Tasche
5. XXX

Ich denke man braucht keine besondere Phantasie um einige Parallelen zwischen unserer Modell-Währungsunion und der ganz realen Europäischen Währungsunion zu erkennen (obwohl die reale Situation, wie immer, weit komplexer ist). Deutschland ist (im Moment zumindest) unser Land A und wehrt sich laut dagegen die in den letzten Jahren gewonnenen Vorteile wieder zu verlieren, zumindest in der Wahrnehmung der angelsächsischen Ökonomen.

Und die Moral der Geschicht‘ ist…

Wenn man gemeinsam mit anderen etwas tut, z.B. eine Währungsunion baut, kommt es sehr schlecht an, wenn man dabei ausschließlich eigene Ansichten und Interessen im Blick hat. Dann sollte man es vielleicht ganz lassen.

Das Bedingungslose Grundeinkommen und soziale Gerechtigkeit

Die Idee zum heutigen Beitrag ist mir nach einer ausgedehnten Diskussion über volkswirtschaftliche Themen mit einem Freund von mir gekommen. Der besagte Freund ist mit seinen (wirtschafts)politischen Präferenzen auf der politischen Skala noch weiter links als ich angesiedelt, und im Verlauf der Diskussion meinte er, dass seiner Meinung nach der Staat mit seiner Wirtschaftspolitik dafür sorgen sollte, dass die niedrigsten Einkommen maximiert werden. Das ist m.E. ein sehr interessanter Vorschlag, denn er beschreibt im Prinzip das Dilemma einer linken Wirtschaftspolitik – man will einerseits möglichst viel von den Wohlhabenden zu den Armen umverteilen, setzt man aber die Steuern auf die Wohlhabenden, mit denen man diese Umverteilung finanziert, zu hoch ein, besteht die Gefahr, dass die Produktion und damit auch die Steuereinnahmen sinken, so dass die Armen davon weniger kriegen, als bei einer niedrigeren Besteuerung (dazu später im Beitrag mehr). Die Aufgabe einer linken Wirtschaftspolitik besteht also darin für die gegebene Volkswirtschaft einen optimalen Steuersatz zu finden, der die größtmögliche Wohlfahrt der Armen sicherstellt.

Der Freund verspricht sich auch sehr viel von der Idee des Bedingungslosen Grundeinkommens (BGE), im politischen Diskurs auch als Bürgergeld bekannt, obwohl der zweite Begriff auch für Ideen benutzt (oder soll ich sagen missbraucht) wird, die mit dem ursprünglichen BGE wenig gemeinsam haben (sie z.B. das FDP-Bürgergeld).

Und so kam mir die Idee anhand einer kleinen Modellwirtschaft zu analysieren, was passiert, wenn man das BGE einführt und dessen Parameter (Steuerbelastung und BGE-Beitrag) so wählt, dass die (Gesamt)Einkommen der armen Mitglieder der Gesellschaft maximiert werden.

Bevor ich nun damit beginne mein Modell vorzustellen, ein Paar kurze Worte zur genauen BGE-Ausgestaltung, die ich in diesem Beitrag verwenden werde – denn davon gibt es viele. Meine Variante ist sehr einfach – das Bürgergeld wird durch eine Umsatzsteuer finanziert, der Steuersatz wird von der Regierung bestimmt und jeder Bürger bekommt einen festen Betrag ausgezahlt, unabhängig von seiner persönlichen Situation. Diese Ausgestaltung entspricht weitgehend dem Ulmer Modell des BGE.

Das Modell

Das Modell ist denkbar simpel – es ist eine Volkswirtschaft, in der genau zwei Personen (Bürger) leben. Beide Bürger produzieren und konsumieren ein einziges Gut allerdings unterschiedlich produktiv, die (lineare) Produktionsfunktion des jeweiligen Bürgers sieht wie folgt aus:

\bf Y_i = {w_i}{l_i} – Index i=1,2 bezieht sich jetzt und im weiteren Verlauf auf den jeweiligen Bürger.

Die Bedeutung der Variablen:

\bf Y_i – die Produktion des i-ten Bürgers
\bf l_i – die Arbeitszeit des i-ten Bürgers
\bf w_i – die Produktivität des i-ten Bürgers, also seine Produktion pro Arbeitszeiteinheit

Der jeweilige Bürger wählt seine Arbeitszeit, indem er, wie bei ökonomischen Modellen üblich, seine Nutzenfunktion optimiert, die von zwei Parametern abhängt, seinem Konsum \bf c_i und seiner Freizeit \bf f_i . Beide Bürger haben in unserem Modell die gleiche Nutzenfunktion, welche die bei den Ökonomen so beliebte Cobb-Douglas-Form hat:

\bf u({c_i},{f_i}) = {c_i}^{\alpha}{f_i}^{1-\alpha}

Die maximale Arbeitszeit eines Bürgers beträgt \bf {l_{max}} , es gilt also:

\bf {l_i}+{f_i}={l_{max}}

Wir definieren noch zwei weitere Parameter – die Basisproduktivität \bf w und ein Leistungskoeffizient \lambda > 0 , so dass für die Produktivität des ersten Bürgers, den wir fortan arm nennen, folgendes gilt: \bf w_1=w . Die Produktivität des zweiten, reichen, Bürgers (den unsere Politiker bestimmt Leistungsträger der Gesellschaft nennen würden), ist \bf w_2=w(1+\lambda) – der reiche Bürger ist also produktiver als der arme, um wie viel, bestimmt das Leistungskoeffizient.

So, das Modell ist nun fertig und bevor es weiter geht, möchte ich noch ein Paar Worte zu einer sehr nützlichen Eigenschaft der Cobb-Douglas-Nutzenfunktion verlieren, die bei meinen Berechnungen eine zentrale Rolle gespielt hat:

Nehmen wir an, wir haben eine Zwei-Parameter-Cobb-Douglas-Nutzenfunktion \bf u(x,y) = {\beta}x^\alpha{y}^{1-\alpha} und für die Parameter gilt folgende Bedingung (oft als Budgetbeschränkung bezeichnet) \bf {p_x}x+{p_y}y = B  . Wenn x,y nun so gewählt werden, das u(x,y) maximiert wird, dann gilt immer \bf \frac {{p_x}x}{{p_y}y} = \alpha  – das nennt man auf englisch „constant share property“.

Um die Berechnungen zu vereinfachen, setzen wir jetzt den Parameter \bf \alpha in unserem Modell auf 0,5 und betrachten anschließend das Basisszenario:

Das Basisszenario

Im Basisszenario werden unsere Bürger vom Staat nicht behelligt und dürfen ihre Produktion ganz für sich behalten, es gilt also : \bf {c_i}={l_i}{w_i} . Es folgt:

\bf {l_i} + {f_i} = \frac{c_i}{w_i}+{f_i} = {l_{max}} und daraus, durch die Nutzung „constant share property“, \bf {c_i} = {\frac12}{l_{max}}{w_i} und \bf {l_i} = {\frac12}{l_{max}} . Auf sich allein gestellt arbeiten unsere Bürger also genau die Hälfte der maximal möglichen Zeit. Die Produktion der Volkswirtschaft beträgt hier:

\bf Y = {Y_1}+{Y_2} = {l_1}{w_1}+{l_2}{w_2} = {\frac12}{l_{max}}{w}(2+\lambda)

Das BGE-Szenario

Das Basis-Szenario ist zwar, wie wir später sehen werden, hinsichtlich der erzielten Gesamtproduktion der optimalste, nicht aber, wenn man die soziale Gerechtigket in Betracht zieht, denn der arme Bürger konsumiert hier nur das, was er in der Lage ist zu produzieren, und das ist um den Faktor 1+\lambda weniger als sich sein reicher Nachbar leistet. Das empfindet derr Arme als ungerecht, insbesondere wenn 1+\lambda groß ist und die höhere Produktivität des reichen Bürgers nicht auf dessen eigene Leistung (was auch immer darunter zu verstehen ist), sondern auf Besitzverhältnisse zurückzuführen ist. Wenn es sich z.B. um eine Agrargesellschaft handelt, könnte es sein, dass der Reiche schlicht mehr und besseres Land geerbt hat als der Arme, da kann sich der Arme noch so abstrampeln, seine Erträge sind trotzdem viel kleiner.

Also beschwert sich der Arme bei der (himmlischen?) Regierung, und diese führt in unserer Volkswirtschaft ein BGE-System ein. Im Einzelnen bedeutet es, dass die Produktion beider Bürger mit einem festen Steuersatz \bf \tau  besteuert wird und aus den Steuereinnahmen ein BGE-Betrag b finanziert wird, der an die Bürger (zurück)gezahlt wird. Für unser Modell bedeutet es folgende Änderungen (die Berechnungen führe ich jetzt nicht mehr im Einzelnen aus, da zu komplex, sie sind aber analog dem Basisszenario):

\bf c_i=(1-\tau){l_i}{w_i}+b
\bf l_i=max(0,{\frac12}(l_{max}-\frac{b}{{w_i}(1-\tau)})

Wir haben nun also das erste vorläufige Ergebnis unseres Modells:

Gegenüber dem Basisszenario arbeiten beide Bürger im BGE-Szenario weniger, bis hin zur kompletten Einstellung der Arbeit, die Produktion der Volkswirtschaft fällt also. Das würde aber eine linke Regierung als Preis für mehr soziale Gerechtigkeit in Kauf nehmen, umso mehr, wenn die ursprüngliche Ungleichheit sehr groß ist.

Damit die Regierung den BGE-Betrag b auszahlen kann, müssen die Steuereinnahmen 2b betragen, es gilt also \bf b = {\frac12}{\tau}Y = {\frac12}{\tau}({l_1}{w_1}+{l_2}{w_2}) . Da aber \bf l_1 und \bf l_2 wiederum von \bf \tau und b abhängen, heißt es, dass unsere Regierung den BGE-Betrag und den Steuersatz nicht unabhängig voneinander bestimmen kann, vielmehr bestimmt der Steuersatz den erzielbaren BGE-Betrag.

Die Aufgabe unserer Regierung besteht nun darin den Steuersatz \bf \tau  so zu wählen, dass der Armenkonsum \bf c_1  maximiert wird. Diesen Steuersatz bezeichnen wir im Folgenden optimal.

Schauen wir uns nun an, wie sich die Produktion, die Steuereinnahmen, und dem Konsum beider Bürger abhängig vom Steuersatz entwickeln. Ich habe die Abhängigkeit der vier Größen vom Steuersatz für drei unterschiedliche Leistungskoeffizientswerte berechnet und diese in jeweils einer Grafik dargestellt. Die Ergebnisse sehen so aus:

1. \lambda = 1 – egalitäre Gesellschaft

bgeeinkommen_2

Hier haben wir es mit einer ziemlich egalitären Gesellschaft zu tun – im Basisszenario würde der Reiche „nur“ doppelt so viel wie der Arme konsumieren. Und, Überraschung, in diesem Szenario macht BGE keinen Sinn, der optimale Steuersatz beträgt 0%.

2. \lambda = 3 – moderat ungleiche Gesellschaft

bgeeinkommen_4

Die Ungleichheit wird nun größer – im Basisszenario würde der Reiche das vierfache des Armen konsumieren. Der optimale Steuersatz beträgt nun 17%. Der Konsum des Armen steigt durch die Einführung des BGE um 2,3 % im Vergleich zum Basisszenario. Der Preis dafür ist, dass die Gesamtproduktion nun um 9,2% niedriger ist.

2. \lambda = 7 – stark ungleiche Gesellschaft

bgeeinkommen_8

Jetzt haben wir eine stark ungleiche Gesellschaft – im Basisszenario würde der Reiche das achtfache des Armen konsumieren. Der optimale Steuersatz beträgt nun 67% Prozent. In diesem Szenario würde der Arme durch die Einführung des BGE viel gewinnen – sein Konsum stiegt nun um ganze 77%. Der Preis dafür ist nun, dass die Gesamtproduktion um 41% niedriger ist. Zudem gibt es noch eine weitere Nebenwirkung, die sich politisch schwer verkaufen ließe – der Arme stellt die Arbeit nun komplett ein und lebt nur noch vom BGE.

Fazit

Was lernen wir nun aus unserem Modell? Die gezogenen Schlüsse sind sicherlich auch von den politischen Preferenzen abhängig, m.E. sind sie wie folgt:

1. Wenig überraschend wird jede Umverteilung, auch durch BGE, durch das Absinken der Gesamtproduktion einer Gesellschaft erkauft.

2. Das BGE (mit einem optimalen Steuersatz) macht, wenn überhaupt, nur in moderat ungleichen Gesellschaften Sinn. Bei egalitären Gesellschaften braucht man keine Umverteilung, bei stark ungleichen Gesellschaften hat es den perversen Effekt die Armen zu Almosenempfängern zu machen, was politisch ungünstig ist.

3. Besser als BGE wäre es sicherlich, Maßnahmen zu ergreifen, die die Leistungsungleichheit senken. Je nachdem, was die Ursachen der Leistungsungleichheit sind, wären das z.B. Investitionen in Bildung, Steuern auf große Vermögen, Landreformen etc. etc.

EZB, OMT und Kosten-ohne-Nutzen-Analyse

Der Wirtschaftswurm hat sich erneut zum Thema OMT-Programm gemeldet, diesmal mit einem dreiteiligen Beitrag (Teil 1, Teil 2 und Teil 3), in welchem er größtenteils meine hier vorgestellten Thesen bespricht und kritisiert.

Eine Rekapitulation:

Ich habe anhand eines relativ einfachen Modells drei mögliche Szenarien für die Schuldensituation eines Landes herausgearbeitet, die ich anhand der folgenden Diagramme illustriert habe:

1. Das deutsche Szenario:

GovDebtTwoEqGermany

2. Das italienische Szenario:

GovDebtTwoEqItaly

3. Das griechische Szenario:

GovDebtTwoEqGreece

In allen drei Diagrammen stellt die rote Linie die Abhängigkeit des risikoadjustierten Zinses einer Staatsanleihe von deren nominalem Zins dar, während die blaue Linie für den derzeitigen risikolosen Zins steht. Die „umgedrehtes U“-Form der roten Linie ist wesentlich für meine Argumentation und hat mit der Tatsache zu tun, dass hohe Zinsen aufgrund einer hohen Staatsbankrottwahrscheinlichkeit, in einer Art Feedback-Effekt die besagte Wahrscheinlichkeit weiter erhöhen.

Das Gleichgewicht im Markt der Staatsanleihe stellt sich dann ein, wenn sich die beiden Linien schneiden und sowohl im „deutschen“ als auch im „italienischen“ Fall passiert es gleich zweimal. Der Markt hat also zwei Gleichgewichte A und B, anders als man es sonst gewohnt ist. Von diesen Gleichgewichten ist aber nur A stabil, während B bei kleinster Störung verlassen wird (siehe schwarze Pfeile). Noch wichtiger ist es aber, dass im Falle einer kurzfristigen Panik oder auch einer zielgerichteten Spekulation, die den Nominalzins hinter B treibt, das stabile Gleichgewicht A nicht mehr erreicht wird. Stattdessen entwickelt eine Todesspirale aus immer weiter steigenden Nominalzinsen bis die Staatspleite erreicht wird.

Der wesentliche Unterschied zwischen dem deutschen und dem italienischen Fall, die von der Form her ähnlich sind, besteht nun im Abstand zwischen A und B. Ist dieser relativ klein, so ist die Gefahr der oben beschriebenen Todesspirale naturgemäß großer, und genau hier liegt für mich (und nicht nur für mich) die Rechtfertigung für das OMT-Programm, dass dieses Szenario verhindert, indem es eine „Schallmauer“ zwischen A und B zieht.

Anders ist die Situation im „griechischen“ Szenario, hier gibt es gar keine Gleichgewichte, das Land hat also keinen Marktzugang, und somit wäre ein Eingriff der EZB unsinnig, und würde in der Tat eine Staatsfinanzierung bedeuten. Genau deshalb ist der volle Marktzugang ein Vorbedingung für die Teilnahme am OMT-Programm, die Platzierung von sechsmonatigen Anleihen reicht bei weitem nicht, anders als der Wirtschaftswurm suggeriert.

Was ist nun die Kritik vom Wirtschaftswurm:

Sie konzentriert sich auf das italienische und das griechische Szenario und besteht im wesentlichen aus zwei Punkten:

1. Es wird für die EZB in der Praxis schwierig zwischen dem italienischen und dem griechischen Szenario zu unterscheiden, so dass eine Gefahr besteht, dass die EZB in einem Grenzfallszenario eine Weile Staatsfinanzierung betreibt, bevor der Fehler erkannt ist (hoffentlich früh genug) und so mit wertlosen Papieren in ihrem Portfolio endet.

2. Das OMT-Programm selbst ändert durch seine bloße Existenz die Erwartungen der Marktteilnehmer und kann so ein ursprünglich griechisches in ein „italienisches“ Szenario verwandeln. Hierzu Wirtschaftswurm-Zitat:

Mit OMT-Programm kann sich der Anleger also sicher sein, dass er seine Anleihe immer zu einem Kurs von mindestens 90 loswird.

Ich stimme dem ersten Punkt uneingeschränkt zu. Zum zweiten Punkt lässt sich folgendes sagen: eine Wirkung des OMT-Programms ist zweifellos da, so einfach, wie Wirtschaftswurm es sich vorstellt ist sie aber auf keinen Fall. Die EZB übernimmt keine Bürgschaft für die betroffenen Anleihen, somit haben die Anleger immer noch ein Risiko auf den Anleihen sitzen zu bleiben, wenn sie diese nicht rechtzeitig vor dem Ausfall an die EZB abstoßen. Tun sie es aber zu früh und das Land geht doch nicht Pleite, entgehen ihnen Zinseinnahmen. So eine Situation ist aber sehr schwierig (für mich zumindest) zu analysieren und ich überlege gerade, wie man dies anstellen könnte :-). Vielleicht mache ich diese Analyse zu meinem nächsten Thema.

Der springende Punkt ist aber ein anderer: rechtfertigt die Existenz der beiden Gefahren eine Einstellung des OMT-Programms? Und damit kommen wir zum eigentlichen Thema des Beitrags:

Kosten-ohne-Nutzen-Analyse

Um eine Entscheidung für oder gegen das OMT-Programms zu treffen bedarf es nicht nur einer Abschätzung der Gefahren, die entstehen, wenn man OMT-Programm implementiert, sondern auch umgekehrt der Gefahren, die aus einem Nicht-Vorhandensein dieses Programms folgen. Es ist nämlich nicht so, dass der EZB-Rat dieses Programm aus purer Bosheit ins Leben gerufen hat, um den Blutdruck von Jens Weidmann in die Höhe zu treiben. Vielmehr sah der EZB-Rat zu diesem Zeitpunkt die reale Gefahr einer Implosion der Eurozone. Und bevor jemand jetzt sagt, eine solche Implosion sei höchst willkommen, sollte er zwei mal nachdenken, man hat schon einmal aus ähnlichen Motiven eine große Bank (Lehman Brothers, falls es jemand vergessen hat) in die Pleite geschickt, die Folgen sind bekannt.

Der Unterschied zwischen den OMT-Befürwortern und Gegnern besteht also keineswegs in der Blauäugigkeit der ersten und der Weitsichtigkeit der zweiten, sondern vielmehr darin, dass die ersten beide Seiten der Kosten/Nutzen-Analyse betrachten und sich fürs OMT-Programm entscheiden, durchaus mit einem unguten Gefühl, während die zweiten sich auschliesslich auf die Kosten, und seien diese noch so hypothetisch und entfernt, konzentrieren und den (aus meiner Sicht recht offensichtlichen) Nutzen völlig ignorieren. Darin erinnern sie mich an jemanden, der die Feuerwehreinsätze am liebsten verbieten würde, weil dabei gelegentlich Wasserschäden (auch bei am Brand völlig unschuldigen Nachbarn) entstehen.

Und um diesen Punkt zu illustrieren und den Beitrag (endlich) abzuschließen, noch ein Zitat:

Die Ankündigung des OMT Programms war bisher effektiv, um Finanzmärkte zu stabilisieren, Teile der Verzerrungen in Anleihemärkten zu reduzieren, den geldpolitischen Transmissionsmechanismus zu
verbessern und Preisstabilität zu gewährleisten. Diese kurzfistigen Effekte bedeuten jedoch nicht, dass
ein OMT Programm permanent effektiv sein wird. In der Tat gibt es Anzeichen, dass der kurzfristige
Erfolg der unkonventionellen Maßnahmen der EZB wichtige Kosten und Risiken über die mittlere und
längere Frist birgt. Es besteht vor allem die Gefahr, dass bei einem Scheitern der unkonventionellen
Maßnahmen die Glaubwürdigkeit und damit die Effektivität der EZB dauerhaft geschädigt wird.

Es ist die Aufgabe der Politik, institutionelle, rechtliche und wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen zu schaffen, damit sich diese Risiken nicht realisieren und damit die EZB so bald wie möglich ihre unkonventionellen Maßnahmen beenden kann.

Das Zitat stammt aus der Stellungsnahme Marcel Fratzschers für das Bundesverfassungsgericht.

P.S

Der Begriff Kosten-ohne-Nutzen-Analyse habe ich übrigens diesem höchst lesenswerten Beitrag aus dem Volxwirtshaft-Blog entnommen. Hans-Werner Sinn’s Veröffentlichungen (insbesondere in den Medien) sind mit ihrem leicht verschwörungstheoretischen Ansatz und einem dazu passenden anklagenden Ton in der Tat der Bespiel für die Kosten-ohne-Nutzen-Analyse.

EZB, OMT und multiple Gleichgewichte

Die Diskussion um das OMT-Programm der EZB ist zuletzt erneut aufgeflammt, nachdem Marcel Fratscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, einen Aufruf zur Unterstützung des Programms gestartet hat. Obwohl der Aufruf sicherlich gut gemeint ist, finde ich ihn persönlich eher kontraproduktiv, denn in einem solchen Rahmen ist es schlicht unmöglich Argumente für oder gegen das OMT-Programm angemessen darzustellen.

Heute möchte ich die besagten Argumente anhand eines einfachen Modells illustrieren, möchte aber warnen, dass diese nicht ganz einfach sind, weshalb sie sich für Ökonomenaufrufe, siehe oben, nicht wirklich eignen. Der Schlüsselbegriff in diesem Zusammenhang lautet multiple Gleichgewichte. Worum geht es hier? Nun die Kritiker des OMT-Programms, u.a. der Wirtschaftswurm, meinen, dass die EZB mit ihrem Programm den Staatsanleihenmarkt manipulieren würde, sobald das Programm aktiv wird, indem sie den Zins für die Anleihen von Italien, Spanien etc. künstlich unter dem Niveau hält, das der Markt sonst angesichts der Fundamentaldaten der betroffenen Länder im Gleichgewicht herstellen würde. So etwas stelle einen klaren Fall der Staatsfinanzierung dar, die der EZB ausdrücklich verboten ist. Hier ist ein Auszug aus einem Kommentar im Wirtschaftswurm-Blog (vom Kommentator Uli499), der für diese Sichtweise repräsentativ ist:

Ich als Steuerzahler finde es extrem beunruhigend, daß die aktuellen Zinssätze für die Anleihen der Südländer nicht das tatsächliche Risiko widerspiegeln.

Dahinter steckt zunächst einmal eine einfache Gleichung zur Bestimmung des Nominalzinses einer Staatsanleihe unter der Berücksichtigung der Staatsbankrottwahrscheinlichkeit:

\bf 1+i_r = (1-p_d)(1+i)

Hierbei ist \bf i – der nominale Zins, der von den Finanzinvestoren bei einer Staatsanleihe verlangt wird, \bf p_d ist die Wahrscheinlichkeit des Bankrotts des Landes und \bf i_r – der Ertrag der gleichwertigen risikolosen Anlage. \bf  i_r nennt man auch risikoadjustierten Zins. Beispiel: Unter der Annahme, dass deutsche Staatsanleihen, die im Moment als risikolos gelten, 1% Zinsen abwerfen, würde jemand, der italienische Staatanleihen kaufen soll, unter der Annahme einer 2%-Staatsbankrottwahrscheinlichkeit Italiens, einen Nominalzins von 3% verlangen. Wir nehmen übrigens sehr vereinfachend an, dass im Falle eines Bankrotts die Investoren ihr ganzes Geld verlieren, also keine „Haircuts“ stattfinden, und dass die Investoren risikoneutral sind.

Wenn wir nun zusätzlich annehmen, dass die Staatsbankrottwahrscheinlichkeit konstant ist, entsteht eine Situation, die im folgenden Diagramm dargestellt ist:

GovDebtSingleEq

Die blaue Linie stellt das Marktzinsniveau für risikolose Anlagen dar, während die rote den risikoadjustierten Zins einer Staatsanleihe in Abhängigkeit vom nominalen Zins darstellt.
Das Gleichgewicht im Markt dieser speziellen Staatsanleihe stellt sich dann ein, wenn sich die beiden Linien schneiden, also beim Nominalzins A. Noch wichtiger ist aber, dass dieses Gleichgewicht global stabil ist, d.h. bei kurzfristigen Abweichungen des Nominalzinses der Anleihe vom Gleichgewichtsniveau sorgen die Marktkräfte (schwarze Pfeile) dafür, dass das Gleichgewicht wieder hergestellt wird, und zwar unabhängig von der Größe der Abweichung. Hierbei wird angenommen, vernünftigerweise, dass, wenn der risikoadjustierter Zins der Anleihe über dem derzeitigen risikolosen Zins liegt, die Investoren beginnen die Anleihe vermehrt nachzufragen und dadurch den Nominalzins nach unten (im Diagramm nach links) treiben. Umgekehrt, wenn der risikoadjustierter Zins der Anleihe unter dem derzeitigen risikolosen Zins liegt, stoßen die Investoren die Anleihe ab und treiben dadurch den Nominalzins nach oben (bzw. rechts).

Das wäre im Wesentlichen das implizite Modell der OMT-Programm-Kritiker, so z.B. von Thorsten Polleit. Und auf den ersten Blick scheint die Argumentation korrekt zu sein – würde eine Zentralbank in den Markt eingreifen und den Nominalzins bei einem Wert unter A deckeln, würde sie dadurch einen permanenten Angebotsüberhang im Markt der Staatsanleihe erzeugen – genau das tat die FED in den vierziger und fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts, ohne freilich dass es zu einer Hyperinflation in den USA kam, die Thorsten Polleit, wie es sich für einen Ökonomen der österreichischen Schule ziemt, so gerne heraufbeschwört.

Wenn wir uns jedoch tiefer mit der Staatsbankrottwahrscheinlichkeit und den Faktoren, von denen sie abhängt, beschäftigen, dann wird klar, dass dieses einfache Model in der Praxis versagt. Die Staatsbankrottwahrscheinlichkeit hängt grundsätzlich von vielen Faktoren ab, von denen einige politisch, andere ökonomisch sind, unstrittig ist aber, dass zwei Faktoren eine sehr wichtige, ja entscheidende, Rolle spielen: die Staatsschuldenquote (das Verhältnis der Staatsschulden zum BIP) und der Nominalzins, den das Land auf seine Schulden zahlen muß. Das Produkt der beiden Werte bestimmt nämlich den Anteil des BIP, das ein Land für Zinszahlungen aufwenden muss, und wird dieser Anteil zu hoch, steigt die Wahrscheinlichkeit dass eine demokratische Regierung so hohe Zinszahlungen, und damit hohe Steuern bzw. niedrige Sozialausgaben, ihren Wählern nicht mehr zumuten kann und sich für eine Staatspleite entscheidet. Wir haben hier also einen Feedback-Effekt – für einen gegebenen risikoadjustierten Zins hängt der Nominalzins von der Staatsbankrottwahrscheinlichkeit ab, die ihrerseits vom Nominalzins abhängt.

Im weiteren Verlauf nehmen wir folgende Form der Staatsbankrottwahrscheinlichkeitsfunktion an, die die Abhängigkeit der Staatbankrottwahrscheinlichkeit von den genannten Faktoren beschreibt:

\bf p_d(D,i) = \begin{cases} {0, {Di}{\le}{\alpha}_1 } \\{{\frac {1}{e^{\beta}-1}}{({e^{\beta{\frac {Di-{\alpha}_1}{{\alpha}_2-{\alpha}_1}}}-1})}, {\alpha}_1 \le Di \le {\alpha}_2} \\{1,Di\ge {\alpha}_2}\end{cases}

Eine furchterregende Formel, zugegebenermaßen, die trotzdem etwas sehr einfaches aussagt: das Produkt der Schuldenquote D und des Nominalzinses i stellt bis zu einem bestimmten Grenzwert \bf {\alpha}_1 kein Solvenzrisiko dar (Staatsbankrottwahrscheinlichkeit = 0), danach beginnt die Staatsbankrottwahrscheinlichkeit exponentiell anzusteigen, bis sie beim weiteren Grenzwert \bf {\alpha}_2 den Wert 1 erreicht, also sicheren Staatsbankrott.

Wenn wir nun die obige Staatsbankrottwahrscheinlichkeitsfunktion in die Formel für den risikoadjustierten Zins einsetzen, wie sieht dann unser Diagramm aus? Abhängig von der Staatschuldenquote, sowie den Grenzwerten {\alpha}_1 und \bf {\alpha}_2 gibt es hier grundsätzlich drei Möglichkeiten, die ich im Folgenden vorstellen werde.

Beginnen wir mit dem Szenario, welches das OMT-Programm im Blick hat, ich nenne es hier „italienisches Szenario“:

GovDebtTwoEqItaly

Hier haben wir nicht nur ein Gleichgewicht, wie im OMT-Kritiker-Szenario, sondern zwei: A und B. Das Gleichgewicht B ist instabil, d.h. bei minimalen Abweichungen davon kehrt der Zins nicht mehr zurück, sondern treibt entweder Richtung A oder in den Bankrott. Das Gleichgewicht A ist stabil, aber nur lokal, was bedeutet, dass der Markt bei kleineren Abweichungen den Zins wieder zurücktreibt. Gibt es aber einen größeren Schock, der den Zins hinter B schiebt, wie z.B. wenn die Märkte einen EWU-Zerfall befürchten, dann sinkt der Zins nicht mehr wieder, sondern beginnt unaufhaltsam zu steigen bis zur Pleite. Ist nun der Abstand zwischen A und B eher klein, wie im Diagramm, dann ist die ganze Situation ausgesprochen fragil, denn auch eine kleinere Panik reicht um das Land zu ruinieren. Und genau da setzt das OMT-Programm an, es zieht eine „Schallmauer“ vor B, aber hinter A, indem es eine Höchstzinsgarantie abgibt. Dadurch stellt es sicher, dass Gleichgewichtsabweichungen keine katastrophalen Folgen mehr haben können und beruhigt damit die Märkte, so dass größere Abweichungen erst gar nicht entstehen:

GovDebtTwoEqItalyEZB

Noch hinzuzufügen wäre, dass in diesem Szenario der Zins auch im stabilen Gleichgewicht A über dem risikolosen Niveau liegt, anders als im jetzt folgenden „deutschen“ Szenario:

GovDebtTwoEqGermany

Auch hier gibt es wie im italienischen Szenario das stabile Gleichgewicht A und das instabile B, der Abstand zwischen den beiden ist aber so groß, dass die EZB-Schallmauer nicht benötigt wird. Ferner liegt der Zins im Gleichgewicht A auf dem risikolosen Niveau, d.h. die Anleihe ist absolut sicher.

Und zum Schluß kommt das „griechische Szenario“:

GovDebtTwoEqGreece

Hier gibt es kein einziges Gleichgewicht, der risikoadjustierte Zins liegt immer unter dem risikolosen Niveau. Die Konsequenz ist, dass kein rationaler Investor eine solche Anleihe kaufen würde, das Land hat keinen Marktzugang. In diesem Fall bringt würde ein Eingreifen der EZB eine Staatsfinanzierung bedeuten, weil die EZB die einzige wäre, die die Anleihen kauft. Und in der Tat ist das OMT-Programm ausdrücklich nur für Länder vorgesehen, die einen vollen Marktzugang besitzen.

Die Rückkehr zur DM und die wirtschaftlichen Folgen

Seit es die Alternative für Deutschland gibt, hat sich die DM-Wiedereinführung von einer Blogger-Spinnerei zu einer ernstzunehmenden politischen Option gemausert. Es ist im Moment zwar nicht davon auszugehen, dass so etwas in der nächsten Zeit tatsächlich passiert, andererseits, wenn es etwas gibt was uns die Euro-Krise gelehrt hat, dann ist es, wie schnell die Sachen, die noch gestern als undenkbar bezeichnet wurden, in einer Währungskrise Realität werden.
Höchste Zeit also für die Ökonomen ihre Modelle anzuwerfen und die wirtschaftlichen Folgen der Wiedereinführung abzuschätzen. Und der erste Wurf ist schon da – Ende April hat die Prognos AG eine Studie mit dem Titel Wirtschaftliche Vorteile der Euro-Mitgliedschaft für Deutschland vorgestellt, die ein lebhaftes Echo in den Medien gefunden hat. Wie bereits aus dem Titel zu erahnen ist, sieht die Studie eine Rückkehr zur DM als nachteilig für die deutsche Wirtschaft an und belegt es mit Hilfe eines Prognos-eigenen Wirtschaftsmodells, das in in der Studie leider nicht näher beschrieben wird.
Wie in einem solchen Fall nicht anders zu erwarten wäre, haben sich auch die Befürworter einer DM-Rückkehr zur Wort gemeldet und die Studie als wertlos abgetan. Neben einem Ökonomenstimme-Beitrag vom AfD-Mitbegründer Roland Vaubel, hat insbesondere dieser Beitrag von Ulrich van Suntum meine Aufmerksamkeit erregt. Der Grund ist, dass Herr van Suntum, neben der Kritik an mehreren Punkten der Prognos-Studie, die ich übrigens zum großen Teil teile, auch sein eigenes Modell vorstellt (nicht im Blog-Beitrag selbst, sondern in dem dazugehörigen Artikel), mit dem er das genaue Gegenteil der Prognos-These belegt haben will – nämlich, dass Deutschland bzw. deutsche Bevölkerung von einer DM-Wiedereinführung mehr oder weniger große Wohlfahrtsgewinne zu erwarten hat. Und weil das Modell erstens gut beschrieben und zweitens sehr einfach, um nicht zu sagen primitiv ist, eignet es sich hervorragend um eine leider wohlbekannte Tatsache zu illustrieren – nämlich, dass es sich zu jedem Standpunkt ein passendes Modell zurechtschnitzen läßt. Um das zu zeigen, werde ich im Folgenden zuerst das Suntum-Modell kurz beschreiben um dann ein paar Änderungen an diesem vorzunehmen, die seine Aussagen wieder erheblich relativieren.

Zuerst also zum Suntum-Modell, Zitat des Authors:

Wir betrachten zwei Länder, z.B. Deutschland (Land 1) und Italien (Land 2). Jedes Land produziert jeweils ein eigenes Güterbündel (X bzw.Y), konsumiert jedoch beide Güterbündel, so dass es zu Außenhandel kommt. Jedes Land hat jeweils eine eigene Währung (DM bzw. Euro) , wobei der Fall der Währungsunion durch einen festen Wechselkurs von 1 dargestellt werden kann. Beide Länder setzen Arbeit (A) als Produktionsfaktor ein, die anderen Produktionsfaktoren werden nicht explizit betrachtet. Der nationale Nominallohnsatz bestimmt gemäß der Grenzproduktivitätstheorie das nationale Beschäftigungsniveau.

Die Produktionsfunktionen haben eine für solche Modelle übliche Form:
\bf {X = {a_1}{A_1}^\alpha}
bzw.
\bf {Y = {a_2}{A_2}^\alpha}

Der Wechselkurs zwischen DM und Euro wird im Modell exogen bestimmt, was dazu führt, dass zuerst, wenn die Währungsunion noch besteht und der Wechselkurs 1 zu 1 ist, Land 1 positives Handelssaldo aufweist und Land2 entsprechend ein dazu spiegelbildlich negatives. Nach dem Ende der Währungsunion wertet die DM auf und das Saldo verschwindet.
Das letzte Zutat des Models ist die Nutzenfunktion (für Konsumenten beider Länder), für die eine Cobb-Douglas-Form angenommen wird:

\bf {U(x,y) = x^{\beta}y^{1-\beta}} – x,y sind dabei die Nachfrage nach (und das Angebot von, wir sind ja immer im Gleichgewicht) der Güter X und Y. Die Nachfrage wird in jedem Land durch Eigenproduktion des jeweils eigenen Gutes und durch den Import des „fremden“ Gutes befriedigt.
Die Cobb-Douglas-Funktion hat die überaus nützliche Eigenschaft, dass das Preisverhältnis der beiden Güter (das durch den Verhältnis des marginalen Nutzens bestimmt wird) umgekehrt proportional den nachgefragten Mengen ist, was die Berechnungen erheblich erleichtert:

\bf {\frac{p_x}{p_y}={\frac{\beta}{1-\beta}}{\frac{y}{x}}}

Aus der Produktionsfunktion kann wiederum der jeweilige Nominallohnsatz berechnet werden, dass laut Herrn van Suntum durch den Grenzwertprodukt der Arbeit bestimmt wird:

\bf {w_1={p_x}{a_1}{\alpha}{A_1}^{\alpha-1}}
\bf {w_2={p_y}{a_2}{\alpha}{A_2}^{\alpha-1}}

Nach einigen Umformungen und durchs Einsetzen von konkreten Parameterwerten kommt Herr van Suntum anschließend zu folgenden Ergebnissen:

  • Nach der Aufwertung bleibt der Nominallohnsatz im Land 1 (Deutschland) unverändert (daraus folgt wohl, dass es keinen Anlass gibt steigende Arbeitslosigkeit zu befürchten, selbst wenn man keynesianisch denkt)
  • Der Reallohn steigt aber, weil durch die Aufwertung der Preis des importierten Gutes Y sinkt.
  • Insgesamt fährt die Bevölkerung (sowohl Arbeitnehmer als auch Kapitaleigner) Wohlfahrtsgewinne ein

Alles in allem also sei eine solche Aufwertung eine positive Änderung für alle Beteiligten und sollte eher heute als morgen durchgeführt werden. Warum glaube ich das bloß nicht?
Nun, wie schon angedeutet, kommt es bei solchen Diskussionen sehr darauf an, welche Aspekte der realen Wirtschaft der Ökonom in sein Model aufnimmt und insbesondere welche er ausslässt. Um sein Ergebnis zu erreichen, hat Herr von Suntum einen für unsere Thema nicht unwichtigen Aspekt komplett ausgeblendet – die Tatsache nämlich, dass in einer realen Wirtschaft mehrere Güter produziert und nachgefragt werden. Wenn also die Auslandsnachfrage für die Exportgüter aufgrund einer Aufwertung ausfällt, wird sich die reale Wirtschaft nicht notwendigerweise sofort und ohne Probleme sich auf die neue Situation so einstellen, dass entweder die einheimischen Konsumenten in die Bresche springen (vielleicht wollen sie ja nicht) oder die Ressourcenallokation (Arbeitskräfte und Kapital) sich so verändert, dass mehr von den auf dem einheimischen Markt nachgefragten Gütern produziert wird. Wenn man eine Ein-Gut-Wirtschaft annimmt, wie Her van Suntum es tut, sind solche Probleme bequemerweise von vornherein ausgeschlossen.
Schauen wir uns also an, was passiert, wenn wir das Modell dahingehend verändern, dass Länder nicht nur ein sondern zwei Güterbündel produzieren – handelbare (Tradables) und nicht handelbare (Non-Tradables). Die Non-Tradables werden, wie der Name schon sagt ausschließlich für den internen Gebrauch produziert. Die Tradables dagegen werden sowohl intern produziert als auch ins Ausland verkauft, dabei tun wir einfachheitshalber so als ob,ökonomisch gesehen, die importierten und die im Land produzierten Tradables ununterscheidbar wären, beim Außenhandel geht es also nur darum die Vielfalt zu erhöhen. Und nun geht es zum Model-Formulieren, wobei wir uns nur af Land 1 (Deutschland) konzentrieren :

Die Produktionsfunktionen für Tradeables (Index t) und Non-Tradables (Index n):

\bf {Y_t = {a_t}{A_t}^\alpha}
bzw.
\bf {Y_n = {a_n}{A_n}^\alpha}

Die Nutzensfunktion für die Kombination von Tradeables (t) und Non-Tradables(n):

\bf {U(t,n) = t^{\beta}n^{1-\beta}}

Das Preisverhältnis der beiden Güter:

\bf {\frac{p_n}{p_t}={\frac{\beta}{1-\beta}}{\frac{t}{n}}}

Der Nominallohnsatz:

\bf {w={p_n}{a_n}{\alpha}{A_n}^{\alpha-1}={p_t}{a_t}{\alpha}{A_t}^{\alpha-1}}

Bis hierher ist es also sehr ähnlich dem van-Suntum-Modell. Wir nehmen jetzt ferner an, dass die Wirtschaft sind im Gleichgewicht befindet, so dass Angebot und Nachfrage sich decken. Der jetzt noch einzuführende Schlüsselparameter r unseres Modells ist das Verhältnis der Menge der im Land konsumierter zu der Menge der im Inland produzierter Tradeables. Ist r kleiner 1, hat das Land ein positives Handelsbilanzsaldo, bei r größer 1 negatives, und schließlich bei r=1 ist die Handelsbilanz ausgeglichen.
Falls die Rückkehr zur DM überhaupt Sinn machen sollte, dann um die permanenten Handelsungleichsgewichte innerhab der EWU zum Verschwinden zu bringen. Wir modellieren also einen Übergang im Land 1 von r kleiner 1 (im Beispiel r=0,9) zu r=1. Nach einigen Umformungen kommt man zum folgenden Ausdruck für das Verhältnis der Beschäftigtenzahlen im Tradeables- und Non-Tradeables-Sektor:

\bf {\frac{A_n}{A_t}={\frac{\beta}{1-\beta}}r}

Das heißt also, dass wenn r plözlich, aufgrund einer Aufwertung plötzlich ansteigt, eins von zwei Dingen (oder eine Kombination) passieren muß. Entweder sind die Arbeitnehmer und die Unternehmen so flexibel, dass ein Teil der Arbeitskräfte aus dem Tradables ins Non-Tradable-Sektor wechselt, so dass das Gleicgewicht wiederhergestellt wird. In diesem Fall wird aber auf jeden Fall der Nominallohn absinken, anders als im van Suntum-Modell. Oder aber, die Arbeitnehmer sind örtlich oder fachlich komplett unflexibel und/oder die Löhne starr. In diesem Fall werden die überschüssigen Arbeitskräfte im Tradables-Sektor einfach freigesetzt – es entsteht Arbeitslosigkeit.

Es bleibt nur noch ein Beispiel mit konkreten Parameterwerten anzuschauen. Zunächst die Werte für die festen Parameter der Land 1 – Wirtschaft:

Non-Tradables Tradables Gesamt
Produktionsfunktionsparameter a 1,0 1,1
Produktionsfunktionsparameter \alpha 0,5 0,5
Arbeitskräftepotential 20.000
Nutzensfunktionsparameter \beta 0,5 0,5

Und jetzt schauen wir uns an, was in diesem Beispiel passiert, wenn der r-Parameter sich plötzlich von 0,9 auf 1 springt, wodurch der Handelsbilanzüberschuß, wie oben erklärt, verschwindet. Folgende Tabelle beschreibt die Veränderungen der volkswirtschaftlichen Kenngrößen zwischen dem Anfangszustand mit r=0,9 und zwei Folgezuständen mit r=1. Im Folgezustand 1 findet eine Umverteilung der Beschäftigten zwischen den beiden Sektoren statt, verbunden mit dem Absinken des nominellen Lohn-Niveau, während im Folgezustand 2 stattdessen die „überflüssigen“ Beschäftigten im Tradable-Sektor entlassen werden.

Anfangszustand Folgezustand 1 Folgezustand 2
Beschäftigung Tradables-Sektor 10.526 10.000 9433
Beschäftigung Non-Tradables-Sektor 9733 10.000 9733
Output Tradables-Sektor 9733 10.000 9733
Preis Non-Tradables 1,00 DM 1,00 DM 1,00 DM
Preis Tradables 0,96 DM 0,91 DM 0,91 DM
Nominallohnsatz 0,51 DM 0,50 DM 0,51 DM
Nominallohnsatzveränderung -2% 0%
Arbeitslosigkeit 0% 0% 2,6%

Wie angekündigt, sind in diesem Modell die Ergebnisse weit weniger eideutig als im Eitel-Sonnenschein-Modell von Herrn van Suntum. Wir haben hier zwei Szenarios, von denen wir nicht wissen welches eintritt (es kann und wird wahrschenlich eine Mischung von beiden sein). In ersten Szenario sinkt der Nominallohn um 2%, wobei ehrlicherweise gesagt werden muß, dass dies aufgrund des sinkenden Tradables-Preises eine doch eine reale Lohnsteigerung bedeutet (aber ob die Arbeitnehmer das dann genauso empfinden?). Im zweiten Szenario sinkt der Lohn nicht, dafür aber steigt die Arbeitslosigkeit sprunghaft an – von 0% auf 2,6%. Basierend auf diesem Modell können wird jedenfalls die Frage „Würde eine Wiedereinführung der DM Arbeitsplätze kosten“, anders als Herr van Suntum in diesem, inzwischen erschienenen, Video-Beitrag zum gleichen Thema mit einem „wahrscheinlich ja“ beantworten, weil das Modell eben trotz seiner Primitivität die Arbeitslosigkeit zumindest grundsätzlich zulässt.