Monatsarchiv: Juni 2014

Rentenreformen und die Mackenroth-These

Rente mit 63 ist ungerecht und setzt falsche Anreize – das habe ich in meinen zwei Beiträgen zum Thema deutlich gemacht. Diese Reform ist jedoch nur eine aus einer ganzen Reihe der Reformen, denen das deutsche Rentensystem in den letzten Jahrzehnten unterworfen wurde. Im heutigen Beitrag geht es darum wie man eine Rentenreform und deren Auswirkungen sinnvollerweise bewertet (teilweise wurde ich dabei von diesem Beitrag Alexander Dilgers inspiriert).

Der Ausgang für eine solche Bewertung muss stets die Mackenroth-These sein:

Nun gilt der einfache und klare Satz, daß aller Sozialaufwand immer aus dem Volkseinkommen der laufenden Periode gedeckt werden muß. Es gibt gar keine andere Quelle und hat nie eine andere Quelle gegeben, aus der Sozialaufwand fließen könnte, es gibt keine Ansammlung von Periode zu Periode, kein ‚Sparen‘ im privatwirtschaftlichen Sinne, es gibt einfach gar nichts anderes als das laufende Volkseinkommen als Quelle für den Sozialaufwand …

Die Rentenreformen werden immer mit Blick auf die Zukunft beschlossen, obwohl sie natürlich auch in der Gegenwart Auswirkungen haben, deshalb sind vor allem die Folgen interessant, die in ca. 20-30 Jahren liegen. Da die zukünftigen Renten, wie die obige These uns sagt, stets aus dem zukünftigen Volkseinkommen gedeckt werden, muss man bei einer Rentenreform immer folgende drei Fragen stellen:

1. Welche Auswirkung hat die Rentenreform auf die Höhe des zukünftigen Volkseinkommens?
2. Wie wird das zukünftige Volkseinkommen zwischen der heutigen Generation, die über die Reform entscheidet, und der nächsten Generation umverteilt?
3. Wie wird das zukünftige Volkseinkommen innerhalb der heutigen Generation (die gleichzeitig die zukünftige Rentnergeneration ist) umverteilt.

Grundsätzlich sind aus meiner Sicht nur Rentenreformen sinnvoll, die das zukünftige Volkseinkommen steigern, durch eine höhere Sparquote oder durch die Erhöhung des Arbeitskräftepotenzials, denn die diese Reformen kann man in der Zukunft nicht oder nur schwer nachholen – das zusätzlich angesparte Kapitalstock ist schlicht nicht da und die verrentete Arbeitskräfte lassen sich schwer zurückholen. Die Umverteilungsreformen dagegen, die nur das Volkseinkommen von einer zu anderen Gruppe schieben, sind den politischen Aufwand, den sie verursachen, nur dann Wert, wenn deren Auswirkungen heute gerechtigkeitspolitisch geboten erscheinen, denn sie können zukünftig immer sowohl rückgängig gemacht als auch nachgeholt werden.

Nachfolgend beantworte ich mal die oberen drei Fragen, so wie ich die Antworten sehe, für die drei letzten Rentenreformen Jahrzehnts (die bestimmt nicht die letzten sein werden):

Rente mit 63:

Auswirkung auf das Volkseinkommen
– negativ, weil das Arbeitskräftepotenzial reduziert wird.

Umverteilung zwischen den Generationen – noch nicht klar, wird davon abhängen, wie man die Reform letztlich finanzieren wird – durch Beitrags- bzw. Steuererhöhungen oder durch das Senken des allgemeinen Rentenniveaus (oder beides).

Umverteilung innerhalb der (zukünftigen)Rentnergeneration – Umverteilung zugunsten einer relativ kleinen Gruppe – meistens männliche Facharbeiter.

Rente mit 67:

Auswirkung auf das Volkseinkommen
– positiv, weil das Arbeitskräftepotenzial erhöht wird.

Umverteilung zwischen den Generationen – neutral

Umverteilung innerhalb der (zukünftigen)Rentnergeneration – neutral

Riester- und Rüruprente

Auswirkung auf das Volkseinkommen
– möglicherweise positiv, wenn dadurch die volkswirtschaftliche Sparquote erhöht wird. Ist aber nicht klar, ob es wirklich passiert. Kann aber auch negativ sein, wenn durch die wg. der steuerlichen Förderung des Riestersparens fehlenden Mittel zu ausbleibenden staatlichen Infrastrukturinvestitionen führen.

Umverteilung zwischen den Generationen – Höchstwahrscheinlich eine Umverteilung zuungunsten der zukünftigen Generation, weil die steuerlichen Begünstigungen durch die zusätzliche staatliche Schuldenaufnahme, die wiederum (indirekt) von Riestersparern aufgenommen wird. Die Schulden müssen aber von der künftigen Generation bedient werden.

Umverteilung innerhalb der (zukünftigen)Rentnergeneration – neutral

Fazit:

Während die vorletzten zwei Reformen noch vorsichtig positiv zu betrachten sind (Rente mit 67 eindeutiger als die Riesterrente), ist die letzte Reform (Rente mit 63) eindeutig schädlich.

Sparen und die intertemporäre Substitutionselastizität

Noch ein Paar Anmerkungen zum Fahrenschon-Interview (siehe auch Über die Zinsen). Original-Ton Fahrenschon:

Die andere Seite macht mir noch viel mehr Sorgen. Wenn natürlich Millionen von Sparerinnen und Sparern durch diese niedrigen Zinsen irgendwie überhaupt keinen Anreiz mehr sehen, dann haben wir große, große Schwierigkeiten. Deutschland, ganz Europa muss sparen. Wir müssen für das Alter vorsorgen. Diese historisch niedrige Zinssituation macht falsche Signale.

Was Herr Fahrenschon uns also sagen will: Werden die Zinsen niedriger so gibt es weniger Anreize zu sparen, also wird weniger gespart mit entsprechend negativen Konsequenzen für die Zukunft Deutschlands bzw. Europas.

Klingt plausibel, doch wir wollen mal schauen – stimmt es denn überhaupt, dass Sparer bei niedrigeren Zinsen einen geringeren Teil ihres Einkommens auf die hohe Kante legen und entsprechend mehr heute konsumieren. Auf den ersten Blick scheint es tatsächlich absurd etwas anderes anzunehmen, wir wollen uns die Sache aber trotzdem genauer anschauen.

Wie im letzten Beitrag schon angedeutet, unterscheidet sich die Entscheidung, die ein Sparer trifft, wenn er sich, anhand der Zinshöhe, für mehr bzw. weniger Ersparnis entscheiden nicht grundsätzlich von einer Entscheidung, die ein Käufer vor einer Käsetheke in einem Supermarket trifft, wenn er für eine feste Summe zwei Sorten Käse erwerben will. In beiden Fällen gibt es zwei Güter und eine feste Summe, die man zwischen diesen beiden Gütern aufteilen will. Im Sparerfall handelt es sich bei den beiden Gütern um das heutige Konsum und das Konsum im Alter.

Schauen wir uns nun unseren Käsekäufer an. Nehmen wir an, er hat jede Woche 10 Euro zur Verfügung und hat es sich angewohnt jeweils für 5 EUR Tilsit und Butterkäse zu kaufen. Nun kommt er eines Tages in den Supermarket und stellt fest, dass der Preis von Butteräse sich verdoppelt hat. Wird er nun seine Ausgaben für Butterkäse reduzieren, erhöhen oder gleich lassen? Das hängt von seinen Präferenzen ab, speziell davon, wie unproblematisch es für ihn ist, auf seiner Speisekarte Butterkäse durch Tilsit zu ersetzen. Die Ökonomen sprechen in diesem Zusammenhang von der sogenannten Substitutionselastizität zwischen zwei Gütern.

Ist diese hoch (speziell > 1) sind die Güter für den Konsumenten leicht austauschbar, in unserem Fall würde der Käsekäufer die Ausgaben für Butterkäse reduzieren und stattdessen mehr Tilsit kaufen, das für ihm (fast) den gleichen Genuss bringt. Ist dagegen die Substitutionselastizität niedrig (<1), dann sind die Güter schlecht austauschbar, der Käsekäufer würde mehr für Butterkäse ausgeben (wenn auch nicht unbedingt eine größere Menge davon etwerben) und dafür weniger Tilsit nehmen. Beim Käse kann man davon ausgehen, dass die Substitutionselastizität hoch ist (bei mir auf jeden Fall), es gibt aber durchaus Güterpaare, bei denen es nicht der Fall ist. Ein gutes Beispiel für ein Güterpaar mit einer Substitutionselastzizität von 0 sind Tapeten und Kleister für eine Renovierung. Diese müssen immer in einem bestimmten Verhältnis zueinander gekauft werden, steigt also der Preis von Kleister, muss man bei einem festen Renovierungsbudget dafür mehr ausgeben und entsprechend weniger Tapete kaufen (und demzufolge eine kleinere Wandfläche tapezieren).

Nachdem nun hoffentlich klar ist wie das mit der Substitutionselastizität funktioniert – zurück zu unseren Sparern. Wie würden sie sich denn entscheiden, wenn die Zinsen sinken, das heißt der Preis des zukünftigen Konsums relativ zum heutigen steigt. Auch hier ist die Antwort abhängig von der Substitutionselastizität diesmal zwischen dem Konsum heute und im Alter – diese spezielle Substitutionselastizität nennt man intertemporäre Substitutionselastizität. Ist diese <1 sparen die Sparer bei einer Zissenkung mehr sonst weniger.

Herr Fahrenschons Aussage stimmt also allgemein keinesfalls, vielmehr ist die Reaktion der Sparer auf niedrigere Zinsen von deren Präferenzen abhängig. Gerade bei Sparern allerdings, die dem Idealbild von Herrn Fahrenschon entsprechen handelt es sich um Individuen, die sehr viel Wert auf einen möglichst gleichbleibenden Lebenstandard im Alter haben (der Author gehört leider zu dieser Spezie). Für diese Leute sind das heutige Konsum und das Konsum im Alter weit ähnlicher dem Tapeten-Kleister-Paar als dem Tilsit/Butterkäse – Paar. Also werden diese Sparer, und es handelt sich meiner Meinung nach um eine Mehrheit, als Reaktion auf eine Zinssenkung ihre Ersparnis nicht senken sondern umgekehrt steigern, was allerdings nicht heißt, dass sie diese Perspektive glücklich machen würde.

Über die Zinsen

Herr Fahrenschon, der Präsident des Deutschen Sparkassenverbandes hat sich wieder zu Wort gemeldet: die EZB enteigne mit ihrer Niedrigzinspolitik die Sparer.

Was mich im Bezug auf Herrn Fahrenschon wundert: Es ist ja nicht so, dass die EZB den Sparkassen verbieten würde, höhere Sparzinsen anzubieten, so eine Macht hat die EZB ja gar nicht. Wenn es also Herrn Fahrenschon so sehr an am Wohlergehen der Sparer liegt, was hindert ihn daran seinen Einfluss im Verband geltend zu machen und höhere Zinsen durchzusetzen? Alle würden sich doch freuen, inklusive der Sparer, die in Scharen zu den Sparkassen überlaufen würden (die Hausbauer würden in die Gegenrichtung laufen), bis auf die Sparkassen selbst natürlich, die dann niedrigere Gewinne hätten (oder auch Verluste), aber für einen guten Zweck kann man das doch in Kauf nehmen, oder?

Hinter der Aussage des Herrn Fahrenschon steckt aber eine in der (insbesondere älteren) Bevölkerung sehr verbreitete Einstellung, nämlich die, dass die Menschen, die auf sich das Opfer nehmen ein Teil ihres Einkommens nicht sofort zu konsumieren sondern (via Finanzsystem) zurückzulegen, die Sparer mit anderen Worten, für ihren Dienst an der Gesellschaft mit einem positiven Ertrag zu belohnen sind.

Eine Einstellung die zwar, wenn man die Perspektive der Sparer einnimmt, verständlich ist, aber leider komplett die Tatsache ausblendet, dass wir nun mal in einem Marktwirtschaftssystem leben, in dem der Preis für eine Leistung, wie zum Beispiel die Bereitstellung der Ersparnisse, sich nicht nach wie auch immer gestalteten Gerechtigkeitskriterien richtet, sondern (bei allen Einschränkungen) nach Angebot und Nachfrage.

Denn warum sparen die Sparer eigentlich? Die meisten tun es keineswegs aus altruistischen Motiven, wie uns solche Lobbyisten wie Herr Fahrenschon weismachen wollen, sondern vielmehr um die Möglichkeit zu haben im Alter, wenn sie nicht mehr so viel Einkommen aus Arbeit beziehen, ihr Konsumniveau doch aufrechterhalten zu können. Mit anderen Worten, sie verkaufen auf dem Markt (dem sogenannten Kapitalmarkt) ein Teil ihres heutigen Einkommens gegen das zukünftige Einkommen. Und wie auf jedem Markt, gibt es auf diesem Markt einen Preis, nämlich der Preis eines zukünftigen Euro, z.B. in einem Jahr, in heutigen Euros (wir blenden die Inflation aus, um uns auf reale Größen konzentrieren zu können). Zwischen dem Preis P eines EUR in einem Jahr und dem Sparzins r besteht eine einfache Beziehung:

r = (P-1)*100

Das heißt, wenn P kleiner als 1 EUR ist, ist der Sparzins negativ, sonst positiv. Wie ergibt sich nun der Preis P? Grundsätzlich wie auf jedem anderen Markt auch – durch Angebot und Nachfrage. Denn die Verwandlung eines heutigen EUR in einen zukünftigen passiert nun mal nicht von alleine, vielmehr braucht man dafür die Unternehmer, die die angebotenen Ersparnisse investieren und daraus zukünftige Einkommen generieren, indem sie Fabriken, Häuser und andere Formen von Sachkapital erschaffen. Sind aber die Unternehmer nicht willens oder in der Lage für einen heutigen EUR mehr als einen zukünftigen EUR zu generieren, dann fällt der Preis eben unter einen EUR, die Nachfrage nach Ersparnissen beim gegebenen Angebot ergibt einen negativen Sparzins. Diese Situation wird von den Ökonomen als sekuläre Stagnation bezeichnet und in der letzten Zeit wird in der englischsprachigen Blogosphere heiß diskutiert, ob die gesamte westliche Welt, nicht nur die Eurozone, sich momentan in dieser Phase befindet.

Bis jetzt habe ich in meinen Ausführungen die EZB noch gar nicht erwähnt, dabei ist sie für Herrn Fahrenschon ja die Hauptschurkin, die den Sparzins negativ werden lässt und dadurch die armen Sparer der verdienten Früchte ihrer Ersparnisse beraubt. Wie sieht also die Rolle der EZB aus?

Tatsächlich ist die Rolle der EZB auf dem Kapitalmarkt mit der zu vergleichen, die der Staat sonst manchmal auf den anderen Märkten spielt, indem er Mindest- oder Höchstpreise setzt. Ein prominenter Beispiel wäre der gerade in Deutschland eingeführte Mindestlohn. So kann auch die EZB den Marktzins abweichend vom sogenannten Gleichgewichtszins setzen (oder besser gesagt beinflüssen, eine direkte Kontrolle hat sie nicht) – der Gleichgewichtzins wäre der Zins, der sich im Idealfall auf dem Markt ergeben würde, wenn es die EZB gar nicht gäbe.

Somit können wir höchstens dann von einer „Enteignung“ sprechen, wenn die EZB den Marktzins dauerhaft unter dem Gleichgewichtszins halten würde. Dann wären allerdings auch alle Friseurkunden „enteignet“, die durch den Mindestlohn demnächst wohl höhere Preise zahlen werden, für mich ein sehr unpassender Begriff für den Sachverhalt.

Woran erkennt man aber, ob der Marktzins über oder unter dem Gleichgewichtszins liegt. Laut der heutigen Mehrheitsmeinung unter den Zentralbankpraktikern, zu unterscheiden von einigen akademischen Ökonomen, insbesondere den deutschen, erkennt man das an der Veränderungsrate der Inflation. Ist diese negativ, d.h. fällt die Inflation, liegt der Marktzins über dem Gleichgewichtszins, sonst darunter. Zuletzt war die Inflation in der Eurozone tendenziell im Sinken begriffen, daraus folgt, dass der Marktzins im Moment eher über dem Gleichgewichtszins liegt, die Sparer also keineswegs enteignet sondern vielmehr sogar mehr kriegen, als ihnen auf dem idealen Markt zustehen würde.

Warum senkt nun die EZB die Zinsen? Das Hauptziel ist es nicht, anders als Herr Fahrenschon denkt, die Sparer zu bestrafen. Wie die meisten Leser sicherlich wissen, liegt das Inflationsziel der EZB bei ca. 2%, die aktuelle Inflation aber bei 0,5%. Um wieder auf 2% zu kommen, muss sie den Marktzins zunächst unter den Gleichgewichts senken und dann, wenn die Inflation (hoffentlich) zu steigen beginnt, wieder graduell erhöhen, bis sie dann bei 2% Inflation den Marktzins beim Gleichgewichtszins hat. So oder so ähnlich, nur in der umgekehrten Richtung, haben die Zentralbanken in den siebzigern und achtzigern die damals hohe Inflation dauerhaft gesenkt. So bisschen ist es, wie einen Stock auf der Handfläche balancieren (der Vergleich kommt vom kanadischen Ökonomen und Blogger Nick Rowe). Ob der EZB das gelingt ist allerdings fraglich, denn der Nominalzins kann per Definition nicht unter 0% fallen (jedenfalls nicht wesentlich) und wenn die Eurozone in die Deflation reinrutscht, dann hat die EZB womöglich gar keine Möglichkeit mehr den realen Marktzins zu senken – deswegen hat sie so ein Horror vor dem Szenario. Es gibt allerdings noch die unkonventionellen Instrumente (Quantitative Easing), anders als bei der Zinstheorie, wissen die Zentralbanken allerdings noch nicht wirklich, ob und was sie damit eigentlich bewirken.