Monatsarchiv: April 2014

Bitcoin – Glossar(4)

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Blockchain

Die Blockchain ist die riesengroße Bytefolge (im Moment ca. 15 Gigabyte), die alle gültigen Transaktionsblöcke enthält. Die Blockchain wächst dementsprechend immer weiter, als immer mehr Blöcke dazukommen. Jeder Teilnehmer des Bitcoin-Netzwerks hat (zumindest in Theorie) eine Kopie der Blockchain vorzuhalten, um prüfen zu können, ob eine bestimmte Transaktion oder ein Block valide ist.

Wie kommen aber die Blöcke in die Blockchain hinein? Das Verfahren sieht (sehr stark vereinfacht) so aus: Die Blockchain ist wie eine Kette (deshalb „chain“) organisiert, d.h. jeder enthaltene Block enthält außer den eigentlichen Daten noch einen Verweis auf einen Vorgänger. Wenn nun ein Miner einen neuen Block bildet und verifiziert, schreibt er in den Block den Verweis auf den zum fraglichen Zeitpunkt letzten Block in der Kette. Anschließend verschickt er den Block an die anderen Teilnehmer des Bitcoin-Netzwerks. Wenn der letzte Block immer noch der gleiche ist (also kein anderer Miner schneller war), nehmen die anderen Teilnehmer den neuen Block als letzten in die Kette auf, somit wird dieser offiziell zum Bestandteil der Chain und die in ihm enthaltenen Transaktionen sind ab diesem Zeitpunkt gültig. Bei jeder Bitcoin-Transaktion sollten die Empfänger deshalb warten, bis die Transaktion auf diese Weise in die Chain reingeht, bevor sie ihrerseits die vereinbarte Leistung erbringen (beispielsweise eine Ware liefern).

Die obige Beschreibung lässt im Übrigen, um die Sache nicht zu sehr zu verkomplizieren, einige sehr wichtige Details aus, die gerade die Schlüssel-Innovation des Bitcoin-Systems bilden – und zwar nach welchen Regeln sich die im Internet verteilten Teilnehmer des Bitcoin-Netzwerks auf einen gemeinsamen Stand der Chain „einigen“.

Bitcoin-Wallet

Ein Wallet ist eine Bytefolge, in der ein Teilnehmer des Bitcoin-Netzwerks die ihm gehörenden Adressen (insbesondere deren Geheimschlüssel) speichert. Auf den Wallet muss man deshalb sehr gut aufpassen, denn wenn jemand auf ihn unbefugt Zugriff bekommt und dadurch die Geheimschlüssel erfährt, kann derjenige die Bitcons des Teilnehmers spenden. Zur Erinnerung: die Kenntnis die Geheimschlüssel ist die notwendige und hinreichende Voraussetzung um die zu den Adressen gehörende Transaktionsausgaben entwerten zu können.

Grundsätzlich ist die Struktur eines Wallets vom Bitcoin-Protocol nicht vorgeschrieben, sondern wird von jedem Bitcoin-Client selbst festgelegt. Im Extremfall kann man ganz ohne Wallet auskommen und die Geheimschlüssel stattdessen auf einem Blatt Papier ausdrucken und bei jeder Transaktion manuell eintippen. Ein solches Blatt Papier wird als Cold-Wallet bezeichnet, im Gegensatz zu einem konventionellen (Hot-)Wallet, das als eine Datei auf einem Speichermedium exisitiert. Ein Cold-Wallet ist offensichtlich sicherer aber auch unkomfortabler.

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Kapitalflucht aus Russland

In der letzten Zeit berichtet man in den deutschen Medien immer wieder über die stark gestiegene Kapitalflucht aus Russland. Aber was ist damit gemeint und ist es für Russland wirklich schlecht bzw. gefährlich? Schließlich ist es, wie Wirtschaftswurm in diesem Beitrag völlig richtig schreibt, per Definition so, dass ein Land mit einem Leistungsbilanzüberschuss gleichzeitig netto Kapital exportiert. So hatte Deutschland bekanntlich 2013 einen Leistungsbilanzüberschuss von 7% BIP, was gleichzeitig den Nettokapitalexport im gleichen Umfang bedeutet. Trotzdem sprach und spricht niemand von einer Kapitalflucht aus Deutschland.

Was unterscheidet also die beiden Situationen, oder andersrum gefragt, wann wird aus einem „normalen“ Nettokapitalexport eine Kapitalflucht? Tatsächlich habe ich nirgendwo eine schlüssige Antwort darauf gefunden, weshalb ich jetzt diese selbst zu geben. Meine Erklärung setzt bei der Zusammensetzung des Nettokapitalexportes eines Landes, grundsätzlich gilt nämlich folgendes:

Nettokapitalexport Gesamt = Privater NettokapitalExport + staatlicher Nettokapitalexport + Veränderung der Devisenreserven

Wenn nun der private Nettokapitalexport den Gesamtnettokapitalexport übersteigt, heißt es nichts anderes, als dass der Abzug des Kapitals durch die privaten Investoren größer ist, als durch den Leistungsbilanzüberschuß finanziert werden kann. Die Differenz muß nun durch den Staat finanziert werden, entweder indem der Staat seine Außenverschuldung steigert oder indem die Devisenreserven (falls vorhanden) abgebaut werden. Das ist genau das, was in Russland seit 2013 passiert, wie die folgende Grafik zeigt:

Kapitalflucht Russland

In 2013 war der private Nettokapitalexport mit 59,7 Mrd $ fast doppelt so groß, wie der Leistungsbilanzüberschuss – die erste Kapitalflucht seit der Finanzkrise 2008/2009. Die Differenz wurde sowohl durch den Abbau der Devisenreserven (-22 Mrd $) als auch durch die Emission von Staatsanleihen (5,4 Mrd $). Im ersten Quartal 2014 hat sich die Entwicklung massiv beschleunigt – 50,7 Mrd $ privater Nettokapitalexport gegenüber dem Leistungsbilanzüberschuß von 27,6 Mrd $. Die Emission von Staatsanleihen war diesmal keine Hilfe, da die Investoren aufgrund der politischen Situation diese wohl auch nicht mehr haben wollen, vielmehr hat der Staat sogar per Saldo Kapital exportiert (4,4 Mrd $), was nichts anderes bedeutet, als dass sogar die bestehende Verschuldung nicht refinanziert werden konnte. Die ganze Last wurde also diesmal von den Devisenreserven getragen – ein Abbau im Umfang von 27,6 Mrd $.

Ist diese Situation gefährlich? Im Moment denke ich, eher weniger – die gesamten Devisenreserven des Landes betragen im Moment ca. 440 Mrd US $ (10% weniger als vor einem Jahr) – der Sicherheitspolster ist also ziemlich dick. Darauf ausruhen kann sich mal aber auch nicht – weshalb es, wenn die Kapitalflucht anhält, notwendig sein wird den Rubel weiter abzuwerten (seit Anfang 2013 ist er schon um ca. 20% gefallen). Die Rubelabwertung bedeutet aber steigende Inflation und einen fallenden Lebensstandard – etwas, was russische Bevölkerung seit dem Anfang Regierung Putin nicht mehr kannte, politisch also durchaus brisant.

Russland und Demokratie

Wirtschaftswurm hat in seinem Blog so eine Art von Manifest der Putinversteher veröffentlicht. Dabei stellt er folgende Thesen auf:

1. Russland besitzt keine demokratischen Traditionen und ist deshalb noch unreif für eine Staatsordnung, die auf Demokratie und Menschenrechten basiert.

2. Zwar ist Putin kein Demokrat, aber es hätte auch viel schlimmer können, es hätte ja auch jemand wie Hitler in Russland an die Macht kommen können. Deswegen ist Putin für die Vernichtung der jungen russischen Demokratie keineswegs zu kritisieren, vielmehr muss man einfach verstehen, dass er keine andere Wahl hatte, denn siehe 1. Und sowieso ist Rußland heute viel demokratischer als vor 25 Jahren, also soll man dafür dankbar sein anstatt zu meckern.

Das Problem mit den Putinverstehern in Deutschland ist es, dass sie in den meisten Fällen eine äußerst oberflächliche Vorstellung von der russischen Geschichte, russischen Politik und von der russichen Gesellschaft haben und sich stattdessen mit kruden Klischees behelfen, die alle aus der gleichen Kiste zu stammen scheinen.

So ist es auch mit der These Wirtschaftswurms, dass Rußland keine demokratischen Traditionen besitze, die er mit der Behauptung untermauert, dass die erste demokratische Wahl in Rußland erst im Jahre 1990 stattfand. Diese Behauptung ist selbst nach strengsten Maßstäben falsch, denn die erste im modernen Sinne des Wortes (d.h. nach einem allgemeinen Wahlrecht) demokratische Wahl fand im damaligen Russischen Reich 1918 statt – das war die Wahl zur Konstituierenden Versammlung. Diese Versammlung tagte allerdings nur wenige Tage und wurde von den Bolschewisten unter Lenin gewaltsam aufgelöst weil sie und ihre Verbündeten (die linken Sozialisten-Revolutionäre) dort nur eine Minderheit der Sitze erobert haben. Das war also um die gleiche Zeit als sich das allgemeine Wahlrecht in Europa durchgesetzt hat und der Auslöser war, wie im übrigen Europa auch, der erste Weltkrieg, der die alte ständische Gesellschaftsordnung hinweggefegt hat.

Allerdings ist diese Tatsache auch gar nicht so wichtig, denn wenn man von demokratischen Traditionen spricht, meint man aus guten Gründen nicht die Traditionen einer modernen Demokratie, denn diese (ideale) Art der Demokratie ist historisch gesehen sehr jung, noch 1900 gab es keinen einzigen Staat auf der Erde, das als demokratisch im heutigen Sinne bezeichnet werden könnte. Man meint vielmehr die Traditionen, die eine Mitbestimmung von mehr oder weniger großen Gruppen der Bevölkerung bei den Regierungsgeschäften begründen. Und hier hat Rußland, wie andere Länder auch, durchaus einiges vorzuweisen – siehe dazu Semski Sobor, Semstwo, Staatsduma. Durch das sowjetische Experiment wurde diese Entwicklung allerdings um Jahrhunderte zurückgeworfen, so dass eine Wiederaufnahme erst 1989/1990 möglich war.

Was ist aber mit der zweiten These? Ist die einzige Alternative zu Putin ein Hitler? Wir können natürlich nicht wissen, was gewesen wäre, wenn 1999 ein anderer Politiker als Putin Jelzin beerbt hätte (es gab damals durchaus mehrere Kandidaten). Die noch sehr imperfekte und schwache russische Demokratie hat allerdings die großen wirtschaftlichen Umwälzungen der neunziger Jahre, die mit dem Übergang von einer Plan- zu einer Marktwirtschaft einhergingen, überlebt, man könnte also zumindest annehmen, dass sie auch den darauffolgenden Aufschwung (der übrigens, anders als oft dargestellt schon vor Putin eingesetzt hat), überstehen würde – so wie die genauso schwache Weimarer Demokratie sich in den zwanziger Jahren stabilisiert hat und erst der nächsten Wirtschaftskrise zum Opfer fiel.

Aber so sollte es nicht sein, denn der neue Präsident hat, wie jetzt rückblickend klar wird, von Anfang an einen Kurs auf die Vernichtung der Demokratie verfolgt. Und dabei ist er äußerst „erfolgreich“ gewesen – nach der Klassifikation der NGO Freedom House ist Russland 2005, zum ersten Mal seit 1988) wieder zu einem „nicht freien“ – Staat geworden, und bleibt es seitdem. Und die Beschneidung der Demokratie geht weiter – jede weitere Krise des Systems, wie zuletzt die Krimkrise, bringt weitere Restriktionen und Repressalien. Von daher ist im Übrigen auch die Behauptung Wirtschaftswurms, dass Russland heute freier ist, als von 25 Jahren (also 1989), falsch – vielmehr hat die putinsche Politik den Rückfall auf genau dieses Niveau mittlerweile bewirkt und setzt jetzt an auch das zu unterschreiten, wahrscheinlich um irgendwann chinesische Verhältnisse zu erreichen.

Soll man also Vladimir Putin für seine Politik kritisieren? Ich denke nicht nur soll man, man muß es sogar. Denn so alternativlos, wie von Putin selbst, aber auch von Putinverstehern, dargestellt wird, war und ist diese Entwicklung keineswegs.

P.S

Wer russisch kann dem empfehle diesen sehr guten Wikipedia-Artikel (es gibt auch eine polnische Version) zur Geschichte der Demokratie in Russland. Ich wollte Auszüge davon in diesem Beitrag übersetzen, aber dann war es mir doch zu viel – die Übersetzerei ist sehr anstrengend, wie ich immer wieder feststelle 🙂