Monatsarchiv: November 2013

Frau Spiecker und die Konfusion mit Kaufkraftparitäten

So langsam wird die Beschäftigung mit den Merkwürdigkeiten bei Flassbeck Economics in diesem Blog zur Tradition. Während ich allerdings bis jetzt dachte, dass diese Merkwürdigkeiten ausschließlich in den Beiträgen Stefan Dudey zu finden sind, der nur gelegentlich bei Flassbeck Economics postet, reibe ich mir gerade verwundert die Augen über einen Beitrag von Friederike Spiecker, einer der zwei Hauptautor(in)en des Blogs.

Die Rede ist von diesem Beitrag. Darin versucht Frau Spiecker ihren Lesern glaubhaft zu machen, dass der „deutsche Euro“ gegenüber anderen Ländern der Eurozone, wie auch der übrigen Welt, „unterbewertet“ ist. Hierfür greift sie auf die altenwürdige Kaufkraftparitätentheorie der Wechselkurse zurück. Die besagte Theorie operiert mit dem Begriff der Kaufkraftparität, der in Wikipedia wie folgt erklärt wird:

Die Kaufkraftparität zwischen zwei geografischen Räumen im gleichen Währungsraum liegt dann vor, wenn Waren und Dienstleistungen eines Warenkorbes für gleich hohe Geldbeträge erworben werden können. Werden zwei unterschiedliche Währungsräume verglichen, so werden die Geldbeträge durch Wechselkurse vergleichbar gemacht. In diesem Fall herrscht die Kaufkraftparität vor, wenn die unterschiedlichen Währungen durch die Wechselkurse dieselbe Kaufkraft haben und man somit denselben Warenkorb kaufen kann. Wenn Kaufkraftparität zwischen zwei Ländern herrscht, so entspricht der nominale dem realen Wechselkurs.

Basierend auf diesem Begriff postuliert die Kaufkraftparitätentheorie, dass der Wechselkurs zwischen den Währungen zweier Länder sich im langfristigen Gleichgewicht immer so einstellt, dass zwischen den Ländern die Kaufkraftparität herrscht. Ist das nicht der Fall, dann ist das Land (d.h die Landeswährung), dessen Warenkorb billiger ist, unterbewertet, während das andere entsprechend überbewertet ist.

So weit, so gut – Frau Spiecker behauptet nun, dass Deutschland, aufgrund der Lohnpolitik der vergangenen 13 Jahre und der damit verbundenen unterdurchschnittlichen Inflation, jetzt in diesem Sinne unterbewertet ist, und damit einen unberechtigten Handelsvorteil besitzt. Zum Beweis dieser These führt sie folgende Grafik an:

Unterbewertetes Deutschland

Und was zeigt uns dieser Grafik? Sie zeigt uns eine wohlbekannte Tatsache – dass die Inflation in Deutschland in den seit der Euro-Einführung vergangenen Jahren niedriger war als in Frankreich, Italien und Spanien. Daraus folgt aber erstmal nur, dass der deutsche Warenkorb sich in der Zeit weniger stark verteuert hat als z.B. der spanische. Das ist aber auch alles, was man aus Frau Spieckers Bild herauslesen kann. Zum Feststellen ob der deutsche Warenkorb jetzt günstiger oder teurer als die Warenkörbe der Euro-Nachbarn fehlt das entscheidende Puzzlestück – das Verhältnis der Gesamtpreise der Warenkörbe am Anfang der fraglichen Periode in Jahr 1999.

Da fragt man sich als mündiger Leser nun, warum Frau Spiecker und diesen Teil vorenthält, schließlich werden die erforderlichen Daten vom Eurostat für die EU-Länder seit Jahren gemessen, und stehen auf dessen Webseite allen Interessierten, zu denen Frau Spiecker anscheindend nicht gehört, zur Verfügung.

Ich habe dieses Versäumnis von Frau Spiecker nun nachgeholt, und hier ist das Ergebnis:

Überbewertetes Deutschland

Die Grafik zeigt nun den Gesamtpreis eines repräsentativen Warenkorbes in Frankreich, Spanien, Italien, Deutschland, und der Eurozone relativ zum Gesamtpreis des gleichen Warenkorbes in der EU-28 zwischen 1999 und 2012. Und jetzt zeigt sich, dass die Geschichte von Frau Spiecker und Fakten sich leider eindeutig widersprechen – aus der Grafik geht nämlich hervor, dass Deutschland im Jahr 1999 gegenüber den drei übrigen Ländern sowie der Eurozone insgesamt klar überbewertet war, und diesen Nachteil in den vergangenen Jahren durch unterdurchschnittliche Inflation nur teilweise wettgemacht hat. Der Gesamtpreis des deutschen Warenkorbes lag im Jahr 2012 auf dem Durchschnittsniveau der Eurozone, klar über dem spanischen, klar unter dem französischen und leicht über dem italienischen. Von einer Unterbewertung kann also keine Rede sein, zumindest wenn man nach Kaufkraftparitäten geht.

Eine ganz andere, und weit wichtigere Frage ist es, ob die Kaufkraftparität überhaupt ein richtiges Kriterium ist, um über die Über- oder Unterbewertung einer Währung zu entscheiden. Schließlich basiert die Kaufkraftparitätentheorie auf der vereinfachten Annahme, dass alle Güter sich überall auf der Welt zum gleichen Preis verkaufen müssen, denn sonst entstünden Arbitragemöglichkeiten. Dies gilt aber nur, wenn sich die besagten Arbitragemöglichkeiten kostenfrei realisieren lassen, was in sehr vielen Fällen, vor allem, aber nicht nur, bei Dienstleistungen, nicht stimmt – ein Friseurbesuch in Berlin lässt sich z.B. schwerlich durch den gleichwertigen Friseurbesuch in Athen ersetzen, zumindest solange die Teleportation ein Gegenstand von Science-Fiction-Romanen bleibt. Auch der Kapitalverkehr, ein sehr wichtiger Faktor bei der Wechselkursbestimmung, bleibt in dieser Theorie komplett unberücksichtigt.

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Ein unfreiwilliger Ausflug in die politische Semantik

In seinen Kommentaren auf meinen letzten Beitrag, der sich wiederum auf diesen Blog-Beitrag von ihm bezog, wehrt sich Alexander Dilger gegen den Vorwurf, den demokratischen Diskurs verlassen zu haben, und sieht sich zu Unrecht in die rechte Ecke gestellt.

Insbesondere behauptet er, dass das Wort „Gegner“ in der ein sehr geläufiger in der Politik Ausdruck sei, und demzufolge keineswegs so diffamierend ist, wie ich ihn empfinde. Zitat Dilger:

“Gegner” ist ein völlig geläufiger Ausdruck in der Politik. Dass ich Herrn Schulz für einen Gegner Deutschlands halte, mache ich direkt an seiner politischen Zielsetzung fest, die Souveranität Deutschlands abschaffen zu wollen. Wenn z. B. Mitglieder der Grünen Jugend “Nie wieder Deutschland” fordern, könenn Sie diesen doch auch nicht unterstellen, sie wollten nur das Beste für Deutschland. Vielleicht wollen sie und Herr Schulz das Beste an sich oder für irgendwelche Menschen, aber sicher nicht für Deutschland und die Deutschen als solche.

Der erste Schritt in einem Streit um die Bedeutung eines (deutschen) Wortes ist ein Blick in den Duden. Und dieser listet für das Wort „Gegner“ ganze drei Bedeutungen auf:

  1. jemand, der gegen eine Person oder Sache eingestellt ist [und sie bekämpft]
  2. (Sport) Einzelspieler, -läufer o. Ä. als Konkurrent; Mannschaft der Gegenpartei
  3. Feind

Das einfache Wort „Gegner“ kann also durchaus unterschiedlich interpretiert werden, je nachdem, in welchem Kontext und auf welches Objekt es bezogen wird. Wenn also Herr Dilger sagt, dass Martin Schulz ein (Haupt)Gegner Deutschlands ist, dann muss der Leser seines Blogs sich zwischen drei Interpretationen entscheiden:

  1. Martin Schulz ist gegen Deutschland eingestellt und bekämpft es
  2. Martin Schulz ist ein Konkurrent Deutschlands
  3. Martin Schulz ist ein Feind Deutschlands

Nun, die zweite Interpretation können wir von vornherein ausschließen (es sei denn, jemand kann mir erklären auf welchem Gebiet Martin Schulz und Deutschland miteienander konkurrieren), es bleiben also zwei Interpretationen zur Auswahl. Und hier behaupte ich mal, dass die beiden verbliebenen Bedeutungen in unserem speziellen Kontext semantisch so gut wie identisch sind, denn jemand der gegen ein Land eingestellt ist und dieses bekämpft, ist ein Feind dieses Landes. Ich sage „so gut wie“, weil das Wort „Gegner“ sich rein gefühlsmäßig nicht so radikal anhört wie „Feind“ und somit vielleicht eine weniger scharfe Anklage impliziert.

Es bliebe also noch zu erörtern, ob die Verwendung des Wortes „Gegner“ in der soeben erörterten speziellen Bedeutung in der (demokratischen) Politik so geläufig ist, wie Herr Dilger das behauptet. Und hier ist die Antwort m.E. ein klares Nein – während das Wort Gegner ansonsten in der demokratischen Politik recht häufig genutzt wird, kommt es so gut wie nie vor, dass ein demokratischer Politiker einen anderen der Feindschaft gegenüber dem eigenen Land bezichtigt. Der Grund dürfte klar sein – in einem demokratischen System kann immer der Zeitpunkt kommen, an den die Politiker zum Wohle des Landes zusammenarbeiten müssen, und das geht wohl schlecht, wenn einer von denen ein Feind des Landes ist. Ein Beispiel – Kanzlerin Merkel könnte kaum eine Koalition mit der SPD eingehen, in deren Reihen sich Deutschlands Feinde, wie Martin Schulz, befinden, das würde ihrem Amtseid zuwiderlaufen.

Ganz anders sieht es bei Politikern aus dem antidemokratischen Lager aus – aber das habe ich schon im letzten Beitrag besprochen.

Die Radikalisierung eines AFD-Professors

Ich habe vor einiger Zeit leichtfertig versprochen mich nicht mehr zu AFD-Themen zu äußern, jetzt muss ich mein wirklich ernstgemeintes Versprechen leider doch brechen. Der Anlass ist dieser Beitrag im Alexander Dilger’s Blog. Für diejenigen, die es nicht wissen: Alexander Dilger ist der inzwischen zurückgetretene Landesvorsitzende der AFD in Nordrhein-Westfalen. Auf dem kommenden AFD-Parteitag in NRW stellt er sich erneut zur Wahl.

Ich finde es wirklich erschreckend zuzusehen, wie Herr Dilger, ein „ganz normaler“ Wirtschaftsprofessor, sich zunehmend einer Sprache bedient, die ich ganz anderen Zeiten und Parteien zuordnen würde.

Nachdem er hier seine AFD zum letzten Hüter des Grundgesetzes erklärt hat, womit alle anderen demokratischen Parteien offensichtlich zum Grundgesetzgegner stilisiert wurden, geht er jetzt schon einen Schritt weiter und erklärt nun Martin Schulz, den Präsidenten des europäischen Parlaments, zum Hauptgegner Deutschlands und Europas.

Vielleicht verstehe ich etwas falsch, aber für mich gehört zum demokratischen Miteinander die folgende sehr einfache Regel: als demokratischer Politiker ist man dem Wohl seines Landes verpflichtet und geht davon aus, dass die politischen Gegner das auch sind. Die politischen Differenzen, über welche vom Volk in demokratischen Wahlen entschieden wird, entstehen dadurch, dass unterschiedliche Politiker unterschiedlicher Meinung darüber sind, was diesem Wohl am besten dient. Wer jedoch seinen politischen Konkurrenten als Hauptgegner des eigenen Landes bezeichnet, unterstellt diesem, dass er seinem Land bewusst schadet und verabschiedet sich damit aus dem demokratischen Diskurs.

Es also völlig in Ordnung, wenn Herr Dilger der Meinung ist, dass der Euro und/oder der Mindestlohn Deutschlands Wohlfahrt mindern, er hat aber, wenn er ein Demokrat sein will, gefälligst zu akzeptieren, dass es dazu auch andere Meinungen geben kann und darf, und dass die Politiker, die diese Meinungen vertreten, genauso wie er dem Wohl Deutschlands verpflichtet sind.

Ich bin wirklich gespannt, was jetzt als nächstes kommt. Wird demnächst die Bezeichnung Hauptgegner durch Hauptfeind ersetzt (der Schritt ist ja gar nicht groß)? Werden im Dilger-Blog (oder gar auf der Seite des NRW-Landesverbandes der AFD) jetzt eine Rangliste (nach Gefährlichkeit) der Gegner(Feinde) Deutschlands geführt, einige Kandidaten für diese Liste hat Herr Dilger ja schon genannt.

Und was soll mit diesen Gegnern passieren, wenn die AFD an die Macht kommen sollte (was hoffentlich niemals passieren wird). Wird sie etwa die gerechte Rache des deutschen Volkes ereilen, oder so ähnlich.

Es gab schon einmal in der deutschen Geschichte eine Partei, die andere demokratisch gewählten Politiker als Deutschlands Gegner und Novemberverbrecher bezeichnete. Will sich die AFD etwa in diese Richtung entwickeln? Der Beitrag Dilgers zeigt jedenfalls, wie es kommen konnte, dass in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts so viele anständige Deutsche, auch und gerade Professoren, kein Problem damit hatten in die besagte Partei einzutreten – es galt ja schließlich Deutschland gegen seine Feinde zu verteidigen.

P.S

Es kann aber auch sein, dass der Beitrag Dilgers ganz bewußt darauf gerichtet ist, sich bei einigen seiner Parteifreunde anzubiedern, die in ihren Äußerungen noch deutlich radikaler sind als er selbst. Schließlich will er ja beim kommenden Parteitag der AFD in Nordrhein-Westfalen wiedergewählt werden.

Die EZB und ihre zwei Leitzinssätze

Nun ist es wieder passiert, die Draghi-EZB hat ihren Leitzins erneut gesenkt und der übliche Chor von Erklärungen (billiges Geld – für Sparer schlecht, für Schuldner gut), Warnungen (hab Acht vor den Blasen) und Klagen (die Sparer werden enteignet) ergießt sich über die Medienlandschaft.

Anscheinend haben die Leute immer noch nicht begriffen (siehe auch meinen Beitrag hier), dass der sogenannte Leitzins der EZB schon lange keine „Leit“-Funktion mehr besitzt, die er anno 2007 noch inne hatte, so dass seine Senkung allenfalls psychologische aber so gut wie keine praktische Konsequenzen hat.

Warum meine ich das? Nun nehmen wir an, ich wäre ein Bankbesitzer und meine Liquiditätsmanagementabteilung sagt mir, dass mir nächste Woche für meine laufende Operationen voraussichtlich ca. 10 Millionen EUR fehlen werden. Ich muss mir also diese 10 Millionen für eine Woche leihen und hierfür habe ich zwei Möglichkeiten:

– Die erste Möglichkeit wäre, die Main Refinancing Operations (MRO) – Facility zu nutzen, wo ich das Geld zu dem (Leit)-Zins von jetzt 0,25% p.a. borgen kann, wenn ich ausreichende Sicherheiten hinterlege. Der EZB-Kredit würde mich also ca. 480 EUR kosten.

– Die zweite Möglichkeit wäre, das Geld von den anderen Banken auf den Euro-Interbankmarkt zu leihen. Der entsprechende Geldmarktzinssatz, Euribor 1 Woche ungesichert, beträgt im Moment durchschnittlich ca. 0,1% p.a. Der Geldmarkt-Kredit würde mich also ca. 192 EUR kosten, und das ohne Hinterlegung von Sicherheiten.

Nun, ich denke, auch ohne ein Bankfachmann zu sein, dürfte es dem Leser klar sein, welche der zwei Möglichkeiten ich nutzen würde. Somit spielt für die Banken, die sich über den Geldmarkt refinanzieren können, der EZB-Leitzins im Moment keine Rolle und das ganze Gerede über das billigere Geld etc. etc. ist auf diese Banken schlicht nicht anwendbar. Das war freilich nicht immer so, wie die folgende Grafik zeigt:

Leitzins-Euribor

Wie aus der Grafik ersichtlich ist, lag der 1-Woche-Euribor-Zinsatz vor 2009 stets über dem Leitzins, wie man es logischerweise, angesichts der von der EZB verlangten Sicherheiten, auch erwarten würde. Das waren noch Zeiten, als die MRO’s darauf abzielten die kurzfristigen Zinsen zu steuern. Diese Zeiten sind aber seit 2009 vorbei, wenn die EZB mit dem MRO’s noch etwas steuert, dann hat sie vergessen mizuteilen was es denn genau ist. Die Medien aber reagieren auf die Leitzinsbewegungen immer noch so wie früher, als diese noch eine wirkliche Bedeutung hatten, was eine Menge über die Kompetenz der Wirtschaftsjournalisten in den Fragen der Geldpolitik sagt.

Ich habe allerdings nicht umsonst betont, dass meine Ausführungen nur für die Banken gelten, die sich am Geldmarkt zu normalen Konditionen refinanzeren können. Für die Banken, die dazu nicht in der Lage sind, weil die anderen Geldmarktteilnehmer wegen undurchsichtiger Risiken in ihren Bilanzen Zweifel an deren Solvenz haben, können ihre Liquiditätsnachfrage nur über die EZB decken, bei diesen Banken also könnte eine Leitzinssenkung in der Tat eine Erleichterung der Finanzierungskonditionen bedeuten. Solche Banken sind als Zombie-Banken bekannt – weder tot noch lebendig. Ob sich diese Erleichterung allerdings in den besseren Kreditkonditionen für die Kunden der Zombies niederschlägt, darf allerdings bezweifelt werden – die Zombies sind normalerweise viel zu sehr damit beschäftigt, ihr Scheinleben nicht auszuhauchen, um neue Kreditrisiken einzugehen.

Die Leitzinssenkung ist also nur für eine kleine Minderheit der Banken von Interesse, während der große Rest entweder gar keine Liquidität braucht (wg. hoher Überschußreserven) oder diese zu einem Zinssatz weit unter dem EZB-Leitzins besorgen kann. In diesem Licht ist auch die Entwicklung der MRO-Teilnehmerzahl zu sehen, die in der folgender Grafik dargestellt ist:

MRO-Teilnemerzahl

Zu sehen ist, dass die durchschnittliche Teilnehmerzahl an den wöchentlichen MRO-Auktionen (die seit der im Oktober 2008 erfolgten Einführung der Vollzuteilungspolitik keine richtige Auktionen, sondern Geldausgabeveranstaltungen sind) von ca. 350 vor der Krise auf nur noch ca. 70 zuletzt geradezu abgestürzt ist. Die MRO’s haben anscheinend ihre Rolle als eine der Hauptquellen für die Bankenliquidität eingebüßt, und dienen nur noch als Notvehikel für die Banken, die nicht anders können.

Wir haben es also in der Eurozone heutzutage faktisch nicht mehr mit einem, sondern mit zwei Leitzinssätzen zu tun: der eine, der für den größeren Teil der Bankenlandschaft von Interesse ist, ist der kurzfristige Geldmarktzins (EURIBOR oder EONIA – man kann es sich aussuchen), dieser liegt im Moment nahe 0% und kann demzufolge nur noch steigen. Und der andere, der MRO-Leitzins, der von der EZB immer verkündet wird, dieser ist nur für die Zombie-Banken von Interesse. Da die Zombie-Banken bekanntlich vor allem im Süden Europas angesiedelt sind, spielt der MRO-Leitzins für Deutschland momentan so gut wie keine Rolle, also bitte keine Aufregung bei der nächsten MRO-Leitzinssenkung.

Die NAWRU und die Schuldenbremse

Oft kann man in den deutschen Medien die vertraute Geschichte über verschwenderische Politiker lesen, die sich angeblich ständig über die Empfehlungen der Experten hinwegsetzen und, vom Wählerdruck getrieben, viel mehr ausgeben als es der Wirtschaft guttut.

Nun, mag sein, dass es solche Politiker irgendwo gibt oder früher gegeben hat, in Europa jedoch passiert seit einiger Zeit das genaue Gegenteil – vom Sparwahn besessene deutsche Politiker, angetrieben vor allem von den deutschen Medien, setzen sich über die Empfehlungen der Experten hinweg und liefern Europa (vor allem im Süden) einer Spar-Roßkur aus, die die europäische Wirtschaft auf Jahre hinaus schädigen wird.

Den letzten Auftakt für dieses äußertst unglückliche Treiben gab die Geschichte über die NAWRU und die Schuldenbremse, die sich vor kurzem, von der breiten Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt, ereignet hat. Es handelt sich dabei um eine sehr technische Geschichte, mit weitgehenden ökonomischen und auch politischen Auswirkungen und wie immer im heutigen Europa geht es ums Sparen und Schulden:

Die uns alle vor uns selbst schützende Schuldenbremse, die vor allem auf deutsche Initiative in ganz Europa im europäischen Fiskalpakt verankert wurde, begrenzt den strukturellen Staatsdefizit auf maximal 0,5% des Bruttoinlandsprodukts. Die Betonung liegt hier auf strukturell, was konkret heißt, dass bei der Berechnung des zulässigen Defizits zu den grundsätzlich erlaubten 0,5% des BIP noch eine Konjunkturkomponente addiert wird. Diese Konjunkturkomponente wiederum wird proportional der Produktionslücke berechnet, der Differenz also zwischen dem realisierten Bruttoinlandsprodukt und dem Produktionspotenzial einer Volkswirtschaft. Das heißt also, dass die Konjunkturkomponente auch negativ sein kann, so dass der Staat in guten Zeiten, wenn die Produktionslücke positiv ist, evtl. sogar Überschüsse erwirtschaften müsste.

Das Dumme ist nur, es ist keineswegs einfach die Produktionslücke zu berechnen, vielmehr ist man auf sehr unsichere, bis hin zur Willkürlichkeit, Schätzungen eingewiesen, weshalb die deutsche Schuldenbremse vom Anfang an zu Recht kritisiert wird. Bei der Berechnung der Produktionslücke, wie sie momentan von der europäischen Kommission praktiziert wird, spielt jedenfalls das Konzept der NAWRU eine zentrale Rolle. Die NAWRU wird im Wikipedia wie folgt definiert:

das Niveau der Arbeitslosenquote bei welcher kein Inflationsschub durch Lohnerhöhungen ausgelöst wird.

Es handelt sich also um die Arbeitslosenquote, die allein durch strukturelle Eigenschaften der Volkswirtschaft bestimmt ist, weshalb sie oft auch als natürliche Arbeitslosenquote bezeichnet wird.

Da die Produktion einer Volkswirtschaft durch die beiden Produktionsfaktoren Kapitalstock und Arbeitskräftepotential bestimmt wird, und der Kapitalstock sich kurzfristig nur wenig ändert, kann die Produktionslücke einer Volkswirtschaft grundsätzlich aus der Differenz der NAWRU und der aktuellen Arbeitslosigkeit abgeleitet werden, die höchst technischen Details dazu findet der Interessierte hier.

Die ganze Berechnung steht und fällt also mit der Bestimmung der NAWRU, je höher diese liegt, desto höher ist der nach den Regeln der Schuldenbremse erlaubte Defizit. Und genau daran entzündete sich der Streit: mehrere Ökonomen, unter anderem Jeremie Cohen-Setton, haben darauf hingewiesen, dass die Berechnung der Kommission ziemlich unwahrscheinliche Ergebnisse liefert, für Spanien z.B. kommt so was raus:

NAWRU Spain

Das hieße also, wenn man der Berechnung Glauben schenken würde, dass die strukturelle Arbeitslosigkeit in Spanien in der Krise von ca. 12% auf ca. 25% zugenommen, sich also fast verdoppelt hat. Klingt allerdings weit hergeholt und so haben die Ökonomen der EU reagiert und das Verfahren modifiziert (konkret ging es um die Berücksichtigung der nominellen Rigidität der Löhne nach unten). Die zuständigen Politiker haben die Korrektur allerdings abgelehnt, so dass sie jetzt vermutlich nicht mehr angewandt wird. Bei mainly macro wird vermutet, dass dieser Artikel in der FAZ zuständige deutsche Politiker beeinflußt und somit zu dieser unglücklichen Entscheidung beigetragen hat.

P.S

Ein Paar weitere Blog-Artikel zum Thema:

Paul Krugman Blog
Herdentrieb