Schlagwort-Archive: Target2

Die SNB, Target2 und die Steuerzahler in der Schweiz

Um den Target2-Saldo der Bundesbank ist es in den letzten Monaten und Jahren sehr ruhig geworden, dabei ist dieser Saldo in in den letzten drei Monaten, zweifellos als Ergebnis der Griechenland-Krise, wieder merklich gestiegen – von 461 Mrd Euro auf zuletzt 543 Mrd Euro. Wo sind nun all die Warner, angeführt von Hans-Werner-Sinn, die uns die kommende finanzielle Katastrophe vorrechnen.

Dabei führt uns der kleine Nachbar im Süden was passiert, wenn man auf Warner nicht hört – nämlich … gar nichts. Am Anfang der Jahres hat die SNB den Wechselkurs des Franken freigegeben und dementsprechend massive Buchverluste auf ihre Devisen (v.a. Euro) – Reserven eingefahren. So etwas würde mit den deutschen Target2-Positionen im Falle eines Euro-Austritts (oder kompletten Zerfalls) passieren – sie würden nämlich zu Devisenreserven und abwerten. Die Größe des Verlusts – 50 Mrd CHF, das entspricht, wenn man auf das deutsche BIP umrechnet, 225 Mrd EUR oder 42% des aktuellen Target2-Saldo.

Aber in der Schweiz zieht keiner gegen die SNB vor Gericht um ihr zumindest in Zukunft eine gegenüber dem schweizerischen Steuerzahler derart verantwotungslose Politik zu untersagen, die Schweizer haben anscheinend im Moment andere Sorgen. Zeit Hans-Werner-Sinn in die Schweiz zu schicken, damit er den Eidgenossen erklärt, wo ihr eigentliches Problem liegt.

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EZB-Reform nach Michael Burda und Robert Heusinger

Robert Heusinger macht via Herdentrieb auf seinen eigenen Artikel in der Berliner Zeitung aufmerksam. Im besagten Artikel preist er ein angeblich fast schon geniales Konzept von Michael Burda zur Reform der EZB. Das Konzept schlägt eine Reorganisation der EZB nach dem FED-Vorbild vor. Speziell sollen die nationalen Zentralbanken abgeschafft werden und stattdessen ähnlich der FED Bezirk-Notenbanken geschaffen werden, wobei die Bezirksgrenzen keinerlei Bezug mehr zu den Nationalstaatgrenzen haben sollen. Besonders freut es Herrn Heusinger anscheinend, dass dadurch zusammen mit anderen Zentralbanken auch die Bundesbank eliminiert wird, deren Engstirnigkeit auch mich oft hochgradig nervt. Die angeblichen Vorteile des Konzepts fasst folgender Absatz aus dem BZ-Artikel von Herrn Heusinger zusammen:

Die Zahlungs- und Leistungsbilanzsalden zwischen den Ländern würden keine Rolle mehr für die Geldpolitik spielen. Allein die privaten Kapitalströme würden für die Finanzierung von Überschüssen und Defiziten sorgen und letztlich dafür auch haften.

Nun, ich kann dazu nur folgendes fragen – warum? Meint Herr Burda (und Herr Heusinger mit ihm) denn wirklich, in den USA sind die Zahlungsbilanzsalden zwischen einzelnen Distrikten immer ausgeglichen, denn nichts anderes meint das obige Zitat (vgl. meinen Beitrag zu Target2 und Zahlungsbilanzen). Wenn er wirklich „einer der Experten der Euro-Krisendebatte“ ist, dann weiß er es bestimmt besser – denn selbstverständlich kann es auch zwischen den FED-Distrikten unausgeglichene Zahlungsbilanzsalden geben, die dann durch sogenannte ISA-Salden (das FED-Analog zu Target2-Salden) finanziert werden. Und während der Finanzkrise sind diese Salden auch prompt sprunghaft angestiegen, genauso wie die Target2-Salden in der Euro-Zone. Für Interessierte – eine gute Kurzeinführung (in englisch) ins ISA-System findet man hier. In den USA gibt es allerdings außer der FED noch einen anderen mächtigen Kompensationsmechanismus für Ungleichgewichte dieser Art, nämlich den Bundesstaat mit seiner Einlagensicherung, Arbeitslosenversicherung, Infrastrukturinvestitionen,Schuldenaufnahme etc.,etc. , so dass das Problem nie solche Ausmaße annahm, und annehmen konnte, wie in der Eurozone.
Es bleibt also festzuhalten – das Zahlungsbilanzproblem, das in der Tat den Kern der Euro-Krise bildet wird durch ein FED-ähnliches System in keinster Weise gelöst. Wohl aber wird es verschleiert, denn während Bundesbank-Target2-Salden Deutschland gehören und ein Teil von dessen Auslandsvermögen bilden, ist die Zuordnung bei länderübergreifenden Bezirksnotenbanken eben nicht so eindeutig. Wahrscheinlich würde es in diesem Fall einen Schlüssel geben (mit dazugehörigen Streitereien), nach dem die Geld-Vermögen der einzelnen Bezirke auf die beteiligten Länder zu verteilen wären, analog der heute schon existierenden Verteilung der EZB-Gewinne auf die einzelnen Nationalzentralbanken. Man könnte fragen, wie man diese „Eigentum“-Probleme in den USA löst. Die Antwort ist – gar nicht. Oder kann jemand sagen wie groß das „Außenvermögen“ von Kalifornien ist? Die USA sind allerdings ein Bundesstaat, da rechnet man zwischen den einzelnen Landesteilen eben nicht so genau ab, auch deshalb, weil die Bewohner davon ausgehen, dass der gemeinsame Staat bestehen bleibt, so dass auf lange Frist alles ausgeglichen wird. EWU ist dagegen ein Nationalstaatenbund, und die Bewohner dieser Nationalstaaten haben den Wunsch, und auch ein berechtigtes Interesse, zu wissen, was ihres ist. Da wird eben ganz genau abgerechnet, wie die Animositäten der vergangenen drei Jahre sehr gut gezeigt haben. Und diese Animositäten wird man mit Buchhaltungsakrobatik leider nicht los.

Target2 und die Zahlungsbilanz

Der Blogger Soffisticated hat sich in seinem letzten Beitrag erneut dem Target2-Thema zugewandt. Soffisticated gehört, wie man seinem Beitrag entnehmen kann, der relativ kleinen Gruppe von Ökonomen, Bloggern und Journalisten, die den Target2-Salden jegliche volkwirtschaftliche Bedeutung absprechen.Die Mitglieder dieser Gruppe kennen sich üblicherweise sehr gut in den Zentralbank-Interna aus und leiten aus diesem Wissen sehr „soffisticated“ Erklärungen für ihre Thesen ab. Und wenn man sich in dieser Interna NICHT auskennt, klingen die Ausführungen mitunter sogar ziemlich überzeugend. Deshalb aber werden diese Thesen leider nicht richtig. Um zu verstehen warum dem so ist, lohnt es sich, die Zentralbanken für einen Moment ganz zu vergessen und die Target2-Salden aus einem ganz anderen Blickwinkel zu betrachten, nämlich als Bestandteil der Zahlungsbilanz. Die Definition der Zahlungsbilanz  lautet im Wikipedia wie folgt:

Die Zahlungsbilanz erfasst für einen bestimmten Zeitraum wertmäßig alle wirtschaftlichen Transaktionen zwischen Inländern und Ausländern und gibt Auskunft über die ökonomische Verflechtung einer Volkswirtschaft mit dem Ausland.

Die wirtschaftlichen Transaktionen aus der Definition sind Warenkäufe und Verkäufe,  laufende Arbeits und Kapitaleinkommen, Investitionen, Kredite, Schenkungen usw. usw.  Dementsprechend beinhaltet die Zahlungsbilanz  für ein Land mit eigener Währung folgende Teilbilanzen:

  • Handelsbilanz
  • Einkommensbilanz
  • Schenkungsbilanz
  • Kapitalbilanz  (Kapitalinverstitionen, Kredite, etc.)
  • Devisenbilanz (Veränderung der Devisenreserven)

Die Devisenbilanz spielt hierbei eine besondere Rolle, denn jeder Veränderung in den ersten drei Bilanzen steht immer eine wertmäßig entgegengesetzte Veränderung in der Devisenbilanz entgegen.  Das ist deshalb so, weil bei jeder wirtschaftlichen Transaktion ein Bezahlungsvorgang stattfindet, für welchen die Teilnehmer die Währung (Devisen) des jeweils anderen Landes brauchen.  Es folgt, dass die  gesamte Zahlungsbilanz definitionsgemäß immer ausgeglichen ist. Ein Land innerhalb der EWU kann aber Transaktionen mit anderen Ländern innerhalb der EWU tätigen, für welche es keine Devisen braucht. Für diese Transaktionen  wird also eine weitere Bilanz benötigt, die die ausgleichende Rolle  der Devisenbilanz spielen soll,  und genau diese Rolle spielt im Moment die Target2-Bilanz  (Veränderung des Target2-Saldo) . Für ein Land innerhalb der EWU besteht die ausgeglichene Zahlungsbilanz somit aus folgenden Teilbilanzen:

  • Handelsbilanz
  • Einkommensbilanz
  • Schenkungsbilanz
  • Kapitalbilanz (Kapitalinverstitionen, Kredite, etc.)
  • Devisenbilanz (Veränderung der Devisenreserven)
  • Target2-Bilanz (Veränderung des Target2-Saldo)

Die Summe der Devisenbilanz und der Target2-Bilanz gibt also, vereinfacht gesprochen, Auskunft darüber, ob ein Land durch wirtschaftliche Transaktionen mehr ausgibt als einnimmt oder umgekehrt.  Zwischen den beiden gibt es aber einen grundsätzlichen Unterschied – während die Devisenbilanz eine Landes nicht permanent negativ sein kann, denn irgendwann gehen die Devisenreserven aus, so dass das Land mit der negativen Bilanz reagieren muß, üblicherweise mit einer Währungsabwertung,  kann die Target2-Bilanz theoretisch beliebig ins negative wachsen,  wenn hier keine Grenzen gesetzt werden.  Und diese Grenzen kann in der heutigen Euro-Architektur nur die EZB setzen (und somit sind wir wieder bei Zentralbanken), indem sie den Geschäftsbanken in dem Defizitland die, für das weitere Anwachsen der negativen Target2-Salden notwendigen, Zenralbankkredite verweigert.  Das tut die EZB im Moment verständlicherweise ungerne, denn damit würde sie die betroffenen Banken in die Pleite treiben und die Stabilität des Euro-Systems gefährden.

Karl Whelan über Target2

Für diejenigen, die, wie ich selbst, in den Jahren 2011/2012 mit großem Interesse die Target2-Debatte verfolgten, kann ich diesen gerade erschienenen Artikel von Karl Whelan empfehlen. Herr Whelan war während der Debatte einer der schärftsten Widersacher von H.W. Sinn im Ausland. In Deutschland ist er, aufgrund der Tatsache, das seine Beiträge zum Thema (notwendigerweise) auf Englisch  erschienen, weniger bekannt.

Im Artikel erläutert er die Target2-Problematik derart ausführlich, dass es mich wundern würde, wenn man dem noch etwas hinzufügen könnte. Nur einige der Themen sind:

  • Wie entstehen Target2-Salden
  • Vergleich ISA/Target2
  •  Vorschläge von H.W-Sinn und mögliche Konsequenzen
  • Euro-Zerfall – Folgen für die Bundesbank/Deutschland
  • Alternativen zu Target2-Salden in der EZB-Bilanzierung

Und, und, und …

Nichts für Verschwörungstheoretiker, aber wenn jemand die Target2-Problematik wirklich verstehen will – hier wird man geholfen 🙂