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Saldenmechanik und internationale Wettbewerbsfähigkeit

Vor einiger Zeit hat Wirtschaftswurm eine neue Blogparade zum Thema „Ursachen der internationalen Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands“ ausgerufen. Teilnehmen wollte ich daran nicht, weil, wie Wirtschaftswurm in seinem Einführungsartikel auch zugibt, das Konzept „Wettbewerbsfähigkeit“ auf eine Nation angewandt eigentlich gar keinen Sinn ergibt. Zuletzt habe ich jedoch realisiert, dass die Saldenmechanik auch in dieser Frage durchaus nützliche Einsichten liefert, die ich im Folgenden darlegen werde.

Wenn man in den Wirtschaftsmedien das Thema Wettbewerbsfähigkeit im Bezug auf ein Land behandelt wird, dann geschieht es grundsätzlich aus zwei unterschiedlichen Blickwinkeln.

Einerseits betrachtet man die Wettbewerbsfähigkeit der Exportindustrie eines Landes – als Gradmesser dafür dient, logischerweise, der Handelsbilanzsaldo. Steigt dieser, freut man sich und sagt, dass das Land wettbewerbsfähiger geworden ist, sinkt er, oder dreht gar ins negative, beginnen, zumindest in Deutschland, in den Medien und wenig später in der Politik laute Alarmglocken zu schrillen. Andererseits stehen alle Länder im sogenannten Standortwettbewerb miteinander (zumindest sagt man so). In diesem Wettbewerb geht es darum, welches Land für Investitionen attraktiver ist und als Gradmesser des Erfolgs bietet sich der Kapitalbilanzsaldo an. Verringert sich dieser, heißt es, dass das Land für die Investitionen attraktiver geworden ist, erhöht es sich – ist das Gegenteil der Fall (also genau umgekehrt, wie beim Handelsbilanzsaldo).

Diejenigen unter den Lesern, die sich mit der Zahlungsbilanzdefinition auskennen, wissen wahrschenlich schon, worauf ich hinauswill. Handelsbilanzsaldo und Kapitalbilanzsaldo sind nämlich zwei Seiten einer Medallie und somit muß jede Politik, die die Wettbewerbsfähigkeit der Exportindustrie stärkt den Verlust der Standort-Wettbewerbsfähigkeit bewirken und umgekehrt.

Und so war es auch in Deutschland zwischen 2000 und 2007. Die Kombination aus Lohnzurückhaltung, Euroeinführung, Altersvorsorgereformen etc. etc. hat im Endeffekt die Wettbewerbsfähigkeit der Exportindustrie massiv gestärkt und gleichzeitig die Attraktivität des Standortes Deutschland für heimische und ausländische Investitionen genauso massiv verringert, was sich in der vielfach beklagten Investitionsschwäche niederschlug. Ob diese Entwicklung eine gute war, wird die Zukunft zeigen, ich bin an der Stelle eher skeptisch.

So, ich hoffe der Artikel qualifiziert sich für die Parade, hat ja mit eigentlichen Thema der Ursachen der deutschen Wettbewerbsfähigkeit fast gar nichts zu tun, aber selbst wenn nicht – vielleicht wird der eine oder der andere Leser daraus klüger als vorher, dann hat es sich schon gelohnt 🙂

Update:

Ein Freund hat mich darauf hingewiesen, dass es wohl doch nicht so glasklar ist, wie ich angenommen habe, dass die Kapitalbilanz eines Landes der Gradmesser der Standortwettbewerbsfähigkeit ist. Daher an dieser Stelle eine Erörterung dieser These:

Der Kapitalbilanzsaldo eines Landes wird definiert als die Differenz der Investitionen der Landesbewohner im Ausland und der Investitionen der Ausländer im Inland. Wenn jetzt das Land, relativ zum Ausland, an Investitionsattraktivität gewinnt, dann fallen die ersten, weil die Landesbewohner lieber im Inland investieren und steigen die letzten, weil die Ausländer mehr im Inland investieren. Also fällt die Differenz, welche den Kapitalbilanzsaldo bildet. Verliert das Land an Attraktivität, verhält es sich genau umgekehrt – die Landesbewohner investieren mehr im Ausland und die Ausländer weniger im Inland, der Kapitalbilanzsaldo steigt. Insgesamt also ist der Kapitalbilanzsaldo umso kleiner, je attraktiver das Land für Investitionen ist, d.h je besser es sich im Standortwettbewerb behauptet.

Die Europäische Währungsunion ist einzigartig

Robert Heusinger verweist in einem Kommentar auf Herdentrieb auf einen Voxeu-Artikel von Michael Burda, in welchem Herr Burda, wie in seinem Vorschlag zur EZB-Reform (siehe auch den letzten Betrag von mir), für die Abschaffung der nationalen Zentralbanken innerhalb des Eurosystems eintritt. Und als Zeugen zieht er niemand geringeren heran als David Hume, einen schottischen Ökonomen, der Ende des achtzehnten Jahrhunderts einen Mechanismus beschrieb, welcher später als Goldautomatismus bekannt wurde und den Herr Burda Hume-Mechanismus nennt. Definition aus Wikipedia:

Unter Goldautomatismus wird ein automatischer Ausgleichsmechanismus für die Zahlungsbilanzen im Handelsverkehr zwischen Ländern mit Goldwährung bzw. goldgedeckten Währungen verstanden. Das insbesondere von David Hume vorgeschlagene Konzept kam z.B. während der Geltungsdauer des sog. Goldstandards bis 1914 zum Einsatz.

Herr Burda beanstandet in seinem Artikel, dass der Hume-Mechanismus in der Eurozone nicht funktioniert, Zitat:

In principle, the vaunted “Hume mechanism” should operate within the Eurozone. Countries which export less than they import should lose euros to surplus countries, unless offset by private capital inflows.

In a world without national boundaries and without national central banks, balance-of-payment deficits cannot occur – current-account deficits are always financed by private capital.

Was Herr Burda zu erwähnen vergisst, Hume lebte im 18 Jahrhundert, und damals, wie auch später, bis frühestens 1914, waren alle Währungen an Edelmetalle gebunden, was speziell bedeutete, dass keine Institution und kein Land in der Lage waren die Geldbasis willkürlich zu vergrößern. In einer solchen internationalen Geldverfassung funktioniert der Hume-Machanismus tatsächlich, und zwar durch die von Hume beschriebene Wirkungskette:
Handelsdefizit -> Edelmetalabfluß -> Sinken der Geldmenge -> Deflation inkl. Lohnabsenkung -> Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit und Verschwinden des Handelsdefizits
Dummerweise leben wir in einem Fiatgeldsystem in welchem die Größe der Geldbasis durch eine damit beauftragte Zentralbank, in der Eurozone ist es die EZB, festgelegt wird. Das von Burda beklagte Nicht-Funktionieren des Hume-Mechanismus ist damit eine direkte Konsequenz der Fiateigenschaft von Euro und hat nichts aber auch gar nichts mit der weiteren Existenz der nationalen Zentralbanken zu tun, die im übrigen im Eurosystem keine eigene Geldpolitik verfolgen (dürfen) sondern nur als Ausführungsorgane der EZB agieren.
Damit wäre alles zum Burda-Artikel gesagt, im Wesentlichen werden in diesem Äpfel (Edelmetal-Standard) mit Birnen (Fiatgeldsystem) verglichen. Aber die vorausgegangenen Argumente schaffen einen hervorragenden Einstieg in das eigentliche Thema dieses Beitrags – die Einzigartigkeit der Europäischen Währungsunion.
Vor einiger Zeit gab in der Presse einige Artikel (z.B hier), in welchen die EWU mit einigen anderen früher existierenden Währungsverbunden gleichgesetzt wurde, ganz speziell mit der Lateinischen Münzunion (LMU). Diese Gleichsetzung beruht jedoch auf einem Mißverständnis, denn obwohl sowohl EWU als auch LMU als „Währungsunion“ bezeichnet werden, bestehen zwischen den dahinter stehenden Mechanismen grundlegende Unterschiede. Das bescheidene Ziel der LMU war die Prägung der Edelmetallmünzen, an welche die beteiligten Papier-Währungen gebunden waren, zu standardisieren um eine bessere Konvertierbarkeit der besagten Währungen untereinander zu ermöglichen. Zu keinem Zeitpunkt jedoch haben die Länder der LMU ihre eigenen Zentralbanken inklusive der eigenen Geldpolitik aufgegeben, obgleich dieser Geldpolitik durch die Edelmetallbindung natürliche Grenzen gesetzt wurden. In diesem Sinne unterschied sich die LMU kaum vom nachfolgenden Goldstandard, auch wenn Goldstandard niemals meines Wissens als „Währungsunion“ bezeichnet wurde.
Ganz anders ist die EWU. Zum einen basiert sie auf einem Fiatgeldsystem. Daher wäre es nicht möglich, dass die beteiligten Länder ihre eigenen Zentralbanken behalten, zu groß wäre die Gefahr, dass die Länder versuchen Vorteile aus der autonomen Geldbasisvergrößerung zu ziehen. Ein solches System hat es tatsächlich schon einmal kurz gegeben – ich spreche von der postsowjetischen Rubelzone, und diese war nach weniger als drei Jahren zu Ende (ich selbst war übrigens dabei und kann mich noch daran erinnern:-)). Daher war es nur logisch, den nationalen Zentralbanken der Eurozone die Kompetenz für die Geldpolitik zu entziehen und an eine übernationale Zentralbank zu übertragen – die Europäische Zentralbank.
Fazit: die EWU ist die erste Fiatgeld-Währungsunion und die EZB die erste übernationale Zentralbank der Geschichte. Wir leben also in einem historischen Experiment, dessen Ausgang im Moment noch völlig offen ist.

EZB-Reform nach Michael Burda und Robert Heusinger

Robert Heusinger macht via Herdentrieb auf seinen eigenen Artikel in der Berliner Zeitung aufmerksam. Im besagten Artikel preist er ein angeblich fast schon geniales Konzept von Michael Burda zur Reform der EZB. Das Konzept schlägt eine Reorganisation der EZB nach dem FED-Vorbild vor. Speziell sollen die nationalen Zentralbanken abgeschafft werden und stattdessen ähnlich der FED Bezirk-Notenbanken geschaffen werden, wobei die Bezirksgrenzen keinerlei Bezug mehr zu den Nationalstaatgrenzen haben sollen. Besonders freut es Herrn Heusinger anscheinend, dass dadurch zusammen mit anderen Zentralbanken auch die Bundesbank eliminiert wird, deren Engstirnigkeit auch mich oft hochgradig nervt. Die angeblichen Vorteile des Konzepts fasst folgender Absatz aus dem BZ-Artikel von Herrn Heusinger zusammen:

Die Zahlungs- und Leistungsbilanzsalden zwischen den Ländern würden keine Rolle mehr für die Geldpolitik spielen. Allein die privaten Kapitalströme würden für die Finanzierung von Überschüssen und Defiziten sorgen und letztlich dafür auch haften.

Nun, ich kann dazu nur folgendes fragen – warum? Meint Herr Burda (und Herr Heusinger mit ihm) denn wirklich, in den USA sind die Zahlungsbilanzsalden zwischen einzelnen Distrikten immer ausgeglichen, denn nichts anderes meint das obige Zitat (vgl. meinen Beitrag zu Target2 und Zahlungsbilanzen). Wenn er wirklich „einer der Experten der Euro-Krisendebatte“ ist, dann weiß er es bestimmt besser – denn selbstverständlich kann es auch zwischen den FED-Distrikten unausgeglichene Zahlungsbilanzsalden geben, die dann durch sogenannte ISA-Salden (das FED-Analog zu Target2-Salden) finanziert werden. Und während der Finanzkrise sind diese Salden auch prompt sprunghaft angestiegen, genauso wie die Target2-Salden in der Euro-Zone. Für Interessierte – eine gute Kurzeinführung (in englisch) ins ISA-System findet man hier. In den USA gibt es allerdings außer der FED noch einen anderen mächtigen Kompensationsmechanismus für Ungleichgewichte dieser Art, nämlich den Bundesstaat mit seiner Einlagensicherung, Arbeitslosenversicherung, Infrastrukturinvestitionen,Schuldenaufnahme etc.,etc. , so dass das Problem nie solche Ausmaße annahm, und annehmen konnte, wie in der Eurozone.
Es bleibt also festzuhalten – das Zahlungsbilanzproblem, das in der Tat den Kern der Euro-Krise bildet wird durch ein FED-ähnliches System in keinster Weise gelöst. Wohl aber wird es verschleiert, denn während Bundesbank-Target2-Salden Deutschland gehören und ein Teil von dessen Auslandsvermögen bilden, ist die Zuordnung bei länderübergreifenden Bezirksnotenbanken eben nicht so eindeutig. Wahrscheinlich würde es in diesem Fall einen Schlüssel geben (mit dazugehörigen Streitereien), nach dem die Geld-Vermögen der einzelnen Bezirke auf die beteiligten Länder zu verteilen wären, analog der heute schon existierenden Verteilung der EZB-Gewinne auf die einzelnen Nationalzentralbanken. Man könnte fragen, wie man diese „Eigentum“-Probleme in den USA löst. Die Antwort ist – gar nicht. Oder kann jemand sagen wie groß das „Außenvermögen“ von Kalifornien ist? Die USA sind allerdings ein Bundesstaat, da rechnet man zwischen den einzelnen Landesteilen eben nicht so genau ab, auch deshalb, weil die Bewohner davon ausgehen, dass der gemeinsame Staat bestehen bleibt, so dass auf lange Frist alles ausgeglichen wird. EWU ist dagegen ein Nationalstaatenbund, und die Bewohner dieser Nationalstaaten haben den Wunsch, und auch ein berechtigtes Interesse, zu wissen, was ihres ist. Da wird eben ganz genau abgerechnet, wie die Animositäten der vergangenen drei Jahre sehr gut gezeigt haben. Und diese Animositäten wird man mit Buchhaltungsakrobatik leider nicht los.