Monatsarchiv: Dezember 2013

Die Rolle der Banken – ein Paar Gedanken

Weihnachten steht vor der Tür und ich, wie Millionen Mitbürger, habe Urlaub und keine Lust mich mit meinem Blog zu beschäftigen:-) Gute Gelegenheit also einen Beitrag rauszubringen, den ich schon vor Monaten geschrieben, aber die Veröffentlichung immer wieder zugunsten aktuellerer Themen hinausgeschoben habe.

Ansonsten wünsche ich allen Lesern einen besinnlichen Heiligabend, frohe Weihnachten und einen guten Rutsch ins neue Jahr. Auf Wiedersehen im nächsten Jahr.

In diesem Artikel habe ich neulich über die Diskussion zur Rolle der Banken in den modernen Volkswirtschaften berichtet, die in der englischen Wirtschaftsblogosphere immer wieder aufflammt. Zur Erinnerung: es geht darum, ob die Banken eine ganz besondere, ja tragende, Rolle in unserer Volkswirtschaft spielen und in den makroökonomischen Modellen entsprechend integriert werden müssen, ein Standpunkt den z.B. Steve Keen oder Cullen Roche vertreten, oder ob sich die Banken nur wenig, wenn überhaupt von den anderen Finanzintermediären unterscheiden – der Standpunkt von Paul Krugman.

Die Vertreter des ersten Standpunktes untermauern ihre Sicht der Dinge vor allem mit der Tatsache, dass bestimmte Verbindlichkeiten der Banken – die Sichteinlagen, in unserer Wirtschaft eine Geldfunktion haben, mittlerweile wird sogar der Großteil der Geldtransaktionen mit diesem sogenannten Buchgeld durchgeführt, anstatt des Basisgeldes, das von den Zentralbanken emittiert wird. Es ist diese Buchgeldschöpfung, die laut Roche, Keen und Co., die Banken zu ganz speziellen Institutionen machen, Banken seien in den Worten von Roche „oil in our monetary machine“.

Noch bis vor kurzem war ich auch ein Anhänger dieser „Bankentheorie“, aber inzwischen, nachdem sich Paul Krugman und andere Mainstream-Ökonomen sich doch noch ab und zu dazu herablassen, ihren Standpunkt zumindest teilweise zu erläutern, kommen mir doch immer mehr Zweifel. Sind die Banken etwas besonderes, wenn sie denn wirklich etwas besonderes sind, weil sie Buchgeld schöpfen oder spielen da eher andere Gründe eine Rolle?

Und neulich kam mir dann folgender Gedanke – wie würde eigentlich eine Volkswirtschaft funktionieren, in der die Banken zwar Sichteinlagen anbieten, diese aber keine Geldfunktion haben, weil die Banken keine Überweisungen ausführen dürfen? Geldtransaktionen werden in einer solchen Volkswirtschaft ausschließlich mit Basisgeld ausgeführt. Hat die Existenz der Banken in einer solchen Volkswirtschaft keine Auswirkungen auf das Funktionieren des Geldsystems, wie z.B. auf das Preisniveau?

Um diese Fragen zu beantworten, stellen wir uns zunächst einmal eine kleine Volkswirtschaft vor, die ein einziges Gut herstellt – z.B. Äpfel. In dieser Volkswirtschaft gibt es keine Banken, vielmehr benutzen die Bewohner im Handel untereinander Goldmünzen, deren Vorrat sich auf eine fixe Anzahl von 100.000 Stück beläuft. Nehmen wir nun an, jeden Tag wird in unserer Volkswirtschaft eine Tonne Äpfel ge- bzw. verkauft. Wie hoch ist nun der Preis eines Kilo Äpfel? Die Antwort auf diese Frage folgt bekanntlich direkt aus der Quantitätsgleichnung des Geldes, hier in der Cambridge-Version:

\bf M = kPY

M steht dabei für die Geldmenge, in unserem Fall also 100.000 Münzen, Y für den realen (Tages)Umsatz, in unserem Fall 1000 Kilo und P für den gesuchten Preis. Eine Schlüsselrolle kommt dem Koeffizient k zu, der uns sagt, wie groß die Geldnachfrage ist. Anders formuliert bestimmt k wie viele Tagesumsätze die Bewohner der Volkswirtschaft durchschnittlich in ihrer Kasse halten wünschen. Nehmen wir jetzt an, k beträgt 10, dann beträgt der Preis eines Kilo Äpfel 10 Münzen und der tägliche Geldumsatz unserer Volkswirtschaft 10.000 Münzen.

Eines Tages kommt ein besonders pfiffiger Bewohner unserer Volkswirtschaft auf die Idee eine Bank zu gründen. Er bietet den anderen an, ihre Geldmünzen bei ihm sicher zu hinterlegen und verspricht diese bei Bedarf unverzüglich wieder auszuhändigen. Die Idee stößt bei der Bevölkerung auf begeisterte Zustimmung, und bald hält kein Mensch mehr Münzen zu Hause, wo sie geklaut werden können, sondern nur noch bei der Bank. Während die Kasse der Bewohner früher eine gut gesicherte Schatztruhe war, ist es jetzt eine Sichteinlage bei der Bank. Die Bank bietet keine Überweisungen an, vielmehr bürgert es sich bei den Bewohnern an, jeden Morgen die für die Tagestransaktionen erforderliche Münzen abzuheben und abends den verbliebenen Münzvorrat wieder einzuzahlen. D.h. die Sichteinlagen sind kein Geld, weil sie die wichtigste Geldfunktion, die Zahlungsmittelfunktion nicht erfüllen. Geld sind in unserer Volkswirtschaft nach wie vor Münzen.

Nun, durch die Bankgründung ändert sich in der Volkswirtschaft am Anfang nichts, die Münzen liegen jetzt zwar bei der Bank und nicht mehr bei der Bewohnern zu Hause, aber die Geldnachfrage und die Geldmenge sind immer noch die gleichen und damit auch das Preisniveau. Unser Banker merkt aber irgendwann, dass nur 10.000 Münzen täglich abgehoben werden, d.h. die restlichen 90.000 liegen sozusagen brach. Er kommt nun auf die Idee Kredite zu vergeben. Das macht er auf eine ganz einfache Weise, so wie die realen Banken das auch tun: wenn jemand bei ihm ein Kredit aufnimmt, öffnet er für ihn eine Sichteinlage. Diese Sichteinlage unterscheidet sich in nichts von den ursprünglichen Sichteinlagen, der Kreditnehmer hebt nun, so wie die anderen auch, täglich Münzen ab und zahlt welche täglich ein. Durch die Einführung der Kreditvergabe ist die Sichteinlagenmenge von jetzt an größer als die Geldmenge M, jeder Kunde denkt aber nach wie vor, dass seine die Größe seiner Kasse der Größe seiner Sichteinlage entspricht (warum sollte er auch etwas anderes denken), obwohl das in der Summe nicht mehr stimmt. Da aber der Geldnachfragekoeffizient k nach wie vor bei 10 liegt, heißt es, dass durch die Einführung der Kreditvergabe unsere ursprüngliche Quantitätsgleichung nicht mehr gilt. Vielmehr gilt jetzt eine modifizierte Version derselben, die wie folgt lautet:

\bf D = kPY

Die neue Quantitätsgleichung hat die gleiche Form wie die ursprüngliche, anstelle der Geldmenge M steht aber die Sichteinlagenmenge D. Was passiert nun mit dem Preisniveau? Das hängt davon ab, wie groß die Sichteinlagenmenge D wird. Im Extremfall wächst D solange, bis die Bank bei der Bedienung der täglichen Abhebungen an ihre Grenzen stößt, d.h. bis der tägliche Geldumsatz und damit das tägliche Abhebevolumen 100.000 Münzen beträgt (die gesamte Münzmenge). In diesem Fall wird der Preis eines Kilo Äpfels sich verzehnfachen und 100 Münzen betragen.

Die Einführung einer kreditvergebenden Bank löst also eine Geldentwertung von bis zu 1000% aus, obwohl die Bank nach wie vor kein Geld schöpft.

Wie interpretiert man nun diesen Sachverhalt. Hierzu gibt es zwei Ansätze;

Die erste Ansatz besteht darin eine Sichteinlage zu einer geldnahen Forderung zu erklären, heißt einer Forderung, die zwar keine Geldfunktion hat, aber schnell und ohne Kosten zu Geld gemacht werden kann. Die Bank kann also kein Geld schöpfen, dafür aber geldnahe Forderungen. Darauf basierend definiert man nun eine Geldmenge, die nicht nur das eigentliche Geld im Besitz der Nichtbanken (in unserem Beispiel gibt es so was nicht, weil alle Münzen bei der Bank liegen) sondern auch die geldnahen Forderungen umfasst. Das ist der Ansatz, den heute die Zentralbanken verfolgen, so enthält z.B. die Geldmenge M2 auch Festgeld, dass keine Zahlungsmittelfunktion erfüllt und damit kein Geld im eigentlichen Sinne ist (siehe hierzu auch diesen Beitrag von mir).

Der zweite Ansatz beläßt die Geldmengendefinition wie sie ist und sagt stattdessen, dass durch die Bankeinführung und damit verbundene Rationalisierung der Geldnutzung die Geldnachfrage stark gesunken ist – k beträgt nun 1 anstatt von 10. Das ist der Ansatz, den die moderne VWL verfolgt.

Beide Ansätze sind aber letztendlich identisch und was besonders wichtig ist: wenn man in einem makroökonomischen Modell unserer Volkswirtschaft den zweiten Ansatz verfolgt, muss man das Modell nicht ändern, wenn unsere Bank nun doch Überweisungen anbietet und die Sichteinlagen dementsprechend zu Geld werden. Man kann und darf trotzdem so tun, als ob die Münzen nach wie vor das einzige Geldmedium sind und nur die Geldnachfrage aufgrund der neuen Finanzinnovation (Überweisungsservice) weiter gesunken ist. Es besteht also keine Notwendigkeit aufgrund der Tatsache, dass Banken nun Buchgeld schöpfen, das Modell zu überarbeiten und Banken zu integrieren. Das ist m.E. genau das, was Krugman und Co. sagen wollen, und ich finde das Konzept inzwischen viel überzeugender als früher.

Advertisements

Die EZB-Hetze

Über die jüngste EZB-Kritik von Paul Kirchhoff ist in der Blogosphere schon alles gesagt worden, was sich sagen läßt – wenn Arne Kuster und Mark Schieritz beide meinen, dass jemand Unsinn redet, dann ist fast sicher, dass dieser jemand tatsächlich Unsinn redet, auch wenn er einen Professorentitel hat (in Jura, was ich bist jetzt gar nicht wusste) und sich als großer Wirtschaftsexperte verkauft. Ich kann mich nur den Argumenten von Kuster und Schieritz anschließen.

Das eigentliche Thema dieses Beitrags ist aber ein ganz anderes – in der letzten Jahren ist es in Deutschland in konservativen Kreisen, zunehmend salonfähig geworden gegen die EZB und ihr Spitzenpersonal zu hetzen, und das meistens mit sehr fragwürdigen ökonomischen und/oder juristischen Argumenten – der Unsinn von Herrn Kirchoff treibt das nur ganz ins Absurde, so dass es für jeden sichtbar wird, liegt aber ansonsten durchaus im Trend. Letzte Woche zum Beispiel habe ich in der Wirtschaftswoche einen Artikel über die letzte EZB-Sitzung gelesen, in dem der Autor die EZB beschwört „zur Besinnung zu kommen„, und wollte diesen auch in diesem Blog kommentieren, habe aber stattdessen diesen Beitrag geschrieben. Jetzt will ich das versäumte nachholen, weil es ja so gut zur Kirchhoff-Aufregung passt.

Zunächst einmal, was hat die EZB diesmal verbrochen? Die Antwort ist: sie überlegt es sich, dem Beispiel der Bank von England zu folgen, und ein neues Kreditprogramm für die Banken aufzulegen, mit der Vorgabe aber, dass diese das Geld an die Unternehmen in der Realwirtschaft weiteverleihen müssen. Das soll in den Augen des Autors ein ordnungspolitischer Sündenfall sein. Warum, fragt man sich natürlich, es ist ja bekannt, dass die Unternehmen im Süden Europas im Moment unter sehr schlechten Kreditversorgung leiden, warum sollte man also dem Missstand nicht abhelfen dürfen?

Der Autor führ dafür ganze vier Gründe nach, die auf den ersten Blick ganz gewichtig klingen, auf den zweiten aber gar keine ökonomische Substanz haben. Aber der Reihe nach, der erste Grund:

Erstens steht hinter der Kreditkontraktion eine geringere Nachfrage nach Krediten in den Krisenländern. Viele Unternehmen ächzen dort noch unter den hohen Verbindlichkeiten, die sie sich in den vergangenen Jahren aufgeladen haben. Sie haben nur wenig Interesse, sich in neue Schulden zu stürzen. Zudem bremst die schlechte Konjunktur die Investitionsbereitschaft der Betriebe. Ihre Nachfrage nach Krediten zum Kauf von Maschinen ist daher gering.

Klingt auf den ersten Blick alles logisch nicht wahr? Aber überlegen wir uns – wovon hängt in einer Marktwirtschaft die Nachfrage nach einem Gut ab? Richtig, vom Preis! Im Fall der Unternehmenskredite ist der Preis der Kreditzins, und dieser liegt im Süden bei ca. 6%, verglichen mit ca. 4% in Deutschland. Da wäre doch die Hoffnung begründet, dass die Absenkung der Zinses auf zumindest das deutsche Niveau die Kreditnachfrage erhöhen könnte, oder? Ein Versuch wäre es jedenfalls Wert. Auch die Aussage, dass die schlechte Konjunktur die Investitionsbereitschaft bremst ist richtig. Nur, wovon hängt die Konjunktur ab? Nicht zuletzt von Unternehmesinvestitionen – eine Lehrbuchweisheit. Wir haben es also mit einem klassichen Teufelkreis zu tun – die Betriebe investieren nicht, weil die Konjunktur schlecht ist, und die Konjunktur bleibt schlecht, weil die Betriebe nicht investieren. Was tut man nun, um den Teufelskreis zu durchbrechen. Beispielsweise könnte man versuchen dem Preis der Investitionen, also den Kreditzins zu senken – weiter siehe oben.

Kommen wir nun zum zweiten Grund:

Zweitens ist die Vorsicht, die die Banken bei der Kreditvergabe in den Krisenländern derzeit walten lassen, gut begründet. Nur wenn die Vergabe von Krediten auf rentable Projekte beschränkt bleibt, können Fehllenkungen knapper Ressourcen verhindert werden. Zudem sind die Banken gezwungen, für risikoreiche Kredite mehr Eigenkapital vorzuhalten. Da Eigenkapital knapp ist, überlegen sie sich genau, wem sie einen Kredit gewähren. Das ist gut so.

Hier reibt man sich wirklich verwundert die Augen. Fehllenkungen knapper Ressourcen! Anscheinend hat man dem Autor des Artikels vergessen mitzuteilen, dass der Süden Europas sich in der schwersten Depression seit dem zweiten Weltkrieg befindet, so dass eine Menge der angeblich knappen Resourcen einfach brach liegen und nur darauf warten wieder eingesetzt zu werden. Das mit dem Eigenkapital ist allerdings völlig richtig, weshalb seit Jahren und immer wieder eine Bankenrekapitalisierung in Europa angemahnt wird, bislang ohne Erfolg.

Der dritte Grund:

Drittens sind die Kreditschrumpfung und die deflationären Tendenzen in den Krisenländern Teil des marktwirtschaftlichen Bereinigungsprozesses, ohne den die Wirtschaft nach den Kreditexzessen und Preisblasen der vergangenen Jahre kein gesundes Fundament für einen Neustart findet. Wer diesen Prozess verhindert, indem er die Zinsen weiter senkt und immer neues Geld in die Wirtschaft pumpt, wie es die EZB tut, legt die Saat für neue Fehlinvestitionen und Preisblasen, die später unvermeidlich platzen und die Wirtschaft in eine neue Krise stürzen werden.

Dazu läßt sich folgendes sagen: mit diesem Absatz outet sich der Author als Anhänger der Ansichten Friedrich von Hayeks und der österreichischen Schule der Nationalökonomie. Diese Schule vertritt tatsächlich die Auffassung, dass jegliche staatliche Eingriffe zur Milderung der Konjunkturzyklen sehr schädlich sind und zu unterbleiben haben. Die Mainstream-VWL ist da ganz anderer Meinung, und diskutiert eher darüber, ober die Eingriffe durch die Fiskalpolitik oder Geldpolitik zu erfolgen haben.
Ist auch in Ordnung so, wenn der Author explizit sagen würde, von wo er seine Ideen bezieht, und auch vielleicht erwähnen würde, dass die österreichische Schule in der modernen VWL ein Nischendasein fristet, anstatt so zu tun, als ob diese Ideen allgemein anerkannt wären.

Und schließlich der vierte Grund:

Viertens läuft ein konditioniertes Geldleihgeschäft der EZB auf eine staatliche Kreditlenkung hinaus. Es wäre nur noch eine Frage der Zeit, bis die EZB auch vorgibt, welche Unternehmen in welchen Branchen in welchen Ländern von den Banken mit Krediten zu versorgen sind. Sie mutierte damit zu einer planwirtschaftlichen Monsterbehörde, die nicht nur durch die Finanzierung von Regierungen, sondern auch durch eine aktive Industrie- und Strukturpolitik per Kreditvergabe ihr Mandat selbstermächtigend ausweitet. Wohin derartiger planwirtschaftlicher Steuerungswahn führt, hat die Geschichte gezeigt.

Oh, je klingt aber sehr finster. Aber was zeigt uns die Geschichte nun wirklich, jetzt mal unabhängig davon, ob die EZB tatsächlich vorhat sich planwirtschaftlich zu betätigen? Welche Länder haben in der Geschichte, in der ansonsten marktwirtschaftlichen Ökonomie, staatliche Kreditallokation in mehr oder minder großem Maße betrieben. Nun, es waren viele, darunter so erfolgreiche, wie Japan, Südkorea, China, aber auch weniger erfolgreiche, wie Mexiko oder Brasilien. Wirtschaftlicher Ruin sieht jedenfalls anders aus, und vor allem lehrt uns die Geschichte, dass es nicht auf das Instrument ankommt, sondern darauf, wie er verwendet wird.

Über Verbindlichkeiten, Forderungen und Geld

Bin gestern via TAZ auf diesen Artikel von Axel Troost, einem Ökonom und Bundestagsmitglied, gestoßen, der zum x-ten Mal das ewige Thema aufgreift, die Möglichkeit einer Insolvenz der EZB, diesmal allerdings im Kontext der möglichen OMT-Staatsanleihenkäufe (wird ja bald vor dem Bundesverfassungsgericht erneut verhandelt) und der damit verbundenen Ausfallsrisiken.

Herr Troost behandelt das Thema sehr ausführlich und auf einem wirklich hohen Niveau, weshalb ich seinen Artikel jedem empfehle, der sich für dieses Thema interessiert, einem Detail allerdings schenkt er meiner Meinung nach nicht genug Aufmerksamkeit – die Rede ist von der besonderer Beschaffenheit der EZB-Verbindlichkeiten, die für die Tatsache verantwortlich ist, dass es für die EZB unmöglich ist illiquide zu werden, wie Herr Troost auch zurecht betont.

Dieses Detail ist es, das ich im heutigen Beitrag erörtern werde (der damit eine Erweiterung und Vertiefung von meinem letzten Beitrag zum gleichen Thema ist), und beginnen will ich mit der Definition des Begriffes Verbindlichkeit. Die Wikipedia-Definition ist meiner Ansicht nach nicht klar genug, deshalb folgt hier, anders als sonst bei mir üblich, meine eigene:

Eine Verbindlichkeit einer Partei, einem Schuldner, gegenüber einer anderen Partei, einem Gläubiger, besteht dann, wenn sich der Schuldner vertraglich verpflichtet dem Gläubiger gegenüber eine Leistung zu erbringen. Das Gegenstück zu einer Verbindlichkeit ist die Forderung des Gläubigers gegenüber dem Schuldner, die sich im vertraglichen Anspruch des Gläubigers auf die seitens des Schuldners zu erbringende Leistung (s.o) manifestiert. Eine Verbindlichkeit und die dazugehörige Forderung werden beglichen und erloschen, wenn die mit ihnen verknüpfte Leistung erbracht worden ist.

Grundsätzlich kann man also jede vertragliche Verpflichtung als Verbindlichkeit betrachten, so hat jeder Arbeitnehmer gegenüber seinem Arbeitgeber eine Verbindlichkeit, die ihn dazu verpflichtet jeden Monat und solange der Arbeitsvertrag besteht eine bestimmte Arbeitsleistung zu erbringen. Im Gegenzug hat der Arbeitnehmer gegenüber dem Arbeitgeber eine Forderung, die den Arbeigeber verpflichtet an jedem Monatsende, und solange der Arbeitsvertrag besteht, eine bestimmte Summe auf das Konto des Arbeitnehmers zu überweisen.

In unserem Kontext sind jedoch nur Verbindlichkeiten und Forderungen finanzieller Art von Interesse, diese Verbindlichkeiten bzw. Forderungen verpflichten den Schuldner dem Gläubiger zu einem bestimmten Termin oder auch auf Anforderung eine bestimmte Summe Geld auszuhändigen. Was ist aber Geld? Geld kann man, je nachdem worüber man redet, auf unterschiedliche Arten definieren, für unseres Thema jedoch ist es zweckmäßig eine engere Definition des Geldes als gesetzliches Zahlungsmittel zu verwenden – unter diesen Begriff fallen Bargeld sowie Guthaben auf den EZB-Konten (die allerdings nur für Banken eine Rolle spielen). Die Guthaben auf Girokonten bei den Geschäftsbanken dagegen sind in diesem Sinne kein Geld – obwohl sie als Zahlungsmittel fungieren, sind sie keine gesetzlichen Zahlungsmittel und insbesondere kann man damit streng juristisch gesehen keine Geldschuld tilgen. Sie sind vielmehr Verbindlichkeiten der Banken gegenüber den Kontoinhabern, durch welche die Banken sich verpflichten auf Anforderung Geld herauszugeben.

Wenn also im weiteren Verlauf von Verbindlichkeiten bzw. Forderungen die Rede ist, dann sind, wenn nicht explizit anders definiert, auschließlich Verbindlichkeiten bzw. Forderungen gemeint, die auf Geld lauten.

Nachdem wir Verbindlichkeiten und Forderungen (finanzieller Natur) definiert haben, können wir jetzt zwei weitere Begriffe definieren, und zwar Insolvenz und Illiquidität:

Ein Unternehmen, eine Institution oder eine Privatperson werden zu einem Zeitpunkt als illiquide bezeichnet, wenn sie nicht in der Lage sind ihre Verbindlichkeiten zu begleichen. Eine Bank z.B. ist dann illiquide, wenn sie nicht in der Lage ist den Forderungen ihrer Kunden nach Bargeld nachzukommen. Ein Unternehmen oder eine Privatperson ist z.B. dann illiquide, wenn sie nicht in der Lage sind Ratenzahlungen auf ihren Kredit zu leisten.

Als insolvent werden Unternehmen, Institutionen oder Privatpersonen dann bezeichnet, wenn die Summe ihrer Verbindlichkeiten die Summe Ihrer Forderungen übersteigt (man spricht dann vom negativen Eigenkapital) und zwar unabhängig davon, wann die Verbindlichkeiten bzw. Forderungen fällig werden.

Diesen Definitionen kann man indirekt eine wichtige Tatsache entnehmen: obwohl die beiden Zustände der Illiquidität und der Insolvenz im Volksmund oft unter dem Begriff Pleite miteinander vermengt werden, bestehen sie unabhängig voneinander – ein Unternehmen kann sowohl insolvent aber liquide sein, als auch solvent aber illiquide. Somit kann es durchaus sein, dass ein insolventes Unternehmen seine Verbindlichkeiten eine ganze Weile bedienen kann, möglicherweise sogar unendlich lange, so dass die Gläubiger keine Verluste erleiden. Allerdings erhöht ein solcher Zustand, zumindest in den Augen des Gesetzgebers, die Wahrscheinlichkeit, dass die Illiquidität zu einem späteren Zeitpunkt doch eintritt, weshalb ein insolventes Unternehmen verpflichtet ist seine Insolvenz bekanntzugeben, um einen möglichen Schaden für die Gläubiger zu minimieren. Das Unterlassen dieser Bekanntgabe ist bekanntlich strafbar, und wird als Insolvenzverschleppung bezeichnet.

Alles bis hierher gesagte ist auf jede Person, Unternehmen, oder auch eine Regierung anwendbar, aber gilt es auch für Zentralbanken? Werfen wir einen Blick auf die (stark vereinfachte) Bilanz der EZB:

Die Verbindlichkeiten der EZB, oder zumindest, das was die EZB als ihre Verbindlichkeiten ausweist, stehen auf der rechten Seite der Bilanz und sind nichts anderes als…Geld. Das heißt, jeder 10-Euro-Schein, den jemand in seiner Geldbörse mit sich herumträgt, ist, laut der dieser Bilanz, eine Forderung des Besitzers gegenüber der EZB. Die Frage ist nur, welche Leistung ist mit dieser Forderung verknüpft? Eine Geldforderung ist ein 10-Euro-Schein schon mal nicht, das dürfte wohl klar sein, denn die 10 Euro hat man ja schon, die braucht mal also nicht erst bei der EZB holen. Was ist es dann? Die Antwort ist einfach: es gibt diese Leistung nicht, sprich die sogenannten Verbindlichkeiten der EZB sind gar keine Verbindlichkeiten im herkömmlichen Sinne des Wortes, weil damit gar keine Leistung verknüpft ist, die von der EZB erbracht werden müsste. Anders ist es mit Forderungen der EZB, die auf der linken Seite der Bilanz aufgeführt sind, das sind echte Geldforderungen, die den Anspruch der EZB gegenüber anderen Parteien (meistens Geschäftsbanken) auf Lieferung von Geld begründen.

Die Konsequenz aus all dem ist eindeutig – die Geldverbindlichkeiten der EZB sind stets 0 und ihr Eigenkapital ist immer positiv, wenn man die beiden Begriffe so definiert, wie man es bezogen auf alle anderen Personen, Unternehmen, Institutionen tut, also kann die EZB weder illiquide noch insolvent werden.

Die ganze Verwirrung entsteht also dadurch, dass die EZB-Bilanz Dinge als (Geld)Verbindlichkeiten aufführt, die gar keine sind.

Aber warum tut die EZB (wie andere Zentralbanken auch) so etwas? Dafür gibt es zwei Gründe:

Der erste Grund ist Tradition. Bis ca. Anfang der dreißiger Jahren herrschte bekanntlich Goldstandard, was bedeutete, das nicht die Banknoten und Guthaben bei der Zentralbanken gesetzliche Zahlungsmittel und damit Geld waren, sondern Gold. Unter diesem Regime waren die Banknoten und Zentralbankguthaben echte Verbindlichkeiten, die die Zentralbank verpflichteten für jede Banknote auf Anforderung eine bestimmte Menge Geld auszugeben. Damals machte es also durchaus Sinn die Banknoten und Zentralbankguthaben als (Gold/Geld)Verbindlichkeiten aufzufassen und diese entsprechend in der Bilanz aufzuweisen. Es war auch unter Goldstandard durchaus vorstellbar, dass eine Zentralbank illiquide und/oder insolvent wird – und genau das passierte dann auch Ende der dreißiger Jahre mit einer Reihe von Zentralbanken, das war dann das Ende des Goldstandards und die Geburt des heutigen Systems. Der Goldstandard ist tot, aber die Zentralbankbilanzen werden nach wie vor so erstellt, wie zu seiner Blütezeit, und verwirren die Fachleute, die Medien, und die restliche Bevölkerung.

Der zweite Grund, zumindest im Euroraum, ist die Notwendigkeit einer Regelung des sogenannten Seignorage-Gewinns, des Geldbetrags, der von der EZB jährlich an die nationalen Regierungen des Euroraums überwiesen wird. Würde man diesen Beitrag wilkürlich festsetzen, würde das direkte monetäre Staatsfinanzierung bedeuten, die aus guten Gründen verboten ist. Deswegen muß man das ganze anders verkleiden und so tun, als ob die Zentralbank eine normale Geschäftsbank wäre, mit einer Bilanz, Einnahmen, Ausgaben, und vor allem Gewinn – das den jeweiligen Regierungen, als Bankeigentümer „zusteht“.