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Grdefault und Grexit – synonym oder nicht

Nachdem sich das griechische Drama unaufhaltsam seinem Ende nähert, wenn auch bis jetzt noch niemand weiß, wie dieses Ende aussehen wird, will ich heute noch einmal zu einer Frage zurückkehren, die ich hier schon einmal erörtert habe – wieso in aller Welt setzen die (allermeisten) deutschen Medien und Blogger als selbstverständlich voraus, dass auf einen Grdefault bzw. auf Deutsch – eine griechische Staatspleite – notwendigerweise ein Grexit, also ein Austritt Griechenland aus der Eurozone folgen muß.
In der englischsprachigen Welt ist es inzwischen anders – siehe z.B. die Beiträge von Simon Wren-Lewis, John Cochraine oder Wofgang Münchau ( wieso eigentlich kann der nicht das gleiche auch in SPON veröffentlichen? ).

Tatsächlich ist die Frage sehr wichtig – denn wovor sowohl die Griechen als auch die anderen Europäer aber auch die Finanzmärkte richtigerweise Angst haben, dass ist der Grexit, denn danach wäre die Eurozone nie mehr die gleiche wie zuvor – eine Währungsunion aus der Mitglieder austreten können ist keine Währungsunion mehr sondern nur noch ein verschleiertes System der festen Wechselkurse (auch wenn Hans-Werner-Sinns dieser Welt den Unterschied nicht verstehen). Ein Grdefault dagegen wäre anders als vor 5 Jahren, als die griechische Krise begann, durchaus beherrschbar, denn während damals der Großteil der Schulden Griechenlands von europäischen, meistens französischen, Banken, gehalten wurde, weshalb eine Staatspleite eine Implosion des europäischen und auch internationalen Bankensystems zur Folge hätte, ähnlich wie die Lehman Brothers-Pleite 3 Jahre zuvor, sind es heute die öffentlichen Kreditgeber, die den Großteil der Schuldtitel halten, und die Banken sind kaum mehr involviert. Eine Staatspleite Griechenlands wäre also zwar schmerzlich für diese öffentlichen Kreditgeber, die das Geld endgültig abschreiben müssten, eine Finanzkrise würde daraus aber nicht entstehen.

Warum sind also alle davon überzeugt, dass Griechenland aus der Eurozone austreten muss, wenn es seine Schulden nicht mehr bedienen kann? Die (indirekte) Begründung lautet wie folgt: wenn die griechische Regierung eine Insolvenz erklärt, dann wären auch die griechischen Banken insolvent, die in ihren Büchern (Stand 2014) ca. 25 Mrd an griechischen Staatsanleihen haben. An insolvente Banken darf die EZB aber kein Geld leihen, also wären die griechischen Banken von der Euro-Versorgung abgeschnitten und Griechenland wäre gezwungen den Euro zu verlassen.

Diese Begründung gilt allerdings nur dann, wenn die Staatspleite alle Schuldtitel erfassen würde, auch die von griechischen Banken gehaltene. Wäre es dagegen möglich, dass die griechische Regierung zwar eine Pleite erklärt, die von griechischen Banken gehaltenen Anleihen aber davon explizit ausnimmt, würde Begründung nicht mehr gelten. Griechenland würde also in diesem Szenario durchaus in der Eurozone bleiben können.

Die Voraussetzung dafür wäre es, dass die anderen, speziell die öffentlichen Kreditgeber, auf Ihr Geld freiwillig verzichten ohne Griechenland via EZB mit dem Rauswurf aus der Eurozone zu bestrafen. Oder mit anderen Worten: ob auf ein Grdefault ein Grexit folgt, hängt alleine von den Kreditgebern ab, zwingend notwendig ist es keinesfalls.

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Ein Danaergeschenk

So, heute wollte ich eigentlich mal wieder über Zentralbanken schreiben aber die griechische Tragödie läßt einen ja nicht los – jetzt bekommen die Griechen ein Geschenk von Putin – 5 Mrd EUR in bar.

Offiziell handelt es laut Spiegel-Online sich nicht um ein Geschenk, sondern um „eine Vorauszahlung für die neue Pipeline Turkish Stream fließen, die russisches Gas über die Türkei und Griechenland nach Europa bringen soll“. Warum spreche ich also von einem Geschenk?

Ganz einfach – was ist überhaupt „Turkish Stream“. Das ist ein Ersatz für die geplatze „South Stream“, auch eine Pipeline, die das russische Gas nach Europa bringen sollte. Beider Zweck ist es die Ukraine zu umgehen. Nur, warum war die South Stream überhaupt geplatzt. In Russland raunt man von dunklen Kräften (in den USA beheimatet), denen die russische Größe ein Dorn im Auge ist, die Wahrheit ist aber viel prosaischer: die Europäische Kommission war der Meinung, dass die geplante Pipeline dem EU-Recht widersprechen würde, denn dieses verbietet es u.a, dass ein Erdgaslieferant zugleich auch den Zugang zu den Pipelines kontrolliert. Deshalb hat Bulgarien den Bau stoppen müssen und schließlich hat Russland selbst endgültig den Stecker gezogen.

Meines Wissens hat die EU-Kommission ihre Meinung seitdem nicht geändert, und da Griechenland (noch) EU-Mitglied ist, hat es das gleiche Problem wie Bulgarien. Es besteht also eine sehr gute Chance, dass das Geld zwar fließt, aber die neue Pipeline das gleiche Schicksal erleidet, zumal die meisten Europäer angesichts der letzten Entwicklungen um Russland nicht unbedingt darauf brennen ihre Abhängigkeit vom russischen Gas auszubauen.

Deshalb kann man mit Fug und Recht von einem Geschenk sprechen – Geld heute gegen höchst ungewisse Leistung in Zukunft. Es sei denn … die eigentliche Leistung ist eine ganz andere. Ich könnte mir durchaus eine stille Übereinkunft vorstellen, dass die griechische Regierung die EU-Sanktionen gegen Russland blockiert und damit die (bis jetzt) einheitliche westliche Front gegen die russischen Ukraine-Abenteuer aufbricht. Das würde es den Russen die 5 Mrd durchaus Wert sein, für Europa allerdings, und speziell für die Teile, die sich von Russland (angesichts der Ereignisse des letzten Jahres durchaus zurecht) bedroht fühlen, wäre es ein Desaster. Große Überwindung würde von seiten der aktuellen griechischen linsks-rechten Regierung ohnehin nicht nötig sein – in diesem Interview in gazeta.ru (eine russische Online-Zeitung, die als regierungskritisch gilt), spricht der griechische Verteidigungsminister Panos Kammenos von der „faschistischen ukrainischen Regierung“ (das Interview ist natürlich auch in russisch, daher wird der Leser mir wohl oder übel glauben müssen :-)). Dass (beinahe)Faschisten neuerdings Andere Faschisten rufen ist übrigens mehr as ironisch.

Und noch etwas erfüllt einen regelrecht mit einer Bewunderung, monatelang wird in der deutschen Öffentlichkeit darüber gezetert und gemosert, dass (schon wieder) ca. 2 Mrd an Griechenland fließen sollen (der deutsche Anteil an 7,2 Mrd) und in Russland gibt es anscheinend Geld wie Heu und so verschenkt Putin nebenbei 5 Mrd. Das zu einer Zeit wo in Moskau aus Geldmangel Krankenhäuser geschlossen werden. Und regt sich jemand in Russland darüber auf? Fragen etwa Duma-Abgeordnete was das soll? Nein, Duma-Abgeordnete sind derzeit damit beschäftigt die russische Jugend vor dem sittlichen Verfall zu bewahren, da bleibt eben keine Zeit für schnöde Geld-Fragen, außerdem der Zar weiß schon was er tut, und das Parlament ist im putinschen Russland sowieso kein Ort für Diskussionen.

Was ist los mit griechischen Renten

Vor ca. einer Woche ging durch die deutschen Medien ein neuer Aufschrei zum Thema „arme Deutschen zahlen für reiche (und faule) Südländer“, diesmal ging es konkret um griechische Rentner, die angeblich reicher sein sollen als deren deutsche Gegenparts. Konkret soll die durchschnittliche griechische Rente (966 EUR) ca. 6% über der westdeutschen Durchschnittsrente (896 EUR) und sogar ganze 30% Prozent über der ostdeutschen (734 EUR) liegen. Das Problem mit solchen selektiv gewählten Zahlen ist immer, dass man nie weiß, ob da nicht gerade Äpfel mit Birnen verglichen werden. So wurden für den Vergleich offensichtlich nur deutsche gesetzliche Renten herangezogen, Beamtenpensionen dagegen, die in Deutschland bekanntlich viel üppiger sind, wurden nicht verglichen. Überhaupt ist nicht klar, ob es in Griechenland so etwas wie getrennte Altersversorgung für Staatsbedienstete gibt (weiß es jemand vielleicht?).

Und so habe ich jetzt versucht anhand der Eurostat-Daten einen mehr oder weniger objektiven Vergleich der staatlichen Altersversorgungsausgaben beider Länder herzustellen – indem ich diese Ausgaben pro Person im 60+- Alter für beide Länder berechnet habe. Die (krude) Begründung für gerade diese Zahl ist, dass die allermeisten Rentner bzw. Pensionäre (und deren Witwen, denn die Altersversorgungsausgaben nach Eurostat beihalten auch die Witwenrenten) wohl in diesem Alter sind, und umgekehrt der überwiegende Teil der Personen dieses Alters schon Rente bzw. Pension bezieht, so dass die Zahl eine gute Näherung für tatsächliche (Brutto-) Renten und Pensionen ist.

Das Ergebnis für das Jahr 2012 (für spätere Jahre hat Eurostat keine Zahlen): 15160 EUR pro Jahr in Deutschland sowie 11360 EUR in Griechenland. In Griechenland ist es also doch um ein Viertel weniger, und ehrlich gesagt würde mich alles andere sehr wundern, denn das griechische Pro-Kopf-BIP im Jahr 2012 (17500 EUR) lag bei kaum der Hälfte des Deutschen (33600 EUR) – grundsätzlich sind die Griechen also viel ärmer als die Deutschen, warum sollte es für die alten Griechen anders sein? Es fällt im Übrigen auch auf, dass die griechischen 11360 EUR pro 60+-Person sehr gut zu der oben angegebenen griechischen Durchschnittsrente passen, während die deutsche Summe vom 15160 EUR weit über sowohl der westdeutschen als auch der ostdeutschen Durchschnittsrente liegt, das bestärkt mich in der Vermutung, dass Äpfel mit Birnen verglichen werden.

Es fällt allerdings auch ein anderer Punkt auf: die Altersversorgungsausgaben pro 60+Plus-Person liegen in Deutschland bei 45% des Pro-Kopf-BIP, während die entsprechende griechische Zahl 65% ist. Der Unterschied ist wirklich groß, wenn man allerdings weiter in die Vergangenheit geht, stellt man fest, dass es sich um ein neues Phänomen handelt (siehe folgende Grafik), denn noch 2007 lag das Verhältnis sowohl in Deutschland als auch in Griechenland bei ca. 47%.

Verhältnis Rentenausgaben/BIP

Was ist passiert? Die Antworten findet man in beiden folgenden Grafiken:

Enwicklung nom. BIP pro Kopf

Entwicklung Rentenausgaben pro 60+-Person

Während das nominale BIP pro Kopf in Griechenland im Zeitraum 2007-2012 um 16% abgestürzt ist, ist es in Deutschland um 10% gestiegen. Gleichzeitig sind die Altersversorgungsausgaben pro 60+-Person in Griechenland um 17% gestiegen, in Deutschland aber nur um 5%.

Nun, dass die griechische Wirtschaft abgestürzt ist, ist allgemein bekannt, aber hat man uns nicht über einschneidende Sparmaßnahmen in Griechenland erzählt? Wie ist das zu vereinbaren mit stark steigenden Rentenausgaben.
Die Antwort ist: wie absurd das auch klingt – aber wahrscheinlich haben gerade die Sparmaßnahmen diesen Anstieg verursacht. Denn, der durch sie verursachte sprunghafte Anstieg der Arbeitslosigkeit betraf zwar mehrheitlich junge Leute, dennoch sind gewiss auch nicht wenige ältere betroffen gewesen. Und was macht man mit einem sagen wir 60-jährigen, der die Arbeit verlor und in einer Wirtschaftskrise wohl kaum eine neue finden wird. In Griechenland wie in Deutschland – man schickt ihn in eine Frührente. Und schon steigen die Rentenausgaben.

Fazit: zwar kriegen die Rentner in Griechenland ein größeres Stück vom Gesamtkuchen als in Deutschland (während sie absolut höchstwahrscheinlich doch weniger bekommen). Das aber nur weil der Gesamtkuchen so stark geschrumpft ist, kaum ein Grund zur Freude für sie.

Griechen und ihre Kreditoren oder wer zahlt wem wieviel

Als ich letzte Woche den heutigen Beitrag (den mittlerweile schon dritten zum Thema Griechenland in Folge) vorbereitet habe sah es aus als ob es in der griechischen Drama eine temporäre Beruhigung geben würde, tja zu kurz gedacht – wieder Aufregung.

Nichtsdestotrotz passt der Inhalt nach wie vor thematisch gut, oder vielleicht sogar besser – es geht nämlich um die Details der griechischen Staatsverschuldung, die ich am letzten Wochenende in mühevoller Kleinarbeit zusammengetragen habe, um die Lage einigermaßen zu verstehen.

Bevor wir allerdings zu den nackten Zahlen kommen, ein paar Anmerkungen zur Einführung:

Die griechische Regierung schreibt nun seit ca. einem Jahr Primärüberschüsse, folgerichtig wird das ganze Geld, dass die Regierung sich bei Kreditoren leiht, für die Zahlungen an eben diese Kreditoren verwendet, die Griechen selbst sehen von diesem Geld nichts. Für die Kreditoren handelt es sich also um eine „linke Tasche – rechte Tasche“-Übung, was sie aus der linken Tasche der griechischen Regierung leihen kommt in die rechte Tasche wieder rein (plus Primärüberschuß). Dies gilt allerdings nur, wenn man die Kreditoren als Ganzes betrachtet. Da es aber mehrere Kreditoren gibt, deren Kredite und Zinsen zu unterschiedlichen Zeiten fällig werden, gibt es, in einem gegebenen Zeitraum, unter den Kreditoren „Nettozahler“, die an die griechische Regierung mehr zahlen als empfangen und umgekehrt „Nettoempfänger“, die dementsprechend mehr bekommen als sie zahlen.

Genau das wird nun in der folgender Tabelle dargestellt, wo die größten Kreditoren(gruppen) der griechischen Regierung und deren Zahlungen bzw. Zahlungssalden für das laufende Jahr 2015 dargestellt sind, dazu noch die Verbindlichkeiten der griechischen Regierung gegenüber dem jeweiligen Kreditor (Stand 31.12.2014). Da wir uns ja schon im März befinden, sind einige Zahlungen mittlerweile geflossen, so dass sich das Bild wieder verändert haben wird.

/ EU-Regierungen EZB IWF Private Kreditoren
Verbindlichkeiten 194,7 19,8 34,0 55,5
Rückzahlungen 0,4 8,0 9,4 16,0
Auszahlungen 1,8 0 5,6 14,5
Saldo -1,4 8,0 3,8 1,5

Alle Angaben in Mrd EUR

So was lernt man nun aus diesen Zahlen? Zum einen sind die europäischen Regierungen, die derzeit so hart mit den Griechen verhandeln sowohl der größte Kreditor – ca zwei Drittel der griechischen Staatsverschuldung entfallen auf sie, als auch der einzige Nettozahler. Der größte Nettoempfänger ist dagegen die EZB, die in 2015 8 Mrd EUR empfangen soll (wobei natürlich die Trennung zwischen der EZB und den Regierungen eine eher künstliche ist).

Zum anderen aber, und das ist viel wichtiger, klafft in 2015 eine Finanzierungslücke von ca. 12 Mrd EUR eine Summe, welche die griechische Regierung unmöglich selbst erwirtschaften kann. Selbst, wenn der Primärüberschuss, wie nach früheren Plänen gewollt, bei 3,0% des BIP liegen würde, entspräche das schätzungsweise 9,0 Mrd EUR, es bliebe also immer noch ein Rest von 3 Mrd EUR. Realistischer wäre es allerdings von einem Primärüberschuss von ca. 4 Mrd EUR auszugehen, d.h. die Griechen müssen sich in diesem Jahr zusätzlich zum bereits geplanten Krediten weitere 8 Mrd EUR leihen. Diese 8 Mrd müssen spätestens im Juli/August da sein, um die Ansprüche der EZB befriedigen zu können. Aber vielleicht kommt bis dahin noch ein Schuldenschnitt und/oder der Grexit.

Wie geht es nun weiter? Nun, kurzfristig müssen die Griechen jetzt unbedingt die zugesagten 7,2 Mrd EUR bekommen, die sie dringend benötigen um die IWF-Rückzahlungen bis Ende Juni zu leisten, es handelt sich um 6,1 Mrd EUR, davon ca. 1,5 Mrd EUR in den kommenden drei Märzwochen. Mit Ach und Krach haben sie es in diesem Jahr bisher geschafft ca. 1.8 Mrd EUR aus eigener Kraft aufzutreiben, hauptsächlich über sogenannte T-Bills, jetzt allerdings stellt sich die EZB quer, so dass dieser Weg höchstwahrscheinlich versperrt ist. Lange geht es also nicht mehr gut.
Falls das überstanden wird (ein großes falls) , kommt Ende Juni die große Frage woher die ca. 8,5 Mrd Euro kommen sollen, die im Juli und August anfallen, davon ca. 8 Mrd EUR für die EZB. Es bleibt also spannend.

Der Primarüberschuss oder was die Griechen wollten

Nun sieht es so aus, als ob ob die griechische Regierung in ihren Game of Chicken mit dem Rest der Eurozone, angeführt von der Bundesregierung, doch als erste ausgewichen und ist nun bereit alle Forderungen der Gläubiger zu erfüllen.

Nun wird es Zeit zu rekapitulieren worum es in dem Streit wirklich ging, denn sowohl die Griechen als auch ihre Gegner haben alles getan um das zu verschleiern, möglicherweise haben sie es nicht einmal selbst immer vor Augen gehabt.

Das Zauberwort in diesem Zusammenhang heißt Primärüberschuss, was nichts anderes ist, als der Teil der Staatseinnahmen, die der Staat für seinen Schuldendienst aufwendet, und die somit für andere Zwecke, wie z.B. Investitionen oder Sozialausgaben fehlen. Die Kreditgeber Griechenlands haben darauf bestanden, dass die griechische Regierung in 2015 einen Primärüberschuss von 3% des BIP erwirtschaftet, und ab 2016 von 4,5%. Andernfalls würden sie den Kredithahn zudrehen, und die Kredite braucht Griechenland, weil selbst ein so großer Überschuss nicht ausreicht um den gesamten Schuldendienst zu stemmen, insbesondere weil 2015 große Teile der IMF und EZB-Kredite getilgt werden.

Die griechische Regierung hat dagegen argumentiert, dass ein so großer Überschuss der ohnehin schon depressiven griechischen Wirtschaft endgültig garaus machen würde und hat 1,5% angeboten.

Das Ergebnis steht im Statement der Euro-Gruppe wie folgt:

The Greek authorities have also committed to ensure the appropriate primary fiscal surpluses or financing proceeds required to guarantee debt sustainability in line with the November 2012 Eurogroup statement. The institutions will, for the 2015 primary surplus target, take the economic circumstances in 2015 into account.

D.h. möglicherweise werden die „Institutionen“, früher als Troika bezeichnet, doch Milde walten lassen, ist aber unwahrscheinlich. Bin gespannt wie die griechische Regierung das zu Hause erklären wird.

Griechenland – die Pleite und der Grexit

In der umfangreichen Berichterstattung über die neue griechische Regierung und ihre Verhandlungen mit ihren Gläubigern, speziell mit Deutschland, wird als selbstverständlich vorausgesetzt, dass ein einseitig erklärter Schuldenschnitt seitens Griechenland automatisch zum Rauswurf Griechenlands aus der Eurozone führt. Der britsche Blogger Simon Wren-Lewis fragt hier aber zurecht, warum das eigentlich so selbstverständlich sein soll:

It might appear as if the creditors have an extra card in this particular case – they can throw Greece out of the Eurozone. Be absolutely clear, that is a threat being made by the creditors. Greece under Syriza has no intention of leaving the Euro, even if they defaulted on all their debt, so they would have to be forced out. I have never seen it set out clearly how the rest of the Eurozone would force Greece to leave without compromising the independence of the ECB, but let’s assume that they have the power to do so.

Tatsächlich gibt es meines Wissens keinerlei juristische Grundlage für einen Zwangsauschluß aus der Eurozone, ja, nicht mal ein freiwilliger Austritt ist eigentlich vorgesehen. Und so wird in den seltensten Fällen, in denen die Zwangsläufigkeit des Grexits begründet wird, diese mit der Macht der EZB begründet (in diesem Fall vergessen plötzlich alle, dass sie noch gestern der EZB die Überschreitung ihrer Kompetenzen vorgeworfen haben). Die Argumentation geht dann so: nach einem Schuldenschnitt werden auch die Staatsanleihen im Besitz der griechischen Banken nichts mehr Wert sein, somit würden sich die Banken bei der EZB nicht mehr refinanzieren können, was zu einem Zusammenbruch des griechischen Finanzsystems führen würde, dem Griechenland nur entgehen kann, indem sie aus dem Euro austritt, so dass die griechischen Banken sich (in einer neuen Währung) bei der dann wieder unabhängigen griechischen Zentralbank refinanzieren können. D.h. eigentlich würde man die Griechen nicht wirklich rauswerfen, sondern (durch die EZB) die Bedingungen schaffen, unter denen sie freiwillig austreten.

Abgesehen von der berechtigten Frage nach der Unabhängigkeit der EZB, die Simon Wren-Lewis stellt (was mach die Gläubiger so sicher, dass die EZB mitspielt und das griechische Finanzsystem tatsächlich kollabieren läßt), gibt es noch eine weitere Frage: was würde griechische Regierung denn daran hindern nachdem die alten Schulden annulliert sind die Banken des Landes sofort mit neuen Staatsanleihen zu rekapitalisieren? Die so neu entstehende Staatsschuld würde auf jeden Fall viel viel kleiner sein als die alte, weil die griechischen Banken nur einen kleinen Teil der aktuellen Staatsschuld halten. Die Staatsschuldensituation des Landes würde sich sofort von „hoffnungslos“ zu „glänzend“ wandeln, insbesondere unter der Berücksichtigung der Tatsache, dass der griechische Staatshaushalt inzwischen einen Primärüberschuss aufweist, den auch die neue Regierung beibehalten will, wenn auch in kleineren Umfang.

Unter diesen Umständen ist es nicht ganz klar, warum die EZB sich weigern sollte die neuen Staatsanleihen als Sicherheit zu akzeptieren. Der einzige Grund, der mir einfällt wäre es, dass anders als noch 2010 die griechische Staatsschuld sich nicht mehr überwiegend aus nach griechischem Recht ausgegebenen Anleihen besteht, die Regierung im Notfall annulieren kann, sondern aus Bailoutkrediten internationaler Institutionen wie IWF oder EFSF, die nach internationalem Recht unter internationaler Gerichtsbarkeit vergeben werden. Diese Institutionen würden wahrscheinlich gegen einen einseitigen Schuldenschnitt vor nicht-griechischen Gerichten klagen (können), und im Anschluß ggf. alle internationalen Einnahmen und Ausgaben des griechischen Staates pfänden, so dass die neuen Staatsanleihen international tatsächlich wertlos wären.

Heißt – Griechenland hat möglicherweise einen großen Fehler gemacht, nicht schon 2010 einen Staatsbankrott zu erklären.