Monatsarchiv: August 2014

Wieder der kranke Mann?

Noch vor 10 Jahren hat war die wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland derart ungünstig, dass das Land oft als „kranker Mann“ Europas bezeichnet wurde. Seitdem hat sich das Bild radikal gewandelt und die Deutschen genießen ihren wiedergewonnenen Status als die stärkste und leistungsfähigste Wirtschaftsmacht Europas.

Wird es so bleiben? Zumindest wenn man der OECD glaubt, sind Zweifel angesagt. In ihrer Prognose für die nächsten 17 Jahre schätzt die OECD (unter vielem anderen) die Wachstumsperspektiven ihrer Mitglieder für die Jahre 2014-2030, ich habe die Ergebnisse für die 5 größten Volkswirtschaften der EU in der folgenden Grafik zusammengetragen:

Potenzialwachstum EU 2014-2030

Beim prognostizierten langfristigen Wachstum landet Deutschland mit 1,1% jährlich auf dem letzten Platz, fürs erstplatzierte Großbritannien wird mehr als doppelt so viel (2,6%) prognostiziert.

Wenn man das Wachstum pro Einwohner betrachtet, sieht das Bild zwar besser aus: Deutschland liegt mit 1,3% auf dem dritten Platz, aber auch da liegen die Werte von Frankreich (1,8%) und Großbritannien (2,0) deutlich darüber.

Während Deutschland heute aufgrund der Größe ihrer Volkswirtschaft als unangefochtene (wirtschaftliche) Führungsmacht in Europa gilt (und spätestens seit dem Ausbruch der Eurokrise 2010 sich auch als solche benimmt), wird es in Zukunft, sollte sich die Prognose der OECD bewahrheiten, anders aussehen:

Bruttoinlandsprodukt EU 2014 und 2030

Zwar behält Deutschland seine Führungsposition, der Abstand zum Zweitplazierten Frankreich verringert sich aber von 34% auf nur noch 10%. Das gleiche gilt auch für Großbritannien. Unter diesen Umständen wird die Aufrechterhaltung der Führungsmachtposition selbstverständlich schwieriger.

Hier noch vollständigkeitshalber die Werte pro Einwohner:

Bruttoinlandsprodukt pro Einwohner EU 2014 und 2030

Was ist nun der Grund für diese Entwicklung, und können die Deutschen dies ändern? Die Antwort ist banal – Demografie. Erstens wächst die deutsche Bevölkerung langsamer als die von Frankreich und Großbritannien (bzw. sie schrumpft sogar) und zweitens altert sie schneller als die anderen. Unter solchen Umständen ist es kein Wunder, dass die Wirtschaft langsamer wächst – ohne Arbeiter keine Produktion. Und die letzten Entscheidungen auf dem Arbeitsmarkt verstärken diesen Trend nur.

Die andere Frage ist es, ob die Entwicklung wirklich negativ ist. Für mich sieht es nicht so aus, als ob Europa unter deutscher Führung wirklich gut fährt, vielleicht wird es gar nicht so schlecht sein, wenn die anderen Länder mehr zu sagen haben.

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Kapitalflucht aus Russland – Fortsetzung

Seit meinem Beitrag über die Kapitalflucht aus Russland sind inzwischen 4 Monate vergangen, in denen ziemlich viel passiert ist. Die Krim-Annexion ist mittlerweile eine feste Tatsache, in der Ostukraine tobt ein Bürgerkrieg und Russland befindet sich inzwischen in einem Wirtschaftskrieg mit der westlichen Welt. Anlass genug, mal zu schauen wie sich die Zahlen zur russischen Kapitalbilanz weiterentwickelt haben.

Auf der Seite der russischen Zentralbank sind mittlerweile die Daten zum zweiten Quartal 2014 zu finden, das allerdings zu Ende gegangen war, bevor der Sanktionenaustausch begann. Die Werte sind auf der folgenden Grafik zu sehen, zusammen mit aktualisierten Daten aus dem ersten Quartal sowie aus 2013.

Kapitalflucht_Russland2

Die Kapitalausfuhr des privaten Sektors hat sich im zweiten Quartal im Vergleich zum ersten Quartal fast halbiert, der Abbau der Devisenreserven sogar mehr als halbiert. Solche Schwankungen scheinen allerdings nichts ungewöhnliches zu sein, aus irgendeinem Grund (wahrscheinlich hat es mit Jahresbilanzen zu tun) fiel in Russland auch in vergangenen Jahren meistens fast die Hälfte der Gesamtkapitalausfuhr eines Jahres auf das erste Quartal. Auffällig ist ferner, dass entgegen der allgemeinen Tendenz der Kapitalexport des russischen Staates (ohne Zentralbank) um 60% gestiegen ist. Das bedeutet, dass der russische Staat weiterhin keine neue Auslandsschulden aufnehmen kann. Die Kompensierung der Differenz zwischen dem privaten Kapitalexport und der Leistungsbilanz passiert weiterhin durch den Abbau der Devisenreserven.

Interessant wird nun zu sehen, wie sich die jüngsten Entwicklungen auf der Sanktionsfront im weiteren Verlauf des Jahres auswirken.

Gute und böse Deflation

Wie die meisten Leser sicherlich wissen, will die EZB eine drohende Deflation im Euroraum um jeden Preis verhindern. Viele fragen jedoch: warum wäre eine Deflation überhaupt ein Problem? Was kann denn an sinkenden Preisen schlecht sein, schließlich bedeuten sie ja, dass die Verbraucher für Ihr Geld mehr kriegen?

Überlegen wir uns nun, wann würden die Menschen die sinkenden Preise begrüßen? Nun offensichtlich dann, wenn ihre Einkommen zur gleichen Zeit steigen oder zumindest nicht sinken. Denn nur dann haben sie etwas von sinkenden Preisen. Sinken dagegen auch die Einkommen im Gleichtakt mit Preisen – und das ist genau der Zustand, gegen den die EZB ankämpft, dann haben viele ein Problem – ihre reale Einkommen bleiben zwar gleich, aber die Bedienung der Schulden (z.B. Haushypotheken) verschlingt einen immer größeren Einkommensanteil, zum Leben bleibt also immer weniger übrig.

Wenn also die Preise sinken, kann das gut oder schlecht sein, abhängig davon, was gleichzeitig mit Einkommen passiert. Wenn die Einkommen zu gleichen Zeit steigen, handelt es sich um eine angebotsseitige Deflation, die durch Produktivitätssteigerungen oder Importverbilligungen (oder beides) hervorgerufen ist. So etwas gab es z.B. im 19 Jahrhundert zu besten Zeiten des Goldstandards. Eine solche Deflation ist (bedingt, siehe unten) kein Grund zur Beunruhigung. Ganz anders ist es, wenn eine Deflation (oder Niedriginflation) mit fallenden Einkommen zusammenfällt. Dann handelt es sich um eine nachfrageinduzierte Deflation, die eine schwere Wirtschaftskrise bedeutet. Diese „böse“ Deflation ist es, die der EZB jetzt schlaflose Nächte bereitet, denn hat sie sich einmal verankert, ist es äußerst schwierig sie wieder loszuwerden.

Verdeutlicht wird der Unterschied auf folgenden zwei Grafiken:

Grafik 1:

Inflation

Grafik 2:

NominalBIPIndex

Auf der ersten Grafik werden die Inflationsraten 2007-2013 aus Deutschland, Spanien, Schweiz, Großbritannien und der Eurozone insgesamt dargestellt. Würde man sich allein nach dieser Grafik richten, könnte man annehmen, dass die Schweiz sich in einer Wirtschaftskrise befindet – sie hatte in diesen Jahren die niedrigsten Inflationsraten und zeitweise Deflation. Nun, wie die meisten wissen werden, das Gegenteil ist der Fall, die schweizerische Wirtschaft hat sich in den letzten Jahren genausogut (wenn nicht besser) entwickelt, wie die deutsche, die momentan in aller Welt bewundert wird.

Schaut man sich die zweite Grafik an, wo für die gleichen Länder (und die Eurozone) die Entwicklung des nominalen Bruttoinlandsproduktes dargestellt wird, klärt sich das Mißverständnis auch gleich auf: das nominale BIP war in der Schweiz im fraglichen Zeitraum um satte 12% gewachsen, deutlich über den 6% der Eurozone und gleichauf mit Deutschland und Großbritannien. In Spanien dagegen, wo tatsächlich eine Wirtschaftskrise herrscht, fiel das nominale BIP um fast 3%.

Die schweizerische Deflation war also angebotsorientierter Herkunft, in diesem Fall durch die Verbilligung der Importe im Zusammenhang mit der Frankaufwertung hervorgerufen.

Heißt es nun also, dass die Schweizer sich ob ihrer Deflation keine Sorgen zu machen brauchen? Nicht ganz. Das Problem selbst einer „guten“ Deflation besteht darin, dass sie den Spielraum eine Zentralbank für eine Zinssenkung spürbar einschränkt. Denn, bei der gleichen realen Zinshöhe, sind die nominalen Zinsen desto niedriger, je niedriger die Inflation. Bei einer Deflation liegt selbst das neutrale Zinsniveau kaum über der 0%-Grenze. Sollte also ein Schock die schweizerische Wirtschaft treffen, wäre eine notwendige Zinssenkung möglicherweise nicht durchführbar – mit der Konsequenz, dass die gute Deflation in böse umschlagen würde.