Monatsarchiv: August 2013

EZB, OMT und Kosten-ohne-Nutzen-Analyse

Der Wirtschaftswurm hat sich erneut zum Thema OMT-Programm gemeldet, diesmal mit einem dreiteiligen Beitrag (Teil 1, Teil 2 und Teil 3), in welchem er größtenteils meine hier vorgestellten Thesen bespricht und kritisiert.

Eine Rekapitulation:

Ich habe anhand eines relativ einfachen Modells drei mögliche Szenarien für die Schuldensituation eines Landes herausgearbeitet, die ich anhand der folgenden Diagramme illustriert habe:

1. Das deutsche Szenario:

GovDebtTwoEqGermany

2. Das italienische Szenario:

GovDebtTwoEqItaly

3. Das griechische Szenario:

GovDebtTwoEqGreece

In allen drei Diagrammen stellt die rote Linie die Abhängigkeit des risikoadjustierten Zinses einer Staatsanleihe von deren nominalem Zins dar, während die blaue Linie für den derzeitigen risikolosen Zins steht. Die „umgedrehtes U“-Form der roten Linie ist wesentlich für meine Argumentation und hat mit der Tatsache zu tun, dass hohe Zinsen aufgrund einer hohen Staatsbankrottwahrscheinlichkeit, in einer Art Feedback-Effekt die besagte Wahrscheinlichkeit weiter erhöhen.

Das Gleichgewicht im Markt der Staatsanleihe stellt sich dann ein, wenn sich die beiden Linien schneiden und sowohl im „deutschen“ als auch im „italienischen“ Fall passiert es gleich zweimal. Der Markt hat also zwei Gleichgewichte A und B, anders als man es sonst gewohnt ist. Von diesen Gleichgewichten ist aber nur A stabil, während B bei kleinster Störung verlassen wird (siehe schwarze Pfeile). Noch wichtiger ist es aber, dass im Falle einer kurzfristigen Panik oder auch einer zielgerichteten Spekulation, die den Nominalzins hinter B treibt, das stabile Gleichgewicht A nicht mehr erreicht wird. Stattdessen entwickelt eine Todesspirale aus immer weiter steigenden Nominalzinsen bis die Staatspleite erreicht wird.

Der wesentliche Unterschied zwischen dem deutschen und dem italienischen Fall, die von der Form her ähnlich sind, besteht nun im Abstand zwischen A und B. Ist dieser relativ klein, so ist die Gefahr der oben beschriebenen Todesspirale naturgemäß großer, und genau hier liegt für mich (und nicht nur für mich) die Rechtfertigung für das OMT-Programm, dass dieses Szenario verhindert, indem es eine „Schallmauer“ zwischen A und B zieht.

Anders ist die Situation im „griechischen“ Szenario, hier gibt es gar keine Gleichgewichte, das Land hat also keinen Marktzugang, und somit wäre ein Eingriff der EZB unsinnig, und würde in der Tat eine Staatsfinanzierung bedeuten. Genau deshalb ist der volle Marktzugang ein Vorbedingung für die Teilnahme am OMT-Programm, die Platzierung von sechsmonatigen Anleihen reicht bei weitem nicht, anders als der Wirtschaftswurm suggeriert.

Was ist nun die Kritik vom Wirtschaftswurm:

Sie konzentriert sich auf das italienische und das griechische Szenario und besteht im wesentlichen aus zwei Punkten:

1. Es wird für die EZB in der Praxis schwierig zwischen dem italienischen und dem griechischen Szenario zu unterscheiden, so dass eine Gefahr besteht, dass die EZB in einem Grenzfallszenario eine Weile Staatsfinanzierung betreibt, bevor der Fehler erkannt ist (hoffentlich früh genug) und so mit wertlosen Papieren in ihrem Portfolio endet.

2. Das OMT-Programm selbst ändert durch seine bloße Existenz die Erwartungen der Marktteilnehmer und kann so ein ursprünglich griechisches in ein „italienisches“ Szenario verwandeln. Hierzu Wirtschaftswurm-Zitat:

Mit OMT-Programm kann sich der Anleger also sicher sein, dass er seine Anleihe immer zu einem Kurs von mindestens 90 loswird.

Ich stimme dem ersten Punkt uneingeschränkt zu. Zum zweiten Punkt lässt sich folgendes sagen: eine Wirkung des OMT-Programms ist zweifellos da, so einfach, wie Wirtschaftswurm es sich vorstellt ist sie aber auf keinen Fall. Die EZB übernimmt keine Bürgschaft für die betroffenen Anleihen, somit haben die Anleger immer noch ein Risiko auf den Anleihen sitzen zu bleiben, wenn sie diese nicht rechtzeitig vor dem Ausfall an die EZB abstoßen. Tun sie es aber zu früh und das Land geht doch nicht Pleite, entgehen ihnen Zinseinnahmen. So eine Situation ist aber sehr schwierig (für mich zumindest) zu analysieren und ich überlege gerade, wie man dies anstellen könnte :-). Vielleicht mache ich diese Analyse zu meinem nächsten Thema.

Der springende Punkt ist aber ein anderer: rechtfertigt die Existenz der beiden Gefahren eine Einstellung des OMT-Programms? Und damit kommen wir zum eigentlichen Thema des Beitrags:

Kosten-ohne-Nutzen-Analyse

Um eine Entscheidung für oder gegen das OMT-Programms zu treffen bedarf es nicht nur einer Abschätzung der Gefahren, die entstehen, wenn man OMT-Programm implementiert, sondern auch umgekehrt der Gefahren, die aus einem Nicht-Vorhandensein dieses Programms folgen. Es ist nämlich nicht so, dass der EZB-Rat dieses Programm aus purer Bosheit ins Leben gerufen hat, um den Blutdruck von Jens Weidmann in die Höhe zu treiben. Vielmehr sah der EZB-Rat zu diesem Zeitpunkt die reale Gefahr einer Implosion der Eurozone. Und bevor jemand jetzt sagt, eine solche Implosion sei höchst willkommen, sollte er zwei mal nachdenken, man hat schon einmal aus ähnlichen Motiven eine große Bank (Lehman Brothers, falls es jemand vergessen hat) in die Pleite geschickt, die Folgen sind bekannt.

Der Unterschied zwischen den OMT-Befürwortern und Gegnern besteht also keineswegs in der Blauäugigkeit der ersten und der Weitsichtigkeit der zweiten, sondern vielmehr darin, dass die ersten beide Seiten der Kosten/Nutzen-Analyse betrachten und sich fürs OMT-Programm entscheiden, durchaus mit einem unguten Gefühl, während die zweiten sich auschliesslich auf die Kosten, und seien diese noch so hypothetisch und entfernt, konzentrieren und den (aus meiner Sicht recht offensichtlichen) Nutzen völlig ignorieren. Darin erinnern sie mich an jemanden, der die Feuerwehreinsätze am liebsten verbieten würde, weil dabei gelegentlich Wasserschäden (auch bei am Brand völlig unschuldigen Nachbarn) entstehen.

Und um diesen Punkt zu illustrieren und den Beitrag (endlich) abzuschließen, noch ein Zitat:

Die Ankündigung des OMT Programms war bisher effektiv, um Finanzmärkte zu stabilisieren, Teile der Verzerrungen in Anleihemärkten zu reduzieren, den geldpolitischen Transmissionsmechanismus zu
verbessern und Preisstabilität zu gewährleisten. Diese kurzfistigen Effekte bedeuten jedoch nicht, dass
ein OMT Programm permanent effektiv sein wird. In der Tat gibt es Anzeichen, dass der kurzfristige
Erfolg der unkonventionellen Maßnahmen der EZB wichtige Kosten und Risiken über die mittlere und
längere Frist birgt. Es besteht vor allem die Gefahr, dass bei einem Scheitern der unkonventionellen
Maßnahmen die Glaubwürdigkeit und damit die Effektivität der EZB dauerhaft geschädigt wird.

Es ist die Aufgabe der Politik, institutionelle, rechtliche und wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen zu schaffen, damit sich diese Risiken nicht realisieren und damit die EZB so bald wie möglich ihre unkonventionellen Maßnahmen beenden kann.

Das Zitat stammt aus der Stellungsnahme Marcel Fratzschers für das Bundesverfassungsgericht.

P.S

Der Begriff Kosten-ohne-Nutzen-Analyse habe ich übrigens diesem höchst lesenswerten Beitrag aus dem Volxwirtshaft-Blog entnommen. Hans-Werner Sinn’s Veröffentlichungen (insbesondere in den Medien) sind mit ihrem leicht verschwörungstheoretischen Ansatz und einem dazu passenden anklagenden Ton in der Tat der Bespiel für die Kosten-ohne-Nutzen-Analyse.

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EZB, OMT und multiple Gleichgewichte

Die Diskussion um das OMT-Programm der EZB ist zuletzt erneut aufgeflammt, nachdem Marcel Fratscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, einen Aufruf zur Unterstützung des Programms gestartet hat. Obwohl der Aufruf sicherlich gut gemeint ist, finde ich ihn persönlich eher kontraproduktiv, denn in einem solchen Rahmen ist es schlicht unmöglich Argumente für oder gegen das OMT-Programm angemessen darzustellen.

Heute möchte ich die besagten Argumente anhand eines einfachen Modells illustrieren, möchte aber warnen, dass diese nicht ganz einfach sind, weshalb sie sich für Ökonomenaufrufe, siehe oben, nicht wirklich eignen. Der Schlüsselbegriff in diesem Zusammenhang lautet multiple Gleichgewichte. Worum geht es hier? Nun die Kritiker des OMT-Programms, u.a. der Wirtschaftswurm, meinen, dass die EZB mit ihrem Programm den Staatsanleihenmarkt manipulieren würde, sobald das Programm aktiv wird, indem sie den Zins für die Anleihen von Italien, Spanien etc. künstlich unter dem Niveau hält, das der Markt sonst angesichts der Fundamentaldaten der betroffenen Länder im Gleichgewicht herstellen würde. So etwas stelle einen klaren Fall der Staatsfinanzierung dar, die der EZB ausdrücklich verboten ist. Hier ist ein Auszug aus einem Kommentar im Wirtschaftswurm-Blog (vom Kommentator Uli499), der für diese Sichtweise repräsentativ ist:

Ich als Steuerzahler finde es extrem beunruhigend, daß die aktuellen Zinssätze für die Anleihen der Südländer nicht das tatsächliche Risiko widerspiegeln.

Dahinter steckt zunächst einmal eine einfache Gleichung zur Bestimmung des Nominalzinses einer Staatsanleihe unter der Berücksichtigung der Staatsbankrottwahrscheinlichkeit:

\bf 1+i_r = (1-p_d)(1+i)

Hierbei ist \bf i – der nominale Zins, der von den Finanzinvestoren bei einer Staatsanleihe verlangt wird, \bf p_d ist die Wahrscheinlichkeit des Bankrotts des Landes und \bf i_r – der Ertrag der gleichwertigen risikolosen Anlage. \bf  i_r nennt man auch risikoadjustierten Zins. Beispiel: Unter der Annahme, dass deutsche Staatsanleihen, die im Moment als risikolos gelten, 1% Zinsen abwerfen, würde jemand, der italienische Staatanleihen kaufen soll, unter der Annahme einer 2%-Staatsbankrottwahrscheinlichkeit Italiens, einen Nominalzins von 3% verlangen. Wir nehmen übrigens sehr vereinfachend an, dass im Falle eines Bankrotts die Investoren ihr ganzes Geld verlieren, also keine „Haircuts“ stattfinden, und dass die Investoren risikoneutral sind.

Wenn wir nun zusätzlich annehmen, dass die Staatsbankrottwahrscheinlichkeit konstant ist, entsteht eine Situation, die im folgenden Diagramm dargestellt ist:

GovDebtSingleEq

Die blaue Linie stellt das Marktzinsniveau für risikolose Anlagen dar, während die rote den risikoadjustierten Zins einer Staatsanleihe in Abhängigkeit vom nominalen Zins darstellt.
Das Gleichgewicht im Markt dieser speziellen Staatsanleihe stellt sich dann ein, wenn sich die beiden Linien schneiden, also beim Nominalzins A. Noch wichtiger ist aber, dass dieses Gleichgewicht global stabil ist, d.h. bei kurzfristigen Abweichungen des Nominalzinses der Anleihe vom Gleichgewichtsniveau sorgen die Marktkräfte (schwarze Pfeile) dafür, dass das Gleichgewicht wieder hergestellt wird, und zwar unabhängig von der Größe der Abweichung. Hierbei wird angenommen, vernünftigerweise, dass, wenn der risikoadjustierter Zins der Anleihe über dem derzeitigen risikolosen Zins liegt, die Investoren beginnen die Anleihe vermehrt nachzufragen und dadurch den Nominalzins nach unten (im Diagramm nach links) treiben. Umgekehrt, wenn der risikoadjustierter Zins der Anleihe unter dem derzeitigen risikolosen Zins liegt, stoßen die Investoren die Anleihe ab und treiben dadurch den Nominalzins nach oben (bzw. rechts).

Das wäre im Wesentlichen das implizite Modell der OMT-Programm-Kritiker, so z.B. von Thorsten Polleit. Und auf den ersten Blick scheint die Argumentation korrekt zu sein – würde eine Zentralbank in den Markt eingreifen und den Nominalzins bei einem Wert unter A deckeln, würde sie dadurch einen permanenten Angebotsüberhang im Markt der Staatsanleihe erzeugen – genau das tat die FED in den vierziger und fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts, ohne freilich dass es zu einer Hyperinflation in den USA kam, die Thorsten Polleit, wie es sich für einen Ökonomen der österreichischen Schule ziemt, so gerne heraufbeschwört.

Wenn wir uns jedoch tiefer mit der Staatsbankrottwahrscheinlichkeit und den Faktoren, von denen sie abhängt, beschäftigen, dann wird klar, dass dieses einfache Model in der Praxis versagt. Die Staatsbankrottwahrscheinlichkeit hängt grundsätzlich von vielen Faktoren ab, von denen einige politisch, andere ökonomisch sind, unstrittig ist aber, dass zwei Faktoren eine sehr wichtige, ja entscheidende, Rolle spielen: die Staatsschuldenquote (das Verhältnis der Staatsschulden zum BIP) und der Nominalzins, den das Land auf seine Schulden zahlen muß. Das Produkt der beiden Werte bestimmt nämlich den Anteil des BIP, das ein Land für Zinszahlungen aufwenden muss, und wird dieser Anteil zu hoch, steigt die Wahrscheinlichkeit dass eine demokratische Regierung so hohe Zinszahlungen, und damit hohe Steuern bzw. niedrige Sozialausgaben, ihren Wählern nicht mehr zumuten kann und sich für eine Staatspleite entscheidet. Wir haben hier also einen Feedback-Effekt – für einen gegebenen risikoadjustierten Zins hängt der Nominalzins von der Staatsbankrottwahrscheinlichkeit ab, die ihrerseits vom Nominalzins abhängt.

Im weiteren Verlauf nehmen wir folgende Form der Staatsbankrottwahrscheinlichkeitsfunktion an, die die Abhängigkeit der Staatbankrottwahrscheinlichkeit von den genannten Faktoren beschreibt:

\bf p_d(D,i) = \begin{cases} {0, {Di}{\le}{\alpha}_1 } \\{{\frac {1}{e^{\beta}-1}}{({e^{\beta{\frac {Di-{\alpha}_1}{{\alpha}_2-{\alpha}_1}}}-1})}, {\alpha}_1 \le Di \le {\alpha}_2} \\{1,Di\ge {\alpha}_2}\end{cases}

Eine furchterregende Formel, zugegebenermaßen, die trotzdem etwas sehr einfaches aussagt: das Produkt der Schuldenquote D und des Nominalzinses i stellt bis zu einem bestimmten Grenzwert \bf {\alpha}_1 kein Solvenzrisiko dar (Staatsbankrottwahrscheinlichkeit = 0), danach beginnt die Staatsbankrottwahrscheinlichkeit exponentiell anzusteigen, bis sie beim weiteren Grenzwert \bf {\alpha}_2 den Wert 1 erreicht, also sicheren Staatsbankrott.

Wenn wir nun die obige Staatsbankrottwahrscheinlichkeitsfunktion in die Formel für den risikoadjustierten Zins einsetzen, wie sieht dann unser Diagramm aus? Abhängig von der Staatschuldenquote, sowie den Grenzwerten {\alpha}_1 und \bf {\alpha}_2 gibt es hier grundsätzlich drei Möglichkeiten, die ich im Folgenden vorstellen werde.

Beginnen wir mit dem Szenario, welches das OMT-Programm im Blick hat, ich nenne es hier „italienisches Szenario“:

GovDebtTwoEqItaly

Hier haben wir nicht nur ein Gleichgewicht, wie im OMT-Kritiker-Szenario, sondern zwei: A und B. Das Gleichgewicht B ist instabil, d.h. bei minimalen Abweichungen davon kehrt der Zins nicht mehr zurück, sondern treibt entweder Richtung A oder in den Bankrott. Das Gleichgewicht A ist stabil, aber nur lokal, was bedeutet, dass der Markt bei kleineren Abweichungen den Zins wieder zurücktreibt. Gibt es aber einen größeren Schock, der den Zins hinter B schiebt, wie z.B. wenn die Märkte einen EWU-Zerfall befürchten, dann sinkt der Zins nicht mehr wieder, sondern beginnt unaufhaltsam zu steigen bis zur Pleite. Ist nun der Abstand zwischen A und B eher klein, wie im Diagramm, dann ist die ganze Situation ausgesprochen fragil, denn auch eine kleinere Panik reicht um das Land zu ruinieren. Und genau da setzt das OMT-Programm an, es zieht eine „Schallmauer“ vor B, aber hinter A, indem es eine Höchstzinsgarantie abgibt. Dadurch stellt es sicher, dass Gleichgewichtsabweichungen keine katastrophalen Folgen mehr haben können und beruhigt damit die Märkte, so dass größere Abweichungen erst gar nicht entstehen:

GovDebtTwoEqItalyEZB

Noch hinzuzufügen wäre, dass in diesem Szenario der Zins auch im stabilen Gleichgewicht A über dem risikolosen Niveau liegt, anders als im jetzt folgenden „deutschen“ Szenario:

GovDebtTwoEqGermany

Auch hier gibt es wie im italienischen Szenario das stabile Gleichgewicht A und das instabile B, der Abstand zwischen den beiden ist aber so groß, dass die EZB-Schallmauer nicht benötigt wird. Ferner liegt der Zins im Gleichgewicht A auf dem risikolosen Niveau, d.h. die Anleihe ist absolut sicher.

Und zum Schluß kommt das „griechische Szenario“:

GovDebtTwoEqGreece

Hier gibt es kein einziges Gleichgewicht, der risikoadjustierte Zins liegt immer unter dem risikolosen Niveau. Die Konsequenz ist, dass kein rationaler Investor eine solche Anleihe kaufen würde, das Land hat keinen Marktzugang. In diesem Fall bringt würde ein Eingreifen der EZB eine Staatsfinanzierung bedeuten, weil die EZB die einzige wäre, die die Anleihen kauft. Und in der Tat ist das OMT-Programm ausdrücklich nur für Länder vorgesehen, die einen vollen Marktzugang besitzen.

Die Big-Mac-Inflation

Als die Sommerloch-Aufregung über die Speiseeis-Inflation vor ein Paar Wochen auf dem Höhenpunkt war, habe ich viele Internet-Kommentare gelesen, die die ganze Geschichte als Ausdruck einer großangelegten Manipulation der Preisstatistiken durch die, von den unterschiedlich verorteten finsteren Mächten unter Druck gesetzten, Statistik-Behörden. Demnach seien die 500-800% Prozent Preissteigerung beim Speiseeis die „wahre“ Inflation, während die wesentlich bescheidenen 60% Preissteigerung beim offiziellen Verbraucherpreisindex nichts weiter als eine riesengroße Lüge darstellen.

Nun, in meinen drei Beiträgen zum Thema habe ich hoffentlich zum Ausdruck bringen können, warum es sehr schwierig ist, über die Speiseeis-Inflation zuverlässige Aussagen zu treffen. Die vorhandenen Daten zur Preisentwicklung sind so gut wie nicht vorhanden, die Gestaltung des Produkts (der Eiskugel) hat sich im Laufe der Zeit erheblich geändert (Größe der Kugel, Sortenvielfalt) etc. etc. Es gibt aber ein Gastronomie-Produkt, der sich in den letzten Jahrzehnten wenig geändert hat, auch über die Landesgrenzen hinweg, und zu welchem gesicherte Preisdaten vorliegen – ich spreche von McDonalds – Big Mac. Wie es viele wahrscheinlich wissen, erfasst der britische Economist seit 1986 einen Big Mac Index, in dem Big-Mac-Preise aus vielen Ländern dieser Welt zusammenfasst werden. Der primäre Zweck dieses Index, der mittlerweile große Popularität errungen hat und inzwischen von vielen Ökonomen in ihren wissenschaftlichen Aufsätzen benutzt wird, ist es, die Über- bzw. Unterbewertung der jeweiligen Landeswährungen gegenüber dem amerikanischen Dollar abzuschätzen, aber man kann es auch für die Inflationsabschätzung nutzen.

Was liegt also näher, als auf Basis von Preisen aus dem Big-Mac-Index eine Big-Mac-Inflation zu berechnen und diese der offiziellen Verbraucherpreisinflation gegenüberzustellen, um der etwaigen Verschwörung der Statistikbehörden auf die Spur zu kommen. Genau das habe ich für die Periode 1991-2012 für fünf verschiedene Länder getan, und hier ist das Ergebnis:

BigMacInflation

Das Ergebnis spricht für sich, denke ich, es gibt natürlich Unterschiede, es wäre auch merkwürdig, wenn es keine gäbe, denn der Verbraucherpreisindex erfasst wesentlich mehr Güter, als in einem Big Mac stecken, die Größenordnung dieser Unterschiede liegt aber zwischen -30% und +25% – keine Verschwörung erkennbar.

Die Speiseeis-Inflation – das letzte Mal

Habe gerade entdeckt, dass die Bild-Online das Thema Speiseeis-Inflation aufgegriffen hat, und ich muss sagen, ich bin wirklich positiv überrascht. Kaum zu glauben, aber es sieht wirklich nach RECHERCHE aus, ganz anders als beim Welt-Artikel mit dem die Debatte angefangen hat. Die Autoren haben nicht nur eine Telefonumfrage in den Eisdielen quer durch die Republik durchgeführt, sie haben sogar beim Bundesamt für Statistik nachgefragt, aber leider keine vernünftige Antwort bekommen.

Der Bild-Artikel hat mich nun dazu inspiriert dieses Thema ein letztes Mal zu behandeln, und zwar diesmal, um eine ungefähre Entwicklung der Eisflation (Den Begriff hat die Bild erfunden, mir gefällt es aber sehr:-)) in den letzten 40 Jahren nachzuvollziehen, für alle Interessierte. Hierbei handelt es sich aber explizit um Eisdielen-Eis, das Industrie-Eis wird diesmal außer acht gelassen. Hierzu habe ich ausgiebig im Internet recherchiert und für die siebziger, achtziger, neunziger, nuller, und zehner Jahre jeweils für ein Jahr Angaben finden können. Dabei habe ich versucht mich so wenig wie nur möglich auf Erinnerungen der Leute zu verlassen, dazu sind sie leider viel zu unzuverlässig, und so viel wie möglich auf zeitgenössische Quellen. Wenn ich aber Erinnerungen nehme, dann lieber mehrere um Durchschnitt zu bilden.

  • Die 1970-er:
  • Für 1972 nehme ich die Angabe aus dem Bild-Artikel (25 Pfenning) sowie die Angabe des Kommentators Jürgen zu meinem ersten Artikel (20 Pfenning) und bilde Durchschnitt.

  • Die 1980-er:
  • Für 1985 nehme ich wiederum die Angabe von Jürgen (40 Pfenning), die durch diesenund diesen Welt-Artikel einigermaßen bestätigt wird.

  • Die 1990-er
  • Für diese Dekade war es am schwierigsten etwas zu finden. Am Ende bin ich auf diese Gerichtsentscheidung gestoßen und sogar 3 EUR dafür geblecht, die Angaben sind 70 Pfennig für 1992 und 1,10 DM für 1996. Teilweise wird es durch diesen Zeit-Artikel bestätigt, wo der Preis 50 Pfennig in 1991 für die neuen Länder angegeben wird, wo damals so kurz nach der Wiedervereinigung die Preise wahrscheinlich noch erheblich hinter dem Durchschnitt lagen.

  • Die 2000-er:
  • Für 2004 nehme ich die Angabe aus diesem Welt-Artikel (70-80 Cent) und bilde wiederum Durchschnitt.

  • Die 2010-er:
  • Für 2013 kommen die aktuellen Angaben aus dem Bild-Artikel zum Einsatz – 1 EUR

    Und hier ist nun durchschnittliche Eisflation für die Perioden 1972-1985, 1985-1996,1996-2004,2004-2013 gegenübergestellt der allgemeinen Inflation:

    Eisflation

    Wie man sieht, war die Eisflation in allen vier Perioden höher als die allgemeine Inflation ganz besonders aber 1985-1996 – ob es vielleicht etwas mit den Umwälzungen durch die Wiedervereinigung zu tun hat? Die Euro-Einführung dagegen (1996-2004), die allgemein als Sündenbock herhalten muß, fällt weit weniger auf.

    So, und bevor ich das Thema endgültig zu den Akten lege – noch eine Anmerkung über die Größe der Eiskugel. Wenn die Dieskussionen über die Eisflation geführt werden, wird regelmäßig darauf hingewiesen, dass die Eiskugeln früher kleiner waren. Das stimmt wahrschenlich, ist aber nicht besonders relevant, weil die Ingredienzkosten in einer Eisdiele nur ca. 20-25 Prozent des Gesamtpreises betragen. Somit bedeutet ein Übergang zu einer, sagen wir, 50% größerer Kugel eine Preissteigerung von nur 12%, nicht so unglaublich viel.

    Jugendarbeitslosigkeit in Europa – Daten wieder glattgebürstet

    Der Wirtschaftswurm hat neulich in zwei Beiträgen (hier und hier) den Economist für dessen Analyse der Situation mit der Jugendarbeitslosigkeit in Europa kritisiert. Im Artikel vertreten dessen Autoren zwei einfache und für mich bis jetzt absolut unstrittige Thesen:

    1. Die Jugendlichen sind von der ungüstigen (gelinde gesagt) konjunkturellen Situation in den europäischen Krisenländern überproportional betroffen.
    2. Sollte man nicht entschieden und schnell dagegen steuern, kann sich die (jetzt hoffentlich noch) konjunkturelle Arbeitslosigkeit verfestigen und strukturell werden.

    Was bringt nun der Wirtschaftswurm gegen die beiden Thesen vor. Fangen wir mit der ersten These an. Um diese zu widerlegen, berechnet er den jeweiligen Quotienten zwischen der Arbeitslosenquote der unter 25 Jährigen und der der Älteren für vier verschiedene Jahre. Das Ergebnis sieht dann in etwa so aus:

    UnemploymentRatio
    I
    In der Tat stellt man bei allen betrachteten Ländern einen über die Jahre erstaunlich stabilen Verlauf bei diesem Quotienten fest. Aus dieser Tatsache zieht Wirtschaftswurm den Schluß, dass der Economist unrecht hat und dass die Jugendlichen von der konjunkturellen Situation nicht überproportional stark betroffen sind. Zitat Wirtschaftswurm:

    Der britische „The Economist“ schreibt in seinem Artikel, die Rezession sei der Hauptgrund für den Anstieg der Jugendarbeitslosigkeit in Europa. Das stimmt. Aber der Anstieg während der Rezession ist nur ein Grund für das Ausmaß der Jugendarbeitslosigkeit. Ein weiterer Grund ist der hohe Level der Jugendarbeitslosigkeit in einigen Ländern der EU auch schon bei guter Konjunktur.

    Kann man so einen Schluß ziehen. Nein, das kann man nicht, und zwar weil der Quotient der Arbeitslosenquoten, den ich im folgenden Wirtschaftswurm-Quotient nennen werde, kein geeigneter Indikator für derartige Vergleiche ist. Eine Arbeitslosenquote ist nämlich wie folgt definiert:

    \bf AQ = \frac{AA}{AA+BA} mit AQ-Arbeitslosenquote, AA-Arbeitslosenanzahl,BA-Beschäftigtenanzahl.

    D.h der Wirtschaftswurm-Quotent kann wie folgt aufgeschlüsselt werden:
    \bf WQ = {\frac{AAJ}{AAE}}{\frac{AAE+BAE}{AAJ+BAJ}}

    Die Abkürzungen bedeuten hier folgendes: WQ-Wirtschaftswurmquotient, AAJ – Jugend-Arbeitslosenanzahl, AAE-Erwachsenen-Arbeitslosenanzahl,BAJ – Jugend-Beschäftigtenanzahl, BAE – Erwachsenen-Beschäftigtenanzahl.

    Der Wirtschaftswurm-Quotient ist also in Wirklichkeit ein Produkt zweiter Quotienten – der erste ist zwischen der Jugend-Arbeitslosenzahl und der Erwachsenen-Arbeitslosenzahl und der zweite ist zwischen dem Erwachsenen-Arbeitskräfte-Pool und dem Jugend-Arbeitskräftepool. Da sich alle vier Variablen im Laufe der Zeit in unterschiedliche Richtungen entwickeln können, und das meistens auch tun, und nur zwei davon etwas mit der Arbeitslosigkeit zu tun haben, sagt der Wirtschaftswurm-Quotient im Grunde gar nichts aus.

    Will man tatsächlich feststellen, ob die Jugendlichen stärker als Erwachsenen von konjunkturell bedingten Entlassungen betroffen sind, muß man sich den Quotienten der Erwerbstätigenquoten der beiden Gruppen ansehen. Das habe ich nun getan und hier ist das Ergebnis:

    EmploymentRatio

    Auf den ersten Blick erkennt man nun die vom Wirtschaftswurm vermisste konjunkturelle Abhängigkeit bei allen PIGS-Ländern, besonders ausgeprägt bei Griechenland, Portugal und Spanien und weniger aber dennoch deutlich bei Italien. Gleichzeitig fällt aber auf, und das bestätigt auf den ersten Blick die These Wirtschaftswurms, ein stark unterschiedliches Basisniveau dieses Quotienten bei den vertretenen Ländern, um welches konjunkturelle Änderungen stattfinden. Was ist hier los? Die Antwort ist einfach, die Jugend- Erwerbstätigenquote unterscheidet sich stark vom Land zum Land…:

    JugendEmployment

    während die Erwachsenen-Erwerbstätigenquote weit weniger, wenn überhaupt:

    ErwachsenenEmployment

    Was ist aber der Grund für diese starken Unterschiede in der Erwerbstätigkeit der Jugendlichen, die übrigens zum großen Teil auch die Unterschiede in der Jugend-Arbeitslosenquote erklären – je kleiner der Nenner, desto größer der Bruch? Die Antwort hat nichts mit dem Arbeitsmarkt, aber viel mit den statistischen Besonderheiten und der Organisation des Ausbildungssystems zu tun. Zum Einen haben die PIGS-Länder eine höhere Studierendenquote als die Diagramm-Spitzenreiter Deutschland und Niederlanden. Studierende werden aber naturgemäß nicht als Erwerbstätigen mitgezählt und betreten meistens erst mit Mitte Zwanzig den Arbeitsmarkt, wenn sie nicht mehr zur „statistischen Jugend“ zählen. Zum anderen werden aufgrund des dualen Berufsausbildungssystems (hier war Wirtschaftswurm auf der richtigen Spur), viele der Jugendlichen, die sich in der Berufsausbildung befinden, in Deutschland und Niederlanden als Erwerbstätigen mitgezählt, in den PIGS-Ländern aber nicht.

    Soviel nun zur ersten These? Was die zweite These angeht, hier braucht man keine Daten und keine lange Analyse, denn es scheint mir, dass Wirtschaftswurm die Aussage des Economist schlicht nicht verstanden hat. Zitat Wirtschaftswurm:

    „The Economist“ schreibt ferner: „Zyklische Arbeitslosigkeit kann sich verfestigen.“ Das gilt aber nur individuell. Wer einmal über längere Zeit arbeitslos war, behält für sehr lange Zeit einen Makel auf dem Arbeitsmarkt. Für Volkswirtschaften als ganzes gilt das nicht. Die Jugendarbeitslosigkeit steigt zwar stärker, wenn die Arbeitslosigkeit Älterer steigt, aber sie sinkt auch wieder stärker, wenn die Älterer sinkt.

    Nun der Economist sagt aber gar nicht, dass es die Jugendarbeitslosigkeit ist, die sich verfestigen kann. Vielmehr kann es passieren, dass die Millionen der „Einzelschicksale“, die in ihrer Jugend keine Arbeit gefunden haben, ihre Eignung zum Arbeitsleben, bzw. ihre „Arbeitsmarktfähigkeit“ verlieren oder erst gar nicht erwerben, so dass die natürliche bzw. strukturelle Arbeitslosigkeit, auch NAIRU genannt, signifikant höher wird, und das für lange Zeit (solange die betroffenen Jahrgänge im arbeitsfähigen Alter sind). Dieses Phänomen nennt man Hysterese und es ist sehr wohl volkswirtschaftlich relevant. Genau deswegen ist es höchst gefährlich eine Volkswirtschaft derartigen Rosskur zu unterziehen, wie sie jetzt im Süden Europas zu beobachten ist, denn die Folge kann eine erheblich höhere Arbeitslosigkeit und entsprechend niederigeres Volkswirtschaftspotential für die kommenden Jahrzehnte sein.