Schlagwort-Archive: Inflation

Gute und böse Deflation – ein Blick unter die Haube

Wirtschaftswurm beklagt auf seinem Blog eine angebliche Konfusion auf dem Bereich der Geldpolitik und teilt nebenbei gegen „Deflationsphobiker“ aus, Zitat:

Die Deflationsphobiker habe ich sowieso nie verstanden. Sinkende Preise sind ja erst einmal gut für die Verbraucher…

Das ist eine Aussage, die ich von einem Otto-Normalverbraucher erwarten würde, der keine Ahnung von der VWL-Theorie hat, aber nicht von jemandem, der ein VWL-Diplom in der Tasche hat. Deswegen verstehe ich nicht, warum der Wirtschaftswurm gegen vermutlich besseres Wissen solche Platitüden verbreitet, aber er wird seine Gründe haben. Ich habe schon einmal über den Unterschied zwischen der guten und der bösen Deflation geschrieben und warum die „Deflationsphobiker“, die haupsächlich unter den Zentralbankern anzutreffen sind, die zweite Art fürchten und unter allen Umständen vermeiden wollen. Heute möchte ich, mit einem einfachen Modell, mehr ins Detail gehen.

Also, betrachten wir eine eifache geschlossene Volkswirtschaft. Für die monetären Transaktionen in dieser Wirtschaft gilt bekanntlich die sogenannte Quantitätsgleichung des Geldes:

MV = PY

Wobei M – die Geldmenge ist, P – das Preisniveau, Y – das (reale) Bruttoinlandsprodukt und V – die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes.

Soweit alles bekannt und bevor mich jemand monetaristischer Umtriebe bezichtigt – die Quantitätsgleichung ist eine Identität, die immer gilt, zum Monetaristen der alten Schule wird man erst, wenn man postuliert, dass V weitgehend konstant ist, so dass das Preisniveau P durch die Geldmenge M bestimmt wird. Das denkt heutzutage kein ernshafter Ökonom mehr, weshalb der Monetarismus alter Schule nur noch in den Zeitungsspalten überlebt.

Kehren wir jetzt zu unserer Wirtschaft zurück und betrachten zusätzlich einen durchschnittlichen (oder wie die Ökonomen sagen repräsentativen) Haushalt, dessen (monatliche) Einkommen aus folgenden Bestandteilen besteht (alle Zahlen natürlich frei erfunden):

– Lohn aus abhängiger Arbeit: 4000 EUR
– Zinsen auf Sparguthaben: 300 EUR
– Dividenden aus Aktienbesitz: 300 EUR
– Tilgung eines Immobilienkredits: – 1000 EUR

Insgesamt: 3600 Euro

Die Vermögenssituation von unserem Haushalt sieht wie folgt aus:

– Immobilie: 200.000 EUR
– Restschuld aus dem Immobilienkredit: -150.000 EUR
– Sparguthaben: 15.000 EUR
– Aktienbesitz: 15.000 EUR

Insgesamt: 80.000 EUR

So, nun ist alles bereit und wir können uns unterschiedliche Deflationsszenarien und deren Auswirkungen auf unser Haushalt anschauen .

Fangen wir mit dem ersten Szenario an, in welchem unsere Volkswirtschaft durch eine tolle Erfindung einen Produktivitätsschub erfährt, so dass sich das Bruttoinlandsprodukt Y auf einmal verdoppelt. Wir nehmen nun vereinfachend an, dass die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes unabhängig von Y ist (ist eigentlich falsch) und dass die Zentralbank sich passiv verhält – in diesem Fall wird sich das Preisniveau halbieren. Was bedeutet das bezogen auf unser Haushalt? Da sich das nominelle Bruttoinlandsprodukt PV nicht verändert, ändert sich auch nichts an nominellen Einkünften des Haushaltes – real aber verdoppelt sich das Einkommen – ein klassischer Fall einer guten Deflation, die man auch als nichtmonetäre Deflation bezeichnen könnte, die „gut für die Verbraucher“ ist. Vor einer solchen Deflation wäre es tatsächlich dumm Angst zu haben, gar keine Frage.

Schauen wir uns aber ein zweites Szenario an – in welchem es kein Produktivitätsschub gibt, dafür aber eine Finanzkrise, die dazu führt, dass die Leute plötzlich doppelt hohe Geldnachfrage haben wie zuvor, die Geldumlaufgeschwindigkeit V halbiert sich. Wenn die Zentralbank darauf nicht reagiert und die Geldmenge M so belässt wie sie ist, dann halbiert sich auch das Preisniveau P, wie im ersten Szenario. Gleichzeitig halbiert sich allerdings auch, anders als im ersten Szenario, das nominelle Bruttoinlandsprodukt PV. Was bedeutet es für unseren Haushalt? Das bedeutet dass seine Einkünfte aus Arbeit und Aktien sich halbieren, aber leider nicht seine Tilgungsrate, denn so funktionieren nun mal unsere Gesetze. Ergebnis: aus 3600 EUR werden 1450 EUR – wenn man die Halbierung der Preise berücksichtigt ist unser Haushalt jetzt ca. 20% ärmer. Noch dramatischer sieht es aus, wenn man die Vermögenssituation berücksichtigt – denn die Preise für Sachvermögen, die, unter der Voraussetzung, dass sie sich rational ergeben (keine Blasen), letzlich durch explizite oder implizite Sachvermögenseinkommen bestimmt sind, halbieren sich auch. Ergebnis: aus 80.000 EUR werden -42.500 EUR – unser Haushalt ist nun technisch bankrott. Vor einer solchen Deflation Angst zu haben ist, denke ich, weit vernünftiger.

Nun, man könnte natürlich einwenden, dass nicht alle Haushalte eine solche Einkommenssituation haben wie unser Durchschnittshaushalt. Speziell Haushalte, die kein Sachvermögen besitzen, d.h. Angst vor Aktien haben und zur Miete wohnen – die sogenannten „Sparer“ – würden vor der Entwicklung auf den ersten Blick zweifelos profitieren. Aber eben nur auf den ersten Blick, denn auf den ersten Schock folgende Pleiten zuerst der Haushalte mit einem negativen Vermögen und dann der Banken, von der Konsumeinschränkung seitens der verschuldeten Haushalte ganz zu schweigen, würden letztlich auch die reale Wirtschaft hart treffen, so dass Y sinken wird. Und dem können sich auch die Sparer nicht entziehen.

Wenn wir jetzt unser Modell verlassen und die aktuelle Situation betrachten, dann fällt tatsächlich auf, dass die heutige Deflation eher dem ersten als dem zweiten Szenario zuzurechnen ist – eine Energiepreissenkung ist für unsere Wirtschaft wie ein Produktivitätsschub. Wieso schiebt dann die EZB Panik. Ich denke die Antwort ist, dass es zum Einen im realen Leben nicht leicht ist beide Szenarien voneinander zu unterscheiden und zum Anderen dass das erste Szenario das zweite begünstigen kann – die Geldnachfrage steigt unter einer Deflation, die wie ein impliziter Zins auf Geldvemögen wirkt. Kurz – die EZB, wie die anderen Zentralbanken auch, will einfach keine Risiken eingehen, und das ist kein Wunder, denn im Gegensatz zum Wirtschaftswurm oder auch mir trägt sie die Verantwortung.

Billion Prices

Heute geht es wieder um das Thema Inflationsmessung. Diese Woche habe ich mir nämlich endlich einen sehr interessanten Projekt aus den USA genauer angesehen – das Billion Prices Project. Und was soll ich sagen – ich bin mächtig beeindruckt.

Das Projekt nutzt die Tatsache aus, dass ein Großteil der Waren und Dienstleistungen mittlerweile über das Internet angeboten wird, um den Prozess der Preiserhebung, die von den amtlichen Statistikern noch überwiegend manuell, und dementsprechend sehr aufwändig, vorgenommen wird, weitgehend zu automatisieren. Hierzu werden, vereinfacht gesagt, die Daten der einzelnen Artikel von einem speziellen Computerprogramm von den Internetseiten der Anbieter abgerufen und die aktuellen Preise ausgelesen. Diese Technik nennt man Web-Scraping.

Auf diese Weise wird es möglich die Preiserhebung und die Auswertung täglich (oder sogar noch öfter) vorzunehmen, während die amtliche Statistik das nur monatlich tut, und das viel günstiger. Die Kehrseite der Medaille ist sicherlich, dass ein Teil der Waren, die nicht online verkauft werden, aus der Erhebung herausfällt. Leider gibt es keine öffentlich zugänglichen Daten für Deutschland (die muss man sich kaufen), aber für die USA kommt folgendes raus (Stand 06.07.2014, Blau – der US-Verbraucherpreisindex, Orange – der Billion Prices Index):

BillionPrices

Die Verschwörungstheoretiker dürften enttäuscht sein – beide Indexe verlaufen ziemlich nah beieinander.

Über die Warenkörbe

Mein Beitrag über die Inflationszahlen von Destatis, bzw. die Möglichkeiten diese zu überprüfen, hat dank den Nachdenkseiten, eine unerwartete Popularität erfahren – die Inflationsfrage bewegt also nach wie vor die Gemüter in Deutschland, obwohl im Moment eher Deflation droht.

Im heutigen Beitrag möchte ich auf eine ganz speziellen Aspekt der Inflationsmessung eingehen, der regelmäßig in den Internetforen hitzig diskutiert wird, auf zwar auf die Zusammensetzung des Warenkorbes.

Einer der Instrumente, mit denen Destatis die veröffentlichen Inflationszahlen manipuliere, sei, laut vielen Foristen, die falsche Zusammensetzung des Warenkorbes, so dass den überdurchschnittlich schnell im Preis steigenden Gütern (wie z.B. in den letzten Jahren Lebensmittel oder Strom) ein viel zu kleiner Anteil im Warenkorb zugewiesen wird.

Wie kann man aber nun den „wahren“ Warenkorb ermitteln? Dazu gibt es grundsätzlich zwei Möglichkeiten. Die erste Möglichkeit wäre es, die Verbraucher selbst über ihre Ausgabenstruktur zu befragen. Das ist die Methode, mit der Destatis seinen Warenkorb ermittelt – im Rahmen der sogenannten Laufenden Wirtschaftsrechnungen.

Die zweite Möglichkeit, die z.B. zur Kontrolle verwendet werden kann, besteht darin, die aggregierten Umsatzzahlen für die jeweiligen Güter zu nehmen und deren Anteil an den gesamten Konsumausgaben der Privathaushalte zu ermitteln. Diese Vorgehensweise nenne ich mal die Aggregationsmethode, sie entspricht im Wesentlichen der Vorgehensweise, die ich in Die Inflationszahlen von Destatis – eine Gegenprüfung angewandt habe.

Genau das werden wir jetzt tun und zwar für Lebensmittel und Strom – Güter, die sich in den letzten Jahren überdurchschnittlich verteuert haben (besonders Strom) und die entsprechend, wenn man den DeStatis-Bashern Glauben schenkt (siehe z.B. Deutsche Wirtschaftsnachrichten) im Warenkorb viel zu niedrig ausgewiesen werden.

Laut Destatis beträgt der Anteil der Lebensmittel im aktuellen Warenkorb (Stand 2010) ca. 12% . Hierin sind zwei unterschiedliche Posten enthalten – „Nahrungsmittel und alkoholfreien Getränke“ mit ca. 10,3% sowie „Alkoholische Getränke“ (darunter Bier) mit ca. 1,7%. Für den Strom wird ein Anteil von ca. 2,6% ausgewiesen.

Jetzt berechnen wir die gleichen Anteile nach der Aggregationsmethode (auch für das Jahr 2010). Die gesamten Konsumausgaben der privaten Haushalte betrugen im Jahr 2010 laut DeStatis 1395 Mrd EUR.

Fangen wir mit Lebensmitteln an. Die Lebensmittelzeitung sagt uns, dass der Gesamtumsatz der TOP-30 des deutschen Lebensmitteleinzelhandels mit sog. Food-Produkten (entspricht den Lebensmitteln) im gleichen Jahr 162 Mrd. EUR betrug. Da der Marktanteil der TOP-30 bei ca. 98% liegt, können wir ruhig auf einen Gesamtumsatz mit Lebensmitteln in Deutschland in 2010 von ca. 165 Mrd Euro schließen. Es ergibt sich ein Anteil an den gesamten Konsumausgaben von ca. 12%.

Nun zum Strom. Der gesamte Stromverbrauch durch die Privathaushalte betrug im Jahr 2010, laut Destatis, 134268 GwH. Der Durchschnittspreis pro KwH war 18,5 Cent, es ergibt sich also ein Gesamtumsatz von ca. 25 Mrd. EUR. Der Anteil der Ausgaben für Strom an den gesamten Konsumausgaben war damit ca. 1,8%.

Während sich also bei Lebensmitteln die Zahlen sogar fast exakt decken (hätte ich nicht erwartet), liegt der Stromanteil nach der Aggregationsmethode um ca. 30% unter der Destatis-Zahl. Abweichungen dieser Größenordung sind durchaus zu erwarten und würden keinen merklichen Einfluss auf die berechnete Inflation haben.

Eine Manipulation des Warenkorbes durch Destatis kann ich nun beim besten Willen nicht feststellen. Die Foristen werden aber nicht überzeugt sein.

Die Inflationszahlen von Destatis – eine Gegenprüfung

Ein Wirtschaftsjournalist oder ein (einigermaßen populärer) Wirtschaftsblogger der im Internet über etwas schreibt, das auch nur entfernt mit Preisen oder Inflation zu tun hat muss heutzutage fast zwangsläufig damit rechnen, in den Foren zu seinem Beitrag kurz darauf Kommentare zu finden, die die offiziellen Inflationszahlen vom statistischen Bundesamt (Destatis) lautstark ablehnen und stattdessen behaupten, dass die „wahre“ Inflation um ein vielfaches höher läge. Garniert wird diese Ansicht normalerwiese mit einem verschwörungstheoretischen Untergeschmack, denn das ganze geschehe ja nicht einfach so, sondern vielmehr um absichtlich das wahre Ausmaß des stattfindenden oder schon stattgefundenen inflationären Desasters zu verschleiern.

So geschehen auch mit diesem Beitrag von Alexander Dilger zum gefährlichen Thema „Preisniveaustabilität und Inflationsziel„, ich zitiere aus dem entsprechenden Kommentar (der im Vergleich zu dem, was man so normalerweise vorfindet noch sehr mild ist):

Der allgemeine Eindruck ist ja durchaus, dass die Geldentwertung deutlich größer ist als die offiziellen Inflationszahlen, und die oben genannten Effekte können dazu durchaus beitragen.

Was halten Sie davon? Wer ggf. Interesse an einer künstlich niedrig gerechneten Inflationsrate haben könnte, ist ja prinzipiell klar – jeder, der mit diesem Argument viel Geld in den Markt pumpen möchte.

Dieser Kommentar war der unmittelbare Anlass zu meinem heutigen Beitrag, das Thema wollte ich aber schon länger erörtern, denn anders als viele deutsche Foristen offensichtlich denken, lassen sich die Inflationszahlen, die Destatis veröffentlicht, durchaus gegenprüfen und zwar mit anderen Statistiken der gleichen Behörde. Es ist nämlich so, dass eine grob gefälschte Statistik sehr schwer zu verbergen ist, weil sie zwangsläufig in einen Widerspruch mit anderen Statistiken geraten würde, fälscht man diese auch, tauchen wieder die neuen Widersprüche auf usw. usf., so dass ein widerspruchsfreies und dennoch grob irreführendes statistisches Abbild der Wirklichkeit zu erstellen eine wirkliche Heidenarbeit wäre, um die die armen Mitarbeiter von Destatis wahrlich nicht zu beneiden wären.

Jetzt aber zurück zu den offiziellen Inflationszahlen, laut Destatis stieg der Verbraucherpreisindex in Deutschland zwischen 1999 und 2012 um 23%, was einer jährlichen Inflation von 1,6% entspricht. In den Foren wird dagegenhalten, dass diese Zahl absurd niedrig sei, und dass die „wahre“ Inflation sich in einem Bereich von mindestens 5% jährlich bewege.

Wir können wir nun prüfen, welche der beiden Zahlen näher an der Realität liegt? Der Ausgangspunkt für eine solche Prüfung sind die Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen, speziell die Zahlen von Destatis zum deutschen Bruttoinlandsprodukt. Zwischen 1999 und 2012 stieg der nominale Bruttoinlandsprodukt in Deutschland von 2000,2 Mrd EUR auf 2666,4 Mrd EUR oder um 33%. Sein realer Gegenpart (Bruttoinlandsprodukt in konstanten Preisen von 2005) stieg dagegen nur um 18%. Das ergibt eine Steigerung des BIP-Deflators von 12%. So ein Deflator ist auch eine Inflationszahl, analog zum Verbraucherpreisindex, diese misst allerdings, anders als der Verbraucherpreisindex, nicht nur die Preissteigerung beim privaten Konsum, sondern die Preissteigerung bei allen Waren und Dienstleistungen (also für Konsum- und Investitionszwecke), die in Deutschland produziert worden sind einschließlich der Exporte aber bereiningt um den Importanteil.

Nun haben wir aber doch eine beträchtliche Differenz zwischen dem BIP-Deflator und dem Verbraucherpreisindex. Voran liegt das nun? Für eine Antwort muss man noch tiefer in die Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen einsteigen, dann findet man nämlich heraus, dass der Deflator für private Konsumausgaben um 20% stieg. Dafür sind die Deflatoren für andere Komponenten weniger gestiegen, insbesondere für Exporte beträgt die Steigerung nur 9% (ein Grund für die deutsche Wettbewerbsfähigkeit?). So haben wir also für die Preissteigerung beim privaten Konsum einerseits die 23% die sich aus dem Verbraucherpreisindex ergeben und andererseits die 20%, die die Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen liefern. Beide Statistiken werden auf unterschiedliche Weise und vermutlich von unterschiedlichen Abteilungen erstellt, und liegen doch sehr nah beieinander, ein starker Indiz dafür, dass die Zahlen die Realität abbilden.

Nehmen wir aber spaßeshalber an, dass unsere Foristen doch recht haben, und die wahre Inflation tatsächlich bei 5% pro Jahr lag. Das ergibt zwischen 1999 und 2012 eine Gesamtpreissteigerung von 88%. So eine Zahl ist nun wesentlich schwieriger, ja eigentlich unmöglich, mit der BIP-Deflator-Zahl von 12% und der Deflator-Zahl für private Konsumausgaben von 20% zu vereinbaren. Aber vielleicht gibt es ja wirklich eine Verschwörung, und alle Preissteigerungszahlen in allen Abteilungen bei Destatis werden systematisch nach unten manipuliert, und zwar um den Faktor 3,8. Dann wäre die Steigerung von unserem BIP-Deflator nicht mehr 12% sondern 46%. Bei den oben angegebenen Zahlen zum nominalen Bruttoinlandsprodukt hätten wir dann das überraschende Ergebniss, dass Deutschland zwischen 1999 und 2012 ein ziemliches Problem mit seiner Wirtschaft hatte, denn es ergibt sich nun eine Schrumpfung des realen BIP um 9%, anstatt der von Destatis ausgewiesenen Steigerung von 18%. Davon müsste man doch was mitgekriegt haben oder? Angesichts der Tatsache, dass das Arbeitsvolumen in Deutschland laut den Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in der fraglichen Zeot mit ca 67 Mrd Stunden weitgehend konstant geblieben ist, hätten wir einen ziemlich unerklärlichen Produktivitätseinbruch.

Nun könnten jetzt die Foristen sagen, dass auch die Zahlen zum nominalen BIP gefälscht sind, so dass die Steigerung des nominalen BIP doch höher ist, als von Desastis angegeben. Pech aber auch, dass diese Zahlen auch gegenprüft werden können und zwar indem man sie mit den Einnahmen des Staates aus der Umsatzsteuer vergleicht. Laut den Bundesfinanzministerium sind diese Einnahmen zwischen 1999 und 2013 von 112 Mrd EUR auf 142 Mtd EUR oder um 27% gestiegen sind, was sich sehr gut mit den Zahlen von Destatis deckt. Müssen wir nun auf die Beamten des Bundesfinanzministeriums in unseren vermeintlichen Verschwörerkreis miteinbeziehen?

Und so geht es immer weiter und weiter, denn fängt man erst an die Zahlen zu den Steuereinnahmen anzuzweifeln, sind bald auch die Ausgaben dran, dann der Haushaltsdefizit und und und…

Der angeblich gefälschte Verbraucherpreisindex führt so unweigerlich zum Schluss, dass das gesamte staatliche Statistikmaterial über Behörden hinweg manipuliert sind mit dem Ziel…, welches war es noch einmal?

Bevor ich an solche arbeits- und abstimmungsaufwendigen Missetaten glaube, ziehe ich eine einfachere Alternative vor, nämlich, dass der Verbraucherpreisindex doch nicht gefälscht ist. Aber die Foristen wird es sicher nicht überzeugen.

Die Neo-Fisherianer

Der Wirtschaftswurm meint, die Volkswirtschaftslehre wäre zwar eine inexakte Wissenschaft in dem Sinne, dass sie keine exakten Vorhersagen über die Wirkung einer wirtschaftspolitischen Maßnahme machen kann, dass sie aber zumindest imstande ist die Richtung der Änderungen zu bestimmen.

Ich bin da weniger optimistisch, zumindest was die Makroökonomie angeht, und eine langlaufende Debatte in der englischsprachigen Blogosphere bestärkt mich darin. Konkret geht es in der Diskussion um folgende Frage: wenn eine Zentralbank meint die Inflation wäre zu hoch (für die EZB wäre es eine Inflation, die signifikant über dem Inflationsziel von 2% liegt), sollte sie ihren Leitzins erhöhen oder senken? Jeder, der den Wirtschaftsteil der Zeitung aufmerksam liest, wird sich jetzt wahrscheinlich wundern: wurde diese Frage in der VWL nicht schon vor langem endgültig geklärt, und zwar so, dass man bei einer zu hohen Inflation die Zinsen erhöht und bei einer zu niedrigen (wie z.B. jetzt in der Eurozone) die Zinsen senkt? Dachte ich auch, aber offenbar falsch gedacht, es gibt eine ganze Reihe mehr oder weniger prominenten Wirtschaftsblogger (alles professionelle Ökonomen, die sich tief mit Geldtheorie beschäftigen, wie z.B. John Cochraine oder Steve Williamson), die das genaue Gegenteil behaupten und zwar mit folgender Argumentation:

Im mittelfristigen Gleichgewicht gilt folgende vom amerikanischen Ökonomen Irving Fisher erdachte Gleichung (eigentlich eine Identität):

i = r+pi

Hierbei sind, i – der Nominalzins ist, den die Zentralbank via Leitzins steuert, r – der sogenannte natürliche Zins, den die Zentralbank nicht beeinflussen kann, und schließlich pi – die Inflation. Da r in der mittleren Frist als eine Konstante betrachtet werden kann, folgt daraus direkt, dass eine Senkung von i zu einer sinkenden Inflation führt.

Klingt plausibel, nicht wahr? Heißt es nun, dass die EZB und die anderen Zentralbanken ihren „Instrument“ genau andersherum bedienen? Davon sind die oben angesprochenen Ökonomen, die von Noah Smith als Neo-Fisherianer bezeichnet werden, überzeugt und untermauen ihre Meinung mit diversen mathematisch sehr anspruchsvollen Modellen.

Ob und wo es ein Loch in der Argumentation der Neo-Fisherianer gibt, diese Frage soll jeder Leser für sich selbst beantworten. Ein kleiner Hinweis sei jedoch erlaubt: es gab in der Geschichte schon mal eine Zentralbank, die ihren Leitzins zwischen 1914 und 1923 konstant bei 5% hielt, trotz der immer weiter steigenden Inflation. Das Ergebnis hat das deutsche Volk für die nächsten 100 Jahre nachhaltig traumatisiert.

Und nun eine (rhetorische) Frage an den Wirtschaftswurm, wenn die VWL die, für unsere Wirtschaft gerade jetzt nicht ganz unwichtige, Leitzinsfrage offensichtlich nicht definitiv beantworten kann, was gibt ihm die Sicherheit, dass es bei der, wahrscheinlich weniger wichtigen, Mindestlohnfrage anders ist?

Gelddruckorgie ist vorest zu Ende

Jonas Dovern aus dem Ökonomie-Beobachter-Blog weist auf eine Tatsache hin, die ich auch schon lange aufgreifen wollte – weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit hat die EZB einen Großteil der in die Wirtschaft (oder soll ich lieber sagen in die Bankenlandschaft) gepumpten Geldbasis wieder eingesammelt.
Hier ist die Entwicklung der Geldbasis im Euro-Währungsgebiet seit 1999:

MonetaryBaseEuro

Seit dem Höhepunkt im Juli 2012 (kurz vor der „whatever it takes“-Rede von Draghi) ist die Geldbasis wieder um ca. 30% gesunken und liegt mittlerweile unterhalb der Vorkrisentrendlinie 2002-2008. Auf die Preise allerdings hat das alles (erwartungsgemäß) gar keinen Einfluss gehabt.

Das Schlüsselwort ist aber „vorerst“. wenn die AfD heute doch noch ins Parlament kommt, wird die EZB möglicherweise wieder „pumpen“ müssen…

Lebensmittelinflation

Bei hiesigen Inflationspropheten gefällt mir vor allem, dass sie niemals aufgeben. Nachdem die von ihnen schon seit mehr als 5 Jahren immer wieder vorausgesagte Hyperinflation sich hartnäckig nicht materialisieren will, im August fiel die Inflation in Deutschland auf 1,5%, verlegen sie sich auf einzelne gut passende Segmente des Warenkorbs um die eigene These doch noch zu retten. Hier zum Beispiel eine Welt-Schlagzeile : Preise bei Lebensmitteln steigen drastisch. Erst wenn man den Artikel tatsächlich liest, erfährt man, dass die Lage doch nicht so verzweifelt ist:

Eigentlich sieht es nach einer erfreulichen Entwicklung aus. Die Preise in Deutschland steigen insgesamt weniger als in den Vormonaten. Doch bei Nahrung ziehen sie stark an – das hat eine Ursache.

Also die Preise steigen nun doch weniger als zuvor, obwohl es ja eigentlich gar nicht sein kann, denn wir wissen ja alle, die EZB druckt wie verrückt. Die einzige Erklärung – das ganze neu gedruckte Geld geben wir offensichtlich nur für Lebensmittel aus, weshalb die Preise ausschließlich in diesem Segment steigen. Und warum, könnten wir nicht ein wenig für Ipads aufsparen? Auch das weiß jeder, Deutschland ist ein sehr armes Land, dessen Bewohner sich wegen hartnäckiger seit Jahrzehnten andauernder Inflation mittlerweile nur noch die notwendigsten Lebensmittel leisten können (OK, eine Kugel Luxus-Eis ist ab und zu auch drin). Nun gut, Ironie-Modus wieder aus, und zum eigentlichen Thema des Beitrags: 🙂

Was ich heute eigentlich vorstellen wollte ist eine Grafik, die die Entwicklung der Lebensmittelpreise in den vergangenen 18 Jahren der allgemeinen Preisentwicklung gegenüberstellt (Quelle – das statistische Bundesamt):

Lebensmittelinflation

Es sieht wohl so aus, dass seit ca. 2000 die Lebensmittelteuerung sowohl viel volatiler geworden ist als auch der allgemeinen Teuerung vorausgeeilt ist. Vor 2000 dagegen stiegen Lebensmittelpreise in den meisten Jahren weniger als der gesamte Preisindex.

Über die Ursachen dieser Entwicklung kann man viel spekulieren, die EZB hat damit aber wohl kaum etwas zu tun , denn die „Gelddruckorgie“ hat erst 2009 angefangen (und hat sich inzwischen in eine Geldvernichtungsorgie verwandelt, ohne freilich, dass die Inflationspropheten davon Notiz nahmen).