Monatsarchiv: September 2014

Negative Zinsen und nominelle Rigidität

Die FAZ schreibt mit Entsetzen, dass einige Banken mittlerweile Ihren Unternehmenskunden auf deren hochliquide Anlagen negative Zinsen berechnen (das Wort „bestrafen“ darf natürlich nicht fehlen). So etwas könnte grundsätzlich auch Privatkunden drohen, obwohl die Banken das im Moment noch dementieren.

Grundsätzlich ist es genau das was die EZB mit ihrer ultralockeren Geldpolitik auch bezweckt: Wirtschaftssubjekte sollen ihr Geld nicht horten sondern investieren, nur so kann die drohende Deflation verhindert werden, auch wenn es möglicherweise gar nicht ausreicht, denn es fehlt anscheinend nicht nur am Kreditangebot sondern auch an Kreditnachfrage.

Was mich allerdings an der ganzen Geschichte besonders fasziniert, das ist der gravierende Kontrast zwischen der Wahrnehmung der nominalen und realen Größen seitens der Wirtschaftssubjekte, der Phänomen der im Bezug auf Löhne als nominelle Rigidität bekannt ist. Im Moment liegt der Einlagenzins der EZB bei -0,2 Prozent, so viel vermutlich berechnen auch die Banken ihren Unternehmenskunden (genaue Werte fehlen im FAZ-Artikel). Bei einer Inflation von 0,8 bedeutet es einen realen Zins von -1%, empfindlich aber nicht die Welt. Wenn die Inflation in der Eurozone jetzt ihrem Zielwert von 2% entsprechen würde, was in Deutschland dann ca. 2.5 bedeuten müsste, würde der entsprechende nominelle Zins 1,5 % sein – darüber würde die FAZ garantiert kein Wort verlieren, während die heutige Situation beinahe schon einem Untergang der Abendlandes gleichgesetzt wird.

Aber so ist es, aus irgendeinem Grund sind wir alle (ja, ich auch) nominellen Verlusten gegenüber weit empfindlicher als gleich großen realen. So ist es auch Löhnen, die Arbeitnehmer murren zwar in einer Wirtschaftskrise, wenn ihre Löhne bei einer moderaten Inflation stagnieren, aber sie nehmen es hin. So war es in Deutschland am Anfang des Jahrtausends während der großen Lohnzurückhaltung, so ist es auch heute in den südeuropäischen Krisenländern. Wenn jemand aber versucht die Löhne aktiv zu kürzen – das gibt einen Aufstand.

Wachstum auf Pump – ein Rätsel

Heute geht es um eine Wortkreation, die in deutschen ökonomischen Debatten regelmäßig auftaucht, deren Bedeutung mir aber niemals klar geworden ist – es geht um den sogenannten Wachstum auf Pump.

Regelmäßig beschwören die deutschen Wirtschaftsexperten und Politiker, dass das Wirtschaftswachstum auf keinen Fall „auf Pump“ zu finanzieren sein, denn sonst drohe allerhand Unheil, und genauso regelmäßig vergessen sie es ihren Zuhörern zumindest ansatzweise zu erklären wie dieses Wachstum denn überhaupt funktioniert und was es von dem anderen besseren Wachstum unterscheidet, das eben nicht „auf Pump“ sondern irgendwie anders (nachhaltig?) finanziert wird.

Auch unsere Regierungschefin bedient die Floskel fleißig, bei einer Rede vor chinesischen Studenten im Juli beispielsweise sagte sie wörtlich folgendes:

Ich habe etwas dagegen, wenn man Wachstum auf Pump finanziert … Dann muss eben besser die Weltwirtschaft etwas weniger wachsen, als dass man auf Teufel komm raus auf Wachstum setzt

Die Erklärung aber, was dieses mysteriöse Wachstum auf Pump bedeutet, blieb sie aber, wie viele andere vor ihr schuldig, wahrscheinlich wissen es die Studenten in China auch so.

Da die Erklärungen ausbleiben, versuchen wir mal selbst zu ergründen, was Frau Merkel gemeint haben könnte. Fangen wir mit einer ganz einfachen Feststellung: wenn wir als normale Menschen etwas auf Pump kaufen, bedeutet es, das wir uns in Zukunft einschränken müssen, um das geliehene Geld zurückzuzahlen. Ein Beispiel – jemand der ein Auto auf Kredit kauft, wird in Zukunft weniger konsumieren können, da er ja nun den Kredit zurückzahlen muss. Man zieht also sein Konsum vor und schränkt sich dafür später ein. Man steigert gewissermaßen sein Konsum „auf Pump“ und bezahlt dafür später mit weniger Konsum.

So weit so gut, was aber absolut unklar bleibt: wie kann man das Konzept auf das Wirtschaftswachstum übertragen? Nehmen wir ein ganz einfaches Beispiel: ein Unternehmen kauft auf Kredit eine neue Anlage, welche die Produktivität signifikant steigert . Wir haben es also mit einem „Wachstum auf Pump“ innerhalb eines Unternehmens zu tun: es wird ein Kredit aufgenommen um das Unternehmenswachstum zu erhöhen. Heißt es nun, dass das Unternehmen für seine Sünde mit einem niedrigeren Wachstum in Zukunft bezahlen wird? Hmm… ganz im Gegenteil: ohne die Anlage wäre das Unternehmenswachstum sowohl heute als auch in der Zukunft niedriger, womöglich würde das Unternehmen sogar pleite gehen, weil es nicht mehr mit der Konkurrenz mithalten könnte. Heißt es nun, um die Worte der Bundeskanzlerin entsprechend anzuwenden, dass es besser wäre, wenn das Unternehmen kein Kredit aufnehmen würde und dafür ein niedrigeres Wachstum hätte (oder sogar ganz verschwände)? Ich glaube nicht mal die Bundeskanzlerin würde eine solche Unternehmensstrategie befürworten.

Offensichtlich wird also mit einem Wachstum auf Pump irgendetwas anderes gemeint, als Finanzierung der volkswirtschaftlichen Investitionen mit Krediten, ein im übrigen in einer kapitalistischen Wirtschaft absolut normaler Vorgang.

Ein Rätsel bleibt also bestehen, hat jemand vielleicht eine Idee?

P.S

Vielleicht ist das Wachstum nur dann „auf Pump“, wenn die notwendigen Investitionen staatlich finanziert worden sind. Das gilt natürlich unter allen Umständen zu vermeiden, zum Beispiel so: mal repariert lieber keine Brücken, sondern hat einen ausgeglichenen Haushalt, weil… ja, weil … keine Ahnung, muss aber besser sein keine Brücken zu haben und keine Schulden als Brücken mit Schulden oder etwa nicht?

P.P.S

Der amerikanische Blogger Noah Smith hat hier ein Artikel zum gleichen Thema (und sogar teilweise mit gleichen Beispielen) aber auch ohne den Rätsel abschließend zu lösen.

Schottland – ein Feldexperiment

So, hätte ich nicht erwartet, aber es scheint, als könnten die Schotten sich doch noch in die Unabhängigkeit entlassen. Nun ich weiß nicht, ob die Schotten (und die Rest-Briten mit ihnen) das später nicht noch sehr bedauern werden (irgendwas sagt mir, dass sie werden), aus unserer Euroland-Perspektive jedoch kann dieses Abenteuer zu einem lehrreichen Feldexperiment werden.

Ich habe ja schon mal geschrieben, dass der Euro eine in der ganzen Welt bislang einzigartige Institution ist – es gibt sonst keine anderen Währungsunionen dieser Art, die mehrere unabhängige Länder einschließen würden. Sollte jedoch Schottland unabhängig werden, würde automatisch eine zweite entstehen – die Pfundunion.

Nun die britische Regierung hat bereits ausgeschlossen, dass die Pfundunion Bestand haben wird, während die schottische Regierung weiter erzählt, dass das unabhängige Schottland den Pfund behalten kann. Was am Ende wird entscheidet sich, vorausgesetzt natürlich, dass die Volksabstimmung wirklich ein „Ja“ ergibt, was ich nach wie vor bezweifle aber auch nicht ausschließe, in zähen politischen Verhandlungen.

Wie auch immer diese Verhandlungen im Bezug auf die Pfundunion enden, in jedem Fall ergeben sich sehr nützliche Erkenntnisse für die Politiker und Ökonomen der Eurozone.

Sollte die Pfundunion gleichzeitig mit der politischen Union aufgelöst werden, werden wir sehen, ob eine solche Auflösung ohne gravierende wirtschaftliche Erschütterungen möglich ist. Es würde sozusagen eine Blaupause für die Euroauflösung entstehen, auf die dann die Eurogegner, wie die AfD, immer verweisen können. Ich bin allerdings der Meinung, dass der Schock gewaltig sein wird, in welchem Fall umgekehrt die Gegner einer Euroauflösung die Oberhand gewinnen, aber man kann ja nie wissen.

Sollte dagegen die britische Regierung sich umstimmen lassen, entsteht, wie schon gesagt, eine zweite euroähnliche Währungsunion, von der man, sollte sie vernünftig verwaltet werden, im Euroland eventuell das eine oder andere wird lernen können. Sollte diese neue Union gar erfolgreich werden, was nichts anderes heißt, als dass sie Mechanismen entwickelt, mit denen die bekannten Nachteile einer Währungsunion sich trotz fehlender politischen Union neutralisieren lassen, und das ohne die gefürchteten permanenten Transfers aus einem Teil der Währungsunion in den anderen, wird sich Europa und speziell Deutschland fragen müssen, aus welchem Grund das auch in Europa nicht möglich ist. Umgekehrt, sollte die neue Union nach einer Weile die gleichen Probleme entwickeln wie der Euro, nun, dann wissen wir, dass der Euro doch nicht funktionieren kann. In diesem Fall bleibt dann noch die Frage, wie man ihn ohne Probleme los wird – vielleicht führen die Schotten und die Rest-Briten das auch vor, siehe oben.

Fazit: eine schottische Unabhängigkeit wäre für die Schotten selbst vermutlich nicht so doll, für den Rest der Welt wäre es aber ein sehr nützliche Lehrstunde in Sachen Währungspolitik.