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Schäubles zwei Szenarien

So, Wolfgang Schäuble und seinem Ministerium schweben also zwei Szenarien vor, wie es mit Griechenland weitergehen könnte:

1. Szenario 1

Die griechische Regierung verbessert substantiell die aktuell vorliegenden Vorschläge und darf dafür in der Eurozone bleiben. Es kriegt dann von der Eurozone ca. 75 Mrd EUR für die nächsten 3 Jahre, von denen ca. 60 Mrd für die Bedienung der alten Schulden, hauptsächlich beim IWF und EZB, verwendet werden und der Rest wohl für die Rekapitalisierung des griechischen Bankensystems.

2. Szenario 2

Griechenland muss aus der Eurozone austreten, angeblich auf Zeit, aber ziemlich sicher für immer, denn die Griechen wären sehr dumm, nachdem sie die Strapazen eines Grexits auf sich genommen haben, sich wieder in Gefahr zu begeben. Anschließend soll sich Griechenland an das Pariser Klub wenden um seine öffentlichen Schulden zu restrukturieren, d.h. in unserem Context die Schulden bei den EU-Staaten sowie EZB (der IWF genießt in solchen Fällen eine provillegierte Stelung). Das bedeutet einen Schuldenschnitt entweder via direkten Schuldenerlass oder via Streckung der Rückzahlungsfristen etc.

Im ersten Szenario wird die EU also die IWF-Schulden Griechenlands ablösen und das griechische Bankensystem rekapitalisieren und um zweiten Fall … auch. Der Unterschied ist – im ersten Fall müssen die EU-Regierungen ca. 40 Mrd dazuschießen (Rekapitalisierung des Bankensystems + IWF-Ablösung) während das im zweiten Fall via einen (großen) Schuldenschnitt passiert. Aber, und darauf kommt es Schäuble vielleicht tatsächlich an, man wäre Griechenlland aus der Eurozone endlich los.

Ich bin allerdings sehr skeptisch, dass der zweite Szenario für die EU im allgemeinen und Deutschland im besonderen wirklich finanziell besser wäre (wissen wird man es erst dann, wenn die Verhandlungen mit dem Pariser Klub abgeschlossen sind), von den Konsequenzen für den Euro mal abgesehen.

Eine interessante Frage wäre es, ob Griechenland wirklich mit dem Pariserklub zusammenarbeitet oder vielleicht einfach einseitig die Schulden bei der EU und EZB annuliert. Nachdem sie aus der Eurozone raus sind, haben die Griechen ja viel weniger zu verlieren. Und zuzutrauen wäre das der heutigen griechischen Regierung auf jeden Fall. Hat die EU eigentlich Druckmittel um Griechenland zu zwingen mit dem Pariser Klub zusammenzuarbeiten und wenn ja, welche sind das?

Und da sind ja noch die Target2-Verbindlichkeiten der griechischen Zentralbank (ca 100 Mrd EUR), wie werden diese behandelt? Etwa zu den bestehenden EU/EZB-Verbindlichkeiten dazuaddiert?

Es bleibt also (leider) weiterhin spannend…

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Die EZB ist doch nicht ultra vires oder?

Während alle Welt gebannt nach Brüssel und Athen schaut, ist ein Akt in einem anderen Drama diese Woche fast unbemerkt über die Bühne gegangen. Dabei würde er zu jeder anderen Zeit vermutlich die Schlagzeilen beherrschen. Die Rede ist vom Urteil des Europäischen Gerichtshofs über das OMT-Programm der EZB, in welchem die Richter der Empfehlung des Generalanwalts Cruz Villalón folgend das OMT-Programm für legal erklärt haben.

Damit liegt ein Konflikt zwischen dem EuGH und dem Bundesvefassungsgericht vor, das bekanntlich anderer Meinung war und deshalb den Fall zunächst an das EuGH überwiesen, für sich jedoch die letzte Entscheidung vorbehalten hat.

Der Ball liegt nun beim BVerfG, das sich nun erneut mit dem Fall beschäftigen wird. Was kann bei seiner Entscheidung nun herauskommen?

Grundsätzlich sind hier m.E. drei Szenarien möglich:

1. Das Unterwefungsszenario

Das BVerfG akzeptiert das Urteil sowie die Zuständigkeit des EuGH und schließt die Akte. Dieses Szenario wäre nach meiner Meinung zwar rein rechtlich das richtige, aber auch das am wenigsten wahrscheinlichste.

2. Das Papiertigerszenario

Das BVerfG beharrt auf seiner Meinung und erklärt das OMT für unvereinbar mit den Europäischen Verträgen und somit auch mit dem Grundgesetz. Damit gäbe es ein paar Tage aufgeregte Schlagzeilen, praktische Auswirkungen hingegen wären, wie ich hier schon mal ausgeführt habe, nicht existent. Das Gericht wäre somit nach seinem Tigersprung vor mehr als einem Jahr als Papiertiger gelandet. Das ist glaube ich das Szenario das mit mehr als 75% Wahrscheinlichkeit eintreten wird

3. Das Prinzipienszenario

Das BVerfG nimmt zur Kenntnis, dass die Europäische Verträge im Bezug auf EZB eine andere Interpretation haben als von ihm angenommen und erklärt die Verträge für unvereinbar mit dem Grundgesetz. Es verpflichtet die Bundesregierung Verhandlungen zur Änderung der Verträge aufzunehmen und falls diese scheitern aus der Eurozone oder falls das nicht möglich wäre aus der EU auszutreten. Juristisch wäre es der richtige Weg, trotzdem glaube ich kaum, dass das BVerfG eine solche weitreichende Entscheidung trifft.

Es bleibt also zwar spannend aber nicht sehr spannend.

Grdefault und Grexit – synonym oder nicht

Nachdem sich das griechische Drama unaufhaltsam seinem Ende nähert, wenn auch bis jetzt noch niemand weiß, wie dieses Ende aussehen wird, will ich heute noch einmal zu einer Frage zurückkehren, die ich hier schon einmal erörtert habe – wieso in aller Welt setzen die (allermeisten) deutschen Medien und Blogger als selbstverständlich voraus, dass auf einen Grdefault bzw. auf Deutsch – eine griechische Staatspleite – notwendigerweise ein Grexit, also ein Austritt Griechenland aus der Eurozone folgen muß.
In der englischsprachigen Welt ist es inzwischen anders – siehe z.B. die Beiträge von Simon Wren-Lewis, John Cochraine oder Wofgang Münchau ( wieso eigentlich kann der nicht das gleiche auch in SPON veröffentlichen? ).

Tatsächlich ist die Frage sehr wichtig – denn wovor sowohl die Griechen als auch die anderen Europäer aber auch die Finanzmärkte richtigerweise Angst haben, dass ist der Grexit, denn danach wäre die Eurozone nie mehr die gleiche wie zuvor – eine Währungsunion aus der Mitglieder austreten können ist keine Währungsunion mehr sondern nur noch ein verschleiertes System der festen Wechselkurse (auch wenn Hans-Werner-Sinns dieser Welt den Unterschied nicht verstehen). Ein Grdefault dagegen wäre anders als vor 5 Jahren, als die griechische Krise begann, durchaus beherrschbar, denn während damals der Großteil der Schulden Griechenlands von europäischen, meistens französischen, Banken, gehalten wurde, weshalb eine Staatspleite eine Implosion des europäischen und auch internationalen Bankensystems zur Folge hätte, ähnlich wie die Lehman Brothers-Pleite 3 Jahre zuvor, sind es heute die öffentlichen Kreditgeber, die den Großteil der Schuldtitel halten, und die Banken sind kaum mehr involviert. Eine Staatspleite Griechenlands wäre also zwar schmerzlich für diese öffentlichen Kreditgeber, die das Geld endgültig abschreiben müssten, eine Finanzkrise würde daraus aber nicht entstehen.

Warum sind also alle davon überzeugt, dass Griechenland aus der Eurozone austreten muss, wenn es seine Schulden nicht mehr bedienen kann? Die (indirekte) Begründung lautet wie folgt: wenn die griechische Regierung eine Insolvenz erklärt, dann wären auch die griechischen Banken insolvent, die in ihren Büchern (Stand 2014) ca. 25 Mrd an griechischen Staatsanleihen haben. An insolvente Banken darf die EZB aber kein Geld leihen, also wären die griechischen Banken von der Euro-Versorgung abgeschnitten und Griechenland wäre gezwungen den Euro zu verlassen.

Diese Begründung gilt allerdings nur dann, wenn die Staatspleite alle Schuldtitel erfassen würde, auch die von griechischen Banken gehaltene. Wäre es dagegen möglich, dass die griechische Regierung zwar eine Pleite erklärt, die von griechischen Banken gehaltenen Anleihen aber davon explizit ausnimmt, würde Begründung nicht mehr gelten. Griechenland würde also in diesem Szenario durchaus in der Eurozone bleiben können.

Die Voraussetzung dafür wäre es, dass die anderen, speziell die öffentlichen Kreditgeber, auf Ihr Geld freiwillig verzichten ohne Griechenland via EZB mit dem Rauswurf aus der Eurozone zu bestrafen. Oder mit anderen Worten: ob auf ein Grdefault ein Grexit folgt, hängt alleine von den Kreditgebern ab, zwingend notwendig ist es keinesfalls.

Eine Leitzinserhöhung – wie kriegt die FED das hin?

Wie man in den letzten Wochen und Monaten immer wieder lesen konnte tastet sich die Federal Reserve gerade an die erste Leitzinserhöhung seit Juni 2006, das heißt seit neun Jahren. Nachdem man die Zinserhöhung zuletzt für Juni erwartet hat, gehen die meisten Kommentatoren mittlerweile vom September aus.

Das Thema dieses Beitrags ist allerdings nicht die Leitzinserhöhung als solche sondern die komplett anderen technischen Bedingungen, verglichen mit Juni 2006, unter denen diese Leitzinserhöhung stattfinden wird, so dass sie gleichzeitig zu einem großen Experiment in Sachen praktischer Geldpolitik wird.

Denn, zwischen 2006 und heute hat sich die Bilanz der FED mehr als verfünffacht vom ca. 900 Mrd. $ damals zu ca. 4,5 Mrd Billionen $ heute. Beim Geld ist es aber, trotz aller Besonderheiten, genauso wie bei jedem anderen Gut, wie z.B. Kartoffeln – wenn es sehr viel davon gibt, sinkt der Marktpreis gegen 0 (und die Bauern gehen Pleite). Genau das ist mit dem „Marktpreis“ des Dollars, auch bekannt als Federal Funds Rate oder im deutschen Sprachgebrauch Leitzins, passiert – er liegt seit mehreren Jahren bei ca. 0%.

Nun aber will die FED diesen Preis erhöhen – wie kann sie das erreichen? Tatsächlich funktioniert die Analogie mit Kartoffeln auch hier – was würde eine Regierung tun, die den Kartoffelnpreis manipulieren will, entweder um den Bauern zu helfen oder umgekehrt um die Verbraucher zu entlasten? Wenn das Marktangebot nicht allzu groß ist, würde sie auf dem Kartoffelnmarkt intervenieren d.h. Kartoffeln entweder aufkaufen oder umgekehrt verkaufen (das zweite setzt natürlich voraus, dass sie über Kartoffelnreserven verfügt). Genau das tat die FED 2006, nur dass sie stattdessen Staatsanleihen kaufte und verkaufte und auf diese Weise das Geldbasisangebot manipulierte. Um die Analogie noch anschaulicher zu machen, könnte man auch sagen, dass die FED Dollars für Staatsanleihen „kaufte“ bzw. „verkaufte“.

Was soll aber die Regierung tun, wenn die Ernte so üppig ausfällt, dass der Preis gegen 0 $ fällt, so dass normale Interventionen, die den bestehenden Markt nur manipulieren aber nicht ersetzen nicht mehr funktionieren. Das entspricht der Situation auf dem Geldmarkt heute. In diesem Fall wird die Regierung einen anderen Weg gehen und den Markt komplett ersetzen, indem sie einen Mindestpreis für Kartoffeln festsetzt und den Bauern die Abnahme zu diesem Preis garantiert.

Genau das hat die FED jetzt vor, anstatt wie in der Vergangenheit den Preis auf dem Geldmarkt, die Federal Funds Rate, durch Open Market Operations zu manipulieren, wird sie allen Marktteilnehmern auf dem Geldmarkt einen garantierten Mindestübernachtzins anbieten – dafür wird sie einen gerade neu eingeführten Instrument nutzen – sogenannte Overnight Reverse Repurchase Agreements. Es handelt sich also um mit einen Wechsel von einem gut bewährten Instrument der Geldpolitik, den die FED seit den 50-er Jahren der letzten Jahrhundertserfogreich nutzte zu einem, von dem sie theoretisch weiß, dass er funktioniert, der aber noch nie in der Praxis eingesetzt wurde.

Diesen Experiment werden die anderen Zentralbanken, die in den letzten Jahren ihre Bilanz vergrößert haben oder gerade dabei sind, allen voran die EZB, zweifellos sehr genau beobachten, denn auch für sie kommt irgendwann der Moment an dem sie eine Leitzinserhöhung in Angriff nehmen müssen, wenn auch nicht so bald.

Griechen und ihre Kreditoren oder wer zahlt wem wieviel

Als ich letzte Woche den heutigen Beitrag (den mittlerweile schon dritten zum Thema Griechenland in Folge) vorbereitet habe sah es aus als ob es in der griechischen Drama eine temporäre Beruhigung geben würde, tja zu kurz gedacht – wieder Aufregung.

Nichtsdestotrotz passt der Inhalt nach wie vor thematisch gut, oder vielleicht sogar besser – es geht nämlich um die Details der griechischen Staatsverschuldung, die ich am letzten Wochenende in mühevoller Kleinarbeit zusammengetragen habe, um die Lage einigermaßen zu verstehen.

Bevor wir allerdings zu den nackten Zahlen kommen, ein paar Anmerkungen zur Einführung:

Die griechische Regierung schreibt nun seit ca. einem Jahr Primärüberschüsse, folgerichtig wird das ganze Geld, dass die Regierung sich bei Kreditoren leiht, für die Zahlungen an eben diese Kreditoren verwendet, die Griechen selbst sehen von diesem Geld nichts. Für die Kreditoren handelt es sich also um eine „linke Tasche – rechte Tasche“-Übung, was sie aus der linken Tasche der griechischen Regierung leihen kommt in die rechte Tasche wieder rein (plus Primärüberschuß). Dies gilt allerdings nur, wenn man die Kreditoren als Ganzes betrachtet. Da es aber mehrere Kreditoren gibt, deren Kredite und Zinsen zu unterschiedlichen Zeiten fällig werden, gibt es, in einem gegebenen Zeitraum, unter den Kreditoren „Nettozahler“, die an die griechische Regierung mehr zahlen als empfangen und umgekehrt „Nettoempfänger“, die dementsprechend mehr bekommen als sie zahlen.

Genau das wird nun in der folgender Tabelle dargestellt, wo die größten Kreditoren(gruppen) der griechischen Regierung und deren Zahlungen bzw. Zahlungssalden für das laufende Jahr 2015 dargestellt sind, dazu noch die Verbindlichkeiten der griechischen Regierung gegenüber dem jeweiligen Kreditor (Stand 31.12.2014). Da wir uns ja schon im März befinden, sind einige Zahlungen mittlerweile geflossen, so dass sich das Bild wieder verändert haben wird.

/ EU-Regierungen EZB IWF Private Kreditoren
Verbindlichkeiten 194,7 19,8 34,0 55,5
Rückzahlungen 0,4 8,0 9,4 16,0
Auszahlungen 1,8 0 5,6 14,5
Saldo -1,4 8,0 3,8 1,5

Alle Angaben in Mrd EUR

So was lernt man nun aus diesen Zahlen? Zum einen sind die europäischen Regierungen, die derzeit so hart mit den Griechen verhandeln sowohl der größte Kreditor – ca zwei Drittel der griechischen Staatsverschuldung entfallen auf sie, als auch der einzige Nettozahler. Der größte Nettoempfänger ist dagegen die EZB, die in 2015 8 Mrd EUR empfangen soll (wobei natürlich die Trennung zwischen der EZB und den Regierungen eine eher künstliche ist).

Zum anderen aber, und das ist viel wichtiger, klafft in 2015 eine Finanzierungslücke von ca. 12 Mrd EUR eine Summe, welche die griechische Regierung unmöglich selbst erwirtschaften kann. Selbst, wenn der Primärüberschuss, wie nach früheren Plänen gewollt, bei 3,0% des BIP liegen würde, entspräche das schätzungsweise 9,0 Mrd EUR, es bliebe also immer noch ein Rest von 3 Mrd EUR. Realistischer wäre es allerdings von einem Primärüberschuss von ca. 4 Mrd EUR auszugehen, d.h. die Griechen müssen sich in diesem Jahr zusätzlich zum bereits geplanten Krediten weitere 8 Mrd EUR leihen. Diese 8 Mrd müssen spätestens im Juli/August da sein, um die Ansprüche der EZB befriedigen zu können. Aber vielleicht kommt bis dahin noch ein Schuldenschnitt und/oder der Grexit.

Wie geht es nun weiter? Nun, kurzfristig müssen die Griechen jetzt unbedingt die zugesagten 7,2 Mrd EUR bekommen, die sie dringend benötigen um die IWF-Rückzahlungen bis Ende Juni zu leisten, es handelt sich um 6,1 Mrd EUR, davon ca. 1,5 Mrd EUR in den kommenden drei Märzwochen. Mit Ach und Krach haben sie es in diesem Jahr bisher geschafft ca. 1.8 Mrd EUR aus eigener Kraft aufzutreiben, hauptsächlich über sogenannte T-Bills, jetzt allerdings stellt sich die EZB quer, so dass dieser Weg höchstwahrscheinlich versperrt ist. Lange geht es also nicht mehr gut.
Falls das überstanden wird (ein großes falls) , kommt Ende Juni die große Frage woher die ca. 8,5 Mrd Euro kommen sollen, die im Juli und August anfallen, davon ca. 8 Mrd EUR für die EZB. Es bleibt also spannend.

Monetäre Staatsfinanzierung – auf der Suche nach einer Definition

Nachdem die EZB in dieser Woche als letzte große Zentralbank ihr erstes „Quantitative Easing“ – Programm beschlossen hatte, das einen großangelegten Staatsanleihenkauf beinhaltet, macht in der deutschen Öffentlichkeit wieder ein böses Wort die Runde – die monetäre Staatsfinanzierung.

Aber was ist das eigentlich genau und wie trennt man die monetäre Staatsfinanzierung von der „normalen“ Geldpolitik? Dafür, dass die EZB-Kritiker außerordentlich schnell damit sind die EZB mit dem Vorwurf der monetären Staatsfinanzierung zu konfrontieren, ist es erstaunlich schwierig eine Definition dieses Begriffs zu finden. Die Wikipedia, die sonst für alles mögliche einen Eintrag hat, schweigt sich zum Thema aus, und auch die Leute, die den Begriff verwenden, machen sich selten bis nie die Mühe eine genaue Definition abzugeben, wohl in der Annahme, das alle schon wissen würden, worum es geht.

Dieser Beitrag geht nun auf die Suche nach diesem Begriff und als Startpunkt dient uns die Definition der monetären Staatsfinanzierung, die im Artikel 123 der Vertrags über die Arbeitsweise der EU gegeben wird, das ist der Artikel, der, wie viele wahrscheinlich wissen, den Verbot der monetären Staatsfinanzierung für die EZB ausspricht:

Überziehungs- oder andere Kreditfazilitäten bei der Europäischen Zentralbank oder den Zentralbanken der Mitgliedstaaten (im Folgenden als „nationale Zentralbanken“ bezeichnet) für Organe, Einrichtungen oder sonstige Stellen der Union, Zentralregierungen, regionale oder lokale Gebietskörperschaften oder andere öffentlich-rechtliche Körperschaften, sonstige Einrichtungen des öffentlichen Rechts oder öffentliche Unternehmen der Mitgliedstaaten sind ebenso verboten wie der unmittelbare Erwerb von Schuldtiteln von diesen durch die Europäische Zentralbank oder die nationalen Zentralbanken.

Wenn man den Artikel wörtlich nimmt, dann liegt der Tatbestand der mönetären Staatsfinanzierung also dann vor, wenn die Zentralbank, in diesem Fall der EZB, entweder direkt Kredite an die Regierung vergibt, oder aber deren Anleihen unmittelbar erwirbt.
Wenn allerdings alle diese Definition wörtlich nehmen würden, gäbe es keinen EZB-Prozess vor dem BVfG und keine Aussicht auf eine Verfassungskrise, denn das tut die EZB nun definitiv nicht – sie erwirbt Staatsanleihen ausschließlich auf dem sogenannten Sekundärmarkt, d.h nur mittelbar.

Viele EZB-Kritiker wenden aber, und mit ziemlicher Berechtigung, ein dass, wenn man den Artikel 123 wörtlich auslegen würde, hätte dieser gar keine Bedeutung, denn den gleichen Effekt,den eine Zentralbank durch den unmittelbaren Erwerb der Staatsanleihen bewirken kann, kann sie genauso auch durch den Erwerb auf dem Sekundärmarkt bewirken kann, der Unterschied ist hier rein technischer Natur.

Daher könnte man nun sagen, in der Logik dieser Kritiker, dass der Artikel 123 zwar wörtlich nur den unmittelbaren Erwerb der Staatsanleihen verbietet, faktisch aber jeder Erwerb, egal in welcher Form, unter das Verbot fällt und somit als monetäre Staatsfinanzierung gilt.

Das Problem mit dieser Definition ist allerdings, dass sie, falls sie so gelten würde, die Geldpolitik sehr vieler Zentralbanken dieser Welt zur monetären Staatsfinanzierung erklären würde. Für dieser Zentralbanken, darunter auch drei der vier mächtigsten – Federal Reserve, Bank of England und Bank of Japan – ist der Kauf und Verkauf der Staatsanleihen der wichtigste Standardinstrument ihrer Geldpolitik, sowohl der konventionellen als auch der unkonventionellen, entsprechend halten die drei genannten in ihrer Bilanz ca. 20% der Staatsschuld ihres jeweiligen Landes. Aber auch die EZB, die in der Theorie in ihrer Bilanz (bis jetzt) praktisch keine Staatsanleihen hält, tut es in Wirklichkeit doch – nur im Rahmen der REPO (repurchasing agreements), d.h sie erwirbt Staatsanleihen von den Banken, diese sind aber verpflichtet diese nach einer festgelegten Zeit wieder zurückzukaufen. Während dieser Frist allerdings sind die Anleihen im Besitz der EZB. Der Unterschied ist hier eher technischen Natur. Wollte man also die monetäre Staatsfinanzierung, nach dieser breiten Definition, unterbinden müsste man also streng genommen der Zentralbank verbieten die Staatsanleihen auch nur anzufassen, und das würde die Geldpolitik viel schwieriger, wenn nicht gar unmöglich machen – immerhin sind Staatsanleihen der Anker des gesamten Geld- und Finanzmarktes, der sicherste und liquideste Asset. Es ist zu bezweifeln, dass die Verfasser des Artikel 123 so etwas im Sinn hatten.

Eine weitere Möglichkeit die monetäre Staatsfinanzierung zu definieren wäre es nicht das Instrument, sondern die Auswirkungen im Blick zu haben. D.h. es ist unwichtig, wie (und streng genommen ob überhaupt) die Zentralbank Staatsanleihen erwirbt, wichtig ist der Effekt den sie damit bewirkt, nämlich eine Erleichterung der Finanzierungsbedingungen des Staates, so dass dieser sich potentiell größere Verschuldung leisten kann. Das Problem ist hier allerdings, ähnlich wie mit der zweiten Definition, dass auf diese Weise jede stinknormale (Leit-)Zinssenkung zur monetären Staatsfinanzierung wird, denn diese bewirkt unter anderem auch ein Absinken der Staatsanleihenzinsen und verbessert damit staatliche Finanzierungsbedingungen.

Jetzt haben wir es schon mit drei Definitionen versucht, ohne eine zu finden die gleichzeitig praktikabel und wirkungsvoll wäre. So könnte man immer weiter machen, die Zweifel sind aber angebracht, ob eine vernünftige Definition überhaupt existiert, leicht ist diese jedenfalls nicht zu finden, und selbst wenn eine gefunden wäre, würde vermutlich nur eine Minderheit sich mit ihr zufrieden geben.

Was ist nun die Konsequenz? Aus meiner Sicht, so bitter das den deutschen EZB-Kritikern auch erscheinen mag, wäre es das beste das Konzept ganz zu beerdigen und den Artikel 123 aus den EU-Verträgen zu streichen. Das Verbot der monetären Staatsfinanzierung wurde ja vor allem von Deutschen favorisiert mit Blick auf ihre eigenen bitteren Erfahrungen mit der Hyperinflation nach dem ersten Weltkrieg. Der Mandat der EZB sieht aber schon vor, dass sie vorrangig der Preisstabilität verpflichtet ist, sofern sie im Rahmen dieses Mandats bleibt, ist eine Hyperinflation nicht zu befürchten. Eine zusätzliche Absicherung, vor allem eine, die sich einer vernünftigen Definition entzieht und damit nichts außer endlosen juristischen Streitigkeiten bewirken kann ist deshalb als kontraproduktiv und schädlich einzustufen.

Nur Bares ist Wahres

In meinem letzten Beitrag ging es um die Entwicklung der Geldbasis im Euro-Währungsraum, vor allem darum, wie diese Entwicklung, anders als die öffentliche Meinung in Deutschland zu wissen glaubt, in den letzten Jahren eher unterdurchschnittlich verlaufen war, wie die folgende Grafik zeigt:

Geldbasisentwicklung im Euro-Währungsgebiet

Der heutige Beitrag schließt an dieses Thema an, aber mit einem Fokus auf eine Komponente der Geldbasis, die uns (jedenfalls den meisten von uns) in unserem täglichen Leben zwar bei jedem Supermarkteinkauf ständig begegnet, von den Ökonomen und Wirtschaftsjournalisten aber als unwichtig abgetan wird. Die Rede ist natürlich vom Bargeld. So schreibt auch Wolfgang Münchau in seiner Spiegel-Kolumne, aus der ich schon beim letzten Mal zitiert habe, folgendes:

Die Geldbasis enthält zwei Komponenten. Die eine ist das Bargeld. Es ist kein sehr großer Teil und spielt bei Anleihekäufen keine Rolle. Volkswirtschaftlich gesehen ist Bargeld nichts anderes als Peanuts. Die zweite Komponente sind die Bankreserven.

Der amerikanische Ökonom Kenneth Rogoff schlägt sogar vor das Bargeld komplett abzuschaffen, da kein Mensch es brauche. Auf meinen persönlichen Alltagserfahrungen basierend war ich auch der Meinung, dass die Banknoten und Münzen ein Relikt der Vergangenheit sind, das immer weniger gebraucht wird und … wurde durch einen Einblick in die Statistiken der EZB eines besseren belehrt. In der nun folgenden Grafik sieht man die Entwicklung der Euro-Geldbasis sowie deren Bestandteile (Bargeld und Bankreserven) seit Januar 2002:

GeldbasisBestandteile

Aus der Grafik gewinnt man zwei wichtige Erkenntnisse: Erstens, das Bargeld ist keineswegs am Verschwinden, ganz im Gegenteil, dessen Menge wuchs in den vergangenen Jahren schneller als die gesamte Geldbasis und zwar sage und schreibe um ca. 9,5% pro Jahr. Dementsprechend wuchs auch der Anteil des Bargeldes an der Geldbasis von 60% auf über 80%. Zweitens, und das ist sehr wichtig, war der Wachstum der Bankreserven, auf die es, wie Herr Münchau richtig schreibt, in der Geldpolitik alleine ankommt, denn sie sind der „Stoff“ aus dem die Banken Geld schöpfen, noch enttäuschender als man alleine aus der Geldbasisgrafik vermuten könnte – deren Umfang liegt heute nur 6% über dem Niveau von August 2009 wieder, kurz vor der ersten Bilanzausweitung.

Fast könnte man denken, Mario Draghi und seine Kollegen hätten nicht so ganz Unrecht, wenn sie danach trachten die EZB-Bilanz wieder auszuweiten.

Interessant wäre natürlich die Frage was denn mit dem vielen Bargeld passiert, das die Bankkunden so fleißig abheben. Laut dieser Untersuchung der Bundesbank, die sich allerdings nur auf Deutschland bezieht, werden ganze 90% des abgehobenen Bargeldes entweder ins Ausland verfrachtet oder gehortet, nur die restlichen 10% werden tatsächlich als Zahlungsmittel eingesetzt. Durch die volle Berücksichtigung des Bargeldes in der EZB-Bilanz, zumindest 25%-35% Auslandsnutzung gehören ja definitiv nicht rein, entsteht also ein systematisch nach oben verzerrtes Bild.

P.S

Völlig am Thema vorbei, aber jetzt weiß ich definitiv, warum ich die CSU niemals wählen würde. Möchte gerne das Recht behalten zu Hause und mit Freunden auch mal chinesisch zu sprechen, wenn mir danach ist. Zugegebenermaßen würde ich die CSU auch zuvor kaum wählen, alleine schon aus dem Grund, dass sie in Hamburg gar nicht zur Wahl steht.