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Die Geldpolitikhäresien – Neofisherismus

In meinem letzten Beitrag ging es um die aktuell herrschende Geldpolitiklehre – die Neokeynesianische Geldpolitiktheorie. Wo es eine herrschende Lehre gibt, gibt es allerdings immer Häresien und der heutige Beitrag befasst sich mit der ersten der beiden Häresien, die mittlerweile einen ziemlichen Bekanntheitsgrad erreicht haben – dem sogenannten Neofisherismus. Die zweite Häresie – der Market Monetarismus kommt in einem der zukünftigen Beiträge an die Reihe.

Der Neofisherismus setzt mit seiner Kritik an der herrschenden Lehre nicht so sehr an deren Grundsätzen, tatsächlich benutzen seine Proponenten, wie bspw. John Cochraine, die gleichen mathematischen Modelle wie die Neokeynesianische Geldpolitiktheorie. Vielmehr kommen sie durch die gleichen Modelle zu radikal anderen Folgerungen was die tägliche Politik der Zentralbanken betrifft.

Zur Erinnerung: Gemäß der Neokeynesianischen Geldtheorie steuert eine Zentralbank das Wirtschaftsgeschehen (gemeint ist vor allem der Inflations- und Bruttoinlandsproduktverlauf) in dem sie eine bestimmte Zinssetzungregel verfolgt und diese glaubhaft kommuniziert, so dass die Wirtschaftsteilnehmer aus dieser Regel ihre Erwartungen hinsichtlich des zukünftigen Wirtschaftsgeschehens ableiten. Eine solche Regel ist eine Berechnungsvorschrift, die den aktuell durch die Zentralbank zu setzenden Nominalzins in Abhängigkeit von der aktuellen Inflation und dem aktuellen BIP ermittelt.
Ein Beispiel für eine solche Regel ist die sogenannte Taylor-Regel, die bis zum Ausbruch der Großen Rezession von den meisten Zentralbanken mehr oder weniger konsequent umgesetzt wurde. Mathematisch sieht diese Regel wie folgt aus:

i = p + r + a*(p – pz)+b*yg

Hierbei sind: i – der zu setzende Zins, r – der reale Gleichgewichtszins, p – die aktuelle Inflation, pz – die Zielinflation, yg – die Outputlücke (die Differenz zwischen den aktuellen BIP und den Produktionspotential der Volkswirtschaft). a>0 und b<=0 sind die Parameter, die die jeweilige Zentralbank gemäß ihrer Präferenzen setzt. Eine Zentralbank wie die EZB, die ausschließlich die Inflation im Blick hat, würde z.B. b=0 setzen.Wenn man die Taylor-Regel in das Neokeynesianische Modell einsetzt, ergibt sich eine Gleichgewichtslösung mit p=pz und yg=0, d.h genau das, was eine Zentralbank anstreben sollte – die Inflation am Ziel und die Wirtschaft voll ausgelastet. Der Erfinder der Taylor-Regel, John Taylor schlägt übrigens vor die Fed per Gesetz zu verpflichten seine sich zu seiner Regel zu bekennen.

Nun gibt es allerdings ein Problem – wenn in einer starken Rezession entweder der Gleichgewichtszins oder die Inflation oder auch beides plötzlich fallen während die Outputlücke steigt, kann es passieren dass der erforderliche Nominalzins unter 0% fällt – man ist also in der berühmten Liquiditätsfalle. Für diesen Fall, der seit 2008 sowohl in der USA als auch in Europa und bereits seit Mitte der neunziger Jahre in Japan tatsächlich eingetreten ist, bietet die Taylorregel keine Antwort.
Deshalb müssen die betroffenen Zentralbanken auf „unkonventionelle“ Maßnahmen, wie Quantitative Easing, zurückgreifen, deren Wirksamkeit laut der Neokeynesianische Geldpolitiktheorie gar nicht gegeben ist, die aber in der Praxis zu funktionieren scheinen (oder auch nicht, hängt davon ab wen man fragt).

Die Anhänger des Neofisherismus schlagen nun eine viel einfachere Geldpolitikregel vor:

i = r + pz

Nach dieser Regel müsste also die Zentralbank ihren Zins immer so setzen, dass er der Summe der Zielinflation und des Gleichgewichtszinses entspricht. Der Name Neofisherismus kommt im Übrigen daher, dass die mathematische Formulierung der Regel der sogenannten Fisher-Gleichung entspricht.

Wenn man nun die beiden Regeln, die Taylorregel und die Neofisherismus-Regel miteinander vergleicht, dann stellt man fest, dass diese genau entgegengesetzte Reaktionen der Zentralbank erfordern. Während eine Zentralbank, die sich zu Taylorregel bekennt, bei einer Inflation über der Zielinflation den Zins erhöhen und bei einer Inflation unter der Zielinflation den Zins senken würde (so verhalten sich die realen Zentralbanken) schreibt die Neofisherismus-Regel das genau entgegengesetzte Verhalten vor.

Der gesunde Menschenverstand sagt einem, dass es wohl nicht sein kann, dass beide Regeln funktionieren, zudem weiß man auch, dass die Taylorregel funktioniert, man hat sie schließlich lange genug eingesetzt, aber … wenn man die Neofischerismus-Regel in das Neokeynesianische Modell einsetzt dann ergibt sich im Gleichgewicht (bzw. Gleichgewichten, es gibt mehrere davon) tatsächlich die Zielinflation – das wurde vom Michael Woodford höchstselbst bestätigt. Da Woodford aber diese Folgerung nicht akzeptieren will, muss er seinerseits zu unkonventionellen Maßnahmen greifen – er schlägt für das Neokeynesianische Modell nun vor, die Annahme der rationalen Erwartungen, die das Rückgrat der modernen VWL bildet, zu lockern.

Deshalb nimmt man den Neofisherismus jetzt wohl viel ernster als noch vor ein paar Monaten, wenn ich auch kaum erwarte, dass die Zentralbankpraktiker die Neofisherismus-Regel in absehbarer Zeit wirklich einsetzen.

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