Schlagwort-Archive: Schuldenpremse

Die NAWRU und die Schuldenbremse

Oft kann man in den deutschen Medien die vertraute Geschichte über verschwenderische Politiker lesen, die sich angeblich ständig über die Empfehlungen der Experten hinwegsetzen und, vom Wählerdruck getrieben, viel mehr ausgeben als es der Wirtschaft guttut.

Nun, mag sein, dass es solche Politiker irgendwo gibt oder früher gegeben hat, in Europa jedoch passiert seit einiger Zeit das genaue Gegenteil – vom Sparwahn besessene deutsche Politiker, angetrieben vor allem von den deutschen Medien, setzen sich über die Empfehlungen der Experten hinweg und liefern Europa (vor allem im Süden) einer Spar-Roßkur aus, die die europäische Wirtschaft auf Jahre hinaus schädigen wird.

Den letzten Auftakt für dieses äußertst unglückliche Treiben gab die Geschichte über die NAWRU und die Schuldenbremse, die sich vor kurzem, von der breiten Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt, ereignet hat. Es handelt sich dabei um eine sehr technische Geschichte, mit weitgehenden ökonomischen und auch politischen Auswirkungen und wie immer im heutigen Europa geht es ums Sparen und Schulden:

Die uns alle vor uns selbst schützende Schuldenbremse, die vor allem auf deutsche Initiative in ganz Europa im europäischen Fiskalpakt verankert wurde, begrenzt den strukturellen Staatsdefizit auf maximal 0,5% des Bruttoinlandsprodukts. Die Betonung liegt hier auf strukturell, was konkret heißt, dass bei der Berechnung des zulässigen Defizits zu den grundsätzlich erlaubten 0,5% des BIP noch eine Konjunkturkomponente addiert wird. Diese Konjunkturkomponente wiederum wird proportional der Produktionslücke berechnet, der Differenz also zwischen dem realisierten Bruttoinlandsprodukt und dem Produktionspotenzial einer Volkswirtschaft. Das heißt also, dass die Konjunkturkomponente auch negativ sein kann, so dass der Staat in guten Zeiten, wenn die Produktionslücke positiv ist, evtl. sogar Überschüsse erwirtschaften müsste.

Das Dumme ist nur, es ist keineswegs einfach die Produktionslücke zu berechnen, vielmehr ist man auf sehr unsichere, bis hin zur Willkürlichkeit, Schätzungen eingewiesen, weshalb die deutsche Schuldenbremse vom Anfang an zu Recht kritisiert wird. Bei der Berechnung der Produktionslücke, wie sie momentan von der europäischen Kommission praktiziert wird, spielt jedenfalls das Konzept der NAWRU eine zentrale Rolle. Die NAWRU wird im Wikipedia wie folgt definiert:

das Niveau der Arbeitslosenquote bei welcher kein Inflationsschub durch Lohnerhöhungen ausgelöst wird.

Es handelt sich also um die Arbeitslosenquote, die allein durch strukturelle Eigenschaften der Volkswirtschaft bestimmt ist, weshalb sie oft auch als natürliche Arbeitslosenquote bezeichnet wird.

Da die Produktion einer Volkswirtschaft durch die beiden Produktionsfaktoren Kapitalstock und Arbeitskräftepotential bestimmt wird, und der Kapitalstock sich kurzfristig nur wenig ändert, kann die Produktionslücke einer Volkswirtschaft grundsätzlich aus der Differenz der NAWRU und der aktuellen Arbeitslosigkeit abgeleitet werden, die höchst technischen Details dazu findet der Interessierte hier.

Die ganze Berechnung steht und fällt also mit der Bestimmung der NAWRU, je höher diese liegt, desto höher ist der nach den Regeln der Schuldenbremse erlaubte Defizit. Und genau daran entzündete sich der Streit: mehrere Ökonomen, unter anderem Jeremie Cohen-Setton, haben darauf hingewiesen, dass die Berechnung der Kommission ziemlich unwahrscheinliche Ergebnisse liefert, für Spanien z.B. kommt so was raus:

NAWRU Spain

Das hieße also, wenn man der Berechnung Glauben schenken würde, dass die strukturelle Arbeitslosigkeit in Spanien in der Krise von ca. 12% auf ca. 25% zugenommen, sich also fast verdoppelt hat. Klingt allerdings weit hergeholt und so haben die Ökonomen der EU reagiert und das Verfahren modifiziert (konkret ging es um die Berücksichtigung der nominellen Rigidität der Löhne nach unten). Die zuständigen Politiker haben die Korrektur allerdings abgelehnt, so dass sie jetzt vermutlich nicht mehr angewandt wird. Bei mainly macro wird vermutet, dass dieser Artikel in der FAZ zuständige deutsche Politiker beeinflußt und somit zu dieser unglücklichen Entscheidung beigetragen hat.

P.S

Ein Paar weitere Blog-Artikel zum Thema:

Paul Krugman Blog
Herdentrieb

Advertisements