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Die Geldpolitikhäresien – Marktmonetarismus

Nachdem ich in meinem letzten Beitrag den Neofisherismus vorgestellt habe, ist heute die zweite große Rebellion gegen die herrschende Neokeynesianische Geldpolitiktheorie an der Reihe – der sogenannte Marktmonetarismus.

Während der Neofisherismus, wie letztes Mal erörtert, von den gleichen Grundannahmen über die Geldpolitik ausgeht wie die herrschende Lehre, dabei allerdings zu radikal anderen Schlußvolgerungen kommt, handelt es sich beim Marketmonetarismus um eine grundsätzlich andere Theorie, deren Ausgangspunkt die sattsam bekannte Quantitätsgleichung des Geldes ist:

MV = PY

Das ist, wie viele wissen werden, der gleiche Ausgangspunkt wie bei den alten Monetaristen der Friedman-Schule. Während jedoch die alten Monetaristen postulierten, dass V eine stabile Größe ist und deshalb ein gleichmäßiges Geldmengenwachstum empfohlen haben, haben die Marktmonetaristen diese Annahme verworfen. Stattdessen konzentrieren sie sich auf die rechte Seite der Gleichung, wo der nominale Bruttoinlansprodukt steht, und treten dafür ein, dass eine Zentralbank anders als heute nicht eine stabile Inflation zu ihrem Ziel erklärt, sondern eine stabile Wachstumsrate des nominalen Bruttoinlandsproduktes.

Diese Vorgehensweise hat viele Vorteile, z.B. löst sie das bekannte Problem, dass eine inflationszielgetriebene Zentralbank oft unnötigerweise auf Preisveränderungen reagiert, die einen nicht-monetarischen Ursprung haben (siehe auch hier). So fühlt sich z.B. die EZB aktuell verpflichtet auf eine „gute“ Deflation zu reagieren, die hauptsächlich durch den Fall der Energiepreise zustande kam, während die gleiche EZB 2011 als wiederum die Energiepreise die Inflation nach oben getrieben haben, ihre Geldpolitik mitten in der Rezession gestrafft hat.

Eine große Frage ist es allerdings ob eine Zentralbank immer in der Lage wäre ihr so formuliertes Ziel zu erreichen. Die Marktmonetaristen bejahen dies, indem sie behaupten, dass eine Zentralbank immer eine bestimmte Wachstumsrate des nominalen Bruttoinlandsproduktes erreichen kann, wenn sie nur genug Geld druckt. Das steht im scharfen Gegensatz zur neokeynesianischen Geldpolitiktheorie, die davon ausgeht, dass die Geldpolitik nach dem Erreichen der ZLB-Grenze beim Zins wirkungslos wird – eine weitere Ausweitung der Geldmenge M würde zum entsprechenden Fall der Geldumlaufgeschwindigkeit V führen, so dass MV und damit auch das nominale Bruttoinlandsprodukt gleich bleiben.
Die Marketmonetaristen verneinen die Existenz der ZLB-Grenze, begründen das aber meines Wissens nicht wirklich, sondern glauben es einfach.

Grunsätzlich läßt sich sagen, dass während sowohl die Neokeynesianische Geldpolitiktheorie als auch die Neofisherismus-Abspaltung sehr komplexe (zumidest für Laien wie mich) mathematische Modelle verwenden und ihre Ansichten zu begründen, ist es bei Marktmonetaristen nicht der Fall, zumindest sofern ich das beurteilen kann. Auch in diesem Sinne stehen sie in der Tradition der alten Monetaristen, die ihre Theorie gleichfalls nicht aus Modellen sondern aus wirtshaftshistorischen Betrachtungen ableiteten.