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Die Neo-Fisherianer

Der Wirtschaftswurm meint, die Volkswirtschaftslehre wäre zwar eine inexakte Wissenschaft in dem Sinne, dass sie keine exakten Vorhersagen über die Wirkung einer wirtschaftspolitischen Maßnahme machen kann, dass sie aber zumindest imstande ist die Richtung der Änderungen zu bestimmen.

Ich bin da weniger optimistisch, zumindest was die Makroökonomie angeht, und eine langlaufende Debatte in der englischsprachigen Blogosphere bestärkt mich darin. Konkret geht es in der Diskussion um folgende Frage: wenn eine Zentralbank meint die Inflation wäre zu hoch (für die EZB wäre es eine Inflation, die signifikant über dem Inflationsziel von 2% liegt), sollte sie ihren Leitzins erhöhen oder senken? Jeder, der den Wirtschaftsteil der Zeitung aufmerksam liest, wird sich jetzt wahrscheinlich wundern: wurde diese Frage in der VWL nicht schon vor langem endgültig geklärt, und zwar so, dass man bei einer zu hohen Inflation die Zinsen erhöht und bei einer zu niedrigen (wie z.B. jetzt in der Eurozone) die Zinsen senkt? Dachte ich auch, aber offenbar falsch gedacht, es gibt eine ganze Reihe mehr oder weniger prominenten Wirtschaftsblogger (alles professionelle Ökonomen, die sich tief mit Geldtheorie beschäftigen, wie z.B. John Cochraine oder Steve Williamson), die das genaue Gegenteil behaupten und zwar mit folgender Argumentation:

Im mittelfristigen Gleichgewicht gilt folgende vom amerikanischen Ökonomen Irving Fisher erdachte Gleichung (eigentlich eine Identität):

i = r+pi

Hierbei sind, i – der Nominalzins ist, den die Zentralbank via Leitzins steuert, r – der sogenannte natürliche Zins, den die Zentralbank nicht beeinflussen kann, und schließlich pi – die Inflation. Da r in der mittleren Frist als eine Konstante betrachtet werden kann, folgt daraus direkt, dass eine Senkung von i zu einer sinkenden Inflation führt.

Klingt plausibel, nicht wahr? Heißt es nun, dass die EZB und die anderen Zentralbanken ihren „Instrument“ genau andersherum bedienen? Davon sind die oben angesprochenen Ökonomen, die von Noah Smith als Neo-Fisherianer bezeichnet werden, überzeugt und untermauen ihre Meinung mit diversen mathematisch sehr anspruchsvollen Modellen.

Ob und wo es ein Loch in der Argumentation der Neo-Fisherianer gibt, diese Frage soll jeder Leser für sich selbst beantworten. Ein kleiner Hinweis sei jedoch erlaubt: es gab in der Geschichte schon mal eine Zentralbank, die ihren Leitzins zwischen 1914 und 1923 konstant bei 5% hielt, trotz der immer weiter steigenden Inflation. Das Ergebnis hat das deutsche Volk für die nächsten 100 Jahre nachhaltig traumatisiert.

Und nun eine (rhetorische) Frage an den Wirtschaftswurm, wenn die VWL die, für unsere Wirtschaft gerade jetzt nicht ganz unwichtige, Leitzinsfrage offensichtlich nicht definitiv beantworten kann, was gibt ihm die Sicherheit, dass es bei der, wahrscheinlich weniger wichtigen, Mindestlohnfrage anders ist?

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