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Kapitalflucht aus Russland – Fortsetzung

Seit meinem Beitrag über die Kapitalflucht aus Russland sind inzwischen 4 Monate vergangen, in denen ziemlich viel passiert ist. Die Krim-Annexion ist mittlerweile eine feste Tatsache, in der Ostukraine tobt ein Bürgerkrieg und Russland befindet sich inzwischen in einem Wirtschaftskrieg mit der westlichen Welt. Anlass genug, mal zu schauen wie sich die Zahlen zur russischen Kapitalbilanz weiterentwickelt haben.

Auf der Seite der russischen Zentralbank sind mittlerweile die Daten zum zweiten Quartal 2014 zu finden, das allerdings zu Ende gegangen war, bevor der Sanktionenaustausch begann. Die Werte sind auf der folgenden Grafik zu sehen, zusammen mit aktualisierten Daten aus dem ersten Quartal sowie aus 2013.

Kapitalflucht_Russland2

Die Kapitalausfuhr des privaten Sektors hat sich im zweiten Quartal im Vergleich zum ersten Quartal fast halbiert, der Abbau der Devisenreserven sogar mehr als halbiert. Solche Schwankungen scheinen allerdings nichts ungewöhnliches zu sein, aus irgendeinem Grund (wahrscheinlich hat es mit Jahresbilanzen zu tun) fiel in Russland auch in vergangenen Jahren meistens fast die Hälfte der Gesamtkapitalausfuhr eines Jahres auf das erste Quartal. Auffällig ist ferner, dass entgegen der allgemeinen Tendenz der Kapitalexport des russischen Staates (ohne Zentralbank) um 60% gestiegen ist. Das bedeutet, dass der russische Staat weiterhin keine neue Auslandsschulden aufnehmen kann. Die Kompensierung der Differenz zwischen dem privaten Kapitalexport und der Leistungsbilanz passiert weiterhin durch den Abbau der Devisenreserven.

Interessant wird nun zu sehen, wie sich die jüngsten Entwicklungen auf der Sanktionsfront im weiteren Verlauf des Jahres auswirken.

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Kapitalflucht aus Russland

In der letzten Zeit berichtet man in den deutschen Medien immer wieder über die stark gestiegene Kapitalflucht aus Russland. Aber was ist damit gemeint und ist es für Russland wirklich schlecht bzw. gefährlich? Schließlich ist es, wie Wirtschaftswurm in diesem Beitrag völlig richtig schreibt, per Definition so, dass ein Land mit einem Leistungsbilanzüberschuss gleichzeitig netto Kapital exportiert. So hatte Deutschland bekanntlich 2013 einen Leistungsbilanzüberschuss von 7% BIP, was gleichzeitig den Nettokapitalexport im gleichen Umfang bedeutet. Trotzdem sprach und spricht niemand von einer Kapitalflucht aus Deutschland.

Was unterscheidet also die beiden Situationen, oder andersrum gefragt, wann wird aus einem „normalen“ Nettokapitalexport eine Kapitalflucht? Tatsächlich habe ich nirgendwo eine schlüssige Antwort darauf gefunden, weshalb ich jetzt diese selbst zu geben. Meine Erklärung setzt bei der Zusammensetzung des Nettokapitalexportes eines Landes, grundsätzlich gilt nämlich folgendes:

Nettokapitalexport Gesamt = Privater NettokapitalExport + staatlicher Nettokapitalexport + Veränderung der Devisenreserven

Wenn nun der private Nettokapitalexport den Gesamtnettokapitalexport übersteigt, heißt es nichts anderes, als dass der Abzug des Kapitals durch die privaten Investoren größer ist, als durch den Leistungsbilanzüberschuß finanziert werden kann. Die Differenz muß nun durch den Staat finanziert werden, entweder indem der Staat seine Außenverschuldung steigert oder indem die Devisenreserven (falls vorhanden) abgebaut werden. Das ist genau das, was in Russland seit 2013 passiert, wie die folgende Grafik zeigt:

Kapitalflucht Russland

In 2013 war der private Nettokapitalexport mit 59,7 Mrd $ fast doppelt so groß, wie der Leistungsbilanzüberschuss – die erste Kapitalflucht seit der Finanzkrise 2008/2009. Die Differenz wurde sowohl durch den Abbau der Devisenreserven (-22 Mrd $) als auch durch die Emission von Staatsanleihen (5,4 Mrd $). Im ersten Quartal 2014 hat sich die Entwicklung massiv beschleunigt – 50,7 Mrd $ privater Nettokapitalexport gegenüber dem Leistungsbilanzüberschuß von 27,6 Mrd $. Die Emission von Staatsanleihen war diesmal keine Hilfe, da die Investoren aufgrund der politischen Situation diese wohl auch nicht mehr haben wollen, vielmehr hat der Staat sogar per Saldo Kapital exportiert (4,4 Mrd $), was nichts anderes bedeutet, als dass sogar die bestehende Verschuldung nicht refinanziert werden konnte. Die ganze Last wurde also diesmal von den Devisenreserven getragen – ein Abbau im Umfang von 27,6 Mrd $.

Ist diese Situation gefährlich? Im Moment denke ich, eher weniger – die gesamten Devisenreserven des Landes betragen im Moment ca. 440 Mrd US $ (10% weniger als vor einem Jahr) – der Sicherheitspolster ist also ziemlich dick. Darauf ausruhen kann sich mal aber auch nicht – weshalb es, wenn die Kapitalflucht anhält, notwendig sein wird den Rubel weiter abzuwerten (seit Anfang 2013 ist er schon um ca. 20% gefallen). Die Rubelabwertung bedeutet aber steigende Inflation und einen fallenden Lebensstandard – etwas, was russische Bevölkerung seit dem Anfang Regierung Putin nicht mehr kannte, politisch also durchaus brisant.