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Frau Spiecker und die Konfusion mit Kaufkraftparitäten

So langsam wird die Beschäftigung mit den Merkwürdigkeiten bei Flassbeck Economics in diesem Blog zur Tradition. Während ich allerdings bis jetzt dachte, dass diese Merkwürdigkeiten ausschließlich in den Beiträgen Stefan Dudey zu finden sind, der nur gelegentlich bei Flassbeck Economics postet, reibe ich mir gerade verwundert die Augen über einen Beitrag von Friederike Spiecker, einer der zwei Hauptautor(in)en des Blogs.

Die Rede ist von diesem Beitrag. Darin versucht Frau Spiecker ihren Lesern glaubhaft zu machen, dass der „deutsche Euro“ gegenüber anderen Ländern der Eurozone, wie auch der übrigen Welt, „unterbewertet“ ist. Hierfür greift sie auf die altenwürdige Kaufkraftparitätentheorie der Wechselkurse zurück. Die besagte Theorie operiert mit dem Begriff der Kaufkraftparität, der in Wikipedia wie folgt erklärt wird:

Die Kaufkraftparität zwischen zwei geografischen Räumen im gleichen Währungsraum liegt dann vor, wenn Waren und Dienstleistungen eines Warenkorbes für gleich hohe Geldbeträge erworben werden können. Werden zwei unterschiedliche Währungsräume verglichen, so werden die Geldbeträge durch Wechselkurse vergleichbar gemacht. In diesem Fall herrscht die Kaufkraftparität vor, wenn die unterschiedlichen Währungen durch die Wechselkurse dieselbe Kaufkraft haben und man somit denselben Warenkorb kaufen kann. Wenn Kaufkraftparität zwischen zwei Ländern herrscht, so entspricht der nominale dem realen Wechselkurs.

Basierend auf diesem Begriff postuliert die Kaufkraftparitätentheorie, dass der Wechselkurs zwischen den Währungen zweier Länder sich im langfristigen Gleichgewicht immer so einstellt, dass zwischen den Ländern die Kaufkraftparität herrscht. Ist das nicht der Fall, dann ist das Land (d.h die Landeswährung), dessen Warenkorb billiger ist, unterbewertet, während das andere entsprechend überbewertet ist.

So weit, so gut – Frau Spiecker behauptet nun, dass Deutschland, aufgrund der Lohnpolitik der vergangenen 13 Jahre und der damit verbundenen unterdurchschnittlichen Inflation, jetzt in diesem Sinne unterbewertet ist, und damit einen unberechtigten Handelsvorteil besitzt. Zum Beweis dieser These führt sie folgende Grafik an:

Unterbewertetes Deutschland

Und was zeigt uns dieser Grafik? Sie zeigt uns eine wohlbekannte Tatsache – dass die Inflation in Deutschland in den seit der Euro-Einführung vergangenen Jahren niedriger war als in Frankreich, Italien und Spanien. Daraus folgt aber erstmal nur, dass der deutsche Warenkorb sich in der Zeit weniger stark verteuert hat als z.B. der spanische. Das ist aber auch alles, was man aus Frau Spieckers Bild herauslesen kann. Zum Feststellen ob der deutsche Warenkorb jetzt günstiger oder teurer als die Warenkörbe der Euro-Nachbarn fehlt das entscheidende Puzzlestück – das Verhältnis der Gesamtpreise der Warenkörbe am Anfang der fraglichen Periode in Jahr 1999.

Da fragt man sich als mündiger Leser nun, warum Frau Spiecker und diesen Teil vorenthält, schließlich werden die erforderlichen Daten vom Eurostat für die EU-Länder seit Jahren gemessen, und stehen auf dessen Webseite allen Interessierten, zu denen Frau Spiecker anscheindend nicht gehört, zur Verfügung.

Ich habe dieses Versäumnis von Frau Spiecker nun nachgeholt, und hier ist das Ergebnis:

Überbewertetes Deutschland

Die Grafik zeigt nun den Gesamtpreis eines repräsentativen Warenkorbes in Frankreich, Spanien, Italien, Deutschland, und der Eurozone relativ zum Gesamtpreis des gleichen Warenkorbes in der EU-28 zwischen 1999 und 2012. Und jetzt zeigt sich, dass die Geschichte von Frau Spiecker und Fakten sich leider eindeutig widersprechen – aus der Grafik geht nämlich hervor, dass Deutschland im Jahr 1999 gegenüber den drei übrigen Ländern sowie der Eurozone insgesamt klar überbewertet war, und diesen Nachteil in den vergangenen Jahren durch unterdurchschnittliche Inflation nur teilweise wettgemacht hat. Der Gesamtpreis des deutschen Warenkorbes lag im Jahr 2012 auf dem Durchschnittsniveau der Eurozone, klar über dem spanischen, klar unter dem französischen und leicht über dem italienischen. Von einer Unterbewertung kann also keine Rede sein, zumindest wenn man nach Kaufkraftparitäten geht.

Eine ganz andere, und weit wichtigere Frage ist es, ob die Kaufkraftparität überhaupt ein richtiges Kriterium ist, um über die Über- oder Unterbewertung einer Währung zu entscheiden. Schließlich basiert die Kaufkraftparitätentheorie auf der vereinfachten Annahme, dass alle Güter sich überall auf der Welt zum gleichen Preis verkaufen müssen, denn sonst entstünden Arbitragemöglichkeiten. Dies gilt aber nur, wenn sich die besagten Arbitragemöglichkeiten kostenfrei realisieren lassen, was in sehr vielen Fällen, vor allem, aber nicht nur, bei Dienstleistungen, nicht stimmt – ein Friseurbesuch in Berlin lässt sich z.B. schwerlich durch den gleichwertigen Friseurbesuch in Athen ersetzen, zumindest solange die Teleportation ein Gegenstand von Science-Fiction-Romanen bleibt. Auch der Kapitalverkehr, ein sehr wichtiger Faktor bei der Wechselkursbestimmung, bleibt in dieser Theorie komplett unberücksichtigt.

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