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Warum die Standardrente sinkt

Den letzten Beitrag habe ich mit der Feststellung beendet, dass die Netto-Standardrente in den letzten Jahren im Verhältnis zum Pro-Kopf-Haushaltseinkommen immer weiter gesunken ist, wie die nachfolgende Grafik deutlich zeigt.

Standardrente im Verhältnis zum mittleren Pro-Kopf-Haushaltsnettoeinkommen

Heute folgt, wie versprochen, eine kleine Untersuchung über die Faktoren, die zu diesem Phänomen beigetragen haben.

Bevor jedoch die relevanten Zahlen (mit der zugehörigen Grafik) kommen, eine kurze Erklärung zur Funktionsweise der gesetzlichen Rentenversicherung (GRV) in Deutschland.

Grundsätzlich funktioniert jede Versicherung, ob privat oder gesetzlich, auf die gleiche Weise – in ihrer aktiven Phase zahlen die Versicherten ihre Beiträge, wenn es dann zum Versicherungsfall kommt, sei es Eintritt des Rentenalters, Erwerbsunfähigkeit oder Tod, bekommen sie oder ihre Erben von der Versicherung die im Vertrag vereinbarten Zahlungen. Grundsätzlich besteht zwischen den gezahlten Beiträgen und den später erhaltenen Zahlungen ein Zusammenhang: bei ansonsten identischen Verträgen bekommen die Versicherten, die höhere Beiträge gezahlt haben, im Versicherungsfall entsprechend höhere Zahlungen, das nennt man Äquivalenzprinzip. Damit die Versicherung funktioniert, müssen ihre Ausgaben die Einnahmen, die im allgemeinen entweder aus Beiträgen der aktiven Mitglieder oder aus den in der Vergangenheit getätigten Investitionen stammen, nicht übersteigen, sonst ist die Versicherung pleite.

Bei der GRV funktioniert es ähnlich, mit einem kleinen aber wichtigen Unterschied: sowohl die Beiträge der Mitglieder als auch die Zahlungen der Versicherung werden in einer fiktiven Währung mit dem Namen Entgeltpunkt bemessen. Jedes Jahr wird von der Bundesregierung der Kurs dieser Währung, besser bekannt als Rentenwert, festgelegt, und dieser Kurs bestimmt sowohl den Euro-Wert der Rentenzahlungen als auch die künftigen Ansprüche der aktiven Versicherten, die vom Entgelpunkt-Wert der Beiträge abhängen. Bei einer normalen Altersrente zum Beispiel kriegt der Versicherte, der in seiner Aktivenphase X Entgeltpunkte eingezahlt hat, eine Rente von wiederum X Entgeltpunkten, bei der sogenannten großen Witwenrente, die eine Witwe bzw. ein Witwer im Falle des Todes eines Mitglieds bekommt, beläuft sich die Rente auf 0,55 Entgeltpunkte, usw. usf. Alles also wie auch sonst bei einer Rentenversicherung, bis auf die Tatsache, dass die Rechnungseinheit nicht der Euro sondern der Entgeltpunkt ist. Der Eurowert wird daraus erst, wenn die Rente ausgezahlt und die Entgeltpunkte zum aktuellen Kurs in Euro konvertiert werden.

Jetzt zurück zur Standardrente. Die Standardrente wird als eine Rente in Höhe von 45 Entgeltspunkten definiert. Nach den obigen Ausführungen dürfte jetzt klar sein, dass deren Höhe in Euro direkt proportional dem Kurs des Entgeltpunktes ist. Dieser Kurs wiederum hängt von zwei Faktoren ab: von der Höhe der Einnahmen der GRV in Euro und von den der Höhe der zu leistenden Ausgaben in Entgeltpunkten. Je mehr Entgeltpunkte man bei einer bestimmten Einnahmenhöhe auszahlen muss, desto niedriger muss der Kurs gesetzt werden, sonst wäre die GRV pleite. Vereinfacht gesagt kann der Kurs bestimmt werden indem man die Einnahmen in Euro durch die Ausgaben in Entgeltpunkten teilt. In der Praxis ist es ein wenig komplizierter, weil nicht die gesamten Euro-Einnahmen der GRV für die Renten verwendet werden. Der größte Ausgabeposten neben den Renten selbst sind die „Arbeitgeberzahlungen“ für die GKV. Daneben gibt es noch die Verwaltungskosten, die Nachhaltigkeitsreserve, und diverse andere Ausgaben, die aber kaum ins Gewicht fallen.

In der nun folgenden Grafik habe ich für den Zeitraum 1998-2012 neben der Entwicklung der Brutto-Standardrente relativ zum BIP (das ist gewissermaßen der Anteil des Gesamtkuchens, den jeder Eckrentner abkriegt), die Entwicklung der Gesamteinnahmen und der Gesamtrentenausgaben der GRV, wiederum relativ zum BIP dargestellt. Dazu kommt noch die Entwicklung der Rentenausgaben in Entgeltpunkten. Als Referenzjahr fungiert 1998 mit einem Wert von 100.

Warum die Eckrente sinkt

Das Ergebnis: zwischen 1998 und 2012 sind sowohl die Gesamteinnamen der GRV als auch deren Rentenausgaben, relativ zum Bruttoinlandsprodukt, ziemlich synchron zueinander um insgesamt ca. 7% gesunken. Im gleichen Zeitraum sind die Rentenausgaben, gemessen in Entgeltpunkten, um ca. 10% gestiegen. Folgerichtig ist die Brutto-Standardrente, relativ zum BIP, um ca. 16% gesunken, der Wert, der sich gut mit dem Absinken der Netto-Standardrente relativ zum Pro-Kopf-Haushaltseinkommen um ca. 18% im gleichen Zeitraum deckt.

Fazit: Diejenigen, die eine „Demontage“ der GRV anprangern, haben teilweise Recht: die GRV muss heute mit einem kleineren Teil des Kuchens auskommen als noch 1998. Andererseits ist es nur die halbe Wahrheit: auch die zu bedienenden Ansprüche sind (aus diversen Gründen, von denen die Demografie nur einer ist) deutlich gestiegen.

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Gute und böse Deflation

Wie die meisten Leser sicherlich wissen, will die EZB eine drohende Deflation im Euroraum um jeden Preis verhindern. Viele fragen jedoch: warum wäre eine Deflation überhaupt ein Problem? Was kann denn an sinkenden Preisen schlecht sein, schließlich bedeuten sie ja, dass die Verbraucher für Ihr Geld mehr kriegen?

Überlegen wir uns nun, wann würden die Menschen die sinkenden Preise begrüßen? Nun offensichtlich dann, wenn ihre Einkommen zur gleichen Zeit steigen oder zumindest nicht sinken. Denn nur dann haben sie etwas von sinkenden Preisen. Sinken dagegen auch die Einkommen im Gleichtakt mit Preisen – und das ist genau der Zustand, gegen den die EZB ankämpft, dann haben viele ein Problem – ihre reale Einkommen bleiben zwar gleich, aber die Bedienung der Schulden (z.B. Haushypotheken) verschlingt einen immer größeren Einkommensanteil, zum Leben bleibt also immer weniger übrig.

Wenn also die Preise sinken, kann das gut oder schlecht sein, abhängig davon, was gleichzeitig mit Einkommen passiert. Wenn die Einkommen zu gleichen Zeit steigen, handelt es sich um eine angebotsseitige Deflation, die durch Produktivitätssteigerungen oder Importverbilligungen (oder beides) hervorgerufen ist. So etwas gab es z.B. im 19 Jahrhundert zu besten Zeiten des Goldstandards. Eine solche Deflation ist (bedingt, siehe unten) kein Grund zur Beunruhigung. Ganz anders ist es, wenn eine Deflation (oder Niedriginflation) mit fallenden Einkommen zusammenfällt. Dann handelt es sich um eine nachfrageinduzierte Deflation, die eine schwere Wirtschaftskrise bedeutet. Diese „böse“ Deflation ist es, die der EZB jetzt schlaflose Nächte bereitet, denn hat sie sich einmal verankert, ist es äußerst schwierig sie wieder loszuwerden.

Verdeutlicht wird der Unterschied auf folgenden zwei Grafiken:

Grafik 1:

Inflation

Grafik 2:

NominalBIPIndex

Auf der ersten Grafik werden die Inflationsraten 2007-2013 aus Deutschland, Spanien, Schweiz, Großbritannien und der Eurozone insgesamt dargestellt. Würde man sich allein nach dieser Grafik richten, könnte man annehmen, dass die Schweiz sich in einer Wirtschaftskrise befindet – sie hatte in diesen Jahren die niedrigsten Inflationsraten und zeitweise Deflation. Nun, wie die meisten wissen werden, das Gegenteil ist der Fall, die schweizerische Wirtschaft hat sich in den letzten Jahren genausogut (wenn nicht besser) entwickelt, wie die deutsche, die momentan in aller Welt bewundert wird.

Schaut man sich die zweite Grafik an, wo für die gleichen Länder (und die Eurozone) die Entwicklung des nominalen Bruttoinlandsproduktes dargestellt wird, klärt sich das Mißverständnis auch gleich auf: das nominale BIP war in der Schweiz im fraglichen Zeitraum um satte 12% gewachsen, deutlich über den 6% der Eurozone und gleichauf mit Deutschland und Großbritannien. In Spanien dagegen, wo tatsächlich eine Wirtschaftskrise herrscht, fiel das nominale BIP um fast 3%.

Die schweizerische Deflation war also angebotsorientierter Herkunft, in diesem Fall durch die Verbilligung der Importe im Zusammenhang mit der Frankaufwertung hervorgerufen.

Heißt es nun also, dass die Schweizer sich ob ihrer Deflation keine Sorgen zu machen brauchen? Nicht ganz. Das Problem selbst einer „guten“ Deflation besteht darin, dass sie den Spielraum eine Zentralbank für eine Zinssenkung spürbar einschränkt. Denn, bei der gleichen realen Zinshöhe, sind die nominalen Zinsen desto niedriger, je niedriger die Inflation. Bei einer Deflation liegt selbst das neutrale Zinsniveau kaum über der 0%-Grenze. Sollte also ein Schock die schweizerische Wirtschaft treffen, wäre eine notwendige Zinssenkung möglicherweise nicht durchführbar – mit der Konsequenz, dass die gute Deflation in böse umschlagen würde.

Die Inflationszahlen von Destatis – eine Gegenprüfung

Ein Wirtschaftsjournalist oder ein (einigermaßen populärer) Wirtschaftsblogger der im Internet über etwas schreibt, das auch nur entfernt mit Preisen oder Inflation zu tun hat muss heutzutage fast zwangsläufig damit rechnen, in den Foren zu seinem Beitrag kurz darauf Kommentare zu finden, die die offiziellen Inflationszahlen vom statistischen Bundesamt (Destatis) lautstark ablehnen und stattdessen behaupten, dass die „wahre“ Inflation um ein vielfaches höher läge. Garniert wird diese Ansicht normalerwiese mit einem verschwörungstheoretischen Untergeschmack, denn das ganze geschehe ja nicht einfach so, sondern vielmehr um absichtlich das wahre Ausmaß des stattfindenden oder schon stattgefundenen inflationären Desasters zu verschleiern.

So geschehen auch mit diesem Beitrag von Alexander Dilger zum gefährlichen Thema „Preisniveaustabilität und Inflationsziel„, ich zitiere aus dem entsprechenden Kommentar (der im Vergleich zu dem, was man so normalerweise vorfindet noch sehr mild ist):

Der allgemeine Eindruck ist ja durchaus, dass die Geldentwertung deutlich größer ist als die offiziellen Inflationszahlen, und die oben genannten Effekte können dazu durchaus beitragen.

Was halten Sie davon? Wer ggf. Interesse an einer künstlich niedrig gerechneten Inflationsrate haben könnte, ist ja prinzipiell klar – jeder, der mit diesem Argument viel Geld in den Markt pumpen möchte.

Dieser Kommentar war der unmittelbare Anlass zu meinem heutigen Beitrag, das Thema wollte ich aber schon länger erörtern, denn anders als viele deutsche Foristen offensichtlich denken, lassen sich die Inflationszahlen, die Destatis veröffentlicht, durchaus gegenprüfen und zwar mit anderen Statistiken der gleichen Behörde. Es ist nämlich so, dass eine grob gefälschte Statistik sehr schwer zu verbergen ist, weil sie zwangsläufig in einen Widerspruch mit anderen Statistiken geraten würde, fälscht man diese auch, tauchen wieder die neuen Widersprüche auf usw. usf., so dass ein widerspruchsfreies und dennoch grob irreführendes statistisches Abbild der Wirklichkeit zu erstellen eine wirkliche Heidenarbeit wäre, um die die armen Mitarbeiter von Destatis wahrlich nicht zu beneiden wären.

Jetzt aber zurück zu den offiziellen Inflationszahlen, laut Destatis stieg der Verbraucherpreisindex in Deutschland zwischen 1999 und 2012 um 23%, was einer jährlichen Inflation von 1,6% entspricht. In den Foren wird dagegenhalten, dass diese Zahl absurd niedrig sei, und dass die „wahre“ Inflation sich in einem Bereich von mindestens 5% jährlich bewege.

Wir können wir nun prüfen, welche der beiden Zahlen näher an der Realität liegt? Der Ausgangspunkt für eine solche Prüfung sind die Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen, speziell die Zahlen von Destatis zum deutschen Bruttoinlandsprodukt. Zwischen 1999 und 2012 stieg der nominale Bruttoinlandsprodukt in Deutschland von 2000,2 Mrd EUR auf 2666,4 Mrd EUR oder um 33%. Sein realer Gegenpart (Bruttoinlandsprodukt in konstanten Preisen von 2005) stieg dagegen nur um 18%. Das ergibt eine Steigerung des BIP-Deflators von 12%. So ein Deflator ist auch eine Inflationszahl, analog zum Verbraucherpreisindex, diese misst allerdings, anders als der Verbraucherpreisindex, nicht nur die Preissteigerung beim privaten Konsum, sondern die Preissteigerung bei allen Waren und Dienstleistungen (also für Konsum- und Investitionszwecke), die in Deutschland produziert worden sind einschließlich der Exporte aber bereiningt um den Importanteil.

Nun haben wir aber doch eine beträchtliche Differenz zwischen dem BIP-Deflator und dem Verbraucherpreisindex. Voran liegt das nun? Für eine Antwort muss man noch tiefer in die Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen einsteigen, dann findet man nämlich heraus, dass der Deflator für private Konsumausgaben um 20% stieg. Dafür sind die Deflatoren für andere Komponenten weniger gestiegen, insbesondere für Exporte beträgt die Steigerung nur 9% (ein Grund für die deutsche Wettbewerbsfähigkeit?). So haben wir also für die Preissteigerung beim privaten Konsum einerseits die 23% die sich aus dem Verbraucherpreisindex ergeben und andererseits die 20%, die die Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen liefern. Beide Statistiken werden auf unterschiedliche Weise und vermutlich von unterschiedlichen Abteilungen erstellt, und liegen doch sehr nah beieinander, ein starker Indiz dafür, dass die Zahlen die Realität abbilden.

Nehmen wir aber spaßeshalber an, dass unsere Foristen doch recht haben, und die wahre Inflation tatsächlich bei 5% pro Jahr lag. Das ergibt zwischen 1999 und 2012 eine Gesamtpreissteigerung von 88%. So eine Zahl ist nun wesentlich schwieriger, ja eigentlich unmöglich, mit der BIP-Deflator-Zahl von 12% und der Deflator-Zahl für private Konsumausgaben von 20% zu vereinbaren. Aber vielleicht gibt es ja wirklich eine Verschwörung, und alle Preissteigerungszahlen in allen Abteilungen bei Destatis werden systematisch nach unten manipuliert, und zwar um den Faktor 3,8. Dann wäre die Steigerung von unserem BIP-Deflator nicht mehr 12% sondern 46%. Bei den oben angegebenen Zahlen zum nominalen Bruttoinlandsprodukt hätten wir dann das überraschende Ergebniss, dass Deutschland zwischen 1999 und 2012 ein ziemliches Problem mit seiner Wirtschaft hatte, denn es ergibt sich nun eine Schrumpfung des realen BIP um 9%, anstatt der von Destatis ausgewiesenen Steigerung von 18%. Davon müsste man doch was mitgekriegt haben oder? Angesichts der Tatsache, dass das Arbeitsvolumen in Deutschland laut den Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in der fraglichen Zeot mit ca 67 Mrd Stunden weitgehend konstant geblieben ist, hätten wir einen ziemlich unerklärlichen Produktivitätseinbruch.

Nun könnten jetzt die Foristen sagen, dass auch die Zahlen zum nominalen BIP gefälscht sind, so dass die Steigerung des nominalen BIP doch höher ist, als von Desastis angegeben. Pech aber auch, dass diese Zahlen auch gegenprüft werden können und zwar indem man sie mit den Einnahmen des Staates aus der Umsatzsteuer vergleicht. Laut den Bundesfinanzministerium sind diese Einnahmen zwischen 1999 und 2013 von 112 Mrd EUR auf 142 Mtd EUR oder um 27% gestiegen sind, was sich sehr gut mit den Zahlen von Destatis deckt. Müssen wir nun auf die Beamten des Bundesfinanzministeriums in unseren vermeintlichen Verschwörerkreis miteinbeziehen?

Und so geht es immer weiter und weiter, denn fängt man erst an die Zahlen zu den Steuereinnahmen anzuzweifeln, sind bald auch die Ausgaben dran, dann der Haushaltsdefizit und und und…

Der angeblich gefälschte Verbraucherpreisindex führt so unweigerlich zum Schluss, dass das gesamte staatliche Statistikmaterial über Behörden hinweg manipuliert sind mit dem Ziel…, welches war es noch einmal?

Bevor ich an solche arbeits- und abstimmungsaufwendigen Missetaten glaube, ziehe ich eine einfachere Alternative vor, nämlich, dass der Verbraucherpreisindex doch nicht gefälscht ist. Aber die Foristen wird es sicher nicht überzeugen.