Archiv der Kategorie: VWL

Die Geldpolitikhäresien – Marktmonetarismus

Nachdem ich in meinem letzten Beitrag den Neofisherismus vorgestellt habe, ist heute die zweite große Rebellion gegen die herrschende Neokeynesianische Geldpolitiktheorie an der Reihe – der sogenannte Marktmonetarismus.

Während der Neofisherismus, wie letztes Mal erörtert, von den gleichen Grundannahmen über die Geldpolitik ausgeht wie die herrschende Lehre, dabei allerdings zu radikal anderen Schlußvolgerungen kommt, handelt es sich beim Marketmonetarismus um eine grundsätzlich andere Theorie, deren Ausgangspunkt die sattsam bekannte Quantitätsgleichung des Geldes ist:

MV = PY

Das ist, wie viele wissen werden, der gleiche Ausgangspunkt wie bei den alten Monetaristen der Friedman-Schule. Während jedoch die alten Monetaristen postulierten, dass V eine stabile Größe ist und deshalb ein gleichmäßiges Geldmengenwachstum empfohlen haben, haben die Marktmonetaristen diese Annahme verworfen. Stattdessen konzentrieren sie sich auf die rechte Seite der Gleichung, wo der nominale Bruttoinlansprodukt steht, und treten dafür ein, dass eine Zentralbank anders als heute nicht eine stabile Inflation zu ihrem Ziel erklärt, sondern eine stabile Wachstumsrate des nominalen Bruttoinlandsproduktes.

Diese Vorgehensweise hat viele Vorteile, z.B. löst sie das bekannte Problem, dass eine inflationszielgetriebene Zentralbank oft unnötigerweise auf Preisveränderungen reagiert, die einen nicht-monetarischen Ursprung haben (siehe auch hier). So fühlt sich z.B. die EZB aktuell verpflichtet auf eine „gute“ Deflation zu reagieren, die hauptsächlich durch den Fall der Energiepreise zustande kam, während die gleiche EZB 2011 als wiederum die Energiepreise die Inflation nach oben getrieben haben, ihre Geldpolitik mitten in der Rezession gestrafft hat.

Eine große Frage ist es allerdings ob eine Zentralbank immer in der Lage wäre ihr so formuliertes Ziel zu erreichen. Die Marktmonetaristen bejahen dies, indem sie behaupten, dass eine Zentralbank immer eine bestimmte Wachstumsrate des nominalen Bruttoinlandsproduktes erreichen kann, wenn sie nur genug Geld druckt. Das steht im scharfen Gegensatz zur neokeynesianischen Geldpolitiktheorie, die davon ausgeht, dass die Geldpolitik nach dem Erreichen der ZLB-Grenze beim Zins wirkungslos wird – eine weitere Ausweitung der Geldmenge M würde zum entsprechenden Fall der Geldumlaufgeschwindigkeit V führen, so dass MV und damit auch das nominale Bruttoinlandsprodukt gleich bleiben.
Die Marketmonetaristen verneinen die Existenz der ZLB-Grenze, begründen das aber meines Wissens nicht wirklich, sondern glauben es einfach.

Grunsätzlich läßt sich sagen, dass während sowohl die Neokeynesianische Geldpolitiktheorie als auch die Neofisherismus-Abspaltung sehr komplexe (zumidest für Laien wie mich) mathematische Modelle verwenden und ihre Ansichten zu begründen, ist es bei Marktmonetaristen nicht der Fall, zumindest sofern ich das beurteilen kann. Auch in diesem Sinne stehen sie in der Tradition der alten Monetaristen, die ihre Theorie gleichfalls nicht aus Modellen sondern aus wirtshaftshistorischen Betrachtungen ableiteten.

Die Geldpolitikhäresien – Neofisherismus

In meinem letzten Beitrag ging es um die aktuell herrschende Geldpolitiklehre – die Neokeynesianische Geldpolitiktheorie. Wo es eine herrschende Lehre gibt, gibt es allerdings immer Häresien und der heutige Beitrag befasst sich mit der ersten der beiden Häresien, die mittlerweile einen ziemlichen Bekanntheitsgrad erreicht haben – dem sogenannten Neofisherismus. Die zweite Häresie – der Market Monetarismus kommt in einem der zukünftigen Beiträge an die Reihe.

Der Neofisherismus setzt mit seiner Kritik an der herrschenden Lehre nicht so sehr an deren Grundsätzen, tatsächlich benutzen seine Proponenten, wie bspw. John Cochraine, die gleichen mathematischen Modelle wie die Neokeynesianische Geldpolitiktheorie. Vielmehr kommen sie durch die gleichen Modelle zu radikal anderen Folgerungen was die tägliche Politik der Zentralbanken betrifft.

Zur Erinnerung: Gemäß der Neokeynesianischen Geldtheorie steuert eine Zentralbank das Wirtschaftsgeschehen (gemeint ist vor allem der Inflations- und Bruttoinlandsproduktverlauf) in dem sie eine bestimmte Zinssetzungregel verfolgt und diese glaubhaft kommuniziert, so dass die Wirtschaftsteilnehmer aus dieser Regel ihre Erwartungen hinsichtlich des zukünftigen Wirtschaftsgeschehens ableiten. Eine solche Regel ist eine Berechnungsvorschrift, die den aktuell durch die Zentralbank zu setzenden Nominalzins in Abhängigkeit von der aktuellen Inflation und dem aktuellen BIP ermittelt.
Ein Beispiel für eine solche Regel ist die sogenannte Taylor-Regel, die bis zum Ausbruch der Großen Rezession von den meisten Zentralbanken mehr oder weniger konsequent umgesetzt wurde. Mathematisch sieht diese Regel wie folgt aus:

i = p + r + a*(p – pz)+b*yg

Hierbei sind: i – der zu setzende Zins, r – der reale Gleichgewichtszins, p – die aktuelle Inflation, pz – die Zielinflation, yg – die Outputlücke (die Differenz zwischen den aktuellen BIP und den Produktionspotential der Volkswirtschaft). a>0 und b<=0 sind die Parameter, die die jeweilige Zentralbank gemäß ihrer Präferenzen setzt. Eine Zentralbank wie die EZB, die ausschließlich die Inflation im Blick hat, würde z.B. b=0 setzen.Wenn man die Taylor-Regel in das Neokeynesianische Modell einsetzt, ergibt sich eine Gleichgewichtslösung mit p=pz und yg=0, d.h genau das, was eine Zentralbank anstreben sollte – die Inflation am Ziel und die Wirtschaft voll ausgelastet. Der Erfinder der Taylor-Regel, John Taylor schlägt übrigens vor die Fed per Gesetz zu verpflichten seine sich zu seiner Regel zu bekennen.

Nun gibt es allerdings ein Problem – wenn in einer starken Rezession entweder der Gleichgewichtszins oder die Inflation oder auch beides plötzlich fallen während die Outputlücke steigt, kann es passieren dass der erforderliche Nominalzins unter 0% fällt – man ist also in der berühmten Liquiditätsfalle. Für diesen Fall, der seit 2008 sowohl in der USA als auch in Europa und bereits seit Mitte der neunziger Jahre in Japan tatsächlich eingetreten ist, bietet die Taylorregel keine Antwort.
Deshalb müssen die betroffenen Zentralbanken auf „unkonventionelle“ Maßnahmen, wie Quantitative Easing, zurückgreifen, deren Wirksamkeit laut der Neokeynesianische Geldpolitiktheorie gar nicht gegeben ist, die aber in der Praxis zu funktionieren scheinen (oder auch nicht, hängt davon ab wen man fragt).

Die Anhänger des Neofisherismus schlagen nun eine viel einfachere Geldpolitikregel vor:

i = r + pz

Nach dieser Regel müsste also die Zentralbank ihren Zins immer so setzen, dass er der Summe der Zielinflation und des Gleichgewichtszinses entspricht. Der Name Neofisherismus kommt im Übrigen daher, dass die mathematische Formulierung der Regel der sogenannten Fisher-Gleichung entspricht.

Wenn man nun die beiden Regeln, die Taylorregel und die Neofisherismus-Regel miteinander vergleicht, dann stellt man fest, dass diese genau entgegengesetzte Reaktionen der Zentralbank erfordern. Während eine Zentralbank, die sich zu Taylorregel bekennt, bei einer Inflation über der Zielinflation den Zins erhöhen und bei einer Inflation unter der Zielinflation den Zins senken würde (so verhalten sich die realen Zentralbanken) schreibt die Neofisherismus-Regel das genau entgegengesetzte Verhalten vor.

Der gesunde Menschenverstand sagt einem, dass es wohl nicht sein kann, dass beide Regeln funktionieren, zudem weiß man auch, dass die Taylorregel funktioniert, man hat sie schließlich lange genug eingesetzt, aber … wenn man die Neofischerismus-Regel in das Neokeynesianische Modell einsetzt dann ergibt sich im Gleichgewicht (bzw. Gleichgewichten, es gibt mehrere davon) tatsächlich die Zielinflation – das wurde vom Michael Woodford höchstselbst bestätigt. Da Woodford aber diese Folgerung nicht akzeptieren will, muss er seinerseits zu unkonventionellen Maßnahmen greifen – er schlägt für das Neokeynesianische Modell nun vor, die Annahme der rationalen Erwartungen, die das Rückgrat der modernen VWL bildet, zu lockern.

Deshalb nimmt man den Neofisherismus jetzt wohl viel ernster als noch vor ein paar Monaten, wenn ich auch kaum erwarte, dass die Zentralbankpraktiker die Neofisherismus-Regel in absehbarer Zeit wirklich einsetzen.

Die Geldpolitik – Stand der Dinge

Die Ausführungen des Wirtschaftswurms über die Inflation, Deflation und Preisstabilität haben mich schon zu meinem letzten Beitrag inspiriert. Nachdem nun die Frage der Deflation hoffentlich geklärt ist, will ich heute über die vom Wirtschaftswurm behauptete „Konfusion“, die „seit einiger Zeit auf dem Gebiet von Geldtheorie und Geldpolitik herrscht“ schreiben.

Gewisse Probleme auf dem Bereich der Geldpolitiktheorie gibt es zwar wirklich, wie wir weiter unten sehen werden, der Beitrag des Wirtschaftswurms wird diese aber nicht aufklären können und das aus einem einfachen Grund – er scheint entweder wirklich nicht zu wissen wie diese Theorie heute aussieht, oder, was ich für wahrscheinlicher halte, dieses Wissen seinen Lesern vorzuenthalten (aber vielleicht kommt es noch in einem der jetzt eingeführten kostenpflichtigen Beiträge).

Tatsächlich hat die New-Keynesianische Geldpolitiktheorie, wie sie von der großen Mehrheit der akademischen Ökonomen, insbesondere deren, die für Zentralbanken arbeiten, praktiziert wird, weder etwas mit dem Keynesianismus der sechziger und siebziger Jahre zu tun (trotz des ähnlich klingenden Namens), noch mit dem Monetarismus von Milton Friedman, der seinen kurzen Höhepunkt in den achtzigen Jahren hatte. Diese Schlachten sind schon längst geschlagen und spielen heute keine Rolle mehr.

Wer die New-Keynesianische Geldpolitiktheorie im Detail verstehen will, dem sei das Lehrbuch vom Michael Woodford empfohlen, der heutzutage als DER Guru auf dem Bereich der Geldpolitiktheorie gilt. Allerdings ist das Buch, wie die ganze moderne Makröökonomik im allgemeinen, sehr mathematisch, so dass ein Laie, wie ich, nur ungefähr die Hälfte versteht. Aber auch diese Hälfte reicht um die grundsätzlichen Aussagen nachvollziehen zu können und diese Aussagen sind es, die ich im Folgenden aufliste:

Erstens – Das Instrument der Geldpolitik ist der Leitzins. Die Geldbasis spielt nur insofern eine Rolle als deren Umfang den Leitzins beeinflußt ist aber ansonsten irrelevant. Das bedeutet, dass wenn der Leitzins bei 0% liegt, weiteres Gelddrucken nichts bewirkt. Man könnte nun berechtigterweise fragen wieso dann sowohl die Federal Reserve als auch zuletzt die EZB Quantitative Easing – Programme aufgelegt haben, wenn diese nichts bewirken sollen. Die durchaus ehrliche Antwort auf diese Frage kommt von niemand anderem als Ben Bernanke, dem mittlerweile ehemaligen FED-Vorsitzenden – „QE wirkt in der Praxis, aber nicht in der Theorie“, oder übersetzt – „Wir wissen nicht genau was wir da tun, uns bleibt aber nichts anderes übrig“.

Zweitens – die Inflation und der Bruttoinlandsprodukt in einer Volkswirtschaft sind erwartungsgetrieben. Das heißt, dass die Inflation und der Bruttoinlandsprodukt heute durch die Erwartungen der Wirtschaftssubjekte über den zukünftigen Verlauf der Inflation, des Bruttoinlandsprodukts, und des Leitzinses bestimmt werden.

Drittens – die Aufgabe einer Zentralbank besteht darin den Leitzinsverlauf so festzulegen und zu kommunizieren, dass sich im Erwartungs-Gleichgewicht ein Verlauf der Inflation und des Bruttoinlandsproduktes ergibt, welcher den zu erreichenden Zielen der Geldpolitik entspricht (z.B. einer stabilen Inflation).

Aus der ersten Aussage ist schon mal klar, dass es nach der vorherrschenden Geldpolitiktheorie überhaupt keine Überraschung ist, wenn das aktive Gelddrucken der Zentralbanken in der Großen Rezession keine (Hyper)Inflation verursacht hat. Wichtig ist nur der Leitzins und der liegt bei 0%.

Mit der Deflation wird es schwieriger. Tatsächlich sieht es in der Theorie so aus: wenn eine Zentralbank sich eine gelpolitische Regel gibt, nach welcher die Leitzinsen so zu setzen sind, dass sich im Gleichgewicht eine stabile Inflation ergibt, dann kommt es zu einer Deflation, wenn die Zentralbank gezwungen ist von dieser Regel abzuweichen, weil der notwendige Leitzins im negativen Bereich liegt. So eine Situation haben wir seit der Finanzkrise, die Inflation ist aber sowohl in den USA als auch in Europa die meiste Zeit positiv geblieben.

Zusammenfassend läßt sich sagen: sowohl die QE-Programme, die „in der Praxis aber nicht in der Theorie“ wirken als auch das Ausbleiben der vorhergesagten Deflation zeigen, dass nicht alles gut ist im Bereich der New-Keynesianischen Geldpolitiktheorie. Es bleibt also viel zu tun auf diesem Gebiet.

Nachtrag: Im Fazit-Blog behandelt Gerald Braunberger die New-Keynesianische (bzw. Neokeynesianische) Geldpolitiktheorie weit detaillierter als ich.

Gute und böse Deflation – ein Blick unter die Haube

Wirtschaftswurm beklagt auf seinem Blog eine angebliche Konfusion auf dem Bereich der Geldpolitik und teilt nebenbei gegen „Deflationsphobiker“ aus, Zitat:

Die Deflationsphobiker habe ich sowieso nie verstanden. Sinkende Preise sind ja erst einmal gut für die Verbraucher…

Das ist eine Aussage, die ich von einem Otto-Normalverbraucher erwarten würde, der keine Ahnung von der VWL-Theorie hat, aber nicht von jemandem, der ein VWL-Diplom in der Tasche hat. Deswegen verstehe ich nicht, warum der Wirtschaftswurm gegen vermutlich besseres Wissen solche Platitüden verbreitet, aber er wird seine Gründe haben. Ich habe schon einmal über den Unterschied zwischen der guten und der bösen Deflation geschrieben und warum die „Deflationsphobiker“, die haupsächlich unter den Zentralbankern anzutreffen sind, die zweite Art fürchten und unter allen Umständen vermeiden wollen. Heute möchte ich, mit einem einfachen Modell, mehr ins Detail gehen.

Also, betrachten wir eine eifache geschlossene Volkswirtschaft. Für die monetären Transaktionen in dieser Wirtschaft gilt bekanntlich die sogenannte Quantitätsgleichung des Geldes:

MV = PY

Wobei M – die Geldmenge ist, P – das Preisniveau, Y – das (reale) Bruttoinlandsprodukt und V – die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes.

Soweit alles bekannt und bevor mich jemand monetaristischer Umtriebe bezichtigt – die Quantitätsgleichung ist eine Identität, die immer gilt, zum Monetaristen der alten Schule wird man erst, wenn man postuliert, dass V weitgehend konstant ist, so dass das Preisniveau P durch die Geldmenge M bestimmt wird. Das denkt heutzutage kein ernshafter Ökonom mehr, weshalb der Monetarismus alter Schule nur noch in den Zeitungsspalten überlebt.

Kehren wir jetzt zu unserer Wirtschaft zurück und betrachten zusätzlich einen durchschnittlichen (oder wie die Ökonomen sagen repräsentativen) Haushalt, dessen (monatliche) Einkommen aus folgenden Bestandteilen besteht (alle Zahlen natürlich frei erfunden):

– Lohn aus abhängiger Arbeit: 4000 EUR
– Zinsen auf Sparguthaben: 300 EUR
– Dividenden aus Aktienbesitz: 300 EUR
– Tilgung eines Immobilienkredits: – 1000 EUR

Insgesamt: 3600 Euro

Die Vermögenssituation von unserem Haushalt sieht wie folgt aus:

– Immobilie: 200.000 EUR
– Restschuld aus dem Immobilienkredit: -150.000 EUR
– Sparguthaben: 15.000 EUR
– Aktienbesitz: 15.000 EUR

Insgesamt: 80.000 EUR

So, nun ist alles bereit und wir können uns unterschiedliche Deflationsszenarien und deren Auswirkungen auf unser Haushalt anschauen .

Fangen wir mit dem ersten Szenario an, in welchem unsere Volkswirtschaft durch eine tolle Erfindung einen Produktivitätsschub erfährt, so dass sich das Bruttoinlandsprodukt Y auf einmal verdoppelt. Wir nehmen nun vereinfachend an, dass die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes unabhängig von Y ist (ist eigentlich falsch) und dass die Zentralbank sich passiv verhält – in diesem Fall wird sich das Preisniveau halbieren. Was bedeutet das bezogen auf unser Haushalt? Da sich das nominelle Bruttoinlandsprodukt PV nicht verändert, ändert sich auch nichts an nominellen Einkünften des Haushaltes – real aber verdoppelt sich das Einkommen – ein klassischer Fall einer guten Deflation, die man auch als nichtmonetäre Deflation bezeichnen könnte, die „gut für die Verbraucher“ ist. Vor einer solchen Deflation wäre es tatsächlich dumm Angst zu haben, gar keine Frage.

Schauen wir uns aber ein zweites Szenario an – in welchem es kein Produktivitätsschub gibt, dafür aber eine Finanzkrise, die dazu führt, dass die Leute plötzlich doppelt hohe Geldnachfrage haben wie zuvor, die Geldumlaufgeschwindigkeit V halbiert sich. Wenn die Zentralbank darauf nicht reagiert und die Geldmenge M so belässt wie sie ist, dann halbiert sich auch das Preisniveau P, wie im ersten Szenario. Gleichzeitig halbiert sich allerdings auch, anders als im ersten Szenario, das nominelle Bruttoinlandsprodukt PV. Was bedeutet es für unseren Haushalt? Das bedeutet dass seine Einkünfte aus Arbeit und Aktien sich halbieren, aber leider nicht seine Tilgungsrate, denn so funktionieren nun mal unsere Gesetze. Ergebnis: aus 3600 EUR werden 1450 EUR – wenn man die Halbierung der Preise berücksichtigt ist unser Haushalt jetzt ca. 20% ärmer. Noch dramatischer sieht es aus, wenn man die Vermögenssituation berücksichtigt – denn die Preise für Sachvermögen, die, unter der Voraussetzung, dass sie sich rational ergeben (keine Blasen), letzlich durch explizite oder implizite Sachvermögenseinkommen bestimmt sind, halbieren sich auch. Ergebnis: aus 80.000 EUR werden -42.500 EUR – unser Haushalt ist nun technisch bankrott. Vor einer solchen Deflation Angst zu haben ist, denke ich, weit vernünftiger.

Nun, man könnte natürlich einwenden, dass nicht alle Haushalte eine solche Einkommenssituation haben wie unser Durchschnittshaushalt. Speziell Haushalte, die kein Sachvermögen besitzen, d.h. Angst vor Aktien haben und zur Miete wohnen – die sogenannten „Sparer“ – würden vor der Entwicklung auf den ersten Blick zweifelos profitieren. Aber eben nur auf den ersten Blick, denn auf den ersten Schock folgende Pleiten zuerst der Haushalte mit einem negativen Vermögen und dann der Banken, von der Konsumeinschränkung seitens der verschuldeten Haushalte ganz zu schweigen, würden letztlich auch die reale Wirtschaft hart treffen, so dass Y sinken wird. Und dem können sich auch die Sparer nicht entziehen.

Wenn wir jetzt unser Modell verlassen und die aktuelle Situation betrachten, dann fällt tatsächlich auf, dass die heutige Deflation eher dem ersten als dem zweiten Szenario zuzurechnen ist – eine Energiepreissenkung ist für unsere Wirtschaft wie ein Produktivitätsschub. Wieso schiebt dann die EZB Panik. Ich denke die Antwort ist, dass es zum Einen im realen Leben nicht leicht ist beide Szenarien voneinander zu unterscheiden und zum Anderen dass das erste Szenario das zweite begünstigen kann – die Geldnachfrage steigt unter einer Deflation, die wie ein impliziter Zins auf Geldvemögen wirkt. Kurz – die EZB, wie die anderen Zentralbanken auch, will einfach keine Risiken eingehen, und das ist kein Wunder, denn im Gegensatz zum Wirtschaftswurm oder auch mir trägt sie die Verantwortung.

Wie man seine Nachbarn ausplündert

Der Wirtschaftswurm schießt sich in seinem letzten Beitrag auf Paul Krugman ein, der „populistisches Deutschland-Bashing“ betreibe. Ferner wirft er ihm vor „grundlegende volkswirtschaftliche Begriffe“ zu verwechseln. Paul Krugman wird es wahrscheinlich nicht viel ausmachen, der ist Kummer gewohnt, und versteht außerdem kein Deutsch, nichtsdestotrotz ist es ein interessantes Thema, weshalb der heutige Beitrag ein wenig in die Tiefe geht und ein Paar Gleichungen beinhaltet (schon lange nicht mehr gehabt).

In der Tat wird die deutsche Wirtschaftspolitik in der angelsächsischen Wirtschaftsblogosphäre stark kritisiert, neben Paul Krugman ist es vor allem Simon Wren-Lewis, der sich immer wieder über die deutschen wirtschaftspolitischen Vorstellungen aufregt. Was wirft man Deutschland nun genau vor?

Das versteht man am besten, wie das so oft ist, anhand eines sehr einfachen Lehrbuchmodels, das ich direkt einem (reichlich teuren) Buch von … Paul Krugman (keine Ahnung von grundlegenden Begriffen aber trotzdem Lehrbücher darüber schreiben, ich frage mich wie Arne es im Studium ausgehalten hat) entnommen und für den Fall einer Währungsunion angepasst habe.

Das Model besteht aus zwei absolut identischen Ländern A und B, die miteinander eine Währungsunion mit einer gemeinsamen Zentralbank bilden. Ganz nach Lehrbuch gilt für das BIP im Land A (ich lasse die Staatsausgaben der Einfachheit wegen aus):

\bf Y_a = cY_a+I(r)+\beta(E)Y_b-\beta(\frac 1 E)Y_a

Dabei sind die letzten zwei Glieder der Gleichung der Export aus A nach B und der Import aus B nach A. Beide hängen positiv vom BIP des importierenden Landes und negativ vom realen Wechselkurs des exportierenden Landes E bzw. 1/E, der im Fall einer Währungsunion schlicht dem Verhältnis der Preisniveaus der beiden Länder entspricht. Das Glied I(r) sind die Investitionen, deren Größe von dem durch die gemeinsame Zentralbank festgelegten Zinssatz abhängt (je niedriger der Zinssatz desto höher die Investitionen).

Für das BIP des Landes B gilt dementsprechend:

\bf Y_b = cY_b+I(r)+\beta(\frac 1 E)Y_a - \beta(E)Y_b

Nach einigen Umformungen bekommt zwei folgende grundlegende Zusammenhänge heraus:

Für das gemeinsame BIP der Währungsunion gilt dann (wenig überraschend) folgendes:

\bf Y = Y_a + Y_b = \frac {2I(r)} {(1-c)}

Und für die Differenz der BIP’s der beiden Länder gilt:

\bf Y_a - Y_b = \frac {\beta(\frac 1 E)-\beta(E)} {1-c}Y

Was lernt man nun daraus? Nun zum einen wird in unserem Model das BIP der Währungsunion durch die Zentralbank festgelegt (wir haben ja keine Staatsausgaben und somit auch keine Fiskalpolitik), indem sie den Zinssatz setzt. Der Zinssatz bestimmt die Investitionen und die Investitionen via Multiplikator \bf  \frac 1 {(1-c)} das BIP. Wie hoch sollte der Zinssatz nun sein? Auch das ist (meines Wissens) unstrittig, moderne Zentralbanken versuchen immer den Zinssatz so zu setzen, dass die BIP-Größe dem Potential der Volkswirtschaft entspricht, oder anders formuliert, dass Vollbeschäftigung und gleichzeitig Preisstabilität erreicht wird. In einer Währungsunion hat eine Zentralbank aber das Problem, dass sie diese Ziele für alle Mitglieder erreichen will, so auch in unserem Modell.
Da Land A und Land B identisch sind, haben sie das gleiche volkswirtschaftliche Potential Y*, und damit folgt aus den obigen Gleichungen unmittelbar, dass unsere Zentralbank ihr Ziel nur dann erreichen kann, wenn der Wechselkurs E=1 ist. In diesem Fall ist das BIP in beiden Ländern gleich und die Zentralbank kann den Zinssatz so festlegen, dass es Y* entspricht. Weicht dagegen E von 1 ab, dann hat die Zentralbank zwei Alternativen.

Alternative I (Inflation):

Sie setzt r so, dass das BIP in dem Land mit dem kleineren BIP Y* entspricht. In diesem Fall liegt das BIP in dem anderen Land über Y*, so dass hier die relativen Preise steigen (Inflation) und mit der Zeit E wieder 1 erreicht.

Alternative D (Deflation):

Sie setzt r so, dass das BIP in dem Land mit dem größeren BIP Y* entspricht. In diesem Fall werden die Preise in dem anderen Land sinken (Deflation) so dass auch auf diesem Wege E irgendwann wieder 1 erreicht, das dauert aber deutlich länger wegen der nominellen Rigidität der Preise und vor allem der Löhne nach unten.

So, und nun kommt der entscheidende Punkt – wenn der reale Wechselkurs 1 ist, bedeutet es gleichzeitig, dass die Handelsbilanzen der beiden Länder ausgeglichen sind. Was aber nun, wenn ein Land, z.B. Land A unbedingt eine positive Handelsbilanz haben möchte (warum, ist nicht der Gegenstand von diesem Beitrag, aber sagen wir, weil das Land sehr stolz auf seine Exportindustrie ist)? In diesem Fall würde das Land A eine reale Abwertung betreiben, d.h. sein Preisniveau gegenüber dem Land B durch diverse wirtschaftspolitischen Maßnahmen, speziell in der Lohnpolitik absenken. Die Folge: das BIP steigt im Land A und sinkt im Land B, d.h. Land A hat sein Ziel der positiven Handelsbilanz erreicht (oder wie man es so schön sagt seine Wettbewerbsfähigkeit verbessert), seine Arbeitslosigkeit gesenkt und das alles auf Kosten des Landes B.

Solche Politik nennt man „beggar my neigbor„, auf Deutsch „meinen Nachbarn ausplündern“ und, wenig überraschend, sind die jeweils „ausgeplünderten“ Nachbarn meistens nicht gerade begeistert darüber. In unserem Modell könnte allerdings die Zentralbank die durch die Politik des Landes A entstandene Schieflage relativ schnell wieder geradebiegen, indem sie in ihrer Geldpolitik die inflationäre Alternative wählt. Dagegen kann sich das Land A aber laut wehren, indem es z.B. folgende Behauptungen aufstellt:

1. Die unausgeglichene Handelsbilanz ist kein Problem, sie ist doch durch Marktkräfte entstanden.
2. Das Land B soll an seiner Wettbewerbsfähigkeit arbeiten (was auch immer das ist) und Reformen durchführen.
3. Eine inflationäre Politik ist absolut unzulässig, weil die Zentralbank nur auf Preisstabilität zu achten hat.
4. Die Deflation ist kein Problem, dann haben die Verbraucher doch mehr Geld in der Tasche
5. XXX

Ich denke man braucht keine besondere Phantasie um einige Parallelen zwischen unserer Modell-Währungsunion und der ganz realen Europäischen Währungsunion zu erkennen (obwohl die reale Situation, wie immer, weit komplexer ist). Deutschland ist (im Moment zumindest) unser Land A und wehrt sich laut dagegen die in den letzten Jahren gewonnenen Vorteile wieder zu verlieren, zumindest in der Wahrnehmung der angelsächsischen Ökonomen.

Und die Moral der Geschicht‘ ist…

Wenn man gemeinsam mit anderen etwas tut, z.B. eine Währungsunion baut, kommt es sehr schlecht an, wenn man dabei ausschließlich eigene Ansichten und Interessen im Blick hat. Dann sollte man es vielleicht ganz lassen.

Mathematik, Ökonomen und Mindestlohn

Es gibt in der englischen Blogosphere immer wieder Diskussionen darüber ob die Benutzung von Mathematik in der ökonomischen Forschung Sinn macht, oder ob man lieber wie in guten alten Zeiten auf „verbal reasoning“ zurückgreifen sollte. (siehe z.B. diesen Beitrag von Noah Smith).

Ich bin zwar nur ein Hobby-Ökonom, dennoch versuche ich immer, wenn ich über ein ökonomisches Problem nachdenke, mir ein einfaches (entsprechend meinen Mathe-Fähigkeiten, die, muss ich leider gestehen, weit unter denen der professionellen Ökonomen liegen) mathematisches Model aufzusetzen und die Fragestellung, die mich beschäftigt durchzurechnen. Nicht selten bekomme ich Ergebnisse, die meinen (politischen) Vorurteilen widersprechen, was immer sehr frustrierend ist.

So war es auch in der vorletzten Woche als ich mit Alexander Dilger in den Foren seines Blogs (zu diesem Beitrag) eine Diskussion über die Mindestlohneinführung hatte. Herr Dilger vertritt, nicht wirklich überraschend, die Meinung, dass die Mindestlohneinführung sehr schädlich sei, da dadurch Arbeitsplätze vernichtet werden, keine sehr originelle, aber unter den Ökonomen sehr verbreitete Meinung.

Nun politisch bin ich für den Mindestlohn (aus diesem Gerechtigkeitsgefühl, das vielen von uns innewohnt), und so habe ich mit dieser Studie des Ifo-Instituts argumentiert, deren verkürzte Darstellung die meisten wahrscheinlich in den Medien gesehen haben, ein Beispielzitat aus Fokus:

Die Einführung des Mindestlohns von 8,50 Euro gefährdet nach Einschätzung des Münchner ifo-Instituts bis zu 900 000 Arbeitsplätze.

Wenn man jedoch die Studie tatsächlich liest, was die meisten wahrscheinlich nicht tun würden, entdeckt man eine weit differenziertere Darstellung. Insbesondere werden dort zwei Modelle durchgerechnet – das Standardmodell (vollständige Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt), bei dessen Durchrechnen die oben angegebenen ca. 900 000 verloren gehende Arbeitsplätze ergeben und das Monopsonmodell, bei dem „nur“ ca. 430 000 Arbeitsplätze verschwinden.

Die Differenz zwischen den Ergebnissen der beiden Modelle ergibt sich dadurch, dass im Standardmodell in jeder Lohngruppe, deren Lohnhöhe unter dem neu eingeführten Mindestlohn liegt, immer Beschäftigungsverluste eintreten. Im Monopsonmodell dagegen hängt die Auswirkung des Mindestlohns auf die Beschäftigung in einer Lohngruppe von der prozentualen Differenz zwischen dem Lohn der Lohngruppe und den Mindestlohn. Liegt diese Differenz unter einem bestimmten Schwellwert (in der Studie 20%) steigt die Beschäftigung sogar, erst über dem Schwellwert sinkt sie, allerdings weniger stark als im Standardmodell.

Nun habe ich daraus den Schluss gezogen, dass bei einem geringeren Mindestlohn als die tatsächlich eingeführten 8,50 EUR die Differenz sich soweit ausweiten würde, dass beim Monopsonmodell insgesamt Beschäftigungsgewinne auftreten würden. Eine schöne Bestätigung für den Mindestlohn, wenn auch nicht für dessen konkrete Höhe. Ich weiss nicht, ob ich Herrn Dilger überzeugen konnte (das bleibt nach unseren sporadischen Diskussionen immer im Unklaren) aber, als ich, ein Paar Tage danach mir die Daten besorgte (speziell zur Stundenlohnverteilung in Deutschland) und rechnen begann, wollte sich der gewünschte Effekt partout nicht einstellen.

Stattdessen kam so was raus:

Mindestlohn Auswirkungen

Der Beschäftigungsrückgang im Monopsonmodell liegt zwar bei allen hypothetischen Mindestlöhnen zwischen 1 und 10 EUR im Monopsonmodell durchgehend unter der Voraussage des Standardmodells, verkehrt sich aber nie in einen Beschäftigungsgewinn. Damit wäre meine Behauptung beerdigt.

Frustrierend? Ja. Aber immerhin ist es ein Beispiel dafür, wie die Mathematik die Möglichkeit bietet sich in einer Diskussion auf ein gemeinsames Modell zu einigen und die Behauptungen zu prüfen.

Nehmen wir aber stattdessen den Beitrag der Nachdenkseiten, bei denen das Herz bekanntlich links schlägt, zur gleichen Ifo-Studie. Die Argumentation lautet hier verkürzt wiedergegeben wie folgt – die Modelle der Mainstream-Ökonomie taugen nichts (aus Gründen, denen ich nicht so ganz folgen kann, die aber anscheinend von Heiner Flassbeck stammen), es aber sowieso Zeitverschwendung Modelle zu bauen, da diese notwendigerweise ein so komplexes Gebiet wie Ökonomie nicht abbilden können, also entscheiden wir einfach, dass das Mindestlohn gut ist, weil … wir das so wollen. Ist natürlich sehr schön, für die Leute, die schon immer wussten, dass Mindestlohn gut ist (wie z.B ich selbst), eine ernsthafte Diskussion ist aber auf dieser Basis unmöglich, jeder bleibt einfach bei seinem Glauben.

Natürlich kann sich im Prinzip jeder ein Modell bauen, das seinen Präferenzen entspricht (und das passiert auch), aber erstens ist es viel schwieriger, als bloß mit Worten um sich zu werfen, und zweitens ist anschließend immerhin eine Diskussion über die Realitätsnahe der jeweiligen Modelle möglich. So setzt z.B. das Standardmodell oben voraus, dass die Arbeitgeber keinerlei Einfluß auf die Löhne ihrer Angestellten haben, während das Monopsonmodell ihnen eine (nicht unbegrenzte) „Lohnsetzungsmacht“ zugesteht. Was ist realistischer? Wer schon mal als Angestellter unterwegs war, wie ich, wird wohl für das Monopsonmodell votieren.

Fazit: Die Mathematik in der VWL ist kein Allheilmittel, insbesondere sollte man die Ergebnisse, die aus einem Modell kommen, nicht als Dogma ansehen, denn es besteht immer die Möglichkeit, dass entweder die Annahmen oder die Parameter des Modells unrealistisch sind. Trotzdem schafft sie die Möglichkeit eine Diskussion auf eine solide Grundlage zu stellen, indem sie die Teilnehmer zwingt ihre Annahmen genau zu benennen, und unter Umständen sogar ein definitives Ergebnis zu erreichen, was mit verbalen Argumenten niemals gelingen kann.

Sparen und die intertemporäre Substitutionselastizität

Noch ein Paar Anmerkungen zum Fahrenschon-Interview (siehe auch Über die Zinsen). Original-Ton Fahrenschon:

Die andere Seite macht mir noch viel mehr Sorgen. Wenn natürlich Millionen von Sparerinnen und Sparern durch diese niedrigen Zinsen irgendwie überhaupt keinen Anreiz mehr sehen, dann haben wir große, große Schwierigkeiten. Deutschland, ganz Europa muss sparen. Wir müssen für das Alter vorsorgen. Diese historisch niedrige Zinssituation macht falsche Signale.

Was Herr Fahrenschon uns also sagen will: Werden die Zinsen niedriger so gibt es weniger Anreize zu sparen, also wird weniger gespart mit entsprechend negativen Konsequenzen für die Zukunft Deutschlands bzw. Europas.

Klingt plausibel, doch wir wollen mal schauen – stimmt es denn überhaupt, dass Sparer bei niedrigeren Zinsen einen geringeren Teil ihres Einkommens auf die hohe Kante legen und entsprechend mehr heute konsumieren. Auf den ersten Blick scheint es tatsächlich absurd etwas anderes anzunehmen, wir wollen uns die Sache aber trotzdem genauer anschauen.

Wie im letzten Beitrag schon angedeutet, unterscheidet sich die Entscheidung, die ein Sparer trifft, wenn er sich, anhand der Zinshöhe, für mehr bzw. weniger Ersparnis entscheiden nicht grundsätzlich von einer Entscheidung, die ein Käufer vor einer Käsetheke in einem Supermarket trifft, wenn er für eine feste Summe zwei Sorten Käse erwerben will. In beiden Fällen gibt es zwei Güter und eine feste Summe, die man zwischen diesen beiden Gütern aufteilen will. Im Sparerfall handelt es sich bei den beiden Gütern um das heutige Konsum und das Konsum im Alter.

Schauen wir uns nun unseren Käsekäufer an. Nehmen wir an, er hat jede Woche 10 Euro zur Verfügung und hat es sich angewohnt jeweils für 5 EUR Tilsit und Butterkäse zu kaufen. Nun kommt er eines Tages in den Supermarket und stellt fest, dass der Preis von Butteräse sich verdoppelt hat. Wird er nun seine Ausgaben für Butterkäse reduzieren, erhöhen oder gleich lassen? Das hängt von seinen Präferenzen ab, speziell davon, wie unproblematisch es für ihn ist, auf seiner Speisekarte Butterkäse durch Tilsit zu ersetzen. Die Ökonomen sprechen in diesem Zusammenhang von der sogenannten Substitutionselastizität zwischen zwei Gütern.

Ist diese hoch (speziell > 1) sind die Güter für den Konsumenten leicht austauschbar, in unserem Fall würde der Käsekäufer die Ausgaben für Butterkäse reduzieren und stattdessen mehr Tilsit kaufen, das für ihm (fast) den gleichen Genuss bringt. Ist dagegen die Substitutionselastizität niedrig (<1), dann sind die Güter schlecht austauschbar, der Käsekäufer würde mehr für Butterkäse ausgeben (wenn auch nicht unbedingt eine größere Menge davon etwerben) und dafür weniger Tilsit nehmen. Beim Käse kann man davon ausgehen, dass die Substitutionselastizität hoch ist (bei mir auf jeden Fall), es gibt aber durchaus Güterpaare, bei denen es nicht der Fall ist. Ein gutes Beispiel für ein Güterpaar mit einer Substitutionselastzizität von 0 sind Tapeten und Kleister für eine Renovierung. Diese müssen immer in einem bestimmten Verhältnis zueinander gekauft werden, steigt also der Preis von Kleister, muss man bei einem festen Renovierungsbudget dafür mehr ausgeben und entsprechend weniger Tapete kaufen (und demzufolge eine kleinere Wandfläche tapezieren).

Nachdem nun hoffentlich klar ist wie das mit der Substitutionselastizität funktioniert – zurück zu unseren Sparern. Wie würden sie sich denn entscheiden, wenn die Zinsen sinken, das heißt der Preis des zukünftigen Konsums relativ zum heutigen steigt. Auch hier ist die Antwort abhängig von der Substitutionselastizität diesmal zwischen dem Konsum heute und im Alter – diese spezielle Substitutionselastizität nennt man intertemporäre Substitutionselastizität. Ist diese <1 sparen die Sparer bei einer Zissenkung mehr sonst weniger.

Herr Fahrenschons Aussage stimmt also allgemein keinesfalls, vielmehr ist die Reaktion der Sparer auf niedrigere Zinsen von deren Präferenzen abhängig. Gerade bei Sparern allerdings, die dem Idealbild von Herrn Fahrenschon entsprechen handelt es sich um Individuen, die sehr viel Wert auf einen möglichst gleichbleibenden Lebenstandard im Alter haben (der Author gehört leider zu dieser Spezie). Für diese Leute sind das heutige Konsum und das Konsum im Alter weit ähnlicher dem Tapeten-Kleister-Paar als dem Tilsit/Butterkäse – Paar. Also werden diese Sparer, und es handelt sich meiner Meinung nach um eine Mehrheit, als Reaktion auf eine Zinssenkung ihre Ersparnis nicht senken sondern umgekehrt steigern, was allerdings nicht heißt, dass sie diese Perspektive glücklich machen würde.