Archiv der Kategorie: Euro

Der Euro – grundlegende Fragen

Nach dem griechischen Drama der letzten Monate ist, denke ich, jedem klar geworden, dass die der Euro, so wie er im Moment konzipiert ist, schlicht nicht funktionieren kann, jedenfalls nicht ohne immer wiederkehrende Krisen mit sehr hohen wirtschaftlichen und sozialen Kosten. Es ist schlicht keiner glücklich in dieser Union – die Südländer, weil sie in der Union seit 2010 in einer jahrelangen Depression leben müssen und keine Möglichkeit haben diese zu beenden, und die Nordländer, weil sie in ständiger Furcht (ob begründet oder nicht) leben müssen immer höhere Transfers Richtung Süden zu leisten.

Ich habe in der letzten Zeit, unter dem Eindruck der griechischen Ereignisse, viel gelesen, sowohl über die Theorie der Währungsräume im allgemeinen als auch die über die (relativ kurze) Geschichte der Europäischen Währungsunion im speziellen, und habe dabei versucht für mich folgende 5 Fragen zu beantworten:

1. Warum hat man den Euro überhaupt eingeführt?

2. Warum funktioniert der Euro heute nicht.

3. Auf welche Weise kann man den Euro funktionsfähig machen und gibt es einen Weg, der für uns Deutsche akzeptabel wäre.

4. Falls die Antwort auf 3, „ja“ lautet, wäre dieser Weg oder Wege auch für andere Euro-Mitglieder akzeptabel.

5. Wie schwierig ist es die Union aufzulösen und sollte man es überhaupt wagen?

Von den Antworten auf diese Fragen wird es letztlich abhängen ob wir den Euro in 10 Jahren noch haben werden. In diesem Blog werde ich in meinen nächsten Beiträgen versuchen einige Antworten zu geben, so wie ich sie sehe. Bis dahin empfehle ich allen Interessierten zwei Bücher, die, aus meiner Sicht, solche Antworten liefern könnten:

1. Economics of the Monetary Union von Paul der Grauwe – dieses Buch ist für mich DAS Lehrbuch für alle, die etwas über die ökonomischen Grundlagen einer Währungsunion lernen wollen.

2. Making the European Monetary Union von Harold James – das ist ein Buch über die Geschichte der monetären Integration in Europa von Bretton Woods bis zum Maastrichtvertrag. Zwar recht trocken aber auch sehr detailreich.

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Schäubles zwei Szenarien

So, Wolfgang Schäuble und seinem Ministerium schweben also zwei Szenarien vor, wie es mit Griechenland weitergehen könnte:

1. Szenario 1

Die griechische Regierung verbessert substantiell die aktuell vorliegenden Vorschläge und darf dafür in der Eurozone bleiben. Es kriegt dann von der Eurozone ca. 75 Mrd EUR für die nächsten 3 Jahre, von denen ca. 60 Mrd für die Bedienung der alten Schulden, hauptsächlich beim IWF und EZB, verwendet werden und der Rest wohl für die Rekapitalisierung des griechischen Bankensystems.

2. Szenario 2

Griechenland muss aus der Eurozone austreten, angeblich auf Zeit, aber ziemlich sicher für immer, denn die Griechen wären sehr dumm, nachdem sie die Strapazen eines Grexits auf sich genommen haben, sich wieder in Gefahr zu begeben. Anschließend soll sich Griechenland an das Pariser Klub wenden um seine öffentlichen Schulden zu restrukturieren, d.h. in unserem Context die Schulden bei den EU-Staaten sowie EZB (der IWF genießt in solchen Fällen eine provillegierte Stelung). Das bedeutet einen Schuldenschnitt entweder via direkten Schuldenerlass oder via Streckung der Rückzahlungsfristen etc.

Im ersten Szenario wird die EU also die IWF-Schulden Griechenlands ablösen und das griechische Bankensystem rekapitalisieren und um zweiten Fall … auch. Der Unterschied ist – im ersten Fall müssen die EU-Regierungen ca. 40 Mrd dazuschießen (Rekapitalisierung des Bankensystems + IWF-Ablösung) während das im zweiten Fall via einen (großen) Schuldenschnitt passiert. Aber, und darauf kommt es Schäuble vielleicht tatsächlich an, man wäre Griechenlland aus der Eurozone endlich los.

Ich bin allerdings sehr skeptisch, dass der zweite Szenario für die EU im allgemeinen und Deutschland im besonderen wirklich finanziell besser wäre (wissen wird man es erst dann, wenn die Verhandlungen mit dem Pariser Klub abgeschlossen sind), von den Konsequenzen für den Euro mal abgesehen.

Eine interessante Frage wäre es, ob Griechenland wirklich mit dem Pariserklub zusammenarbeitet oder vielleicht einfach einseitig die Schulden bei der EU und EZB annuliert. Nachdem sie aus der Eurozone raus sind, haben die Griechen ja viel weniger zu verlieren. Und zuzutrauen wäre das der heutigen griechischen Regierung auf jeden Fall. Hat die EU eigentlich Druckmittel um Griechenland zu zwingen mit dem Pariser Klub zusammenzuarbeiten und wenn ja, welche sind das?

Und da sind ja noch die Target2-Verbindlichkeiten der griechischen Zentralbank (ca 100 Mrd EUR), wie werden diese behandelt? Etwa zu den bestehenden EU/EZB-Verbindlichkeiten dazuaddiert?

Es bleibt also (leider) weiterhin spannend…

Grdefault und Grexit – synonym oder nicht

Nachdem sich das griechische Drama unaufhaltsam seinem Ende nähert, wenn auch bis jetzt noch niemand weiß, wie dieses Ende aussehen wird, will ich heute noch einmal zu einer Frage zurückkehren, die ich hier schon einmal erörtert habe – wieso in aller Welt setzen die (allermeisten) deutschen Medien und Blogger als selbstverständlich voraus, dass auf einen Grdefault bzw. auf Deutsch – eine griechische Staatspleite – notwendigerweise ein Grexit, also ein Austritt Griechenland aus der Eurozone folgen muß.
In der englischsprachigen Welt ist es inzwischen anders – siehe z.B. die Beiträge von Simon Wren-Lewis, John Cochraine oder Wofgang Münchau ( wieso eigentlich kann der nicht das gleiche auch in SPON veröffentlichen? ).

Tatsächlich ist die Frage sehr wichtig – denn wovor sowohl die Griechen als auch die anderen Europäer aber auch die Finanzmärkte richtigerweise Angst haben, dass ist der Grexit, denn danach wäre die Eurozone nie mehr die gleiche wie zuvor – eine Währungsunion aus der Mitglieder austreten können ist keine Währungsunion mehr sondern nur noch ein verschleiertes System der festen Wechselkurse (auch wenn Hans-Werner-Sinns dieser Welt den Unterschied nicht verstehen). Ein Grdefault dagegen wäre anders als vor 5 Jahren, als die griechische Krise begann, durchaus beherrschbar, denn während damals der Großteil der Schulden Griechenlands von europäischen, meistens französischen, Banken, gehalten wurde, weshalb eine Staatspleite eine Implosion des europäischen und auch internationalen Bankensystems zur Folge hätte, ähnlich wie die Lehman Brothers-Pleite 3 Jahre zuvor, sind es heute die öffentlichen Kreditgeber, die den Großteil der Schuldtitel halten, und die Banken sind kaum mehr involviert. Eine Staatspleite Griechenlands wäre also zwar schmerzlich für diese öffentlichen Kreditgeber, die das Geld endgültig abschreiben müssten, eine Finanzkrise würde daraus aber nicht entstehen.

Warum sind also alle davon überzeugt, dass Griechenland aus der Eurozone austreten muss, wenn es seine Schulden nicht mehr bedienen kann? Die (indirekte) Begründung lautet wie folgt: wenn die griechische Regierung eine Insolvenz erklärt, dann wären auch die griechischen Banken insolvent, die in ihren Büchern (Stand 2014) ca. 25 Mrd an griechischen Staatsanleihen haben. An insolvente Banken darf die EZB aber kein Geld leihen, also wären die griechischen Banken von der Euro-Versorgung abgeschnitten und Griechenland wäre gezwungen den Euro zu verlassen.

Diese Begründung gilt allerdings nur dann, wenn die Staatspleite alle Schuldtitel erfassen würde, auch die von griechischen Banken gehaltene. Wäre es dagegen möglich, dass die griechische Regierung zwar eine Pleite erklärt, die von griechischen Banken gehaltenen Anleihen aber davon explizit ausnimmt, würde Begründung nicht mehr gelten. Griechenland würde also in diesem Szenario durchaus in der Eurozone bleiben können.

Die Voraussetzung dafür wäre es, dass die anderen, speziell die öffentlichen Kreditgeber, auf Ihr Geld freiwillig verzichten ohne Griechenland via EZB mit dem Rauswurf aus der Eurozone zu bestrafen. Oder mit anderen Worten: ob auf ein Grdefault ein Grexit folgt, hängt alleine von den Kreditgebern ab, zwingend notwendig ist es keinesfalls.

Euro-Einführung – warum?

Nach den letzten 5 Jahren im Allgemeinen, und dem griechischen Drama der letzten Monate im Besonderen, fragen sich bestimmt sehr viele Europäer, was ihre Regierungen eigentlich damals 1992 geritten hat, so mir nichts dir nichts sich in dieses Euro-Abenteuer zu stürzen, es habe doch alles wunderbar funktioniert.

Ganz speziell so mancher AfD-Ökonom will einem glaubhaft machen, dass das Euro-Projekt schon immer eine rein politische Veranstaltung war (und ist), und dass jeder vernünftige Ökonom von vornherein dagegen war. Warum hat man also den Euro damals 1992 einführen wollen, und ganz speziell warum waren die Deutschen dagegen, während die anderen Europäer, speziell die Franzosen, darauf mit aller Macht gedrängt haben und schließlich im Zuge der Wiedervereinigung ihren Willen bekamen (was sie vielleicht wieder bereuen)?

Wenn man die alten Artikel liest, wird das Bild der Harmonie, das durch böse Euro-Verschwörer zerstört wurde, nachhaltig erschüttert. Man lernt beispielsweise, wie in diesem sehr guten Artikel von Paul der Grauwe, dass die Ökonomenzunft im Vorfeld der Euro-Einführung keineswegs geschlossen gegen das Vorhaben war. Während die Theorie der optimalen Währungsräume gegen die Währungsunion ins Feld führten, haben die anderen auf die vielfachen Probleme der bestehenden Wechselkurssysteme verwiesen, welche die Währungsunion lösen sollte. Paul der Grauwe bezeichnet beide Lager als Mundell I und Mundell II, nach dem Nobelpreisträger und Begründer der Theorie der optimalen Währungsräume Robert Mundell, der im Laufe der Zeit wohl tatsächlich beide Ansichten mal vertreten hat.

Außer Mundel I/Mundel II gibt es allerdings noch einen weiteren Grund, warum so viele europäischen Regierungen den Euro haben wollten, während die Deutschen dagegen waren. Und zwar ging es um das wohlbekannte Trilemma des Wechselkursregimes – ein Land kann in einem internationalen Währungssystem grundsätzlich nur zwei der drei wirtschaftspolitischen Ziele Wechselkursstabilität, geldpolitische Autonomie und freie Kapitalbewegung erreichen. Schon 1979, nach nur 6 Jahren flexibler Wechselkurse im Nachgang des Bretton Woods – Zusammenbruch, haben sich die Europäer für die Wechselkursstabilität und die freie Kapitalbewegung entschieden und sich folgerichtig im sogenannten Europäisches Währungssystem organisiert, und mussten deshalb schon damals (und nicht erst heute) die geldpolitische Autonomie zum großen Teil aufgeben. Allerdings galt es nicht für die Bundesrepublik, denn diese bildete das Zentrum des EWS und konnte somit alle drei Ziele gleichzeitig erreichen, während die anderen folgen mussten. Die Bundesbank war quasi die damalige EZB, mit dem Unterschied allerdings, dass ihre Politik ausschließlich deutsche Wirtschaft im Blick hatte (was auch sonst). Von vielen wurde EWS deshalb als Deutsche Mark – Währungsgebiet bezeichnet. Die Folgen: als zum Beispiel die deutsche Wirtschaft im Zuge Wiedervereinigung boomte hat die stabilitätsorientierte Bundesbank die Zinsen erhöht, leider war aber der Rest Europas gerade in Rezession und konnte damit nichts weniger als höhere Zinsen brauchen.

Unter diesen Umständen war es wohl verständlich, dass die anderen Europäer eine Zentralbank wollten, die auch ihre Wirtschaft im Blick hätte, während die Deutschen mit dem Status quo durchaus zufrieden und es überhaupt nicht eilig hatten etwas zu verändern. Der Rest ist Geschichte.

Nun fragt sich vielleicht der eine oder der andere Leser, warum ich diese alten Geschichten überhaupt wieder aufwärme. Nun, zum einen ist es immer sinnvoll zu wissen, wie man dahin kam, wo man gerade ist. Zum anderen aber – sollte sich der Euro irgendwann wieder auflösen, und ausschließen sollte man es mittlerweile wohl kaum, werden diese alten Diskussionen wieder sehr aktuell.

Griechen und ihre Kreditoren oder wer zahlt wem wieviel

Als ich letzte Woche den heutigen Beitrag (den mittlerweile schon dritten zum Thema Griechenland in Folge) vorbereitet habe sah es aus als ob es in der griechischen Drama eine temporäre Beruhigung geben würde, tja zu kurz gedacht – wieder Aufregung.

Nichtsdestotrotz passt der Inhalt nach wie vor thematisch gut, oder vielleicht sogar besser – es geht nämlich um die Details der griechischen Staatsverschuldung, die ich am letzten Wochenende in mühevoller Kleinarbeit zusammengetragen habe, um die Lage einigermaßen zu verstehen.

Bevor wir allerdings zu den nackten Zahlen kommen, ein paar Anmerkungen zur Einführung:

Die griechische Regierung schreibt nun seit ca. einem Jahr Primärüberschüsse, folgerichtig wird das ganze Geld, dass die Regierung sich bei Kreditoren leiht, für die Zahlungen an eben diese Kreditoren verwendet, die Griechen selbst sehen von diesem Geld nichts. Für die Kreditoren handelt es sich also um eine „linke Tasche – rechte Tasche“-Übung, was sie aus der linken Tasche der griechischen Regierung leihen kommt in die rechte Tasche wieder rein (plus Primärüberschuß). Dies gilt allerdings nur, wenn man die Kreditoren als Ganzes betrachtet. Da es aber mehrere Kreditoren gibt, deren Kredite und Zinsen zu unterschiedlichen Zeiten fällig werden, gibt es, in einem gegebenen Zeitraum, unter den Kreditoren „Nettozahler“, die an die griechische Regierung mehr zahlen als empfangen und umgekehrt „Nettoempfänger“, die dementsprechend mehr bekommen als sie zahlen.

Genau das wird nun in der folgender Tabelle dargestellt, wo die größten Kreditoren(gruppen) der griechischen Regierung und deren Zahlungen bzw. Zahlungssalden für das laufende Jahr 2015 dargestellt sind, dazu noch die Verbindlichkeiten der griechischen Regierung gegenüber dem jeweiligen Kreditor (Stand 31.12.2014). Da wir uns ja schon im März befinden, sind einige Zahlungen mittlerweile geflossen, so dass sich das Bild wieder verändert haben wird.

/ EU-Regierungen EZB IWF Private Kreditoren
Verbindlichkeiten 194,7 19,8 34,0 55,5
Rückzahlungen 0,4 8,0 9,4 16,0
Auszahlungen 1,8 0 5,6 14,5
Saldo -1,4 8,0 3,8 1,5

Alle Angaben in Mrd EUR

So was lernt man nun aus diesen Zahlen? Zum einen sind die europäischen Regierungen, die derzeit so hart mit den Griechen verhandeln sowohl der größte Kreditor – ca zwei Drittel der griechischen Staatsverschuldung entfallen auf sie, als auch der einzige Nettozahler. Der größte Nettoempfänger ist dagegen die EZB, die in 2015 8 Mrd EUR empfangen soll (wobei natürlich die Trennung zwischen der EZB und den Regierungen eine eher künstliche ist).

Zum anderen aber, und das ist viel wichtiger, klafft in 2015 eine Finanzierungslücke von ca. 12 Mrd EUR eine Summe, welche die griechische Regierung unmöglich selbst erwirtschaften kann. Selbst, wenn der Primärüberschuss, wie nach früheren Plänen gewollt, bei 3,0% des BIP liegen würde, entspräche das schätzungsweise 9,0 Mrd EUR, es bliebe also immer noch ein Rest von 3 Mrd EUR. Realistischer wäre es allerdings von einem Primärüberschuss von ca. 4 Mrd EUR auszugehen, d.h. die Griechen müssen sich in diesem Jahr zusätzlich zum bereits geplanten Krediten weitere 8 Mrd EUR leihen. Diese 8 Mrd müssen spätestens im Juli/August da sein, um die Ansprüche der EZB befriedigen zu können. Aber vielleicht kommt bis dahin noch ein Schuldenschnitt und/oder der Grexit.

Wie geht es nun weiter? Nun, kurzfristig müssen die Griechen jetzt unbedingt die zugesagten 7,2 Mrd EUR bekommen, die sie dringend benötigen um die IWF-Rückzahlungen bis Ende Juni zu leisten, es handelt sich um 6,1 Mrd EUR, davon ca. 1,5 Mrd EUR in den kommenden drei Märzwochen. Mit Ach und Krach haben sie es in diesem Jahr bisher geschafft ca. 1.8 Mrd EUR aus eigener Kraft aufzutreiben, hauptsächlich über sogenannte T-Bills, jetzt allerdings stellt sich die EZB quer, so dass dieser Weg höchstwahrscheinlich versperrt ist. Lange geht es also nicht mehr gut.
Falls das überstanden wird (ein großes falls) , kommt Ende Juni die große Frage woher die ca. 8,5 Mrd Euro kommen sollen, die im Juli und August anfallen, davon ca. 8 Mrd EUR für die EZB. Es bleibt also spannend.

Einvernehmliche Auflösung der Eurozone – kann das gehen ?

Eigentlich wollte ich diese Woche das Handelsblatt-Interview des frischgebackenen AfD-Mitglieds und jetzt auch EU-Parlamentskandidaten Hans-Olaf Henkel besprechen. Herr Henkel scheint zu denken, dass für die Euro-Stabilisierung ein neuer Morgenthau-Plan vonnöten wäre und nur die AfD und er speziell stehen dafür, dass ein solcher Plan nicht verwirklicht wird -:) Aber Spaß beiseite, anscheinend hat Herr Henkel ernsthafte Schwierigkeiten bei der Unterscheidung der nominalen (Wechselkurs, nominale Lohnstückkosten, Preisniveau) und realen (Produktivität) Größen. Für einen selbsternannten Nationalökonomen möglicherweise doch ein Defizit oder? Wie gesagt, darüber wollte ich schreiben, aber Heiner Flassbeck war schneller – Hans-Olaf Henkel verstärkt die AfD – auch mit seinem Unwissen

So würde ich diese Woche vielleicht gar kein Thema haben, über welches ich schreiben könnte, aber zum Glück hat Alexander Dilger einen neuen Beitrag in seiner Serie über die Wege zur Euro-Auflösung veröffentlicht und das hat mich dazu inspiriert meine eigene, spontan entstandene, dreiteilige Serie (hier, hier und hier) über die kleinen Details, die einem beim Euro-Austritt das Leben sehr schwermachen können, zum Abschluss zu bringen und zwar indem ich den aus meiner Sicht einzigen möglichen Weg darlege, wie man den Euro beenden kann ohne einen wirtschaftlichen Desaster zu riskieren.

Bevor man so etwas überhaupt ins Auge fasst muß man sich erst einmal darüber klar werden, dass, genauso wie die Euro-Einführung selbst, eine mögliche Auflösung der Eurozone ein einmaliges Vorhaben wäre. Oft wird in diesem Zusammenhang auf andere Währungsverbünde der Geschichte verwiesen, wie z.B die Lateinische Münzunion, die nach ca. 70 Jahren Existenz aufgelöst wurde, das hieße aber Äpfel mit Birnen vergleichen, denn solche Währungsverbünde funktionierten ganz anders als die Eurozone und waren deswegen auch viel leichter auflösbar. Meines Wissens gab es in der jüngeren Geldgeschichte nur zwei Beispiele, die zumindest annähernd die gleiche Qualität hatten – die Auflösung der Rubelzone 1992 und die Abschaffung der tschechoslowakischen Krone 1993. In beiden Fällen handelte es sich allerdings um noch kurz zuvor kommunistische Staaten, so dass das Finanzsystem entsprechend unterentwickelt und die Erkenntnisse für den Fall der Eurozone entsprechend sehr dürftig sind.

In diesem Sinne müssen die möglichen Architekten einer Rückkehr zu nationalen Währungen sehr vorsichtig vorgehen, wollen sie keine wirtschaftlichen Katastrophen auslösen. Aus meiner Sicht gibt es hier nur einen möglichen Weg – eine phasenweise Rückabwicklung aller Maßnahmen, die zwischen dem Maastricht-Vertrag 1992 und der Euro-Einführung 1999 vollzogen wurden. Da aber eine solche Rückabwicklung wesentlich komplizierter ist als die „Hinabwicklung“, muß sie auch entsprechend länger dauern, ich würde da von mindesten 15 Jahren ausgehen. Über Nacht, wie Alexander Dilger sich das wünscht, geht es schon mal gar nicht.

Wie würde man da aber konkret vorgehen? Anfangen sollte man mit einer klaren und unmißverständlichen Ankündigung seitens der Eurozone-Mitglieder, dass sie die Eurozone auf lange Sicht auflösen wollen, gleichzeitig aber auch, dass sie in kurzer Frist alles tun würden, inklusive unbegrenzter Interventionen der EZB, um deren chaotischen Zusammenbruch zu verhindern. Hilfreich wäre eine gleichzeitige Veröffentlung eines detaillierten langfristigen Plans. Ein solcher Plan könnte schematisch 3 Phasen umfassen.

1. Phase – Rückabwicklung aller gemeinsamen Institutionen der Eurozone wie z.B SEPA, und TARGET2 und ganz am Ende der EZB. Zum Schluss übernehmen die nationalen Zentralbanken wieder die Verantwortung für die Geldpolitik der jeweiligen Länder, handeln aber in Abstimmung miteinander und verpflichten sich insbesondere den Wechselkurs der verschiedenen „Euros“ untereinander mit allen Mitteln zu verteidigen. Am Ende dieser Phase wäre die Eurozone faktisch aus einem Währungsverbund zu einem Festwechselkurssystem a la Bretton Woods geworden, wobei der Euro nominal noch bestehen bleibt.

2. Phase – Wiedereinführung der nationalen Währungen inklusive des Bargeldumtauschs unter Fortführung des Festwechselkurssystems. Die Umstellung vom Euro zu den neuen DM, Frank, Lira etc. sollte 1 zu 1 geschehen um unnötige Umstellungskosten zu vermeiden. Das Ende diese Phase sollte zeitlich offen sein, um Spekulationen einzudämmen.

3. Einführung der flexiblen Wechselkurse, zuerst in engen Korridoren, die dann ausgeweitet werden.

Fazit: die Frage, ob man die Eurozone einigermaßen geregelt auflösen kann, wäre mit einem vorsichtigen ja zu beantworten, der Zeitraum wäre allerdings so lang, dass man diese Zeit besser verwenden sollte um stattdessen die Eurozone krisenfest zu machen, indem man deren offensichtliche Defizite abstellt.

Deutschlands Euro-Austritt – eine Drohung oder ein Versprechen ?

So manche, wie zum Beispiel Alexander Dilger hier, meinen, dass ein deutscher Euro-Austritt eine furchterregende Perspektive für die anderen Mitglieder der Eurozone ist, so dass allein eine Drohung damit schon reicht die besagten Mitglieder zu disziplinieren und zu einer Wirtschaftspolitik im deutschen Sinne zu zwingen. Dilger sagt dazu folgendes:

Als erste Möglichkeit möchte ich jetzt den einseitigen und sofortigen Austritt Deutschlands aus dem Euro skizzieren (Fragen zu Details sind willkommen). Das ist vermutlich nicht die beste Möglichkeit, da die politischen Verstimmungen besonders groß sein dürften, wenn das stärkste Mitglied geht. Dafür wäre es das definitive Ende des Euro und ein gutes Druckmittel in Verhandlungen für andere, bessere Lösungen.

Aber ist das wirklich so? In diesem Beitrag werde ich argumentieren, dass das genaue Gegenteil der Fall ist, und dass für restliche Eurozone ein deutscher Euro-Austritt die beste Option ist, während Deutschland dadurch, zumindest kurzfristig gesehen, nur Nachteile haben wird.

Beginnen wir zunächst mit einer einfachen Frage: insbesondere die südlichen Länder der Eurozone aber auch Frankreich (sogenannte Defizitländer) haben im Moment durch den deutsch-dominierten Euro-Währungsverbund handfeste wirtschaftliche Nachteile – ihr inländisches Lohn- und Preisniveau ist zu hoch, im Euro können sie aber nicht abwerten und müssen stattdessen den beschwerlichen Weg einer inneren Abwertung gehen, mit allen damit verbundenen Konsequenzen wie wirtschaftliche Rezession und hohe Arbeitslosigkeit. Dabei ist es auch nicht hilfreich, dass Deutschland sich kategorisch weigert diesen Rebalancierungsprozess durch höhere Inflation und/oder eine spiegelbildliche Rebalancierung der deutschen Wirtschaft zu unterstützen. Warum nehmen sie dann diese Rosskur auf sich, anstatt einfach auszutreten, wie ihnen z.B. Hans-Werner Sinn immer wieder empfiehlt?

Die Antwort auf diese Frage habe ich hoffentlich in meinen letzten zwei Beiträgen schon gegeben (hier und hier) – die zweifellos vorhandenen Vorteile eines Euro-Austritts werden durch die handfesten Nachteile des wirtschaftlichen Schocks und Deorganisation, der mit einer Währungsreform verbunden sind, mehr als ausgewogen.

Aber stellen wir uns vor, dass stattdessen Deutschland austritt. Dann hätten die Defizitländer all die Vorteile, während die Nachteile, die mit einer Währungsreform verbunden ist, von Deutschland getragen worden wären. Der neue Euro (ohne Deutschland) würde zweifellos abwerten, was die Wirtshaft der Defizitländer anregen würde, die Schulden blieben in Euro bestehen, ohne Notwendigkeit einer Konversion in eine andere Währung usw. usf. Der einzige mögliche Nachteil, wenn es denn wirklich ein Nachteil wäre, wäre eine höhere Inflation, aber da Deutschland nicht mehr dabei wäre, würde sich auch niemand mehr dogmatisch dagegen stellen – die Wirtschaftspolitik und die Geldpolitik wären ohne Deutschland zweifellos pragmatischer geworden, ähnlich wie in den USA. Und wenn man die Wirtschaftsentwicklung der USA und der Eurozone in den letzten Jahren miteinander vergleicht, dann ist man schon geneigt zu sagen, dass dies vielleicht keine eindeutig negative Entwicklung wäre.

Für Deutschland dagegen entstehen in so einem Szenario, kurzfristig auf jeden Fall, massive Nachteile, neben dem schon besprochenen Schock der Währungsumstellung, würde die deutsche Wirtschaft mit einer Aufwertung der neuen D-Mark fertig werden müssen. Arbeitsplatzverluste in der bis jetzt gefeierten und gepamperten Exportwirtschaft wären die Folge, und ob deutsche Wirtschaft flexibel genug ist, um stattdessen schnell genug Arbeitsplätze in der Binnenwirtschaft zu schaffen, weiß niemand. Ich persönlich bezweifle das. Daneben würde die besagte Aufwertung massive Löcher in die Bilanzen der deutschen Finanzwirtschaft reißen, die irgendwie dann zu stopfen wären, vermutlich durch staatliche Rettungsmaßnahmen a la Hypo Real Estate.

Nun Alexander Dilger sagt (siehe oben), dass diese Nachteile durch eine umsichtige Wirtschafts- und Geldpolitik gemildert bzw. neutralisiert werden könnten. So könnte die Bundesbank die Aufwertung durch massive Deviseninterventionen, oder eine Androhung derselben, wie in der Schweiz, verzögern oder gar ganz unterbinden und so die Anpassungen in der Real- und Finanzwirtschaft erträglicher machen. Und damit hat er völlig recht, die Frage ist nur, ob die Bundesbank das auch tut? Denn spiegelbildlich zu der pragmatisch werdenden Wirtschafts- und Geldpolitik der restlichen Eurozone, gibt es gute Gründe anzunehmen, dass die Wirtschafts- und Geldpolitik im ausgetretenen Deutschland noch dogmatischer wird. Denn Deviseninterventionen bedeuten, zumindest in der Theorie, Inflationsgefahr, und die Bundesbank, so ist die scheinbare Ansicht des heutigen Spitzenpersonals, hat sich bekanntlich um Preisstabilität zu kümmern, so profane Dinge wie Arbeitslosigkeit oder Konkurrenzfähigkeit sind deren Sache nicht.

Auch von der Fiskalpolitik ist keine Entlastung zu erwarten: wenn sogar jetzt, wo die öffentlichen Haushalte eigentlich in Ordnung sind, keine wirklich umfangreichen öffentlichen Investitionen unternommen werden, was passiert wenn der öffentliche Schuldenstand wegen der erforderlichen Unterstützung der Finanzwirtschaft massiv ansteigt? Ich bin mir sicher – tiefe Einschnitte in die Staatsausgaben werden die Folge sein, mit Konsequenzen, die man heute in Südeuropa besichtigen kann. Ich könnte mir sogar ein Szenario vorstellen, stufe es aber doch als unwahrscheinlich ein(aber bei der Ansammlung der Wirtschaftskompetenz in der aktuellen Bundesregierung, wer weiß…) wo die Rettungsmaßnahmen für die Finanzwirtschaft aus Furcht vor Staatsdefizit ausbleiben, mit entsprechend katastrophalen Folgen.

Fazit: Man sollte seinen Verhandlungspartnern niemals Sachen androhen, die in ihrem Interesse liegen, es besteht sonst die Gefahr, dass sie einen beim Wort nehmen.