Grexit ohne Grexit

Vor ca. 3 Wochen habe ich in diesem Blog gefragt warum eigentlich alle Welt glaubt, dass ein Grdefault und ein Grexit synonym sind. Nun nachdem nun sowohl der Grdefault als auch der Grexit in greifbare Nähe rücken, denkt es plötzlich keiner mehr, vielmehr wird tatsächlich diskutiert, wie und ob sich die beiden trennen lassen.

Noch ist so viel unklar, und speziell so viel vom Ausgang der Volksabstimmung am 05. Juli abhängig, dass jede Diskussion zu diesem Thema reinste Spekulation ist, aber nehmen wir tatsächlich an die Griechen, überzeugt von Tsipras-Versprechungen, stimmen mit „Nein“ ab (heute sieht es von hier aus anders, aber wer weiß).

Premier Tsipras verspricht seinem Volk, dass seine Verhandlungsposition nach einem Nein-Votum gestärkt wäre, wieso, bleibt sein Geheimnis, mit allergrößten Wahrscheinlichkeit gäbe es danach einfach keine Verhandlungen mehr und ein Grdefault wäre Realität.

Was wird die griechische Regierung dann tun? Obwohl Teile des Syriza-Bewegung sich offen für den Grexit und die Wiedereinführung der Drachma aussprechen, ist diese Position in der Bevölkerung nicht mehrheitsfähig, und rein juristisch hätte ein Grexit eigentlich die Konsequenz, dass Griechenland aus der EU austreten müsste mit allen damit verbundenen Nachteilen für Bürger und Unternehmen.
Somit wäre zu vermuten, dass die griechische Regierung, sofern sie keinen politischen Selbstmord begehen wollte, diesen radikalen Schritt zu vermeiden suchen wird.

Ich denke, die griechische Regierung würde sich für die Option eines „Grexit ohne Grexit“ entscheiden (Weiterwurschteln wird in Europa nun mal schon immer radikalen Lösungen a la AfD bzw. Syriza vorgezogen), d.h. einer Währungsordnung, bei der die offizielle griechische Währung zwar Euro bleibt und Griechenland formell Mitglied der Eurozone gleichzeitig aber die Natur dieser Währungsunion für Griechenland fundamental verändert wird. Diese neue Währungsordnung wird der von Montenegro sehr ähneln – d.h. die Griechen würden den Euro als offizielle Währung nutzen, die griechische Zentralbank würde ihre Funktion als „lender of last resort“ allerdings nur noch begrenzt ausüben können und ferner dafür sorgen müssen, dass Griechenland als ganzes nicht mehr Euro ausgibt als es einnimmt, weil sie ihre TARGET2-Bilanz nicht mehr (weiter) überziehen dürfte. Dazu wird man die jetzt schon eingeführten Kapitalverkehrskontrollen auf unbestimmte Zeit etablieren müssen. Anders formuliert, dass wäre die Art Währungsunion, die Hans-Werner-Sinn in der TARGET2-Debatte für die ganze Eurozone anstrebte, ohne dies allerdings explizit zu sagen. Und wenn unser „Spitzenökonom“ den Unterschied nicht versteht, dann wird er auch wenigen anderen auffallen 🙂

Ist dieses Szenario realistisch? Viel, ja sehr viel, wird natürlich von der EZB abhängen, diese könnte eine solche Entwicklung untergraben, indem sie z.B. die griechische Zentralbank zwingt alle EZB-Kredite inkl. ELA zurückzufordern und damit ein Bankensystemkollaps in Griechenland auslöst. Aber wird sie das tun? Ich denke eher nicht, zu gewinnen wäre bei einem solchen Schritt nichts aber viel zu verlieren.

Es ist sogar nicht ausgeschlossen, das auf solches „Grexit ohne Grexit“ irgendwann, wenn Griechenland nach einem Grdefault ihre Staatsfinanzen wieder soweit konsolidiert, dass ihre Staatsanleihen bei der EZB wieder akzeptiert werden können, ein „Wiedereintritt“ erfolgt. Zyprus hat, von der deutschen Öffentlichkeit fast unbemerkt, im April die Kapitalverkehrskontrollen wieder aufgehoben

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