Wie man seine Nachbarn ausplündert

Der Wirtschaftswurm schießt sich in seinem letzten Beitrag auf Paul Krugman ein, der „populistisches Deutschland-Bashing“ betreibe. Ferner wirft er ihm vor „grundlegende volkswirtschaftliche Begriffe“ zu verwechseln. Paul Krugman wird es wahrscheinlich nicht viel ausmachen, der ist Kummer gewohnt, und versteht außerdem kein Deutsch, nichtsdestotrotz ist es ein interessantes Thema, weshalb der heutige Beitrag ein wenig in die Tiefe geht und ein Paar Gleichungen beinhaltet (schon lange nicht mehr gehabt).

In der Tat wird die deutsche Wirtschaftspolitik in der angelsächsischen Wirtschaftsblogosphäre stark kritisiert, neben Paul Krugman ist es vor allem Simon Wren-Lewis, der sich immer wieder über die deutschen wirtschaftspolitischen Vorstellungen aufregt. Was wirft man Deutschland nun genau vor?

Das versteht man am besten, wie das so oft ist, anhand eines sehr einfachen Lehrbuchmodels, das ich direkt einem (reichlich teuren) Buch von … Paul Krugman (keine Ahnung von grundlegenden Begriffen aber trotzdem Lehrbücher darüber schreiben, ich frage mich wie Arne es im Studium ausgehalten hat) entnommen und für den Fall einer Währungsunion angepasst habe.

Das Model besteht aus zwei absolut identischen Ländern A und B, die miteinander eine Währungsunion mit einer gemeinsamen Zentralbank bilden. Ganz nach Lehrbuch gilt für das BIP im Land A (ich lasse die Staatsausgaben der Einfachheit wegen aus):

\bf Y_a = cY_a+I(r)+\beta(E)Y_b-\beta(\frac 1 E)Y_a

Dabei sind die letzten zwei Glieder der Gleichung der Export aus A nach B und der Import aus B nach A. Beide hängen positiv vom BIP des importierenden Landes und negativ vom realen Wechselkurs des exportierenden Landes E bzw. 1/E, der im Fall einer Währungsunion schlicht dem Verhältnis der Preisniveaus der beiden Länder entspricht. Das Glied I(r) sind die Investitionen, deren Größe von dem durch die gemeinsame Zentralbank festgelegten Zinssatz abhängt (je niedriger der Zinssatz desto höher die Investitionen).

Für das BIP des Landes B gilt dementsprechend:

\bf Y_b = cY_b+I(r)+\beta(\frac 1 E)Y_a - \beta(E)Y_b

Nach einigen Umformungen bekommt zwei folgende grundlegende Zusammenhänge heraus:

Für das gemeinsame BIP der Währungsunion gilt dann (wenig überraschend) folgendes:

\bf Y = Y_a + Y_b = \frac {2I(r)} {(1-c)}

Und für die Differenz der BIP’s der beiden Länder gilt:

\bf Y_a - Y_b = \frac {\beta(\frac 1 E)-\beta(E)} {1-c}Y

Was lernt man nun daraus? Nun zum einen wird in unserem Model das BIP der Währungsunion durch die Zentralbank festgelegt (wir haben ja keine Staatsausgaben und somit auch keine Fiskalpolitik), indem sie den Zinssatz setzt. Der Zinssatz bestimmt die Investitionen und die Investitionen via Multiplikator \bf  \frac 1 {(1-c)} das BIP. Wie hoch sollte der Zinssatz nun sein? Auch das ist (meines Wissens) unstrittig, moderne Zentralbanken versuchen immer den Zinssatz so zu setzen, dass die BIP-Größe dem Potential der Volkswirtschaft entspricht, oder anders formuliert, dass Vollbeschäftigung und gleichzeitig Preisstabilität erreicht wird. In einer Währungsunion hat eine Zentralbank aber das Problem, dass sie diese Ziele für alle Mitglieder erreichen will, so auch in unserem Modell.
Da Land A und Land B identisch sind, haben sie das gleiche volkswirtschaftliche Potential Y*, und damit folgt aus den obigen Gleichungen unmittelbar, dass unsere Zentralbank ihr Ziel nur dann erreichen kann, wenn der Wechselkurs E=1 ist. In diesem Fall ist das BIP in beiden Ländern gleich und die Zentralbank kann den Zinssatz so festlegen, dass es Y* entspricht. Weicht dagegen E von 1 ab, dann hat die Zentralbank zwei Alternativen.

Alternative I (Inflation):

Sie setzt r so, dass das BIP in dem Land mit dem kleineren BIP Y* entspricht. In diesem Fall liegt das BIP in dem anderen Land über Y*, so dass hier die relativen Preise steigen (Inflation) und mit der Zeit E wieder 1 erreicht.

Alternative D (Deflation):

Sie setzt r so, dass das BIP in dem Land mit dem größeren BIP Y* entspricht. In diesem Fall werden die Preise in dem anderen Land sinken (Deflation) so dass auch auf diesem Wege E irgendwann wieder 1 erreicht, das dauert aber deutlich länger wegen der nominellen Rigidität der Preise und vor allem der Löhne nach unten.

So, und nun kommt der entscheidende Punkt – wenn der reale Wechselkurs 1 ist, bedeutet es gleichzeitig, dass die Handelsbilanzen der beiden Länder ausgeglichen sind. Was aber nun, wenn ein Land, z.B. Land A unbedingt eine positive Handelsbilanz haben möchte (warum, ist nicht der Gegenstand von diesem Beitrag, aber sagen wir, weil das Land sehr stolz auf seine Exportindustrie ist)? In diesem Fall würde das Land A eine reale Abwertung betreiben, d.h. sein Preisniveau gegenüber dem Land B durch diverse wirtschaftspolitischen Maßnahmen, speziell in der Lohnpolitik absenken. Die Folge: das BIP steigt im Land A und sinkt im Land B, d.h. Land A hat sein Ziel der positiven Handelsbilanz erreicht (oder wie man es so schön sagt seine Wettbewerbsfähigkeit verbessert), seine Arbeitslosigkeit gesenkt und das alles auf Kosten des Landes B.

Solche Politik nennt man „beggar my neigbor„, auf Deutsch „meinen Nachbarn ausplündern“ und, wenig überraschend, sind die jeweils „ausgeplünderten“ Nachbarn meistens nicht gerade begeistert darüber. In unserem Modell könnte allerdings die Zentralbank die durch die Politik des Landes A entstandene Schieflage relativ schnell wieder geradebiegen, indem sie in ihrer Geldpolitik die inflationäre Alternative wählt. Dagegen kann sich das Land A aber laut wehren, indem es z.B. folgende Behauptungen aufstellt:

1. Die unausgeglichene Handelsbilanz ist kein Problem, sie ist doch durch Marktkräfte entstanden.
2. Das Land B soll an seiner Wettbewerbsfähigkeit arbeiten (was auch immer das ist) und Reformen durchführen.
3. Eine inflationäre Politik ist absolut unzulässig, weil die Zentralbank nur auf Preisstabilität zu achten hat.
4. Die Deflation ist kein Problem, dann haben die Verbraucher doch mehr Geld in der Tasche
5. XXX

Ich denke man braucht keine besondere Phantasie um einige Parallelen zwischen unserer Modell-Währungsunion und der ganz realen Europäischen Währungsunion zu erkennen (obwohl die reale Situation, wie immer, weit komplexer ist). Deutschland ist (im Moment zumindest) unser Land A und wehrt sich laut dagegen die in den letzten Jahren gewonnenen Vorteile wieder zu verlieren, zumindest in der Wahrnehmung der angelsächsischen Ökonomen.

Und die Moral der Geschicht‘ ist…

Wenn man gemeinsam mit anderen etwas tut, z.B. eine Währungsunion baut, kommt es sehr schlecht an, wenn man dabei ausschließlich eigene Ansichten und Interessen im Blick hat. Dann sollte man es vielleicht ganz lassen.

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3 Antworten zu “Wie man seine Nachbarn ausplündert

  1. Der Wirtschaftswurm hat sich halt auf die Unternehmensseite eingeschossen. Da sind Löhne eben Kostenfaktor, schmälern den Gewinn 😉 Man kann es sich einfach machen, und die andere Hälfte der Medaille einfach ausblenden, als Volkswirt sollte man sich dann allerdings nicht bezeichnen.

  2. Ich stehe nicht auf Unternehmensseite, sondern auf der Seite der Arbeitslosen. Die Einführung eines Niedriglohnsektors war nicht notwendig, um Deutschland wettbewerbsfähig zu machen. Wenn ich die Zahlen richtig im Kopf habe, hatte Deutschland schon seit Ende der 90er Jahre (wieder) eine positive Leistungsbilanz. Trotzdem war die Arbeitslosigkeit hoch. Keine Vollbeschäftigung also, anders als in Alex‘ Modell. Und aus diesem Grund musste Deutschland den Niedriglohnsektor ausweiten, nämlich um mehr Arbeitsplätze in weniger produktiven Sektoren zu schaffen. Dass damit auch die Löhne in der Exportindustrie unter Druck gerieten (z.B. mehr Leiharbeit usw.) war ein Kollateralschaden und ich glaube, es war ein Kollateralschaden, der nicht zu vermeiden war.

  3. „Wenn man gemeinsam mit anderen etwas tut, z.B. eine Währungsunion baut, kommt es sehr schlecht an, wenn man dabei ausschließlich eigene Ansichten und Interessen im Blick hat. Dann sollte man es vielleicht ganz lassen“
    Der Witz ist nur, daß beggar thy neighbour bei freien Wechselkursen nicht funktioniert. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.
    @Wirtschaftswurm
    Ein Kollateralschaden,der mal soeben eine Währungsunion an den Rand der Katastrophe bringt?
    Gruß, Jens

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