Wachstum auf Pump – ein Rätsel

Heute geht es um eine Wortkreation, die in deutschen ökonomischen Debatten regelmäßig auftaucht, deren Bedeutung mir aber niemals klar geworden ist – es geht um den sogenannten Wachstum auf Pump.

Regelmäßig beschwören die deutschen Wirtschaftsexperten und Politiker, dass das Wirtschaftswachstum auf keinen Fall „auf Pump“ zu finanzieren sein, denn sonst drohe allerhand Unheil, und genauso regelmäßig vergessen sie es ihren Zuhörern zumindest ansatzweise zu erklären wie dieses Wachstum denn überhaupt funktioniert und was es von dem anderen besseren Wachstum unterscheidet, das eben nicht „auf Pump“ sondern irgendwie anders (nachhaltig?) finanziert wird.

Auch unsere Regierungschefin bedient die Floskel fleißig, bei einer Rede vor chinesischen Studenten im Juli beispielsweise sagte sie wörtlich folgendes:

Ich habe etwas dagegen, wenn man Wachstum auf Pump finanziert … Dann muss eben besser die Weltwirtschaft etwas weniger wachsen, als dass man auf Teufel komm raus auf Wachstum setzt

Die Erklärung aber, was dieses mysteriöse Wachstum auf Pump bedeutet, blieb sie aber, wie viele andere vor ihr schuldig, wahrscheinlich wissen es die Studenten in China auch so.

Da die Erklärungen ausbleiben, versuchen wir mal selbst zu ergründen, was Frau Merkel gemeint haben könnte. Fangen wir mit einer ganz einfachen Feststellung: wenn wir als normale Menschen etwas auf Pump kaufen, bedeutet es, das wir uns in Zukunft einschränken müssen, um das geliehene Geld zurückzuzahlen. Ein Beispiel – jemand der ein Auto auf Kredit kauft, wird in Zukunft weniger konsumieren können, da er ja nun den Kredit zurückzahlen muss. Man zieht also sein Konsum vor und schränkt sich dafür später ein. Man steigert gewissermaßen sein Konsum „auf Pump“ und bezahlt dafür später mit weniger Konsum.

So weit so gut, was aber absolut unklar bleibt: wie kann man das Konzept auf das Wirtschaftswachstum übertragen? Nehmen wir ein ganz einfaches Beispiel: ein Unternehmen kauft auf Kredit eine neue Anlage, welche die Produktivität signifikant steigert . Wir haben es also mit einem „Wachstum auf Pump“ innerhalb eines Unternehmens zu tun: es wird ein Kredit aufgenommen um das Unternehmenswachstum zu erhöhen. Heißt es nun, dass das Unternehmen für seine Sünde mit einem niedrigeren Wachstum in Zukunft bezahlen wird? Hmm… ganz im Gegenteil: ohne die Anlage wäre das Unternehmenswachstum sowohl heute als auch in der Zukunft niedriger, womöglich würde das Unternehmen sogar pleite gehen, weil es nicht mehr mit der Konkurrenz mithalten könnte. Heißt es nun, um die Worte der Bundeskanzlerin entsprechend anzuwenden, dass es besser wäre, wenn das Unternehmen kein Kredit aufnehmen würde und dafür ein niedrigeres Wachstum hätte (oder sogar ganz verschwände)? Ich glaube nicht mal die Bundeskanzlerin würde eine solche Unternehmensstrategie befürworten.

Offensichtlich wird also mit einem Wachstum auf Pump irgendetwas anderes gemeint, als Finanzierung der volkswirtschaftlichen Investitionen mit Krediten, ein im übrigen in einer kapitalistischen Wirtschaft absolut normaler Vorgang.

Ein Rätsel bleibt also bestehen, hat jemand vielleicht eine Idee?

P.S

Vielleicht ist das Wachstum nur dann „auf Pump“, wenn die notwendigen Investitionen staatlich finanziert worden sind. Das gilt natürlich unter allen Umständen zu vermeiden, zum Beispiel so: mal repariert lieber keine Brücken, sondern hat einen ausgeglichenen Haushalt, weil… ja, weil … keine Ahnung, muss aber besser sein keine Brücken zu haben und keine Schulden als Brücken mit Schulden oder etwa nicht?

P.P.S

Der amerikanische Blogger Noah Smith hat hier ein Artikel zum gleichen Thema (und sogar teilweise mit gleichen Beispielen) aber auch ohne den Rätsel abschließend zu lösen.

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