Wieder der kranke Mann?

Noch vor 10 Jahren hat war die wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland derart ungünstig, dass das Land oft als „kranker Mann“ Europas bezeichnet wurde. Seitdem hat sich das Bild radikal gewandelt und die Deutschen genießen ihren wiedergewonnenen Status als die stärkste und leistungsfähigste Wirtschaftsmacht Europas.

Wird es so bleiben? Zumindest wenn man der OECD glaubt, sind Zweifel angesagt. In ihrer Prognose für die nächsten 17 Jahre schätzt die OECD (unter vielem anderen) die Wachstumsperspektiven ihrer Mitglieder für die Jahre 2014-2030, ich habe die Ergebnisse für die 5 größten Volkswirtschaften der EU in der folgenden Grafik zusammengetragen:

Potenzialwachstum EU 2014-2030

Beim prognostizierten langfristigen Wachstum landet Deutschland mit 1,1% jährlich auf dem letzten Platz, fürs erstplatzierte Großbritannien wird mehr als doppelt so viel (2,6%) prognostiziert.

Wenn man das Wachstum pro Einwohner betrachtet, sieht das Bild zwar besser aus: Deutschland liegt mit 1,3% auf dem dritten Platz, aber auch da liegen die Werte von Frankreich (1,8%) und Großbritannien (2,0) deutlich darüber.

Während Deutschland heute aufgrund der Größe ihrer Volkswirtschaft als unangefochtene (wirtschaftliche) Führungsmacht in Europa gilt (und spätestens seit dem Ausbruch der Eurokrise 2010 sich auch als solche benimmt), wird es in Zukunft, sollte sich die Prognose der OECD bewahrheiten, anders aussehen:

Bruttoinlandsprodukt EU 2014 und 2030

Zwar behält Deutschland seine Führungsposition, der Abstand zum Zweitplazierten Frankreich verringert sich aber von 34% auf nur noch 10%. Das gleiche gilt auch für Großbritannien. Unter diesen Umständen wird die Aufrechterhaltung der Führungsmachtposition selbstverständlich schwieriger.

Hier noch vollständigkeitshalber die Werte pro Einwohner:

Bruttoinlandsprodukt pro Einwohner EU 2014 und 2030

Was ist nun der Grund für diese Entwicklung, und können die Deutschen dies ändern? Die Antwort ist banal – Demografie. Erstens wächst die deutsche Bevölkerung langsamer als die von Frankreich und Großbritannien (bzw. sie schrumpft sogar) und zweitens altert sie schneller als die anderen. Unter solchen Umständen ist es kein Wunder, dass die Wirtschaft langsamer wächst – ohne Arbeiter keine Produktion. Und die letzten Entscheidungen auf dem Arbeitsmarkt verstärken diesen Trend nur.

Die andere Frage ist es, ob die Entwicklung wirklich negativ ist. Für mich sieht es nicht so aus, als ob Europa unter deutscher Führung wirklich gut fährt, vielleicht wird es gar nicht so schlecht sein, wenn die anderen Länder mehr zu sagen haben.

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2 Antworten zu “Wieder der kranke Mann?

  1. Pingback: Zu wenig Investitionen in Deutschland? | Wirtschaftswurm

  2. spannender Blog. Aber kann das wirklich Demographie sein? Immerhin hat DE so viele Neuzuwanderer wie nie zuvor, welche demographische Effekte eigentlich ausgleichen können, wenn es z.B. mangelnde Nachfrage sein soll. Kann es nicht die Reallohnsenkungen in DE sein seit gut 20 Jahren? Ich leb hier Nähe dänischer Grenze, dort stiegen die Löhne die vergangenen 10 – 12 Jahre real um 19%, in DE sanken sie um 0,8%. Auch andere Industrieländer außerhalb EU haben ne bessere Lohnentwicklung gehabt. Das Wachstumsmodell in DE setzt ja auf Schrumpfen und Gürtel enger schnallen. Es wird ja wenig investiert. Auch das Arbeitsvolumen ist in DE ja niedriger als überall sonst, also anscheinend ist hier weniger zu tun. Ich wunder mich oft über den Unterschied zu anderen Ländern.

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