Gute und böse Deflation

Wie die meisten Leser sicherlich wissen, will die EZB eine drohende Deflation im Euroraum um jeden Preis verhindern. Viele fragen jedoch: warum wäre eine Deflation überhaupt ein Problem? Was kann denn an sinkenden Preisen schlecht sein, schließlich bedeuten sie ja, dass die Verbraucher für Ihr Geld mehr kriegen?

Überlegen wir uns nun, wann würden die Menschen die sinkenden Preise begrüßen? Nun offensichtlich dann, wenn ihre Einkommen zur gleichen Zeit steigen oder zumindest nicht sinken. Denn nur dann haben sie etwas von sinkenden Preisen. Sinken dagegen auch die Einkommen im Gleichtakt mit Preisen – und das ist genau der Zustand, gegen den die EZB ankämpft, dann haben viele ein Problem – ihre reale Einkommen bleiben zwar gleich, aber die Bedienung der Schulden (z.B. Haushypotheken) verschlingt einen immer größeren Einkommensanteil, zum Leben bleibt also immer weniger übrig.

Wenn also die Preise sinken, kann das gut oder schlecht sein, abhängig davon, was gleichzeitig mit Einkommen passiert. Wenn die Einkommen zu gleichen Zeit steigen, handelt es sich um eine angebotsseitige Deflation, die durch Produktivitätssteigerungen oder Importverbilligungen (oder beides) hervorgerufen ist. So etwas gab es z.B. im 19 Jahrhundert zu besten Zeiten des Goldstandards. Eine solche Deflation ist (bedingt, siehe unten) kein Grund zur Beunruhigung. Ganz anders ist es, wenn eine Deflation (oder Niedriginflation) mit fallenden Einkommen zusammenfällt. Dann handelt es sich um eine nachfrageinduzierte Deflation, die eine schwere Wirtschaftskrise bedeutet. Diese „böse“ Deflation ist es, die der EZB jetzt schlaflose Nächte bereitet, denn hat sie sich einmal verankert, ist es äußerst schwierig sie wieder loszuwerden.

Verdeutlicht wird der Unterschied auf folgenden zwei Grafiken:

Grafik 1:

Inflation

Grafik 2:

NominalBIPIndex

Auf der ersten Grafik werden die Inflationsraten 2007-2013 aus Deutschland, Spanien, Schweiz, Großbritannien und der Eurozone insgesamt dargestellt. Würde man sich allein nach dieser Grafik richten, könnte man annehmen, dass die Schweiz sich in einer Wirtschaftskrise befindet – sie hatte in diesen Jahren die niedrigsten Inflationsraten und zeitweise Deflation. Nun, wie die meisten wissen werden, das Gegenteil ist der Fall, die schweizerische Wirtschaft hat sich in den letzten Jahren genausogut (wenn nicht besser) entwickelt, wie die deutsche, die momentan in aller Welt bewundert wird.

Schaut man sich die zweite Grafik an, wo für die gleichen Länder (und die Eurozone) die Entwicklung des nominalen Bruttoinlandsproduktes dargestellt wird, klärt sich das Mißverständnis auch gleich auf: das nominale BIP war in der Schweiz im fraglichen Zeitraum um satte 12% gewachsen, deutlich über den 6% der Eurozone und gleichauf mit Deutschland und Großbritannien. In Spanien dagegen, wo tatsächlich eine Wirtschaftskrise herrscht, fiel das nominale BIP um fast 3%.

Die schweizerische Deflation war also angebotsorientierter Herkunft, in diesem Fall durch die Verbilligung der Importe im Zusammenhang mit der Frankaufwertung hervorgerufen.

Heißt es nun also, dass die Schweizer sich ob ihrer Deflation keine Sorgen zu machen brauchen? Nicht ganz. Das Problem selbst einer „guten“ Deflation besteht darin, dass sie den Spielraum eine Zentralbank für eine Zinssenkung spürbar einschränkt. Denn, bei der gleichen realen Zinshöhe, sind die nominalen Zinsen desto niedriger, je niedriger die Inflation. Bei einer Deflation liegt selbst das neutrale Zinsniveau kaum über der 0%-Grenze. Sollte also ein Schock die schweizerische Wirtschaft treffen, wäre eine notwendige Zinssenkung möglicherweise nicht durchführbar – mit der Konsequenz, dass die gute Deflation in böse umschlagen würde.

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3 Antworten zu “Gute und böse Deflation

  1. In der Eurozone verläuft die Entwicklung der Konjunktur, und damit des
    BIP’s, sehr unterschiedlich. In Deutschland ist der Einbruch von 2008 längst überwunden, während in Südeuropa die Industrieproduktion stellenweise auf den Stand der 80/90-ziger Jahre gefallen ist. Nach der Taylor-Regel müsste in Deutschland ein neutrales Zinsniveau von derzeit 3% herrschen, wohingegen in Spanien der Leitzins bei -5% liegen müsste.
    ( Leider finde ich den Link zu dieser Studie gerade nicht mehr, ich glaube es war bei bruegel.org. ) Daher kommt auch die Kritik an der EZB, indem sie eine Geldpolitik für die gesamte Eurozone macht, die für Deutschland nicht angemessen ist, allerdings für die südlichen Länder auch nicht. Das ist das Dilemma der Währungsunion. Glauben Sie an einen guten Ausgang ? Schreiben Sie doch einmal einen Beitrag über diesen Zielkonflikt und dessen Auswirkungen !

    Beste Grüße Moritz

  2. Pingback: Die SNB – Angst vor der Pleite? | Saldenmechanik

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