Sparen und die intertemporäre Substitutionselastizität

Noch ein Paar Anmerkungen zum Fahrenschon-Interview (siehe auch Über die Zinsen). Original-Ton Fahrenschon:

Die andere Seite macht mir noch viel mehr Sorgen. Wenn natürlich Millionen von Sparerinnen und Sparern durch diese niedrigen Zinsen irgendwie überhaupt keinen Anreiz mehr sehen, dann haben wir große, große Schwierigkeiten. Deutschland, ganz Europa muss sparen. Wir müssen für das Alter vorsorgen. Diese historisch niedrige Zinssituation macht falsche Signale.

Was Herr Fahrenschon uns also sagen will: Werden die Zinsen niedriger so gibt es weniger Anreize zu sparen, also wird weniger gespart mit entsprechend negativen Konsequenzen für die Zukunft Deutschlands bzw. Europas.

Klingt plausibel, doch wir wollen mal schauen – stimmt es denn überhaupt, dass Sparer bei niedrigeren Zinsen einen geringeren Teil ihres Einkommens auf die hohe Kante legen und entsprechend mehr heute konsumieren. Auf den ersten Blick scheint es tatsächlich absurd etwas anderes anzunehmen, wir wollen uns die Sache aber trotzdem genauer anschauen.

Wie im letzten Beitrag schon angedeutet, unterscheidet sich die Entscheidung, die ein Sparer trifft, wenn er sich, anhand der Zinshöhe, für mehr bzw. weniger Ersparnis entscheiden nicht grundsätzlich von einer Entscheidung, die ein Käufer vor einer Käsetheke in einem Supermarket trifft, wenn er für eine feste Summe zwei Sorten Käse erwerben will. In beiden Fällen gibt es zwei Güter und eine feste Summe, die man zwischen diesen beiden Gütern aufteilen will. Im Sparerfall handelt es sich bei den beiden Gütern um das heutige Konsum und das Konsum im Alter.

Schauen wir uns nun unseren Käsekäufer an. Nehmen wir an, er hat jede Woche 10 Euro zur Verfügung und hat es sich angewohnt jeweils für 5 EUR Tilsit und Butterkäse zu kaufen. Nun kommt er eines Tages in den Supermarket und stellt fest, dass der Preis von Butteräse sich verdoppelt hat. Wird er nun seine Ausgaben für Butterkäse reduzieren, erhöhen oder gleich lassen? Das hängt von seinen Präferenzen ab, speziell davon, wie unproblematisch es für ihn ist, auf seiner Speisekarte Butterkäse durch Tilsit zu ersetzen. Die Ökonomen sprechen in diesem Zusammenhang von der sogenannten Substitutionselastizität zwischen zwei Gütern.

Ist diese hoch (speziell > 1) sind die Güter für den Konsumenten leicht austauschbar, in unserem Fall würde der Käsekäufer die Ausgaben für Butterkäse reduzieren und stattdessen mehr Tilsit kaufen, das für ihm (fast) den gleichen Genuss bringt. Ist dagegen die Substitutionselastizität niedrig (<1), dann sind die Güter schlecht austauschbar, der Käsekäufer würde mehr für Butterkäse ausgeben (wenn auch nicht unbedingt eine größere Menge davon etwerben) und dafür weniger Tilsit nehmen. Beim Käse kann man davon ausgehen, dass die Substitutionselastizität hoch ist (bei mir auf jeden Fall), es gibt aber durchaus Güterpaare, bei denen es nicht der Fall ist. Ein gutes Beispiel für ein Güterpaar mit einer Substitutionselastzizität von 0 sind Tapeten und Kleister für eine Renovierung. Diese müssen immer in einem bestimmten Verhältnis zueinander gekauft werden, steigt also der Preis von Kleister, muss man bei einem festen Renovierungsbudget dafür mehr ausgeben und entsprechend weniger Tapete kaufen (und demzufolge eine kleinere Wandfläche tapezieren).

Nachdem nun hoffentlich klar ist wie das mit der Substitutionselastizität funktioniert – zurück zu unseren Sparern. Wie würden sie sich denn entscheiden, wenn die Zinsen sinken, das heißt der Preis des zukünftigen Konsums relativ zum heutigen steigt. Auch hier ist die Antwort abhängig von der Substitutionselastizität diesmal zwischen dem Konsum heute und im Alter – diese spezielle Substitutionselastizität nennt man intertemporäre Substitutionselastizität. Ist diese <1 sparen die Sparer bei einer Zissenkung mehr sonst weniger.

Herr Fahrenschons Aussage stimmt also allgemein keinesfalls, vielmehr ist die Reaktion der Sparer auf niedrigere Zinsen von deren Präferenzen abhängig. Gerade bei Sparern allerdings, die dem Idealbild von Herrn Fahrenschon entsprechen handelt es sich um Individuen, die sehr viel Wert auf einen möglichst gleichbleibenden Lebenstandard im Alter haben (der Author gehört leider zu dieser Spezie). Für diese Leute sind das heutige Konsum und das Konsum im Alter weit ähnlicher dem Tapeten-Kleister-Paar als dem Tilsit/Butterkäse – Paar. Also werden diese Sparer, und es handelt sich meiner Meinung nach um eine Mehrheit, als Reaktion auf eine Zinssenkung ihre Ersparnis nicht senken sondern umgekehrt steigern, was allerdings nicht heißt, dass sie diese Perspektive glücklich machen würde.

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Eine Antwort zu “Sparen und die intertemporäre Substitutionselastizität

  1. Wenn man schon auschließlich mikroökonomisch argumentiert, hätte Herr Fahrenschon auch die Einkommensabhängigkeit der Ersparnis anführen müssen. Im Übrigen ist Ersparnis ohne in produktive Investitionen zu fließen reichlich sinnlos.
    Gruß, Jens

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