Über die Zinsen

Herr Fahrenschon, der Präsident des Deutschen Sparkassenverbandes hat sich wieder zu Wort gemeldet: die EZB enteigne mit ihrer Niedrigzinspolitik die Sparer.

Was mich im Bezug auf Herrn Fahrenschon wundert: Es ist ja nicht so, dass die EZB den Sparkassen verbieten würde, höhere Sparzinsen anzubieten, so eine Macht hat die EZB ja gar nicht. Wenn es also Herrn Fahrenschon so sehr an am Wohlergehen der Sparer liegt, was hindert ihn daran seinen Einfluss im Verband geltend zu machen und höhere Zinsen durchzusetzen? Alle würden sich doch freuen, inklusive der Sparer, die in Scharen zu den Sparkassen überlaufen würden (die Hausbauer würden in die Gegenrichtung laufen), bis auf die Sparkassen selbst natürlich, die dann niedrigere Gewinne hätten (oder auch Verluste), aber für einen guten Zweck kann man das doch in Kauf nehmen, oder?

Hinter der Aussage des Herrn Fahrenschon steckt aber eine in der (insbesondere älteren) Bevölkerung sehr verbreitete Einstellung, nämlich die, dass die Menschen, die auf sich das Opfer nehmen ein Teil ihres Einkommens nicht sofort zu konsumieren sondern (via Finanzsystem) zurückzulegen, die Sparer mit anderen Worten, für ihren Dienst an der Gesellschaft mit einem positiven Ertrag zu belohnen sind.

Eine Einstellung die zwar, wenn man die Perspektive der Sparer einnimmt, verständlich ist, aber leider komplett die Tatsache ausblendet, dass wir nun mal in einem Marktwirtschaftssystem leben, in dem der Preis für eine Leistung, wie zum Beispiel die Bereitstellung der Ersparnisse, sich nicht nach wie auch immer gestalteten Gerechtigkeitskriterien richtet, sondern (bei allen Einschränkungen) nach Angebot und Nachfrage.

Denn warum sparen die Sparer eigentlich? Die meisten tun es keineswegs aus altruistischen Motiven, wie uns solche Lobbyisten wie Herr Fahrenschon weismachen wollen, sondern vielmehr um die Möglichkeit zu haben im Alter, wenn sie nicht mehr so viel Einkommen aus Arbeit beziehen, ihr Konsumniveau doch aufrechterhalten zu können. Mit anderen Worten, sie verkaufen auf dem Markt (dem sogenannten Kapitalmarkt) ein Teil ihres heutigen Einkommens gegen das zukünftige Einkommen. Und wie auf jedem Markt, gibt es auf diesem Markt einen Preis, nämlich der Preis eines zukünftigen Euro, z.B. in einem Jahr, in heutigen Euros (wir blenden die Inflation aus, um uns auf reale Größen konzentrieren zu können). Zwischen dem Preis P eines EUR in einem Jahr und dem Sparzins r besteht eine einfache Beziehung:

r = (P-1)*100

Das heißt, wenn P kleiner als 1 EUR ist, ist der Sparzins negativ, sonst positiv. Wie ergibt sich nun der Preis P? Grundsätzlich wie auf jedem anderen Markt auch – durch Angebot und Nachfrage. Denn die Verwandlung eines heutigen EUR in einen zukünftigen passiert nun mal nicht von alleine, vielmehr braucht man dafür die Unternehmer, die die angebotenen Ersparnisse investieren und daraus zukünftige Einkommen generieren, indem sie Fabriken, Häuser und andere Formen von Sachkapital erschaffen. Sind aber die Unternehmer nicht willens oder in der Lage für einen heutigen EUR mehr als einen zukünftigen EUR zu generieren, dann fällt der Preis eben unter einen EUR, die Nachfrage nach Ersparnissen beim gegebenen Angebot ergibt einen negativen Sparzins. Diese Situation wird von den Ökonomen als sekuläre Stagnation bezeichnet und in der letzten Zeit wird in der englischsprachigen Blogosphere heiß diskutiert, ob die gesamte westliche Welt, nicht nur die Eurozone, sich momentan in dieser Phase befindet.

Bis jetzt habe ich in meinen Ausführungen die EZB noch gar nicht erwähnt, dabei ist sie für Herrn Fahrenschon ja die Hauptschurkin, die den Sparzins negativ werden lässt und dadurch die armen Sparer der verdienten Früchte ihrer Ersparnisse beraubt. Wie sieht also die Rolle der EZB aus?

Tatsächlich ist die Rolle der EZB auf dem Kapitalmarkt mit der zu vergleichen, die der Staat sonst manchmal auf den anderen Märkten spielt, indem er Mindest- oder Höchstpreise setzt. Ein prominenter Beispiel wäre der gerade in Deutschland eingeführte Mindestlohn. So kann auch die EZB den Marktzins abweichend vom sogenannten Gleichgewichtszins setzen (oder besser gesagt beinflüssen, eine direkte Kontrolle hat sie nicht) – der Gleichgewichtzins wäre der Zins, der sich im Idealfall auf dem Markt ergeben würde, wenn es die EZB gar nicht gäbe.

Somit können wir höchstens dann von einer „Enteignung“ sprechen, wenn die EZB den Marktzins dauerhaft unter dem Gleichgewichtszins halten würde. Dann wären allerdings auch alle Friseurkunden „enteignet“, die durch den Mindestlohn demnächst wohl höhere Preise zahlen werden, für mich ein sehr unpassender Begriff für den Sachverhalt.

Woran erkennt man aber, ob der Marktzins über oder unter dem Gleichgewichtszins liegt. Laut der heutigen Mehrheitsmeinung unter den Zentralbankpraktikern, zu unterscheiden von einigen akademischen Ökonomen, insbesondere den deutschen, erkennt man das an der Veränderungsrate der Inflation. Ist diese negativ, d.h. fällt die Inflation, liegt der Marktzins über dem Gleichgewichtszins, sonst darunter. Zuletzt war die Inflation in der Eurozone tendenziell im Sinken begriffen, daraus folgt, dass der Marktzins im Moment eher über dem Gleichgewichtszins liegt, die Sparer also keineswegs enteignet sondern vielmehr sogar mehr kriegen, als ihnen auf dem idealen Markt zustehen würde.

Warum senkt nun die EZB die Zinsen? Das Hauptziel ist es nicht, anders als Herr Fahrenschon denkt, die Sparer zu bestrafen. Wie die meisten Leser sicherlich wissen, liegt das Inflationsziel der EZB bei ca. 2%, die aktuelle Inflation aber bei 0,5%. Um wieder auf 2% zu kommen, muss sie den Marktzins zunächst unter den Gleichgewichts senken und dann, wenn die Inflation (hoffentlich) zu steigen beginnt, wieder graduell erhöhen, bis sie dann bei 2% Inflation den Marktzins beim Gleichgewichtszins hat. So oder so ähnlich, nur in der umgekehrten Richtung, haben die Zentralbanken in den siebzigern und achtzigern die damals hohe Inflation dauerhaft gesenkt. So bisschen ist es, wie einen Stock auf der Handfläche balancieren (der Vergleich kommt vom kanadischen Ökonomen und Blogger Nick Rowe). Ob der EZB das gelingt ist allerdings fraglich, denn der Nominalzins kann per Definition nicht unter 0% fallen (jedenfalls nicht wesentlich) und wenn die Eurozone in die Deflation reinrutscht, dann hat die EZB womöglich gar keine Möglichkeit mehr den realen Marktzins zu senken – deswegen hat sie so ein Horror vor dem Szenario. Es gibt allerdings noch die unkonventionellen Instrumente (Quantitative Easing), anders als bei der Zinstheorie, wissen die Zentralbanken allerdings noch nicht wirklich, ob und was sie damit eigentlich bewirken.

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4 Antworten zu “Über die Zinsen

  1. Hallo Alex,
    als Schüler habe ich nie verstanden, wieso man während der Weimarer Repiblik an so etwas offenkundig Falsches wie die Dolchstoßlegende glauben konnte.Zur Erinnerung: Die Heeresleitung lässt sich angesichts der unvermeidlichen Niederlage von den Sozis die Kartoffeln aus dem Feuer holen und beschuldigt sie später des Verrats.
    Jetzt kapier ich es. Diesmal ist es der deutsche Sparer, dem von der EZB hinterrücks der Dolch in den Rücken gestoßen wird, um irgendwelchen unverantwortlichen Südländern zu helfen.
    Dabei war und ist es die EZB, die den deutschen Sparer rettet-allerdings den, der etwas zu verlieren hat. Dank der EZB sind die Banken der GIIPS Staaten in der Lage ,ihre Gläubiger im Norden auszuzahlen, unter Verhinderung eines Bankruns. Wir erinnern uns:es gab kaum Schuldenschnitte. Dieses gerettete Geld sucht nun nach Schuldnern-und findet keine. Daher die niedrigen Zinsen.
    Dafür dürfen wir nun einer neuen Dolchstoßlegende beim Entstehen zuschauen.
    Gruß,
    Jens

  2. Ja, die Probleme mit dem Gewohnheitsrecht… Es ist ja nicht so, dass die Politik Sparbemühungen fürs Alter bewirbt und fördert. 😉 Wenn sich dann Menschen in der aktuellen Situation veralbert vorkommen, naja, kann man aus deren Blickwinkel verstehen. Hat anscheinend niemand so richtig kommen sehen, waren alle blind vor Wachstumsträumereien. Hier haben Ökonomen und Politiker eine unheilige Allianz gebildet, man hat schlicht vergessen, wie eine ausgewachsene Wirtschaft/Welt aussehen könnte.

    Wo wollen wir noch hin? Was begrenzt Wachstum, wenn die monetären Probleme ausgeräumt wären? Sämtliche „Antworten“ gehen in die Richtung „weg vom ressourcenverbrauchenden Realwachstum, hin zur (virtuell wachsenden) Dienstleistungsgesellschaft“. Das ist nicht zu Ende gedacht.
    Selbst der Erhalt von Infrastruktur erfordert den Einsatz von Ressourcen/Energie, der Zahn der Zeit nagt überall.
    Wir bauen einen immer höheren Turm von Abhängigkeiten. Eine gute Politik müsste diese erkennen und beseitigen.

    Das ist nur ein Versuch, die Zinspolitik in einen größeren Gesamtzusammenhang zu stellen. Gewinne, zu denen auch Zinsgewinne zählen, kann man in einem System mit reichlich vorhandenen Ressourcen und Platz ohne Probleme erwirtschaften. Was passiert, wenn das Ganze ausgewachsen/ausgefüllt ist?

  3. Pingback: Sparen und die intertemporäre Substitutionselastizität | Saldenmechanik

  4. „Hinter der Aussage des Herrn Fahrenschon steckt aber eine in der (insbesondere älteren) Bevölkerung sehr verbreitete Einstellung, nämlich die, dass die Menschen, die auf sich das Opfer nehmen ein Teil ihres Einkommens nicht sofort zu konsumieren sondern (via Finanzsystem) zurückzulegen, die Sparer mit anderen Worten, für ihren Dienst an der Gesellschaft mit einem positiven Ertrag zu belohnen sind.“ – woher kommen denn solche „Erkenntnisse“ ?
    Es geht doch nicht um einen „Dienst an der Gesellschaft“, sondern um das Verleihen seines Geldes an eine Bank z.B. über Tagesgeld/Sparbuch.Dafür sollte man eigentlich zumindest einen Inflationsausgleich erwarten können, was nicht mal einem „positiven Ertrag“ entspräche.
    Bei Zinsen nahe oder gleich null, kann ich ansonsten gleich mein Geld abheben und unters Kopfkissen packen.Und bei Minuszinsen sowieso.

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