Rente mit 63 – die Signalwirkung

Die Verabschiedung der Rente mit 63 befindet sich mittlerweile auf der Zielgerade, es wird zwar noch um einige Details gefeilscht, aber dass sie kommen wird, steht, denke ich, außer Frage.

In meinem letzten Beitrag zu diesem Thema ging es um die (vermeintliche) Gerechtigkeit dieser Reform, heute möchte ich mich einem anderen Aspekt zuwenden, und zwar der Signalwirkung, die sie auf die Menschen haben wird, die von ihr profitieren sollen.

Nehmen wir an, Heinz Müller, Facharbeiter, alleinstehend, wird am 01.07.2014 63 Jahre alt. Er hat bis dahin genau 45 Jahre gearbeitet, und sein Gehalt entsprach in all den Jahren zufälligerweise immer dem Durchschnittsentgelt. Wir haben es also wieder, wie letztes Mal, mit einem Eckrentner zu tun. Herr Müller wird also zum 01.07.2014 genau 45 Beitragspunkte sein eigen nennen und überlegt es sich jetzt ob er aus seinem Beruf vorzeitig ausscheiden oder doch noch weitere zwei Jahre bleiben und erst mit 65 in die Rente gehen soll. Da Herr Müller nun ein (hoffentlich) rationaler Mensch ist, macht er diese Entscheidung von der Summe abhängig, die ihm diese weiteren zwei Jahre bringen würden.

Wie berechnen wir nun diese Summe? Wenn Herr Müller zwei weitere Jahre arbeitet, dann bezieht er auf der Plusseite weiterhin sein Gehalt. Außerdem erwirbt er zwei weitere Rentenpunkte, so dass seine Rente in den ihm ab 65 schätzungsweise verbliebenen 16 Lebensjahren (die Lebenserwartung eines 63 Jahre alten Mannes beträgt heute ca. 18 Jahre) entsprechend höher wird. Auf der Minusseite entgehen ihm in den zwei Jahren die Rentenzahlungen, die er ja bekommen würde, wenn er sofort in die Rente ginge.

Herr Müllers Gehalt beträgt 2905 EUR brutto (das Durchschnittsentgelt für 2014). Das entspricht einem Nettogehalt von 1818 EUR. Wenn er noch 2 Jahre arbeitet und weitere 2 Rentenpunkte erwirbt, würde seine Rente 1240 EUR brutto bzw. 1114 EUR netto betragen. Scheidet er dagegen schon zum 01. Juli aus, würde er nach den heute gültigen Regeln 1104 EUR brutto bzw. 992 EUR netto monatlich bekommen. Nach den neuen Regeln dagegen bekäme er 1188 EUR brutto bzw. 1067 EUR netto monatlich.

Daraus errechnet sich leicht: nach den alten Regeln würden weitere zwei Jahre Arbeit Herr Müller im Laufe seines Lebens zusätzliche ca. 45.000 EUR bringen, die neuen Regeln reduzieren diese Summe auf ca. 28.000 EUR.

Der Signal ist also klar, mit dem neuen Gesetz sagt die Regierung Herrn Müller, dass seine Arbeitskraft jetzt weniger gebraucht wird als zuvor, dass er mithin besser ausscheiden sollte. Ist das ein richtiger Signal, angesichts der demografischen Situation des Landes? Das bezweifle ich.

Ich sehe außerdem noch ein weiteres Problem mit der Kommunikation der Reform durch die Bundesregierung: nach meinem Eindruck suggeriert man den betroffenen Menschen mit dem Slogan der abschlagsfreien Rente, dass sie sich sozusagen kostenfrei zwei Jahre früher in die Rente verabschieden können. Dem ist aber keineswegs so: wie man oben sieht, würde unser Herr Müller auch nach neuen Regeln durch eine solche Entscheidung 28.000 EUR verlieren – nich so viel wie zuvor, aber auch kein Pappenstiel.

Ich habe bis jetzt angenommen, dass Herr Müller rational ist und das auch versteht, aber sind die echten Müllers dieser Welt, die Facharbeiter, die es möglicherweise nicht so mit Zahlen haben, auch so rational oder fallen sie möglicherweise doch auf das Versprechen der „Abschlagfreiheit“ rein?

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2 Antworten zu “Rente mit 63 – die Signalwirkung

  1. Wer über Wirtschaft nachdenkt, sollte auch die Zielsetzungen beleuchten. BIP Wachstum als Maßstab? Geht man nur für Geld arbeiten oder spielen außer der monetären Seite noch andere Dinge eine Rolle? Wer das nicht hinterfragt, hat eigentlich schon verloren.
    Zum Thema Demografie: Man sollte nicht so tun, als stünde uns diese Entwicklung erst noch bevor, wir stecken schon seit Jahrzehnten mittendrin. Wie sieht denn der IST-Zustand in der arbeitsfähigen Bevölkerung >60Jahre aus? Die Argumentationsrichtung der Arbeitgeber lautet mehr und länger arbeiten, die Realität heute ist das Gegenteil davon.

  2. Pingback: Wieder der kranke Mann? | Saldenmechanik

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