Rente mit 63 – auf der Suche nach der verborgenen Gerechtigkeit

Diejenigen, die schon mal den einen oder den anderen Artikel in diesem Blog gelesen haben, werden ahnen, dass der Autor (also ich) politisch gesehen sich eher links positioniert und daher die Vorhaben, die mehr (soziale) Gerechtigkeit versprechen, eigentlich gutheißen sollte.

Bei der letzten Wohltat der Großen Koalition allerdings, der Rente mit 63, habe ich es gedreht und gewendet aber beim besten Willen keine Spur von irgendeiner Gerechtigkeit entdecken können, ob sozial oder sonst welcher. Die Gesetzesbegründung auf der Webseite des Bundesministeriums für Arbeit lautet wie folgt:

Mit der abschlagsfreien Rente ab 63 werden die Menschen belohnt, die durch ihre lange rentenversicherungspflichtige Beschäftigung mit entsprechender Beitragszahlung das Rentensystem wesentlich gestützt haben. Sie sind bereits in jungen Jahren ins Arbeitsleben eingestiegen und haben über Jahrzehnte hinweg durch Beschäftigung, selbständige Tätigkeit und Pflege sowie Kindererziehung ihren Beitrag zur gesetzlichen Rentenversicherung geleistet.

Klingt zunächst einmal überzeugend nicht wahr? Derjenige, der länger ins System eingezahlt hat soll mehr aus dem System bekommen, als derjenige, der weniger eingezahlt hat. Das finde ich zunächst einmal absolut richtig, und in der Tat ist das auch ein grundlegender Prinzip der gesetzlichen Rentenversicherung, den man Teilhabeäquialenz nennt – gleiche Beitragszahlungen begründen die gleichen
Rentenansprüche. Nur, durch die Rente mit 63 wird genau dieser Prinzip in eklatanter Weise verletzt.

Am besten sieht man das, wenn man zwei fast absolut identische Eckrentner (so bezeichnet man hypothetische Durchschnittsrentner, die 45 Jahre lang gearbeitet und in jedem von diesen Jahren einen Rentenpunkt erworben haben) vergleicht, die beide am 02.07.1950 geboren sind und laut dem Gesetzesentwurf im Prinzip Anspruch auf Rente mit 63 haben könnten, wenn die Voraussetzungen erfüllt wären.

Nehmen wir nun an der erste Rentner hat sein Arbeitsleben am 02.07.1968 begonnen und bis heute ununterbrochen gearbeitet. Er würde also, wenn der Gesetz in Kraft tritt, am 02.07.2013 mit 63 in Rente gehen können und zwar ohne die bis jetzt vorgeschriebenen Abschläge. Das heißt er würde sofort die gleiche Rente kriegen, wie nach heutiger Gesetzeslage, wenn er zwei Jahre lang von anderen Einkünften leben und erst mit 65 die Rente beantragen würde. Der zweite Rentner dagegen hat,wie der erste, sein Leben lang immer gearbeitet, ist aber, aus welchen Gründen auch immer, erst am 02.07.1970 ins Arbeitsleben eingestiegen und würde daher erst mit 65 an 02.07.2016 in Rente ohne Abschläge gehen können. Die Gründe dafür können vielfältig sein – abgebrochenes Studium, Krankheit, ehrenamtliches oder politisches Engagement – jeder such sich aus, was ihm am besten gefällt. Beide Rentner haben also im Laufe ihres Lebens exakt die gleiche Summe an Beitragszahlungen erbracht, die 45 Rentenpunkten entspricht, und würden nun die gleiche Rente kriegen, der erste Rentner wird aber seine Rente zwei Jahre länger beziehen können als der zweite. Wenn man bedenkt, dass die Restlebenserwartung eines Mannes (es sind ja fast ausschließlich Männer, die vom Gesetz profitieren werden) im Alter von 63 Jahren heute ca. 18 Jahre beträgt, bedeutet dass, das der erste Eckrentner erwartungsweise satte 12,5% mehr an Rentenzahlungen beziehen wird als der zweite.

Es soll mir nun jemand bitte erklären, was daran so besonders gerecht sein soll, selbst komme ich leider nicht drauf.

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4 Antworten zu “Rente mit 63 – auf der Suche nach der verborgenen Gerechtigkeit

  1. Was heißt „entsprechende Beitragszahlung“? Ist die irgendwo festgelegt?

    Was ist mit denen die überdurchschnittlich verdienen und zum Beispiel bereits nach vierzig Jahren 45 Rentenpunkte angesammelt haben. Also genau so viel ins System eingezahlt haben wie der „Eckrentner.“ Warum dürfen die nicht abschlagsfrei mit 63 in Rente?

  2. Sie haben den Artikel, glaube ich nicht gelesen, sondern wollten ihre Emotionen loswerden.

    Trotzdem noch einmal: die Rente, die man kriegt, sollte von zwei Parametern abhängen:

    1. Wie viele Punkte man angesammelt hat.
    2. Wie lange (statistisch) man das System in Anspruch nehmen wird.

    Derjenige der mit 63 Jahren in die Rente gehen sollte, bei GLEICHER Anzahl von Punkten (z.B 45), eine kleinere Rente kriegen, als derjenige der mit 65 in die Rente geht.

    Und noch einmal: Abschläge um die es geht werden nicht wg. der kleineren Punkteanzahl sondern wg. der (voraussichtlich) längerer Lebensdauer erhoben.

  3. Meine Antwort war satirisch gemeint, denn ich teile Ihre Kritik. Natürlich habe ich als Betroffener Emotionen zu diesem Thema. Obwohl ich noch nie arbeitslos war, werde ich wegen gekürzter Anrechnungszeiten für Schule/Ausbildung/Studium die 45 Jahre nie erreichen und (hoffentlich) bis 67 arbeiten können.

    Das Rentensystem habe ich durch meine Zahlungen dabei mindestens so gestützt wie der angebliche „Malocher“ mit 45 jährigem Beitrag in undefinierter(!) Höhe.

  4. Pingback: Rente mit 63 – Von Gerechtigkeit keine Spur | Wirtschaftswurm

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