Ein Euro-Ausstieg – die kleinen Details

Zum Ausklang des letzten Jahres hatte Alexander Dilger in seinem Blog eine kleine Beitragsserie zu möglichen Ausstiegsszenarien aus dem Euro. Eine sehr löbliche Initiative, denn bisher hat sich die AfD, deren überzeugtes Mitglied Herr Dilger bekanntlich ist, sehr wenig zu der praktischen Durchführung eines solchen Ausstiegs geäußert, was umso erstaunlicher ist, als die Euro-Auflösung sozusagen das Gründungsgebot der Partei ist.

Tatsächlich gab es mit Wolfson Economics Prize schon 2012, die AfD war damals, wenn ich mich recht erinnere, entweder noch nicht existent oder gerade im Entstehen begriffen, einen Wettbewerb der Ideen zum Thema „how the Eurozone could be safely dismantled“, initiiert und durchgeführt ausgerechnet in Grossbritanien. Der Beitrag von Roger Bootle, der den Wettbewerb gewann und dafür den Preis bekam, erörtert sehr ausführlich die Frage, wie ein einzelnes Land aus dem Euro austreten kann – das gleiche Thema, das Alexander Dilger in der ersten beiden Posts seiner Serie behandelt.

Beide, sowohl Roger Bootle als auch Alexander Dilger, sagen, völlig zurecht, dass ein Euro-Austritt, um keine großangelegte Kapitalflucht in das bzw. aus dem austretenden Land (je nachdem on die Währung potentiell ab- oder aufwerten wird) auszulösen, buchstäblich über Nacht erfolgen muss, andernfalls wären die Auswirkungen auf das Finanzsystem des austretenden Landes und des Rests der Eurozone viel zu groß. Der Austritt könnte, ich zitiere Alexander Dilger (bezogen auf deutschen Austritt):

innerhalb weniger Tage, z. B. demnächst zwischen den Jahren, vollzogen werden. Es müssten in Marathonsitzungen, die man von der Euroretterei schon kennt, etliche Gesetze geändert werden, um statt des Euro wieder die D-Mark (oder eine anders bezeichnete nationale Währung) zum gesetzlichen Zahlungsmittel zu erklären.

Ich frage mich aber, ob ein solcher sofortiger Austritt keine ökonomischen Verwerfungen auslöst, die vergleichbar mit den Auswirkungen der Kapitalflucht sind, und zwar wegen der Aussetzung des Zahlungsverkehrs zwischen dem ausgetretenen Land und dem Rest der Eurozone.

Bekanntlich wird der Zahlungsverkehr innerhalb der Eurozone überwiegend (zu etwa 90%) durch das Zahlungssystem TARGET2 abgewickelt, das System, dessen Salden dank Hans-Werner Sinn eine solche Berühmtheit erlangt haben. TARGET2 ist allerdings, seiner Natur nach, für Zahlungen zwischen den Banken der Eurozone vorgesehen. Sollte aber ein Land über Nacht aus dem Euro austreten, verliert es auf einen Schlag den Zugang zu TARGET2 und seine Banken haben keine Euro-Konten bei der EZB mehr, sondern Konten in der neuen Währung bei der jetzt wieder eigenständigen nationalen Zentralbank.

Dementsprechend können die Banken, und somit auch die Unternehmen und Bürger, des Landes ab sofort weder Zahlungen ins Euro-Ausland tätigen noch welche von dort empfangen – der Zahlungsverkehr ist erstmal nicht mehr möglich. Damit er wiederhergestellt wird brauchen die Banken Korrespondenzkonten bei den Banken der Rest-Eurozone in Euro, während die Banken der Eurozone Korrespondenzkonten in der neuen Währung brauchen – so wie das jetzt beim Zahlungsverkehr mit dem außereuropäischen Ausland funktioniert. Solche Korrespondenzkonten zu vereinbaren und einzurichten dauert aber nun mal eine Weile – Verhandlungen müssen geführt, EDV-Prozesse der Banken umgestellt werden etc. etc. – ich glaube es wäre optimistisch zu denken, dass der Zahlungsverkehr früher als nach einem halben Jahr wieder funktioniert – genug Zeit für viele Unternehmen wegen Liquiditätsproblemen Pleite zu gehen und ihre Belegschaft zu entlassen.

Es sind solche kleine Details, über die Alexander Dilger und im kleineren Maße Roger Bootle wie echte Wissenschaftler großzügig hinweggehen, die am Ende kriegsentscheidend sind – und Zahlungsverkehr ist keineswegs der einzige, obwohl wahrscheinlich eines der wichtigsten Details. Man sollte sich an die Tatsache erinnern, das zwischen dem Beschluß den Euro einzuführen und der Vollendung des Projekts 11 Jahre vergangen waren, 11 Jahre in denen solche und ähnliche Fragestellungen behandelt, entschieden und umgesetzt waren – eine Währungsunion aufzulösen ist aber noch weit komplizierter als eine zu erschaffen.

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4 Antworten zu “Ein Euro-Ausstieg – die kleinen Details

  1. Das ist wahrscheinlich der Grund warum noch kein Land ausgetreten ist, aber eines Tages wird es passieren. Eher aus innenpolitischen Gründen, wie jahrelange, hohe Arbeitslosigkeit und dann wird es unangenehm für das austretende Land, sowie etwas weniger unangenehm für den Rest der Eurozone. Ich vermute wenn der Schritt nicht so unglaublich kompliziert wäre, würde die Eurozone schon kleiner sein. Aber bei 18 Mitgliedern wird es früher oder später ein Land oder mehrere Länder geben die Austreten müssen, bzw. wollen. Da wird es viel Stoff für Volkswirte und Wirtschaftshistoriker geben.

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