Die Rolle der Banken – ein Paar Gedanken

Weihnachten steht vor der Tür und ich, wie Millionen Mitbürger, habe Urlaub und keine Lust mich mit meinem Blog zu beschäftigen:-) Gute Gelegenheit also einen Beitrag rauszubringen, den ich schon vor Monaten geschrieben, aber die Veröffentlichung immer wieder zugunsten aktuellerer Themen hinausgeschoben habe.

Ansonsten wünsche ich allen Lesern einen besinnlichen Heiligabend, frohe Weihnachten und einen guten Rutsch ins neue Jahr. Auf Wiedersehen im nächsten Jahr.

In diesem Artikel habe ich neulich über die Diskussion zur Rolle der Banken in den modernen Volkswirtschaften berichtet, die in der englischen Wirtschaftsblogosphere immer wieder aufflammt. Zur Erinnerung: es geht darum, ob die Banken eine ganz besondere, ja tragende, Rolle in unserer Volkswirtschaft spielen und in den makroökonomischen Modellen entsprechend integriert werden müssen, ein Standpunkt den z.B. Steve Keen oder Cullen Roche vertreten, oder ob sich die Banken nur wenig, wenn überhaupt von den anderen Finanzintermediären unterscheiden – der Standpunkt von Paul Krugman.

Die Vertreter des ersten Standpunktes untermauern ihre Sicht der Dinge vor allem mit der Tatsache, dass bestimmte Verbindlichkeiten der Banken – die Sichteinlagen, in unserer Wirtschaft eine Geldfunktion haben, mittlerweile wird sogar der Großteil der Geldtransaktionen mit diesem sogenannten Buchgeld durchgeführt, anstatt des Basisgeldes, das von den Zentralbanken emittiert wird. Es ist diese Buchgeldschöpfung, die laut Roche, Keen und Co., die Banken zu ganz speziellen Institutionen machen, Banken seien in den Worten von Roche „oil in our monetary machine“.

Noch bis vor kurzem war ich auch ein Anhänger dieser „Bankentheorie“, aber inzwischen, nachdem sich Paul Krugman und andere Mainstream-Ökonomen sich doch noch ab und zu dazu herablassen, ihren Standpunkt zumindest teilweise zu erläutern, kommen mir doch immer mehr Zweifel. Sind die Banken etwas besonderes, wenn sie denn wirklich etwas besonderes sind, weil sie Buchgeld schöpfen oder spielen da eher andere Gründe eine Rolle?

Und neulich kam mir dann folgender Gedanke – wie würde eigentlich eine Volkswirtschaft funktionieren, in der die Banken zwar Sichteinlagen anbieten, diese aber keine Geldfunktion haben, weil die Banken keine Überweisungen ausführen dürfen? Geldtransaktionen werden in einer solchen Volkswirtschaft ausschließlich mit Basisgeld ausgeführt. Hat die Existenz der Banken in einer solchen Volkswirtschaft keine Auswirkungen auf das Funktionieren des Geldsystems, wie z.B. auf das Preisniveau?

Um diese Fragen zu beantworten, stellen wir uns zunächst einmal eine kleine Volkswirtschaft vor, die ein einziges Gut herstellt – z.B. Äpfel. In dieser Volkswirtschaft gibt es keine Banken, vielmehr benutzen die Bewohner im Handel untereinander Goldmünzen, deren Vorrat sich auf eine fixe Anzahl von 100.000 Stück beläuft. Nehmen wir nun an, jeden Tag wird in unserer Volkswirtschaft eine Tonne Äpfel ge- bzw. verkauft. Wie hoch ist nun der Preis eines Kilo Äpfel? Die Antwort auf diese Frage folgt bekanntlich direkt aus der Quantitätsgleichnung des Geldes, hier in der Cambridge-Version:

\bf M = kPY

M steht dabei für die Geldmenge, in unserem Fall also 100.000 Münzen, Y für den realen (Tages)Umsatz, in unserem Fall 1000 Kilo und P für den gesuchten Preis. Eine Schlüsselrolle kommt dem Koeffizient k zu, der uns sagt, wie groß die Geldnachfrage ist. Anders formuliert bestimmt k wie viele Tagesumsätze die Bewohner der Volkswirtschaft durchschnittlich in ihrer Kasse halten wünschen. Nehmen wir jetzt an, k beträgt 10, dann beträgt der Preis eines Kilo Äpfel 10 Münzen und der tägliche Geldumsatz unserer Volkswirtschaft 10.000 Münzen.

Eines Tages kommt ein besonders pfiffiger Bewohner unserer Volkswirtschaft auf die Idee eine Bank zu gründen. Er bietet den anderen an, ihre Geldmünzen bei ihm sicher zu hinterlegen und verspricht diese bei Bedarf unverzüglich wieder auszuhändigen. Die Idee stößt bei der Bevölkerung auf begeisterte Zustimmung, und bald hält kein Mensch mehr Münzen zu Hause, wo sie geklaut werden können, sondern nur noch bei der Bank. Während die Kasse der Bewohner früher eine gut gesicherte Schatztruhe war, ist es jetzt eine Sichteinlage bei der Bank. Die Bank bietet keine Überweisungen an, vielmehr bürgert es sich bei den Bewohnern an, jeden Morgen die für die Tagestransaktionen erforderliche Münzen abzuheben und abends den verbliebenen Münzvorrat wieder einzuzahlen. D.h. die Sichteinlagen sind kein Geld, weil sie die wichtigste Geldfunktion, die Zahlungsmittelfunktion nicht erfüllen. Geld sind in unserer Volkswirtschaft nach wie vor Münzen.

Nun, durch die Bankgründung ändert sich in der Volkswirtschaft am Anfang nichts, die Münzen liegen jetzt zwar bei der Bank und nicht mehr bei der Bewohnern zu Hause, aber die Geldnachfrage und die Geldmenge sind immer noch die gleichen und damit auch das Preisniveau. Unser Banker merkt aber irgendwann, dass nur 10.000 Münzen täglich abgehoben werden, d.h. die restlichen 90.000 liegen sozusagen brach. Er kommt nun auf die Idee Kredite zu vergeben. Das macht er auf eine ganz einfache Weise, so wie die realen Banken das auch tun: wenn jemand bei ihm ein Kredit aufnimmt, öffnet er für ihn eine Sichteinlage. Diese Sichteinlage unterscheidet sich in nichts von den ursprünglichen Sichteinlagen, der Kreditnehmer hebt nun, so wie die anderen auch, täglich Münzen ab und zahlt welche täglich ein. Durch die Einführung der Kreditvergabe ist die Sichteinlagenmenge von jetzt an größer als die Geldmenge M, jeder Kunde denkt aber nach wie vor, dass seine die Größe seiner Kasse der Größe seiner Sichteinlage entspricht (warum sollte er auch etwas anderes denken), obwohl das in der Summe nicht mehr stimmt. Da aber der Geldnachfragekoeffizient k nach wie vor bei 10 liegt, heißt es, dass durch die Einführung der Kreditvergabe unsere ursprüngliche Quantitätsgleichung nicht mehr gilt. Vielmehr gilt jetzt eine modifizierte Version derselben, die wie folgt lautet:

\bf D = kPY

Die neue Quantitätsgleichung hat die gleiche Form wie die ursprüngliche, anstelle der Geldmenge M steht aber die Sichteinlagenmenge D. Was passiert nun mit dem Preisniveau? Das hängt davon ab, wie groß die Sichteinlagenmenge D wird. Im Extremfall wächst D solange, bis die Bank bei der Bedienung der täglichen Abhebungen an ihre Grenzen stößt, d.h. bis der tägliche Geldumsatz und damit das tägliche Abhebevolumen 100.000 Münzen beträgt (die gesamte Münzmenge). In diesem Fall wird der Preis eines Kilo Äpfels sich verzehnfachen und 100 Münzen betragen.

Die Einführung einer kreditvergebenden Bank löst also eine Geldentwertung von bis zu 1000% aus, obwohl die Bank nach wie vor kein Geld schöpft.

Wie interpretiert man nun diesen Sachverhalt. Hierzu gibt es zwei Ansätze;

Die erste Ansatz besteht darin eine Sichteinlage zu einer geldnahen Forderung zu erklären, heißt einer Forderung, die zwar keine Geldfunktion hat, aber schnell und ohne Kosten zu Geld gemacht werden kann. Die Bank kann also kein Geld schöpfen, dafür aber geldnahe Forderungen. Darauf basierend definiert man nun eine Geldmenge, die nicht nur das eigentliche Geld im Besitz der Nichtbanken (in unserem Beispiel gibt es so was nicht, weil alle Münzen bei der Bank liegen) sondern auch die geldnahen Forderungen umfasst. Das ist der Ansatz, den heute die Zentralbanken verfolgen, so enthält z.B. die Geldmenge M2 auch Festgeld, dass keine Zahlungsmittelfunktion erfüllt und damit kein Geld im eigentlichen Sinne ist (siehe hierzu auch diesen Beitrag von mir).

Der zweite Ansatz beläßt die Geldmengendefinition wie sie ist und sagt stattdessen, dass durch die Bankeinführung und damit verbundene Rationalisierung der Geldnutzung die Geldnachfrage stark gesunken ist – k beträgt nun 1 anstatt von 10. Das ist der Ansatz, den die moderne VWL verfolgt.

Beide Ansätze sind aber letztendlich identisch und was besonders wichtig ist: wenn man in einem makroökonomischen Modell unserer Volkswirtschaft den zweiten Ansatz verfolgt, muss man das Modell nicht ändern, wenn unsere Bank nun doch Überweisungen anbietet und die Sichteinlagen dementsprechend zu Geld werden. Man kann und darf trotzdem so tun, als ob die Münzen nach wie vor das einzige Geldmedium sind und nur die Geldnachfrage aufgrund der neuen Finanzinnovation (Überweisungsservice) weiter gesunken ist. Es besteht also keine Notwendigkeit aufgrund der Tatsache, dass Banken nun Buchgeld schöpfen, das Modell zu überarbeiten und Banken zu integrieren. Das ist m.E. genau das, was Krugman und Co. sagen wollen, und ich finde das Konzept inzwischen viel überzeugender als früher.

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4 Antworten zu “Die Rolle der Banken – ein Paar Gedanken

  1. Beides ist ja wohl völliger Schwachsinn. Kann ich bei ALDI vielleicht nicht mit der EC-Karte zur Inflation beitragen?? Dass Geschäftsbanken Giralgeld schöpfen können ist ds Wurzelkern-Problem unseres Geldsystems; wer das nicht verstanden hat, reiht sich am besten gleich mal ein in die Schlange all der „Experten“ die jedesmal wieder nichts kommen sehen und lieber im Keller an irgendwelchen mathematischen Modellen rumspielen, die eine Welt beschreiben, in der keiner wohnt

  2. So, so – dann gratuliere ich, dass Sie anscheindend alles haargenau verstehen 🙂

  3. Pingback: Sind Banken was besonderes – die nächste Runde | Saldenmechanik

  4. Die viel interessanteren Fragen sind: Woher kommen die 100.000 Goldmünzen eigentlich? Und warum müssen es gerade „Gold“-Münzen sein? Und warum sollte eine Volkswirtschaft mit nur einem Gut irgendeine praktische Relevanz haben? Was sollten in solch einer Konstellation Goldmünzen auch für einen Sinn haben? Was ist mit Kreditzinsen und den Kreditausfällen?

    Und das ist genau das Problem solcher VWL „Keks und Butter im Dorf“ Beispiele (hier finde ich übrigens die Darstellung von Graeber, wo er die Tauschhandel Geschichten der VWL treffend analysiert recht gelungen).

    Allerdings bleibt für mich trotzdem die Streitfrage, wie sehr Banken auf die Bonitätsnormen der Zentralbank Einfluss nehmen können.

    Weiterführendes:
    http://soffisticated.wordpress.com/2012/07/21/wozu-sind-banken-da/
    http://soffisticated.wordpress.com/2012/05/26/stufen-von-geldsystemen-ein-kurzdurchlauf/
    http://soffisticated.wordpress.com/2013/10/19/das-geldsystem-braucht-keinen-wert/

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