Die EZB und ihre zwei Leitzinssätze

Nun ist es wieder passiert, die Draghi-EZB hat ihren Leitzins erneut gesenkt und der übliche Chor von Erklärungen (billiges Geld – für Sparer schlecht, für Schuldner gut), Warnungen (hab Acht vor den Blasen) und Klagen (die Sparer werden enteignet) ergießt sich über die Medienlandschaft.

Anscheinend haben die Leute immer noch nicht begriffen (siehe auch meinen Beitrag hier), dass der sogenannte Leitzins der EZB schon lange keine „Leit“-Funktion mehr besitzt, die er anno 2007 noch inne hatte, so dass seine Senkung allenfalls psychologische aber so gut wie keine praktische Konsequenzen hat.

Warum meine ich das? Nun nehmen wir an, ich wäre ein Bankbesitzer und meine Liquiditätsmanagementabteilung sagt mir, dass mir nächste Woche für meine laufende Operationen voraussichtlich ca. 10 Millionen EUR fehlen werden. Ich muss mir also diese 10 Millionen für eine Woche leihen und hierfür habe ich zwei Möglichkeiten:

– Die erste Möglichkeit wäre, die Main Refinancing Operations (MRO) – Facility zu nutzen, wo ich das Geld zu dem (Leit)-Zins von jetzt 0,25% p.a. borgen kann, wenn ich ausreichende Sicherheiten hinterlege. Der EZB-Kredit würde mich also ca. 480 EUR kosten.

– Die zweite Möglichkeit wäre, das Geld von den anderen Banken auf den Euro-Interbankmarkt zu leihen. Der entsprechende Geldmarktzinssatz, Euribor 1 Woche ungesichert, beträgt im Moment durchschnittlich ca. 0,1% p.a. Der Geldmarkt-Kredit würde mich also ca. 192 EUR kosten, und das ohne Hinterlegung von Sicherheiten.

Nun, ich denke, auch ohne ein Bankfachmann zu sein, dürfte es dem Leser klar sein, welche der zwei Möglichkeiten ich nutzen würde. Somit spielt für die Banken, die sich über den Geldmarkt refinanzieren können, der EZB-Leitzins im Moment keine Rolle und das ganze Gerede über das billigere Geld etc. etc. ist auf diese Banken schlicht nicht anwendbar. Das war freilich nicht immer so, wie die folgende Grafik zeigt:

Leitzins-Euribor

Wie aus der Grafik ersichtlich ist, lag der 1-Woche-Euribor-Zinsatz vor 2009 stets über dem Leitzins, wie man es logischerweise, angesichts der von der EZB verlangten Sicherheiten, auch erwarten würde. Das waren noch Zeiten, als die MRO’s darauf abzielten die kurzfristigen Zinsen zu steuern. Diese Zeiten sind aber seit 2009 vorbei, wenn die EZB mit dem MRO’s noch etwas steuert, dann hat sie vergessen mizuteilen was es denn genau ist. Die Medien aber reagieren auf die Leitzinsbewegungen immer noch so wie früher, als diese noch eine wirkliche Bedeutung hatten, was eine Menge über die Kompetenz der Wirtschaftsjournalisten in den Fragen der Geldpolitik sagt.

Ich habe allerdings nicht umsonst betont, dass meine Ausführungen nur für die Banken gelten, die sich am Geldmarkt zu normalen Konditionen refinanzeren können. Für die Banken, die dazu nicht in der Lage sind, weil die anderen Geldmarktteilnehmer wegen undurchsichtiger Risiken in ihren Bilanzen Zweifel an deren Solvenz haben, können ihre Liquiditätsnachfrage nur über die EZB decken, bei diesen Banken also könnte eine Leitzinssenkung in der Tat eine Erleichterung der Finanzierungskonditionen bedeuten. Solche Banken sind als Zombie-Banken bekannt – weder tot noch lebendig. Ob sich diese Erleichterung allerdings in den besseren Kreditkonditionen für die Kunden der Zombies niederschlägt, darf allerdings bezweifelt werden – die Zombies sind normalerweise viel zu sehr damit beschäftigt, ihr Scheinleben nicht auszuhauchen, um neue Kreditrisiken einzugehen.

Die Leitzinssenkung ist also nur für eine kleine Minderheit der Banken von Interesse, während der große Rest entweder gar keine Liquidität braucht (wg. hoher Überschußreserven) oder diese zu einem Zinssatz weit unter dem EZB-Leitzins besorgen kann. In diesem Licht ist auch die Entwicklung der MRO-Teilnehmerzahl zu sehen, die in der folgender Grafik dargestellt ist:

MRO-Teilnemerzahl

Zu sehen ist, dass die durchschnittliche Teilnehmerzahl an den wöchentlichen MRO-Auktionen (die seit der im Oktober 2008 erfolgten Einführung der Vollzuteilungspolitik keine richtige Auktionen, sondern Geldausgabeveranstaltungen sind) von ca. 350 vor der Krise auf nur noch ca. 70 zuletzt geradezu abgestürzt ist. Die MRO’s haben anscheinend ihre Rolle als eine der Hauptquellen für die Bankenliquidität eingebüßt, und dienen nur noch als Notvehikel für die Banken, die nicht anders können.

Wir haben es also in der Eurozone heutzutage faktisch nicht mehr mit einem, sondern mit zwei Leitzinssätzen zu tun: der eine, der für den größeren Teil der Bankenlandschaft von Interesse ist, ist der kurzfristige Geldmarktzins (EURIBOR oder EONIA – man kann es sich aussuchen), dieser liegt im Moment nahe 0% und kann demzufolge nur noch steigen. Und der andere, der MRO-Leitzins, der von der EZB immer verkündet wird, dieser ist nur für die Zombie-Banken von Interesse. Da die Zombie-Banken bekanntlich vor allem im Süden Europas angesiedelt sind, spielt der MRO-Leitzins für Deutschland momentan so gut wie keine Rolle, also bitte keine Aufregung bei der nächsten MRO-Leitzinssenkung.

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