Der Mindestlohn und die Grenzproduktivitätstheorie

Schon einmal habe ich mich in diesem Blog über die merkwürdigen Argumentationen Stefan Dudey’s vom Flassbeck-Economics-Team gewundert, jetzt bin ich wieder soweit. Während es letztes Mal die FAZ war, hat Herr Dudey jetzt Marcel Fratzscher vom DIW im Visier, der es gewagt hat zu behaupten, dass einige der Niedriglohn-Jobs die Einführung des Mindestlohns nicht überleben würden, weil die Leute, die diese Berufe ausüben, schlicht nicht genug erwirtschaften, um höhere Löhne zu rechtfertigen. Deshalb würde die Beschäftigung in den jeweiligen Berufen so lange zurückgehen (und die Arbeitslosigkeit entsprechend steigen), bis das Grenzprodukt dem gesetzten Mindestlohn entspricht.

Die Kritik von Stefan Dudey lautet nun ungefähr wie folgt – wenn diese Grenzproduktivitätstheorie stimmen würde, dass sollten bei allen Berufen, deren Produktivität im Laufe der Zeit stagniert oder gar zurückgeht, wie z.B. Wachleute, Busfahrer, Friseure, auch der Reallohn stagnieren oder sinken. Da es nun offensichtlich nicht passiert, Busfahrer verdienen heute in der Tat real wesentlich mehr als vor 40 Jahren, sei die Grenzproduktivitätstheorie falsch, sagt Herr Dudey. Das ganze ist nun garniert mit den Angriffen auf die anonymen neoklassischen Ökonomen, die Herrn Dudey erklären sollen wie das mit dem Grenzprodukt und dem „erwirtschaften“ funktioniert.

Ich bin zwar kein ausgebildeter neoklassischer Ökonom, sondern nur ein Hobby-Ökonom, aber selbst meine Kenntnisse reichen aus,um die gewünschte Erklärung zu liefern. Aus der Grenzproduktivitätstheorie folgt es nämlich keineswegs, dass Reallöhne in den Berufen mit stagnierender Produktivität gleich bleiben müssen, solange nur die Produktivität der Gesamtwirtschaft steigt.

Um beim Beispiel mit dem Busfahrer zu bleiben, in einem armen, weil wenig produktiven Land, können sich die meisten eine Busfahrt nicht leisten, es gibt also relativ wenige Busse und wenige schlecht bezahlte Busfahrer, während die Mehrheit der Bevölkerung meistens zu Fuß geht und nur wenn es nicht anders geht Bus nimmt. Wird das Land aber im Laufe der Zeit insgesamt (es reicht schon, wenn es nur einige Branchen betrifft, meistens handelt es sich um die Industrie) produktiver und damit reicher, können die Bewohner sich mehr leisten und fragen mehr Busfahrten nach, der Preis einer Busfahrt steigt also und damit auch der Lohn der Fahrer. Oder anders gesagt, der Fahrer „erwirtschaftet“ zwar immer noch die gleiche Anzahl von Busfahrten, kann diese aber gegen wesentlich mehr Industrieerzeugnisse „umtauschen“, eben weil die Produktivität der Industrie steigt. Mit diesem Balassa-Samuelson-Effekt, den ich schon einmal in einem anderen Zusammenhang erwähnt habe, erklären die neoklassischen Ökonomen, warum die wenig produktiven Dienstleistungen (wie z.B. Busfahrten) in reichen Ländern relativ wesentlich mehr kosten als in armen Ländern, und ich finde die Erklärung durchaus plausibel.

Würde aber jetzt Herr Dudey kommen und versuchen in einem armen Land einen Mindestlohn für Busfahrer durchzusetzen, der dem Niveau eines reichen Landes entspricht, dann würde es vermutlich dazu führen, dass überhaupt niemand mehr Bus fährt, weil die Mehrheit kann es sich gar nicht mehr leisten kann und die kleine Minderheit, die es sich leisten könnte, sich lieber ein Auto kauft.

Alles gesagte ist übrigens kein Plädoyer gegen den Mindestlohn, ich bin nämlich auch ein Befürworter, nur sollte man sich der der Konsequenzen bewusst sein und diese dann auch in Kauf nehmen, wie das in diesem anderen Flassbeck-Economics-Beitrag geschieht.

P.S

Da Herr Dudey ein Diplom-Volkswirt ist, dürfte ihm alles oben geschilderte durchaus geläufig sein, o etwas lernt man meines Wissens im Grundstudium, deshalb verstehe ich ich nicht, was sein Beitrag eigentlich bezweckt. Oder hat er inzwischen alles vergessen?

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2 Antworten zu “Der Mindestlohn und die Grenzproduktivitätstheorie

  1. @Alex
    Des Rätsels Lösung ist ganz einfach ! Viele Beiträge auf Flassbeck-Economics sind pure Ideologie, sie haben mit ihrem Interesse an VWL nichts zu tun, sondern werden aus politischen- bzw. ideologischen Anschauungen geschrieben. Ihre Kritik interessiert da gar nicht. Ich hatte auch mal solch ein „VWL-Prof.“ an der Uni, er hatte keine Ahnung von der Theorie, aber alle anderen Meinungen wurden abqualifiziert. Nicht ernst nehmen und ignorieren, denn es besteht von dieser Seite kein Interesse an Gegenargumenten. Von dieser Art von Wirtschaftsblogs gibt es leider einige.

  2. Moritz hat recht. Team Flassbeck sind Ideologen, als Haus- und Hof-Ökonomen der Linkspartei nicht an einer objektiven Analyse interessiert. Ich dachte mal, aus dem Blog könnte was werden. Inzwischen ist es nur noch Sektiererei, plumpes Eindreschen auf irgendwelche als „Mainstream-“ oder „Neoklassik-Ökonomen“ abqualifizierte Pappkameraden, die außerhalb Chicagos real gar nicht existieren. Die „Auseinandersetzung“ mit Positionen von Kollegen findet anhand von aus dem Kontext gerissenen Sätzen und verkürzt bis falsch dargestellten Sichtweisen statt. Nichts an den Analysen ist zu Ende gedacht, die Zahlen dreht man sich hin, wie man es braucht, kürzlich verlinkte Spieker auf eine Seite der EZB, auf der das Gegenteil dessen stand, was sie in ihrem Artikel behauptete. Es kommt nicht von ungefähr, dass sich kaum je jemand von den Fachkollegen mit Flassbeck auseinander setzt. Das nimmt einfach niemand ernst. Nicht umsonst lässt der Blog ja auch keinerlei Kommentare zu, selbst im bezahlten Abo-Bereich nicht.

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