EWU-Arbeitslosenversicherung – was würde sie uns kosten

In meinem letzten Beitrag habe ich schon erwähnt, dass mir der vom Wirtschaftswurm für eine EWU-Arbeitslosenversicherung geschätzte Beitrag von 7,5% viel zu hoch erscheint.

Jetzt habe ich selbst gerechnet, und komme zu signifikant anderen Ergebnissen, die ich unten vorstellen werde. Bevor ich aber zu Formeln und Zahlen komme, zunächst ein Paar Bemerkungen über die Zielsetzung einer solcher Versicherung.

Wie der Wirtschaftswurm völlig richtig schreibt, will die EU-Kommission Maßnahmen ergreifen, die die Eurozone dauerhaft stabilisieren. Das heißt konkret, dass die Eurozone wesentlich näher dem Ideal eines optimalen Währungsraums kommen soll, als es im Moment (leider) der Fall ist. Und insbesondere geht es darum fiskalische Regelungen zu treffen, die asymmetrische Konjunkturschocks dämpfen, denn seit Beginn der Währungsunion verläuft die Konjunktur in den einzelnen Ländern der Währungsunion alles andere als synchron – zuerst war es Deutschland, das in einer (beinahe)-Rezession versank, während der Süden boomte, jetzt ist es gerade umgekehrt. Unter diesen Umständen ist eine einheitliche Geldpolitik, die von der EZB erwartet ist, kaum möglich, so dass eben fiskalische Unterstützungsmaßnahmen notwendig sind.
Diese Regelungen sollen aber nicht , anders als vielfach dargestellt wird, gleichwertige Lebensbedingungen in den Ländern der EWU herstellen, wofür dann langfristige Transfers aus reicheren zu den ärmeren Ländern notwendig wären, das ist für die Stabilisierung der EWU nicht notwendig und wird von der Theorie der optimalen Währungsräume auch nicht verlangt.
Genau das sagt auch die EU-Kommission in ihrem Vorschlag:

In its simplest formulation, a stabilisation scheme to absorb asymmetric shocks could require monetary net payments that are negative in good times and positive in bad times. For example, a simple scheme could determine net contributions/payments by countries as a function of their output gap (relative to the average). Such a system would need to be financially neutral in the medium term for each country, and it would also depend on countrysize.
Alternatively, the scheme could be based on earmarking payments from the fund for a defined purpose, with counter-cyclical effects (similar to the US unemployment benefit system, where a federal fund reimburses 50 % of unemployment benefits exceeding a standard duration, up to a given maximum, conditional on unemployment being at a certain level and rising). The scheme could operate in such a way to avoid ‘permanent transfers’ across countries. In other words, they should be designed to avoid that,over a long period of time, any country is a net loser or gainer from the scheme

Wie könnte aber eine solche „Stabilisierungsregelung“ aussehen? Nun im Idealfall sollte man einen Ausgleichsfonds schaffen, in den jedes Jahr die Länder mit der positiven Outputlücke eine bestimmte Summe einzahlen, und aus dem die Länder mit der negativen Outputlücke entsprechend bestimmte Summen bekommen. Das Problem dabei ist, dass Outputlücken gar nicht einfach zu berechnen sind, was die EU-Kommission im Zusammenhang mit der Schuldenbremse gerade schmerzhaft lernt.
Deshalb kommt eine gemeinsame Arbeitslosenversicherung für Kurzzeitarbeitslose in die Diskussion (siehe z.B. diesen Beitrag der DIW), wobei angenommen wird, dass die Höhe der Kurzzeitarbeitslosigkeit (z.B. Dauer weniger als 1 Jahr) mit der Outputlücke korreliert.

Und jetzt kommen wir zu der Frage der Kosten einer solchen gemeinsamen EWU-Arbeitslosenversicherung für die deutschen Arbeitnehmer und Arbeitgeber. Der Wirtschaftswurm hat völlig Recht mit seiner Bemerkung, dass die Pläne noch sehr diffus sind, was, wie ich denke, unter anderen daran liegt, dass die Bundesregierung alles in ihrer, beträchtlichen, Macht stehende getan hat, damit die Pläne nicht konkret werden. Deshalb nehme ich bei meinen Berechnungen einfach an, wie der Wirtschaftswurm das anscheinend auch tut, dass die EWU-Arbeitslosenversicherung in ihren Leistungen der deutschen Arbeitslosenversicherung ähneln würde, d.h. Arbeitslosengeld in einer Höhe von ca. 50% des letzten Bruttolohns mit eine Zahlungsdauer bis zu einem Jahr. Ich gehe allerdings davon aus, dass die EWU-Versicherung, anders ans ihr deutscher Gegenpart keine versicherungsfremden Leistungen gewähren wird, sondern sich, entsprechend ihrer Zielsetzung als Konjunkturausgleichsmechanismus, nur auf die Auszahlung des Arbeitslosengeldes beschränkt. Unter den angeführten Annahmen kann der Beitragssatz sehr leicht mit folgender Formel berechnet werden:

\bf {\gamma} = 0,5\beta{\frac \alpha {1-\alpha}}

Hierbei ist \bf \gamma – der gesuchte Beitragssatz, \bf \alpha – die Arbeitslosenquote und \bf \beta – der Anteil der Kurzzeitarbeitslosen an der Gesamtarbeitslosigkeit.

Ich habe nun für die Jahre 2003-2012 den hypothetischen Beitragssatz sowohl für die Gesamt-EWU als auch für Deutschland alleine berechnet, die Differenz der beiden entspricht den Nettokosten der EWU-Versicherung für die deutschen Arbeitgeber und Arbeitnehmer.

Das Ergebnis sieht man im folgenden Diagramm:

Europäische Arbeitslosenversicherung Beitragssatz

Deutschland wäre also in den meisten Jahren ein Nettozahler, was mich in der Tat überrascht hat, denn die deutsche Arbeitslosigkeit lag zwischen 2003 und 2007 über dem EWU-Durchscnitt. Der Grund ist, dass der Anteil der Langzeitarbeitslosen in Deutschland bis zuletzt auch, und zum Teil beträchtlich,über dem EWU-Durchschnitt lag, erst seit 2012 ist es anders geworden.

Durchschnittlich hätten die deutschen Arbeitgeber und Arbeitnehmer 0,56% des Bruttolohns zu viel einzahlen müssen, bei einem Durchschnittslohn von ca. 2400 EUR, entspricht das 162 EUR pro Jahr.

Ist es viel oder wenig? Das muß, wie immer, jeder für sich selbst entscheiden, ich persöhnlich finde es, angesichts der Risiken des EWU-Zusammenbruchs,verkraftbar, zumal sich die Zahlungen auf lange Frist wieder ausgleichen sollten

P.S

Der Wirtschaftswurm scheint bei seiner Berechnung auch die obige Formel verwendet zu haben, allerdings die Langzeitsarbeitslosigkeit und die versicherungsfremden Leistungen nicht herausgerechnet.

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5 Antworten zu “EWU-Arbeitslosenversicherung – was würde sie uns kosten

  1. Schöne, und auch bestimmt korrekte, Rechnung, aber politisch absolut
    nicht umsetzbar. Weder in Deutschland noch in anderen Euro-Ländern, da die Menschen weiterhin in nationalen Kategorien denken und nicht für andere Länder zahlen wollen. Auch würde es Konflikte mit unzähligen Verfassungen geben, wenn die EU-Verträge geändert werden müssten. Nur mal an den Ausgang der notwendigen Volksabstimmungen in einigen Euro-Länder gedacht ! Völlig illusorisch die Annahme eines einheitlichen politischen Raumes, im Moment sind eher gegenteilige Tendenzen zu beobachten. Es dauert noch mindestens 50 Jahre bis es eine gemeinsame europäische Mentalität gibt, wenn überhaupt. Ob der Euro das noch erlebt bezweifle ich.

  2. So groß ist die Differenz zwischen unseren Berechnungen nicht, denn du gibst ja den Beitragssatz für Arbeitnehmer und Arbeitgeber einzeln an, während ich den Gesamtbeitrag meinte. Und hinzu kommt noch der langfristige Effekt, da Arbeitsmarktpolitik bei einer europäischen ALV von der Politik nicht mehr so wichtig genommen wird.

    • Doch doch, bei mir ist es auch der Gesamtbeitragssatz. Die Differenz kommt, wie gesagt, zunächst daraus, dass ich nur die Kurzzeitarbeitslosigkeit eingesetzt habe. Und zum Anderen ist bei mir auch der „rein deutsche“ Beitragssatz nur halb so groß wie der reale (1,56% versus 3%) – die Differenz kommt, meiner Vermutung nach, aus den versicherungsfremden Leistungen, deutsche ALV trägt einen ganzen Batzen mehr als „reines“ Arbeitslosengeld.

    • Ah, ja – und zum Thema langfristiger Effekt – ich denke, da die Langzeitarbeitslosigkeit in der Verantwortung der Nationalstaaten bleibt, haben sie immer noch einen Anreiz ihre Arbeitsmarktpolitik vernünftig zu gestalten, denn diese Politik ist vor allem für solche strukturelle Arbeitslosigkeit gedacht und nicht für konjunkturelle Ausschläge. Gut, wahr ist, dass ein Teil der Kurzzeitarbeitslosigkeit auch strukturell sein kann, wie dieser Mensch vom Wirtschaftsdienst ja auch schreibt, den Du zitierst. Aber ich bin mir sicher, dass man eine europäische ALV auch so gestalten könnte, dass strukturelle und konjukturelle Komponente besser voneinander getrennt sind als beim Basismodell, man muß es nur wollen, und genau am Wollen mangelt es im Moment, gerade in Deutschland, deshab ist die Idee ja auch auf Eis.

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