Investitionsprogramme und Marshallpläne – mein Beitrag

Der heutige Artikel ist mein Beitrag zur Blogparade „Investitionsprogramme und Marshallpläne“.

Der Wirtschaftswurm stellt die Frage, was von den Plänen der SPD und der Linkspartei zu halten ist, die beide eine spürbare Ausweitung der öffentlichen Infrastruktur- und Bildungsinvestitionen sowohl in Deutschland als auch in Europa anstreben, finanziert vor allem durch Steuererhöhungen auf Wohlhabende. Interessanterweise argumentiert DIW-Präsident Fratzscher, der von Amts wegen eher dem Arbeitgeberlager zuzurechnen wäre, in die gleiche Richtung, worauf der Wirtschaftswurm ja auch hinweist.

Ich werde mich in meinem Beitrag ausschließlich auf die Vorschläge der SPD im Bereich Infrastruktur konzentrieren (2,7 Mrd Euro zusätzlich jährlich für die Verkehrsinfrastruktur und den Städtebau) und lasse sowohl die europäische Komponente als auch die Bildungsinvestitionen, die keine Investitionen im Sinne der VGR sind, außer Acht.

Die Frage ist also: Braucht Deutschland im Moment mehr inländische Investitionen, speziell mehr öffentliche Investitionen?

Nun aus saldenmechanischer Sicht ist die Sache eigentlich ganz einfach. Das Bruttoinlandsprodukt eines Landes setzt sich bekanntlich aus drei Komponenten zusammen – Konsum, Investitionen, und Nettoexporte. Jede Änderung der Wirtschaftspolitik eines Landes bewirkt normalerweise eine Verschiebung der Anteile dieser drei Komponenten innerhalb des Ganzen. So war es auch mit der Reformpolitik (die Auflösung des sog. Reformstau der späten Kohl-Jahre) in Deutschland, die in 1999 mit dem Sieg von Rot-Grün begann, zuerst auf einer eher verbalen dann auch auf praktischer Ebene, und ihren Höhepunkt in den Arbeitsmarkt- und Rentensystemreformen der Regierung von Gerhard Schröder fand.

Die durch die besagten Reformen ausgelösten Verschiebungen waren durchaus signifikant, wie man aus folgender Grafik sehen kann:

BIP Komponenten 1999-2012

Wie in der Grafik so schön zu sehen ist, war die Reformpolitik, wenn man sie an einem ihren Hauptziele misst, der Wiederherstellung der Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft, ausgesprochen erfolgreich – der Handelsbilanzsaldo (Nettoexporte), der 1999 noch leicht negativ war, beträgt inzwischen 7% der Wirtschaftsleistung. Allerdings hat im Leben alles seinen Preis und der Preis dieses Erfolgs war nicht nur eine Stagnation des privaten Verbrauchs, in der Grafik am Rückgang des Konsumanteils des BIP von 80% auf 76% zu sehen, sondern auch der Rückgang der Investitionsquote von 20% auf 17% – der zweitniedrigste Wert in der EU.

Anders formuliert, Deutschland spart heute 4 Prozentpuntke der Wirtschaftsleistung mehr als 1999, legt aber netto 7 Prozentpunkte mehr als 1999 im Ausland an, also bleiben 3 Prozentpunkte weniger als 1999 für die Erhaltung und den Ausbau des inländischen Kapitalstocks übrig.

Ist diese Entwicklung gut oder schlecht? Nun, das ist nicht ganz eindeutig. Sofern diese Frage von den deutschen Ökonomen überhaupt diskutiert wird, wird als Begründung für den „Rückbau“ des inländischen Kapitalstocks und den „Ausbau“ des Auslandsvermögens auf den demografischen Wandel verwiesen. Bekanntlich ist jetzt schon abzusehen, dass die Bevölkerung Deutschlands in Zukunft schrumpfen wird, in noch größerem Maße gilt es für die arbeitsfähige Bevölkerung. Unter diesen Umständen bringt eine Investition in den inländischen Kapitalstock einen viel geringeren Ertrag als die gleiche Investition im Ausland möglicherweise bringen würde.

Soweit die Theorie. In der Praxis kann man allerdings schon heute feststellen, dass der deutsche Privatinvestor, der in Deutschland hauptsächlich für Auslandinvestitionen zuständig ist, eine ausgesprochen schlechte Leistung liefert. Darüber schreibt auch der DIW in seinem Bericht auf Seite 12, ich möchte diesen Sachverhalt mit folgendem Diagramm illustrieren:

Nettovermögenseinkommen

Das Diagramm zeigt eine ziemlich unerfreuliche Tatsache – das Nettovermögenseinkommen Deutschlands, also die Einkommen der Deutschen aus den Auslandsanlagen abzüglich der Einkommen Ausländer aus den Einlagen in Deutschland, ist seit Jahren negativ, und das trotz eines positiven Nettoauslandsvermögens von zuletzt ca. 36% des BIP. Mit anderen Worten, es sieht so aus, als ob die hohen Handelsüberschüsse zu einem großen Teil verschleudert werden und das nicht erst seit dem Ausbruch der Eurokrise.

Deshalb ist es m.E. keine so schlechte Idee aus den Erfahrungen der letzten 13 Jahre die entsprechenden Schlüsse zu ziehen und die Entwicklung teilweise zurückzudrehen, d.h die die inländischen Investitionen wieder zu stärken auf Kosten der Handelsüberschüsse. Und der erste Schritt in dieser Richtung könnte es sein, die staatlichen Infrastrukturinvestitionen, über die die Regierung eine unmittelbare Kontrolle hat, auszuweiten, um den Rückgang der vergangenen Jahre von 1,95% des BIP in 1999 auf 1,63 % des BIP in 2012 wieder nachzuholen. Die von der SPD vorgeschlagenen 2,7 Mrd Euro Zusatzinvestitionen in die Infrastruktur und den Städtebau jährlich klingen nach viel, sind aber in Wirklichkeit nur 0,47% des BIP. Damit würde die staatliche Investitionsquote auf 2,1 % es BIP stiegen, zwar mehr als 1999, aber es gilt ja wie gesagt, die Unterinvestitionen der vergangenen 13 Jahre auszugleichen.

Die Pläne der SPD sind also, was ihren Zeitpunkt betrifft, durchaus positiv zu beurteilen, anders ist es, was den Zeitpunkt betrifft. Damit die Ausweitung der öffentlichen Investitionen den gewünschten Erfolg hat müssen ja, wie oben beschrieben, die neuen Investitionen auf Kosten der Exporte erfolgen und nicht in etwa stattdessen private Investitionen verdrängen. Leider sind solche Pläne bei allen deutschen Parteien immer ausgesprochen prozyklisch, d.h. die Investitionsbereitschaft des Staates ist immer dann am höchsten, wenn die Wirtschaft sowieso schon brummt. So z.B. macht es bei einer im Moment zu 75% ausgelasteten Bauindistrie eine zusätzliche öffentliche Nachfrage nicht unbedingt Sinn, anders als das z.B. vor 10 Jahren der Fall war, aber da war man ja am Sparen.

Fazit:
Die von der SPD vorgeschlagenen zusätzliche staatlichen Investitionen in die Infrastruktur machen angesichts der Entwicklung der letzten 13 Jahre durchaus Sinn, die Herausforderung wird darin bestehen, diese zeitlich und inhaltlich so zu gestalten, dass eine Rebalancierung der Wirtschaft weg von der übermäßigen Exportorientierung und hin zu mehr inländischen Investitionstätigkeit erfolgt.

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Eine Antwort zu “Investitionsprogramme und Marshallpläne – mein Beitrag

  1. Pingback: Finale der Ökonomenblogparade „Investitionsprogramme und Marshallpläne“ | Wirtschaftswurm

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