Jugendarbeitslosigkeit in Europa – Daten wieder glattgebürstet

Der Wirtschaftswurm hat neulich in zwei Beiträgen (hier und hier) den Economist für dessen Analyse der Situation mit der Jugendarbeitslosigkeit in Europa kritisiert. Im Artikel vertreten dessen Autoren zwei einfache und für mich bis jetzt absolut unstrittige Thesen:

  1. Die Jugendlichen sind von der ungüstigen (gelinde gesagt) konjunkturellen Situation in den europäischen Krisenländern überproportional betroffen.
  2. Sollte man nicht entschieden und schnell dagegen steuern, kann sich die (jetzt hoffentlich noch) konjunkturelle Arbeitslosigkeit verfestigen und strukturell werden.

Was bringt nun der Wirtschaftswurm gegen die beiden Thesen vor. Fangen wir mit der ersten These an. Um diese zu widerlegen, berechnet er den jeweiligen Quotienten zwischen der Arbeitslosenquote der unter 25 Jährigen und der der Älteren für vier verschiedene Jahre. Das Ergebnis sieht dann in etwa so aus:

UnemploymentRatio
I
In der Tat stellt man bei allen betrachteten Ländern einen über die Jahre erstaunlich stabilen Verlauf bei diesem Quotienten fest. Aus dieser Tatsache zieht Wirtschaftswurm den Schluß, dass der Economist unrecht hat und dass die Jugendlichen von der konjunkturellen Situation nicht überproportional stark betroffen sind. Zitat Wirtschaftswurm:

Der britische „The Economist“ schreibt in seinem Artikel, die Rezession sei der Hauptgrund für den Anstieg der Jugendarbeitslosigkeit in Europa. Das stimmt. Aber der Anstieg während der Rezession ist nur ein Grund für das Ausmaß der Jugendarbeitslosigkeit. Ein weiterer Grund ist der hohe Level der Jugendarbeitslosigkeit in einigen Ländern der EU auch schon bei guter Konjunktur.

Kann man so einen Schluß ziehen. Nein, das kann man nicht, und zwar weil der Quotient der Arbeitslosenquoten, den ich im folgenden Wirtschaftswurm-Quotient nennen werde, kein geeigneter Indikator für derartige Vergleiche ist. Eine Arbeitslosenquote ist nämlich wie folgt definiert:

\bf AQ = \frac{AA}{AA+BA} mit AQ-Arbeitslosenquote, AA-Arbeitslosenanzahl,BA-Beschäftigtenanzahl.

D.h der Wirtschaftswurm-Quotent kann wie folgt aufgeschlüsselt werden:
\bf WQ = {\frac{AAJ}{AAE}}{\frac{AAE+BAE}{AAJ+BAJ}}

Die Abkürzungen bedeuten hier folgendes: WQ-Wirtschaftswurmquotient, AAJ – Jugend-Arbeitslosenanzahl, AAE-Erwachsenen-Arbeitslosenanzahl,BAJ – Jugend-Beschäftigtenanzahl, BAE – Erwachsenen-Beschäftigtenanzahl.

Der Wirtschaftswurm-Quotient ist also in Wirklichkeit ein Produkt zweiter Quotienten – der erste ist zwischen der Jugend-Arbeitslosenzahl und der Erwachsenen-Arbeitslosenzahl und der zweite ist zwischen dem Erwachsenen-Arbeitskräfte-Pool und dem Jugend-Arbeitskräftepool. Da sich alle vier Variablen im Laufe der Zeit in unterschiedliche Richtungen entwickeln können, und das meistens auch tun, und nur zwei davon etwas mit der Arbeitslosigkeit zu tun haben, sagt der Wirtschaftswurm-Quotient im Grunde gar nichts aus.

Will man tatsächlich feststellen, ob die Jugendlichen stärker als Erwachsenen von konjunkturell bedingten Entlassungen betroffen sind, muß man sich den Quotienten der Erwerbstätigenquoten der beiden Gruppen ansehen. Das habe ich nun getan und hier ist das Ergebnis:

EmploymentRatio

Auf den ersten Blick erkennt man nun die vom Wirtschaftswurm vermisste konjunkturelle Abhängigkeit bei allen PIGS-Ländern, besonders ausgeprägt bei Griechenland, Portugal und Spanien und weniger aber dennoch deutlich bei Italien. Gleichzeitig fällt aber auf, und das bestätigt auf den ersten Blick die These Wirtschaftswurms, ein stark unterschiedliches Basisniveau dieses Quotienten bei den vertretenen Ländern, um welches konjunkturelle Änderungen stattfinden. Was ist hier los? Die Antwort ist einfach, die Jugend- Erwerbstätigenquote unterscheidet sich stark vom Land zum Land…:

JugendEmployment

während die Erwachsenen-Erwerbstätigenquote weit weniger, wenn überhaupt:

ErwachsenenEmployment

Was ist aber der Grund für diese starken Unterschiede in der Erwerbstätigkeit der Jugendlichen, die übrigens zum großen Teil auch die Unterschiede in der Jugend-Arbeitslosenquote erklären – je kleiner der Nenner, desto größer der Bruch? Die Antwort hat nichts mit dem Arbeitsmarkt, aber viel mit den statistischen Besonderheiten und der Organisation des Ausbildungssystems zu tun. Zum Einen haben die PIGS-Länder eine höhere Studierendenquote als die Diagramm-Spitzenreiter Deutschland und Niederlanden. Studierende werden aber naturgemäß nicht als Erwerbstätigen mitgezählt und betreten meistens erst mit Mitte Zwanzig den Arbeitsmarkt, wenn sie nicht mehr zur „statistischen Jugend“ zählen. Zum anderen werden aufgrund des dualen Berufsausbildungssystems (hier war Wirtschaftswurm auf der richtigen Spur), viele der Jugendlichen, die sich in der Berufsausbildung befinden, in Deutschland und Niederlanden als Erwerbstätigen mitgezählt, in den PIGS-Ländern aber nicht.

Soviel nun zur ersten These? Was die zweite These angeht, hier braucht man keine Daten und keine lange Analyse, denn es scheint mir, dass Wirtschaftswurm die Aussage des Economist schlicht nicht verstanden hat. Zitat Wirtschaftswurm:

„The Economist“ schreibt ferner: „Zyklische Arbeitslosigkeit kann sich verfestigen.“ Das gilt aber nur individuell. Wer einmal über längere Zeit arbeitslos war, behält für sehr lange Zeit einen Makel auf dem Arbeitsmarkt. Für Volkswirtschaften als ganzes gilt das nicht. Die Jugendarbeitslosigkeit steigt zwar stärker, wenn die Arbeitslosigkeit Älterer steigt, aber sie sinkt auch wieder stärker, wenn die Älterer sinkt.

Nun der Economist sagt aber gar nicht, dass es die Jugendarbeitslosigkeit ist, die sich verfestigen kann. Vielmehr kann es passieren, dass die Millionen der „Einzelschicksale“, die in ihrer Jugend keine Arbeit gefunden haben, ihre Eignung zum Arbeitsleben, bzw. ihre „Arbeitsmarktfähigkeit“ verlieren oder erst gar nicht erwerben, so dass die natürliche bzw. strukturelle Arbeitslosigkeit, auch NAIRU genannt, signifikant höher wird, und das für lange Zeit (solange die betroffenen Jahrgänge im arbeitsfähigen Alter sind). Dieses Phänomen nennt man Hysterese und es ist sehr wohl volkswirtschaftlich relevant. Genau deswegen ist es höchst gefährlich eine Volkswirtschaft derartigen Rosskur zu unterziehen, wie sie jetzt im Süden Europas zu beobachten ist, denn die Folge kann eine erheblich höhere Arbeitslosigkeit und entsprechend niederigeres Volkswirtschaftspotential für die kommenden Jahrzehnte sein.

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3 Antworten zu “Jugendarbeitslosigkeit in Europa – Daten wieder glattgebürstet

  1. Du hast den „Wirtschaftswurmquotienten“ solange umgeformt, bis man seinen Sinn nicht mehr erkennen kann. Schön, aber das beweist nicht, dass er tatsächlich sinnlos ist.
    Aber klar, der Quotient der Erwerbstätigenquoten (darf ich ihn Alex-Quotient nennen? 😉 ) ist natürlich auch interessant. Aber auch der Alex-Quotient ist bei vier von acht Ländern ziemlich stabil. Und eine konjunkturelle Abhängigkeit kann man nur in Spanien erkennen. Ansonsten bräuchte man wohl einfach mehr Daten.
    Was du über die Hysterese schreibst, ist wohl prinzipiell richtig. Ob aber wirklich der Effekt groß ist? Kommt es z.B. in Griechenland irgendwann mal zu einem Aufschwung, wird der Wirtschaft ja gar nichts anderes übrig bleiben, als die Jugendlichen nachzuqualifizieren.

    • „Du hast den “Wirtschaftswurmquotienten” solange umgeformt, bis man seinen Sinn nicht mehr erkennen kann. Schön, aber das beweist nicht, dass er tatsächlich sinnlos ist.“

      Nun, ich habe gehofft das gerade durch die Umformung beweisen zu können 🙂 Aber im Ernst – ich kann es nur wiederholen – da dieser Quotient nicht nur vom Verhältnis der Arbeitslosenzahlen sondern auch vom umgekehrten Verhältnis der Beschäftigtenzahlen sabhängt agt der Quotient m.E nichts aus – die stark unterscheidlichen Beschäftigtenquoten der Jugendlichen „uberstrahlen“ einfach die restlichen Komponenten.

      „Aber klar, der Quotient der Erwerbstätigenquoten (darf ich ihn Alex-Quotient nennen? 😉 ) ist natürlich auch interessant. Aber auch der Alex-Quotient ist bei vier von acht Ländern ziemlich stabil. Und eine konjunkturelle Abhängigkeit kann man nur in Spanien erkennen. “

      Also ich sehe die konjunkturelle Abhängigkeit auch in Griechenland (Abfall 0,40->0,23), Portugal (Abfall 0,49->0,34), Italien (Abfall 0,42->0,32). In Frankreich und Belgien gab es übrigens auch eine kleinen Abfall, aber den erkenn man auf dem Diagramm schlechter – dort war aber auch die Wirtschaft 2007-2012 nicht so stark eingebrochen.
      Und Alex-Quotienten darf man ihn natürlich gerne nennen. 🙂

      Was du über die Hysterese schreibst, ist wohl prinzipiell richtig. Ob aber wirklich der Effekt groß ist?

      Letztes Mal, nach dem Ölschocks der siebziger ist die NAIRU nach schätzungen in Europa von ca. 3% auf ca. 10% angestiegen (je nach Land). Das ist, denke ich, schon relevant.

  2. „Also ich sehe die konjunkturelle Abhängigkeit auch in Griechenland (Abfall 0,40->0,23), Portugal (Abfall 0,49->0,34), Italien (Abfall 0,42->0,32).“ – Das sieht mir erst einmal nur wie ein fallender Trend aus, nicht aber wie zyklische Schwankungen. Aber mehr kann man wohl wirklich nur bei mehr Daten sagen.

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