Die Speiseeis-Inflation

Diese Woche gab es auf Welt Online einen Beitrag über die Eis-Inflation, also die Verteuerung einer Kugel Eis in den letzten Jahrzehnten. Ganze 684% betrug laut dem Artikel die Inflation in den Eisdielen der Republik zwischen 1985 und heute, eine unvorstellbar große Zahl, insbesondere wenn man sie mit der 60%-Teuerung vergleicht, die das Bundesamt für Statistik für den gleichen Zeitraum ausweist.
Die Rechnung sieht allerdings ganz anders aus, wie ich nachfolgend zeigen werde, wenn man nicht nur das handwerklich hergestelltene Eis, das in Eisdielen und Eiscafes verkauft, sondern auch das Markeneis berücksichtigt, das in Supermarkten aber auch von Kiosken und Tankstellen angeboten wird. Immerhin beträgt der Verbrauch von Markeneis ganze 80% des Gesamtverbrauchs. Abgesehen von dem Softeis, das sich in Deutschland nicht wirklich durchgesetzt hat (3% Marktanteil in 2012), decken diese beiden Kategorien den gesamten deutschen Speiseeismarkt ab.

Es ist schwierig für einen Freizeitblogger wie mich an genaue Daten aus dem Jahr 1985 ranzukommen, es gibt jedoch glücklicherweise im Internet diesen Zeit-Artikel, aus dem hervorgeht, dass 1985 in (West-)Deutschland) insgesamt 417 Mio. Liter Speiseeis gegessen und dafür ca. 3 Mrd. DM bezahlt worden sind. Für das Jahr 2012 bedienen wir uns bei der Statistik vom Bundesverband der Deutschen Süßwarenindustrie (BDSI) – hier und hier. Daraus lernt man, dass 2012 insgesamt 506 Mio. Liter Markeneis im Wert von 2,03 Mrd Euro sowie 107 Mio. Liter handwerklich hergestelltes Eis verkauft worden sind. Wenn wir den Preis einer Kugel des handwerklich hergestellten Eis mit 1 EUR einsetzen (1 Kugel entspricht ca. 70 ml), ergibt es einen Gesamtumsatz von 3,56 Mrd Euro. Der durchschnittliche Literpreis stieg also von 7,2 DM (ca. 3,7 EUR) in 1985 auf 5,8 EUR – eine Steigerung von 57%.

Noch interessanter wird es, wenn man die Preissteigerungsraten für das Markeneis und das handwerklich hergestellte Eis getrennt betrachtet. Hier (Seite 5) habe ich gefunden, dass im Jahre 1987 der pro Kopf-Verbrauch von Markeneis 5,7 Liter betrug bei einem Gesamtverbrauch von 7,2 Liter. Nehmen wir jetzt an, dass die Anteile sich zwischen 1985 und 1987 nicht signifikant verändert haben, eine vernünftige Annahme m.E, dann betrug der Absatz vom Markeneis in 1985 329 Mio. Liter und vom handwerklich hergestellten Eis 88 Mio. Liter. Wenn wir jetzt von dem im Artikel behaupteten Preis für eine Kugel Eis von 30 Pfennig in 1985 ausgehen, dann betrug die Preissteigerung für das handwerklich hergestellte Eis zwischen 1985 und 2012 satte 566%. Für das Markeneis ergibt sich ein Preis von 8 DM (4,1 EUR) in 1985. In 2012 betrug der Literpreis Markeneis 4,0 EUR, wir stellen also eine leichte Deflation von 2% fest. Das ist schon mal ein wirklich überraschendes Ergebnis, und der Grund ist meiner Meinung nach, dass der Eiskugelpreis in 1985 doch höher als 30 Pfennig lag, anders als der Welt-Artikel behauptet. Es ist wohl doch nicht so, dass die Leute sich genau an die Preise ihrer Kindheit erinnern können und beim Stöbern im Internet bin ich dementsprechend auf ziemlich weit auseinanderliegende Angaben für die achtziger Jahre gestoßen – alles zwischen 20 und 60 Pfennig. Daher sollte sich der Autor des Artikels eigentlich an das das Bundesamt für Statistik wenden, wo solche Daten bestimmt vorhanden sind (aber leider nicht im Internet veröffentlicht werden), immerhin werden dort jeden Monat 350.000 Einzelpreise erfasst. Recherche wird allerdings in den Medien heutzutage nicht wirklich großgeschrieben, kostet nun mal Zeit und Geld und bringt nicht wirklich was. Da ist eine reißerische Schlagzeile – DIE KUGEL EIS KOSTET HEUTE 684 PROZENT MEHR ALS 1985 – wohl lieber.

Da wir aber nichts besseres haben, bleiben wir doch bei unseren Zahlen und rechnen jetzt eine „Speiseeis-Inflation“, basierend auf dem Speiseeis-Warenkorb von 2012 (506 Mio. Liter Markeneis, 107 Mio. Liter handwerklich hergestelltes Eis), aus, wie das richtige Statistiker tun. In den Preisen von 1985 kostet dieser Warenkorb ca. 2.30 Mrd EUR, während es heute (siehe oben) mit 3,56 Mrd EUR zu Buche schlägt – eine Inflation von ca. 55%.

Welchen Wert man jetzt als die „wahre“ Inflation nimmt, bleibt natürlich jedem selbst überlassen, ich persönlich schlage vor, diese Frage (wieder) den Profis vom statistischen Bundesamt zu überlassen und bei 60% zu bleiben.

Bleibt noch die spannende Frage, warum die Preise in Eisdielen um so viel schneller steigen als in der Industrie. Die genaue Antwort kann ich natürlich nicht liefern, aber einen Anhaltspunkt bietet das Balassa–Samuelson-Effekt, das, vereinfacht formuliert, besagt, dass die Preise für die Dienstleistungen (und Eisdieleneis ist vor allem eine Dienstleistung) normalerweise schneller steigen als Industriepreise. Das hat damit zu tun, dass die Dienstleistungsproduktivität im Laufe der Zeit weit weniger steigt als die Industrieproduktivität, während die Faktorkosten (Löhne, Mieten etc.) für beide Sektoren notwendigerweise gleich hoch sind. Im Speiseeis-Fall scheint die Produktivität der Eisdielen sogar spürbar gesunken zu sein – 170 Mio. Liter Produktion in 1985 nur für Westdeutschland versus 107 Mio. Liter in 2012 für Gesamtdeutschland bei vermutlich zumindest nicht fallender Beschäftigung.

Anmerkung:

In einer älteren Version dieses Artikels habe ich die Angaben zum Markeneisverbrauch in 1985 noch dieser Grafik entnommen. Genaugenommen werden dor aber Produktions- und nicht Verbrauchszahlen angegeben und Wirtschaftswurm hat mich in seinem Kommentar zurecht darauf hingewiesen, dass die Produktionszahlen in die Irre führen können, weil das Eis auch importiert und exportiert wird, wofür ich mich bedanke 🙂

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12 Antworten zu “Die Speiseeis-Inflation

  1. Die Produktionszahlen können aber sehr in die irre führen, wenn Speiseeis exportiert und importiert wird.

  2. Da haben Sie recht, leider hatte ich auf Anhieb nichts besseres gefunden. Jetzt aber hier (http://www.wissensforum-backwaren.de/files/98_bmi-aktuell_03.pdf) doch gefunden, dass 1987 der Marktanteil von Markeneis schon bei ca. 80% lag, 1964 war es nämlich noch ca. 60% (kann die Quelle nicht mehr finden, aber das stand in einem alten Spiegelartikel).

    Werde also demnächst den Artikel mit neuen Zahlen aktualisieren – danke 🙂

  3. PotzBlitzDonner

    Vielleicht könnte die Größe der Eiskugeln auch noch einen entscheidenden Faktor liefern. Ich als Beispiel meine mich erinnern zu können das die Kugeln früher kleiner waren.

  4. Spannender Beitrag! Eigentlich müsste doch das Statistische Bundesamt detaillierte historische Daten zur Entwicklung der Speiseeis-Preise haben? Man müsste sich vermutlich durch die langen Reihen wühlen, auf die am Ende dieser Seite verwiesen wir: https://www.destatis.de/DE/PresseService/Presse/Pressemitteilungen/2013/01/PD13_018_611.html;jsessionid=783066C4D9DA863B00FBA1491E5BD9F1.cae4

    • Tja, leider nicht. Auf die Idee bin ich auch schon gekommen, aber die Langen Reihen enthalten nur Angaben zu gröberen Kategorien, Markeneis versteckt sich z.B unter „Zucker, Marmelade, Honig und andere Süßwaren“ und Eisdieleneis unter „Beherbergungs- und Gaststättendienstleistungen“.
      Noch weiter runtergebrochen wird leider nicht (zumindest online).

  5. Mit betrachtet werden müsste aber neben der finanziellen Inflation auch die materielle Deflation der Ware. Ich nehme zumindest an, dass bei der Vanilleeis-Produktion teure und hochwertige Zutaten in dem Zeitraum durch günstigere ersetzt wurden. Beispielsweise Vanille durch syntethisches Vanillin. Außerdem wird heute „Marken“-Eis mit Luft „gestreckt“. Das macht es nicht nur cremiger sondern natürlich auch mehr Volumen auf das gleiche Gewicht. Anders ausgedrückt: Wenn der Warenwert gesunken ist, ist das ja auch eine indirekte Inflation. Da dürfte es allerdings noch schwerer sein, an verlässliches Material zu kommen.

    Generell: Guter Punkt. Klassische Medien tun eben genau das viel zu selten, was du getan hast. Nämlich fundiert recherchieren.

  6. Mit betrachtet werden müsste aber neben der finanziellen Inflation auch die materielle Deflation der Ware. Ich nehme zumindest an, dass bei der Vanilleeis-Produktion teure und hochwertige Zutaten in dem Zeitraum durch günstigere ersetzt wurden. Beispielsweise Vanille durch syntethisches Vanillin. Außerdem wird heute „Marken“-Eis mit Luft „gestreckt“. Das macht es nicht nur cremiger sondern natürlich auch mehr Volumen auf das gleiche Gewicht. Anders ausgedrückt: Wenn der Warenwert gesunken ist, ist das ja auch eine indirekte Inflation. Da dürfte es allerdings noch schwerer sein, an verlässliches Material zu kommen.

  7. Pingback: Die Speiseeis-Inflation – ein Nachtrag | Saldenmechanik

  8. Dann will ich doch auch mal meinen Senf zu diesem wichtigen Sommerloch-Wirtschaftsthema abgeben 😉
    Also, ich kann mich tatsächlich an einige Preise aus früherer Zeit erinnern:
    – an einen Preis pro Kugel von 20 Pf, das war ca. 1972/1973 in einer Frankfurter Eisdiele.
    – an einen Preis von 30 Pf pro Kugel 1985 in einer Eisdiele in Darmstadt, wo wir ab und an auf dem Heimweg von der Uni Halt gemacht haben. Dieser Preis war für die damalige Zeit sehr günstig (40 Pf die Regel); das Eis trotzdem gut. Ein Jahr später kostete das Eis dann übrigens schon 35 Pf.
    – Die Kugeln waren früher definitiv deutlich kleiner. Die große Kugeln kamen nach meiner Erinnerung Anfang der 90er Jahr in Mode, und kosteten dann schon 1 DM. Wieviel größer sie heute sind, kann ich schwer einschätzen, ich würde mal sagen, dass die heutigen großen Kugeln 50% mehr Masse haben wie früher die kleinen.
    – jantheofel hat Recht, das Industrie-Eis ist heute viel leichter bei gleichem Volumen. Man merkt es schon, wenn man es aus dem Gefrierschrank holt. Früher konnte man es bei -21 Grad kaum Portionieren und musste es erst antauen lassen. Heute läßt es sich direkt aus dem Gerfrierschrank (der hat trotz Inflation immer noch -21 Grad) ganz leicht mit dem Löffel portionieren
    – Ob die Zutaten minderwertiger geworden sind, würde ich so nicht einfach unterschreiben. Tatsächlich sind so manche Zutaten wohl kaum oder nur unterproportional teurer geworden, z.B. Milch.

    Alles in allem denke ich, dass der von der SZ angegebene Wert überhöht ist – sowohl für Eis aus der Eisdiele, ganz besonder aber für industriell hergestelltes. D.h. die kleine Kugel aus der Eisdiele von 1985 würde bei 684% Inflation heute 1,20 € kosten, die geschätzt 50% größere müßte also 1,80 € kosten.

    Aber wenn man das Sommerloch in der Zeitung füllen muss, rechnet man angesichts dürftiger Zeilenhonorare dann halt einfach á la Milchmädchen. Das Ergebnis klingt dann ja auch viel spektakulärer. 😉

  9. Pingback: Speiseeis-Inflation – das letzte Mal | Saldenmechanik

  10. Haben Sie alle auch mal daran gedacht, das man in den 80ern noch vom Dorf in die Stadt fahren musste um sich ein handwerkliches Eis zu kaufen, bzw. Von der Vorstadt in die Innenstadt? Heute gibt es fast überall Supermärkte die Industrieeis verkaufen, das gab es früher nicht.
    Des weiteren hat die Industrie ganz andere Möglichkeiten Ihr Eis aufzupumpen und hat Zugriff auf Zutaten und Maschinen von denen ein Eiscafe nur träumen kann. Von den immer steigenden Nebenkosten wie bsw. Strom fange ich jetzt gar nicht erst an zu reden und auch nicht von den Anbietern der Eispasten aus Italien. Ich habe es noch nicht erlebt, dass etwas günstiger wurde sondern jedes Jahr etwas teurer. Daher schlage ich vor, dass Sie sich alle ein Eiscafe zulegen und am eigenen Leib erfahren was das für ein Knochenjob ist. Freie Wochenenden und Grillabende bei Freunden sollten Sie dann aber vergessen und ebenso Ihren schönen Sommerurlaub!

  11. mach ein eiscafe auf und erlebe den begriff sklave am eigenen leib armer deutscher konsument

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