Werden die Sparer durch die EZB enteignet?

Wer heutzutage im Google die Worte EZB und Sparer eingibt, erntet fast ausschließlich Treffer, die sich mit einem einzigen Thema beschäftigen, der angeblich gerade stattfindenden „Enteignung“ der (deutschen) Sparer durch die EZB – siehe z.B hier. Die anhaltende Niedrigzinspolitik der EZB, sagen die Autoren unisono, manipuliere die Zinsen für die Sparanlagen nach unten, und bringe so den ehrlichen Sparer um den ihm zustehenden Verdienst. Profitieren davon tun wahlweise, je nach Autor, der deutsche Staat, Banken oder die faulen Südeuropäer (oder alle zusammen).

Implizit wird also vorausgesetzt, dass es so etwas wie einen gerechten, oder besser gesagt, marktgerechten, Zins gibt, den die Sparer auf ihre Ersparnisse bekommen würden, wenn die EZB den Markt nicht manipulieren würde, was sie im Moment aktiv täte. Um den Verdacht der Manipulation aber zu bestätigen oder zu widerlegen, muss man logischerweise erst einmal objektiv feststellen, wie hoch denn dieser marktgerechte Zins eigentlich wäre. Denn es könnte ja sein, dass die heute erzielbaren negativen Realzinsen tatsächlich dem marktgerechten Zins entsprechen, und die EZB von daher unschuldig im Sinne der Anklage ist.

Und in der Tat gibt es in der modernen VWL einen Begriff, der unserem marktgerechten Zins sehr nah kommt, ich spreche von dem sogenannten natürlichen Zins. Der Begriff wurde ursprünglich vom schwedischen Ökonomen Knut Wicksell in seinem Buch „Geldzins und Güterpreis“ eingeführt. In diesem mittlerweile als klassisch geltenden Werk stellte Wicksell damals (Das Buch ist im Jahre 1898 erschienen) als erster einen Zusammenhang zwischen der Zinshöhe und dem Preisniveau her und legte damit die Grundlagen für die moderne Geldpolitik. Wicksell definiert den natürlichen Zins als „jene Rate des Darlehenszinses, bei welcher dieser sich gegenüber den Güterpreisen durchaus neutral verhält, sie weder zu erhöhen noch zu senken die Tendenz hat“. Der natürliche Zins ist also der Geldmarktzins der mit einem konstanten Preisniveau kompatibel ist. Fällt der Geldmarktzins darunter, beginnen die Preise laut Wicksell zu fallen, steigt es darüber – erhöhen sie sich.

Die moderne VWL hat das Konzept von Wicksell geerbt, definiert es aber ein wenig anders und zwar als die Höhe des Zinses, die mit Vollbeschäftigung und stabiler Inflation kompatibel ist. Die Höhe des natürlichen Zinses wird der Theorie nach durch die strukturellen Eigenschaften der Volkswirtschaft bestimmt und kann nicht durch die Geldpolitik beeinflusst werden. Über den natürlichen Zins hat die EZB also, anders als über den (kurzfristigen) Geldmarktzins, keine Macht. Wenn nun der Geldmarktzins, wie die EZB-Ankläger suggerieren, aktuell unter dem marktgerechten bzw. natürlichen Zins liegt, sollten wir jetzt im Eurogebiet einen ökonomischen Boom mit einer hohen Beschäftigung und steigenden Inflationsraten beobachten, also das genaue Gegenteil der aktuellen Situation.

Die Indizienlage spricht also dafür, die EZB von dem Vorwurf der Zinsmanipulation zu entlasten, vielmehr sieht es so aus als ob die Sparer immer noch mehr bekommen als ihnen in der aktuellen wirtschaftlichen Situation eigentlich zustehen würde, auch wenn es für sie sicherlich kein Trost ist.

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