Zentralbanken und negatives Eigenkapital

Paul Krugman hat in einem seiner letzten Blog-Artikel eine neue Erklärung für die aus seiner Sicht zu wenig expansionäre Geldpolitik der EZB gefunden. Und diese lautet wie folgt: weil die EZB, anders als die FED, keine zentrale Regierung im Rücken hat, die ihre Verluste im Ernstfall decken und sie vor der Pleite schützen würde, ist sie gezwungen weit vorsichtiger zu agieren und kann deswegen z.B. keine QE-Programme im gleichen Umfang auflegen, wie die FED es in der Vergangenheit tat und immer noch tut. Zitat Krugman:

the ECB is constrained, in a way the Fed isn’t, by the lack of a fiscal backstop. The Fed actually has a formal agreement that the Treasury department will make good any losses it incurs from unconventional monetary policy. The ECB doesn’t have any such agreement, in part because there’s nobody with whom to make that deal

Nun, es ist schon erstaunlich, dass selbst Ökonomie-Nobelpreisträger offensichtlich nicht in der Lage sind das Funktionieren einer Zentralbank zu begreifen. Wie ich in diesem Artikel schon einmal erklärt habe, kann eine Zentralbank nicht insolvent werden, schlicht und einfach, weil das Insolvenzkonzept auf eine Zentralbank nicht anwendbar ist. Es gibt also keinen Ernstfall, für den eine Zentralregierung im Rücken nötig wäre. Eine Zentralbank kann durchaus in eine Situation kommen, wo ihre Verbindlichkeiten (Zentralbankgeld) ihre Forderungen übersteigen, oder anders formuliert wo sie negatives Eigenkapital aufweist – eine solche Situation beeinträchtigt jedoch, anders als bei normalen Geschäftsbanken, in keinster Weise ihre Funktionsfähigkeit. In der Tat ist negatives Eigenkapital für Zentralbanken nicht so außergewöhnlich wie man vielleicht denken könnte. Speziell für die Zentralbanken der kleineren Länder, die große Fremdwährungsreserven unterhalten, besteht immer die Möglichkeit eines Wertverlusts dieser Reserven durch eine Währungsaufwertung. Die schweizerische Zentralbank z.B. ist auf diese Weise in den siebziger Jahren zwei Mal „pleite gegangen“, nach dem Ende von Bretton Woods und noch einmal 1978, ohne freilich, dass jemand es bemerkt hat (man hat es damals auch mit Buchungstricks verschleiert).
Aber heißt es, dass der es überhaupt kein Problem für eine Zentralbank ist, negatives Eigenkapital zu haben? Das ist allerdings eine wirklich interessante Frage. Generell kann ein negatives Eigenkapital für eine Zentralbank aus folgenden zwei Gründen problematisch werden:

  1. Diejenigen, die was davon verstehen wissen zwar, dass ein negatives Eigenkapital kein Problem ist, sie sind aber eine verschwindend kleine Minderheit. Der große Rest aber kann durchaus aus diesem rein technischen Problem den Schluss ziehen, dass die Zentralbank „pleite“ ist und die von ihr ausgegebene Währung demzufolge „nichts mehr wert“ ist, insbesondere wenn die Boulevardmedien nachhelfen – ich sehe schon vor mir die Bild-Schlagzeile EZB PLEITE! MUSS MAN JETZT EUROS ABSTOSSEN). Folge – steigende Inflation bis hin im Extremfall zu Hyperinflation. Daher muß eine Zentralbank mit einem negativen Eigenkapital viel Vertrauen seitens der Bevölkerung besitzen und ihre Öffentlichkeitsarbeit besonders sorgfältig gestalten. Hier sehe ich bei der EZB insbesondere in Deutschland durchaus Defizite, wenngleich nicht unbedingt durch die EZB selbst verschuldet, deutsche Politik und deutsche Medien oberhalb des Boulevardniveaus haben da auch einen Anteil. Gegebenenfalls werden Bilanztricks nötig, wie die SNB in eine solchen Situation (siehe oben) anwendete.
  2. Das Werkzeug einer Zentralbank, mit dem sie ihre Geldpolitik normalerweise implementiert, ist die Haben-Seite ihrer Bilanz. Möchte eine Zentralbank z.B. den Geldmarktzins nach oben treiben, kann sie es nur tun, indem sie einige ihrer Forderungen verkauft und damit die Zentralbankgeldmenge verringert. Hat sie aber nicht genügend Assets, ist ihre Handlungsfähigkeit in dieser Hinsicht eingeschränkt. Das allerdings ist ein eher theoretisches als praktisches Problem, denn sollte ein solcher Fall tatsächlich eintreten, kann eine Zentralbank einen anderen Instrument einsetzten um die überschüssige Zentralbankgeldmenge zu sterilisieren, nämlich dem Mindestreservesatz.

Von den beiden Problemen ist das Erste eindeutig das Schwerwiegendere – Geld lebt nun mal vom Vertrauen. Beide Probleme sind aber durchaus lösbar, es gibt also keinen Grund sich vor einer „Pleite“ der EZB zu fürchten.

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Eine Antwort zu “Zentralbanken und negatives Eigenkapital

  1. Pingback: Die SNB – Angst vor der Pleite? | Saldenmechanik

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